| Provinztragödie antiken Ausmaßes |
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Welt-Uraufführung von Fausto Paravidinos "Die Krankheit der Familie M." in den Darmstädter Kammerspielen |
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Sollte man zur Mitte des Stückes raten, welche der Figuren am Ende sterben wird, so würden sich die meisten wohl für eine der beiden Schwestern entscheiden, die zweifellos den Mittelpunkt der Handlung darstellen und die beide ähnlich verzweifelt sind: die eine, weil sie sich durch ihre Beziehungen zu Männern selbst das Chaos schafft, die andere, weil sie in Frustration und selbstgewählter Lebensstrenge langsam erstarrt. Dass der Tod dann doch an anderer Stelle zuschlägt, macht die Überraschung dieses Theaterstücks des jungen italienischen Autors aus, die dann jedoch im Nachhinein eigentlich keine ist. Bahnt sich doch dieser Tod zwischen den Zeilen und durch symbolhafte Elemente der Handlung schon lange vorher an.
Die Familie M. lebt in einem Nest der italienischen Provinz - es könnte jedoch auch jedes beliebige andere Land sein. Die Mutter hat sich vor einiger Zeit offensichtlich das Leben genommen, aber niemand spricht gerne über die wahren Hintergründe. Die älteste Tochter Martha lenkt den Haushalt und den bereits leicht senilen und inkontinenten Vater, der verzweifelt versucht, so etwas wie Autorität auszustrahlen, den aber niemand mehr ernst nimmt. Die jüngere Tochter Maria ist unglücklich mit Fulvio liiert, der sich wenig um sie kümmert und mehr Zeit mit seinem Kumpel Fabricio verbringt. Sohn Gianni schließlich, das Nesthäkchen, schläft den halben Tag, hängt herum und nervt alle mit seinem sprunghaften und pseudo-logischen Gerede. In diesem Biotop geschieht nicht viel - wie auch in einem solchen Provinznest nicht anders zu erwarten. Das eigentliche Drama spielt sich in den Personen und ihren (Nicht-)Beziehungen untereinander ab. Und über diese Beziehungslosigkeit wird auch grundsätzlich nicht geredet. Sobald einer den Trott des unverbindlichen Smalltalks verlässt und eine Bemerkung macht, die den brüchigen Frieden zu gefährden droht, reagieren die anderen mit "Besitzstand wahrender" Aggressivität, will sagen: sie gebieten dem Ausreißer mehr oder minder, sich um seine eigenen Angelegenheiten zu kümmern. Das gilt sowohl für Maria, die sich nicht gerne an ihre diversen Abtreibungen erinnern lässt und ihre unbefriedigende Beziehung zu Fulvio nach außen schön redet, als auch für Martha, die ungefragt die Mutterrolle übernommen hat und sich in ihrer pflichtbesessenen Geschäftigkeit gegen jegliche Frustrationsunterstellung lautstark verwahrt. Auch der aufkommende Vorwurf Giannis, der Vater habe die Mutter in den Tod getrieben, wird sofort unterdrückt, wie überhaupt alle provozierenden Äußerungen des jüngeren Bruders, der damit eigentlich nur nach einem Punkt der Verbindlichkeit in der Familie sucht, als nervend abgebügelt werden. Langsam aber sicher steigt der Druck im emotionalen Kessel dieser Familie, und ein kleiner Anlass genügt, um diesen Kessel explodieren zu lassen. Dieser Anlass tritt ein, als Fulvios Kumpel Fabricio Maria etwas ungeschickt seine Liebe erklärt und nach anfänglichem Widerstreben bei ihr Erfolg hat. Es folgt eine groteske Szene, bei der - wie in einer Boulevard-Komödie - beide Verehrer gleichzeitig mit Blumen bewaffnet als "Fulvio" zum Abendessen antreten und einen veritablen Familienkrach auslösen.
Soweit die Handlung, die dann noch zu einem tragischen Ende führt, das wir hier jedoch im Detail nicht verraten wollen. Paravidino fasst sie in einen erzählerischen Rahmen in Gestalt eines Arztes ein, der wie ein externer Beobachter über den "Fall" der Familie M. berichtet. Zwischen den einzelnen Szenen erscheint er an der Bühnenrampe und erläutert dem Publikum Hintergründe und psychische Strukturen der Familie. Nebenbei gibt er einen kurzen Abriss über die eigentliche Tätigkeit eines Arztes, die im Zuhören bestehe. Da die Familien eben diese Kunst verlernt haben und die einzelnen Familienmitglieder sich gegeneinander abkapseln und nur noch über Belanglosigkeiten miteinander kommunizieren, entsteht bei allen Beteiligten ein stetig wachsender Mittelungsdrang, den sie nur noch beim Arzt befriedigen können. Typischerweise verdrängen sie jedoch selbst dort ihre Probleme und projizieren sie sogar in den Arzt hinein, aus Angst, unangenehme Wahrheiten über sich zu erfahren und ihr Leben radikal umstellen zu müssen. Besonders beeindruckend verläuft die Sitzung zwischen dem Arzt und Martha, die von ablehnendem Schweigen über offene Aggression und Verzweiflungsausbrüchen bis hin zu pseudo-erotischen Ausfällen alle Stadien einer destabilisierten Psyche durchläuft. Vor allem in dieser Sitzung erkennt der Arzt, dass er nicht neutraler Beobachter, sondern selbst - gegen seinen Willen - in die Probleme der Familie M. involviert ist. Die Quintessenz aus dieser Erkenntnis lautet, dass es keine gesicherte Position außerhalb der Gesellschaft gibt, sondern dass jeder, so auch der Autor und die Darsteller dieses Stücks, in den Handlungskontext ihrer Umwelt eingebunden ist. So wie der fiktive Arzt dieses Theaterstücks die Handlungen seiner Patienten beeinflusst und wechselwirkend von diesen beeinflusst wird, stehen auch gesellschaftliche Institutionen wie das Theater und die Literatur in enger Wechselwirkung mit der Gesellschaft. Doch das nur nebenbei, sozusagen als Nebenprodukt der Inszenierung. Die bereits erwähnte symbolische Ankündigung erfolgt in Gestalt von Goethes "Erlkönig", den Martha an einem entscheidenden Punkt des Stückes aus scheinbar belanglosem Anlass vorträgt. Doch die Konstellation der Personen auf der Bühne und die Beleuchtung lassen diesen Augenblick zum eigentlichen Kernstück des Stücks werden, was sich jedoch erst im Nachhinein schlüssig ergibt. Dabei dürfte die Bedeutung dieses (deutschesten aller?) deutschen Gedichtes im italienischen Umfeld sicher schärfer hervortreten, da es dort sozusagen aus dem Rahmen fällt, während es im hiesigen Kontext aufgrund der engen Assoziationen zum Schulkanon eine eher beiläufige Rezeption erfährt. Dieses Gedicht weckt halt beim deutschen Bildungsbürger einen ganzen Strauß von Assoziationen, die nicht unbedingt alle in die Richtung der Intentionen des Autors zielen.
Paravidinos Stück tut sich aufgrund seiner kargen Sperrigkeit anfangs etwas schwer. Die Kommunikationsarmut der Figuren schlägt sich in einem fast skelettartigen Handlungsgerüst nieder, das nur die nötigsten Impulse für den Gang der Ereignisse gibt. Spannung oder Tempo sind bis zur Mitte Mangelware, erst dann setzt mit dem Zusammentreffen der beiden Verehrer eine offene Konfliktsituation ein, die wiederum das Tempo beschleunigt. Bei einer auf die fehlende Kommunikation gerichteten Anlage ergibt sich automatisch das alte Problem, "Fadheit mit Fadheit" darzustellen. Zwar vermeidet Paravidinos die Fadheit als Darstellungsmittel ihrer selbst dadurch, dass er jeder Situation eine wenn auch noch so ambivalente Komik beimischt, doch das Grundproblem löst er damit nicht. Erst durch eine äußere Konfliktsituation kann er so etwas wie Spannung aufkommen lassen. Bis dahin behilft er sich mit psychologischen Studien der einzelnen Familienmitglieder, die den Darstellern jedoch die Möglichkeit geben, ihre schauspielerischen Qualitäten auszuspielen. Eine Szene zwischen Fulvio und Fabricio lässt dabei an verbaler und gestischer Deftigkeit nichts zu wünschen übrig, so dass ein halbes Dutzend Besucher aufgrund der sexuellen Zeichensprache das Theater verließen. Das war es dann aber auch schon, was Provokation des Publikums betrifft, und war von "Frankfurter Verhältnissen" weit entfernt. Außerdem hatte man die Rezensenten wohlweislich in die hinteren Reihen gesetzt.... Regisseur Jens Poth und Bühnenbildnerin Svea Kossack haben die Bühne um einen alten Unterklasse-FIAT angereichert, in dem Fulvio und Fabricio sowohl ihre Exkursionen unternehmen als auch ihre Kämpfe austragen. Die Fahrt illustriert - wie im Kino - ein Videoschirm mit Straßenausblick aus dem Heckfenster. Ein Komparse sorgt sehr plastisch für die Wagenbewegungen. Eine rollbare Tür kennzeichnet mal den Eingang zur Wohnung der Familie M. und mal den Eingang zur Arztpraxis, Tisch, Stühle und eine Sitzgruppe ergänzen das Mobiliar. Den Bühnenhintergrund nimmt ein Panoramabild einer trostlosen Landschaft mit zentral aus dem Bild führender Straße ein, wie man es wohl in jedem Land der Welt wiederfinden kann.
Das Ensemble geht diese Inszenierung mit viel Engagement und auf hohem Niveau an. Wieder einmal stehen die Frauenrollen im Vordergrund. Gabriele Drechsel spielt eine von ihrer Pflicht verhärtete und ob des entgangenen Lebensgenusses frustrierte Martha, wobei sie deren Verklemmtheiten und inneren Komplexe mit kleinsten Gesten überzeugend nachzeichnet und auch im emotionellen Ausbruch die Zerstörungen in der Psyche dieser Frau zum Ausdruck bringt. Britta Hübel spielt den emotionell impulsiven Gegenpart der Maria, die ihre Schwester als Mitglied der Familie liebt, sie aber gleichzeitig für ihre Selbstgerechtigkeit und für die Dankbarkeit hasst, die sie ihr für ihre Sorge eigentlich schuldet. Im ihren Beziehungen zu den beiden Männern zeigt sie Verletzlichkeit und die Einsamkeit dieser Figur, die nicht in der Lage ist, sich selbst aus ihrer unbefriedigenden Lage zu befreien und deshalb fast fatalistisch in eine ausweglose Situation gerät. Die Auseinandersetzungen zwischen den beiden Frauen mit ihren versteckten aber umso wirkungsvolleren Seitenhieben gehören zu den Höhepunkten der Inszenierung. Martin Maria Eschenbach als Gianni ergänzt dieses familiäre Duett zum Terzett und präsentiert sich überzeugend als ein seelisch vernachlässigter Jugendlicher, der seine Verwundungen durch schlaue Sprüche übertüncht, jedoch erkennen muss, dass die restliche Familie viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt ist, um sich ernsthaft um ihn zu kümmern. Eschenbach verleiht dieser Figur genau die richtige Mischung aus jugendlicher Großkotzigkeit und mühsam kaschierter Verzweiflung. Seine größte Szene kommt dann am Ende des Stücks, bei der er den schmalen Grat zwischen glaubwürdigem Entsetzen und vordergründiger Melodramatik mit schlafwandlerischer Sicherheit geht. Tino Lindenberg als Fulvio und Leander Lichti als Fabricio haben weniger Gelegenheit, ihre darstellerischen Mittel voll auszuspielen, stehen sie doch für die sprach- und inhaltslosen Jugendlichen einer verwahrlosten Welt. In ihrer eigenen Familie sind diese beiden sicher auch "Giannis", doch in dieser Inszenierung sind sie "nur" die Externen zur Familie M. und für den Fortgang der Handlung zuständig. Auch sie wirken in ihrer Hilf- und Sprachlosigkeit glaubwürdig und zu jeder Zeit präsent. Klaus Ziemann spielt den Vater M. mit einer Mischung aus beginnender Senilität und schwacher Erinnerung an einstige patriarchalische Autorität, die jedoch nur noch in seiner Phantasie existiert. Andreas Manz kann als beobachtender Arzt nicht mit großen Auftritten glänzen, zeigt dafür jedoch, dass er ausgezeichnet Gitarre spielen kann. Das Premierenpublikum zeigte sich von Stück und Inszenierung außerordentlich angetan und sparte nicht mit Beifall, der auch dem anwesenden Autor galt. Dem Ensemble sah man die Erleichterung über diese positive Aufnahme an, war das doch bei dem sperrigen Stück nicht selbstverständlich. Die nächsten Aufführungen finden am 1., 6. und 27. April statt. Frank Raudszus Alle Fotos © Barbara Aumüller |