Am Anfang war das Wort.....

Darmstädter "Barfestspiele" mit Martin Heckmanns' "Finnisch oder ich möchte dirch vielleicht berühren"

 

Die "Barfestspiele" des Staatstheaters Darmstadt haben sich binnen kurzem zu einem Geheimtipp entwickelt. So war auch die Premiere von Martin Heckmanns' Einpersonenstück nach den erfolgreichen "St. Nicholas" und "Salome" in wenigen Tagen ausverkauft. Wegen der regen Nachfrage hatte man das Stück gleich in das Foyer der Kammerspiele platziert, das doch wesentlich mehr Zuschauer beherbergen kann als die zwar atmosphärischere aber kleinere Bar. 

Die karge Bühne besteht lediglich aus einem Bett oder, besser gesagt, aus einem Holzpodest mit ein wenig Bettzeug. Hier träumt sich der Protagonist (Stefan Schuster), ein junger Mann, dem Aufwachen entgegen. Und mit den ersten klaren Gedanken beginnt er über seinen Plan nachzudenken, der so einfach wie verblüffend ist: er hat sich in die Postbotin verliebt und sich zwecks Kontakt selbst ein Paket geschickt. Nun erwartet er ungeduldig das Nahen der (Christel von der ) Post....

Wie bei jungen Menschen auf Partnersuche üblich, entspricht die oft selbstbewusste Pose in keiner Weise der inneren Befindlichkeit. Der hoffnungsvoll Verliebte denkt fieberhaft darüber nach, wie er den Dialog mit ihr eröffnen soll. Schließlich kann er nicht nur dankend das Paket entgegennahmen und "Auf Wiedersehen" sagen; selbst ihm ist klar, das diese Lieferung für die junge Frau in erster Linie ein Allerweltsfall ist. Soll er "Hallo" zu Ihr sagen, soll er über das Wetter reden, soll er versuchen, unauffällig "Hautkontakt" aufzunehmen? Soll er den Coolen oder eher den Zurückhaltenden spielen? Je näher der Zeitpunkt der Postlieferung rückt, desto unsicherer und zweiflerischer wird er. Eine anfangs angedachte Annäherungsvariante verwirft er, legt sich wieder aufs Bett und spielt den Moment des Erwachens und der Planung noch einmal, nun wieder mit einem anderen Ansatz. Der Text fließt in einem endlosen Monolog aus seinem Mund, eher eine Folge von Assoziationen und spontanen Eingebungen als ein planvolles Denken. Zunehmend artikuliert sich durch dieses nur mühsam durch eine zarte Selbstironie gebrochene Selbstgespräch eine tiefe Einsamkeit. Die erotische Verbindung erscheint aus der Perspektive als das Allheilmittel gegen eben diese Einsamkeit. Das weibliche Gegenüber erscheint schon jetzt, noch vor einer eventuellen Annäherung, als ein idealisiertes Bild der Frau als Erlöserin, und mit fortschreitender Zeit verfestigt sich beim Zuschauer der Eindruck, das dieser junge Mann auch eine für solche Kontakte prinzipiell offene Frau schnell vertreiben wird. Eine "self fullfilling prophecy" zeichnet sich ab, bei der die Angst vor dem falschen Vorgehen dieses geradezu provoziert. Und eben dies scheint der Protagonist zu ahnen, redet sich jedoch immer wieder tapfer das Gegenteil ein, getreu dem Motto, das Pfeifen im Walde die Räuber vertreibt. Als es schließlich an der Haustür klingelt, endet das Stück, so dass wir nie erfahren werden, ob es zu einer Liaison kommt........

Insofern gelingt es dem Autor recht gut, die Isolierung und mangelnde Integration vieler junger - und auch alter - Menschen in einer zunehmend medial statt zwischenmenschlich gesteuerten Welt zu demonstrieren. Gerade die um eine nicht existierende Mitte kreisenden Autosuggestionen sowie die fast panische Selbstaufmunterung und zur Schau getragene Zuversicht zeigen die Leere und die Unsicherheit des Protagonisten, dem es nicht gelingen will, eine normale Beziehung zu seiner Umwelt aufzubauen. Der Titel des Stückes stammt übrigens von einer - fiktiven (?) - Studie, bei der Kleinkinder zwecks Untersuchung des Kommunikationsverhaltens von jedem externen Kontakt abgeschottet wurden und doch eine Sprache entwickelten, die sich offensichtlich aus den ersten Lebenstagen rekrutierte, z. B. aus dem Hören finnischer Worte.

Die eindeutige Schwäche des Stückes besteht in der unzureichenden Strukturierung des Textes. Er bleibt im Mikroskopischen, in dem minimalen Motiv gefangen und variiert dies, ähnlich der "minimal music" eines Philipp Glass. Das hat zwar eine Weile seinen Reiz, ermüdet jedoch irgendwann und krankt schließlich an der fehlenden Pointe. Bei jeder Variante der Annäherungsversuche wünscht man sich eine Art Höhepunkt, bei dem - zumindest in der Phantasie des Protagonisten - ein konkretes Ergebnis eintritt. Doch der Autor bricht all diese Gedankengänge frühzeitig ab, um zum nächsten überzugehen. Außerdem kommt der Humor etwas zu kurz; selten ein Anlass, befreit über die menschliche Not zu lachen. Dass Humor auch bei den intimeren (allzu) menschlichen Problemen eine heilsame Kraft beinhaltet, ist fast schon ein Gemeinplatz, deswegen aber noch lange nicht falsch. Hier hätte man sich mehr gewünscht..

Stefan Schuster holt das Beste aus dieser Rolle heraus, übertreibt nicht mit existenziellen Ausbrüchen, obwohl auch diese kurz aufflackern, flicht, wenn möglich, ein wenig (zu wenig) Humor und Ironie ein und präsentiert den Zuschauern einen unruhigen jungen Mann, der wie ein lahmer "Panther hinter den Gitterstäben auf und ab geht und dessen Blick vom Vorübergehn der Stäbe schon müd geworden ist".

Frank Raudszus

Alle Fotos © Barbara Aumüller