Provinzler in Paris

Georges Feydeaus Komödie "Heiratskandidaten" in den Kammerspielen des Staatstheaters Darmstadt

 

Wie nicht nur Frankophile wissen, besteht das gesellschaftliche Frankreich im Grunde genommen nur aus Paris, der Rest ist - zumindest aus der Sicht der Pariser selbst - finsterste Provinz. Wenn eine Metropole einmal eine solche Stellung erreicht hat, schwenken auch die zu Einfaltspinseln degradierten Provinzler auf diese Linie ein, nur um irgendwann einmal in den Kreis der Erlauchten aufgenommen zu werden und den Stallgeruch von Landeiern loszuwerden. Natürlich findet man diese asymmetrische Beziehung zwischen Provinz und Großstadt in nahezu allen Ländern vor, doch in Frankreich hat sie sich dank einer zentralistischen Struktur und eines über Jahrhunderte währenden "Gottkönigtums" besonders prägnant entwickelt. Schon Molière hat sich über die Anbiederungsversuche des Bürgertums lustig gemacht, und Balzac nahm vor allem den Schiffbruch der Provinzler im intriganten Paris aufs Korn. Während er jedoch als Romancier mehr das Einzelschicksal in seiner unabänderlichen Tragik darstellt, wählt Georges Feydeau (1862-1921) die Groteske, um Eitelkeit und gesellschaftlichen Dünkel des Bürgertums im ausgehenden 19. Jahrhundert bloßzustellen. Während man bei Balzac weinen möchte, schießen bei Feydeau eher die Lachtränen aus den Augen, und das ist auch gut so! 

Maika Troscheit (Laure); Gerd K. Wölfle (Gévaudan); Leander Lichti (Alfred)  

In den "Heiratskandidaten" planen drei biedere Provinzler - die Brüder Gévaudan mit ihrer Schwester -, sich durch eine Einheirat in die höheren Pariser Kreise gesellschaftlich zu verbessern. Dank ihrer Naivität und unglücklicher Umstände verwechseln sie die Heiratsvermittlung mit dem Arbeitsamt, wo ein schmieriger Vermittler gerade drei Dienstboten für die bevorstehende Hochzeit des mondänen Arztes Saint-Galmier sucht. Dieser erscheint ausgerechnet im selben Moment mit Braut und Schwester, so dass die Konstellation perfekt zu passen scheint. Im Handumdrehen ist die Vermittlung perfekt, wobei jedoch die Provinzler sich selbst als Brautleute, die Arztfamilie sie aber als Dienstboten betrachtet. Dazwischen fegt noch die ordinäre Halbwelt-Dame Michette, ihres Zeichens Geliebte des Arztes mit Heiratsversprechen in der Tasche, durch die Amtsräume und droht - anfangs unwissentlich - die wahren Heiratspläne des Doktors zu zerstören. Als am nächsten Tag die Gévaudans in Festkleidung zum angesetzten Hochzeitsfest erscheinen, wundern sie sich über die herablassende Behandlung, führen dies jedoch auf Pariser "Usancen" zurück. Die andere Seite sieht sich durch die Dienstboten unerwartet vertraulich angesprochen und reagiert entsprechend distanziert, so dass von diesem Augenblick an dem Slapstick und den witzfördernden Missverständnissen Tür und Tor geöffnet sind. Wie in solchen Komödien üblich, wird das Missverständnis - entgegen der Realität des "echten" Lebens - möglichst lange aufrecht erhalten, und wenn nur aufgrund je eigener Interpretation des jeweils Gesagten. Als dann noch Michette wutentbrannt genau zum falschen - besser: zum richtigen - Zeitpunkt in die Gesellschaft platzt, kulminiert das Geschehen zur allgemeinen Hysterie und zum Chaos, in dem einer der anderen zwecks Erklärung der Umstände oder der erotischen Wertschätzung hinterherläuft oder entsetzt vor ihm flieht. Dank einer gleichzeitig aus einer Irrenanstalt ausgebrochenen dreiköpfigen Familie - bestehend aus zwei Männern und einer Frau - landen die Gévaudans in einer geschlossenen Anstalt mit der euphemistischen Bezeichnung "Sanatorium", wo sie sich heißen und kalten Bädern unterziehen müssen und dies immer noch auf die seltsamen Sitten in Paris zurückführen. 

Karin Klein (Michette);Andreas Manz (Séraphin)

Als dann jedoch das nahende Ende der Aufführungszeit eine komödiengerechte Auflösung fordert, wird bekannt, dass die Irren wieder eingefangen wurden, und alle Beteiligten erkennen ihre Missverständnisse. Wie in einer guten Komödie üblich, haben sich jedoch während der turbulenten Ereignisse neue Bündnisse und erotische Partnerschaften gebildet. Die resolute Michette führt laut Stimme aus dem "Off" jetzt - Jahre danach - zusammen mit dem nunmehr halbseiden gekleideten Arbeitsvermittler eine Agentur für Ein-Euro-Jobber, die etwas begriffsstutzige aber liebe Laure Gévaudan heiratet anstelle des Arztes dessen Assistenten, die beiden Brüder gehen zurück in die Provinz und bauen ihren Kräuterhandel aus, und Saint-Galmier hat einen spektakulären Konkurs seines Sanatoriums hingelegt und sich samt Freundin verflüchtigt.

Wie man der abschließenden Bestandsaufnahme entnehmen kann, hat Regisseur Peter Hailer das Stück vorsichtig in die Jetztzeit verlegt. Das beginnt mit dem Büro des Arbeitsvermittlers, das man allerdings nicht als Zitat der Zustände in der "Agentur für Arbeit" nehmen möchte. Nicht nur, dass Akten und Interieur vergammelt und chaotisch wirken, nein, Andreas Manz als Vermittler kommt als Archetypus des Unterschicht-Prolos daher: verwaschenes Unterhemd, ausgebeulte Trainingshose, Badelatschen und fettige Haare. Die textilfreien Pinup-Damen an der Wand interpretieren die Provinzler natürlich sofort als Beispiele aus dem Katalog der Heiratsvermittlung. Dagegen läuft Timo Lindenberg als Doktor Saint-Galmier im weißen Dandy-Kostüm mit dunklem Umhang herum - steht ihm gut! - und seine beiden Frauen - Gabriele Drechsel als Schwester Rachel und Britta Hübel als Verlobte Leonie - treten am liebsten im vornehmen Schwarz der besseren Gesellschaft auf, bis sich Rachel in einem Anfall von anlassbedingten Minderwertigkeitsgefühlen - schließlich heiratet nicht SIE! - per Perücke in einen blonden Vamp verwandelt. Getreu einer alten und immer erfolgreichen Komödienregel landet diese Perücke samt Rachels Morgenrock irgendwann am Körper des jugendlichen Alfred Gévaudan und erntet damit noch einmal Lacher. Die Sprache hat ebenfalls eine Aktualisierung erfahren, und vor allem Gerd K. Wölfle als älterer Bruder Gévaudan bedient sich einer Reihe - teilweise schwäbisch akzentuierter - Redensarten und Alltagsweisheiten, die in ihrer falschen Jovialität und der wahren Situation diametral widersprechenden Aussage die Farce weiter zuspitzen.

Gerd K. Wölfle als Marat und Maike Troscheit als Charlotte Corday

Das Ensemble führt diese Groteske mit einer geradezu diebischen Freude am ungezwungenen Spiel auf. Das fängt schon mit Andreas Manz als verlotterter, korrupter und fauler Arbeitsvermittler an, der sich hier einmal so richtig gehen lassen kann. Ähnliches gilt für Karin Klein, die als Michette Kaugummi kauend und permanent unflätige Beschimpfungen ausstoßend so richtig die "Sau rauslassen" kann und als Höhepunkt einen Sturz mit dem Kopf voran in den Papierkorb inszeniert. Timo Lindenberg windet sich als Saint-Galmier von einer peinlichen Situation zur anderen und betont dabei den eitlen Dünkel des Arztes, Maike Troscheit spielt eine herrlich ungeschickte und etwas (sehr) einfältige Laure Gévaudan, Leander Lichti steht ihr als verklemmter und stotternder Bruder Alfred in nichts nach, und Martin Maria Eschenbach gibt den "coolen" Duscher, der nach Verlust seines Jobs in der Heiratsvermittlung die "Verrückten" in der Anstalt verwahrt. Gabriele Drechsel und Britta Hübel stehen eher am Rande des Geschehens und betrachten das unglaubliche Geschehen eher mit dünkelhafter Arroganz, vor allem wenn sie sich die eingesperrte Familie Gévaudan durch die Gitter wie eine Schar Affen anschauen.

Das Publikum bedankte sich mit kräftigem Beifall für diese temporeiche und witzige Inszenierung, die - ohne platt zu sein - spritzige Unterhaltung und viel Grund zum Lachen bot.

PS: Bei Bild 3 ist uns leider ein Irrtum unterlaufen. Es muss natürlich heißen: Gerd K. Wölfle (Gévaudan); im Hintergund Britta Hübel (Leonie); Gabriele Drechsel (Rachel); Maika Troscheit (Laure);Martin Maria Eschenbach (Plucheux)

Frank Raudszus