Zweimal gewendeter Mythos

Friedrich Schillers Version der "Iphigenie in Aulis" von Euripides im Staatstheater Darmstadt

 

"Kann etwas wichtiger und erhabener sein, als die – zuletzt doch freiwillige – Aufopferung einer jungen und blühenden Fürstentochter für das Glück so vieler versammelten Nationen?" - Soweit der "Kernsatz" aus Schillers persönlichem Kommentar zu seiner Übersetzung von Euripides' Tragödie. Er erhellt mit einem Schlage Schillers idealistische Sicht des antiken attischen Dramas und zeigt, wie sich der griechische Mythos im Zeichen der vormodernen Aufklärung gewendet hat. 

Uwe Zerwer (Agamemnon) und Matthias Kleinert (Menelaos)

Die Handlung des Stückes gehört mittlerweile zum allgemeinen Bildungskanon: Die griechische Flotte kann nur dann von Aulis nach Troja zwecks dessen Zerstörung und Rückholung der von Paris geraubten Helena auslaufen, wenn vorher Agamemnon seine eigene Tochter Iphigenie opfert. Dieser beugt sich im inneren Konflikt der Staatsraison und lockt die Tochter unter der Vorspiegelung der Verheiratung mit Achill nach Aulis. Die unerwartet mitgereiste Mutter Klytemnestra erfährt von Agamemnons Absicht, kann aber mit allem mütterlichem Einsatz nichts ausrichten. Der angebliche Ehemann Achilles bietet großherzig und opferwillig seinen Schutz gegen das versammelte griechische Heer an, muss dann aber das Angebot - wegen der Sachzwänge - leider zurückziehen. Die unglückliche Iphigenie erkennt die Unabwendbarkeit ihres Schicksals und begibt sich freiwillig zum Altar, um König und Volk zu dienen. Bei Euripides retten sie die Götter und lassen sie flugs nach Tauris entfernen, Schiller verzichtet auf diese wundersame Wendung und lässt das Stück mit dem Opfergang enden.

Zum Ausklang des Schillerjahres hat sich jetzt Regisseur Michael Helle dieses Stückes angenommen und es stellt sich jetzt natürlich die Frage: inszeniert er hier Euripides oder Schiller? Denn die Sprache vermittelt in erster Linie die Aussage eines Theaterstückes und erst in zweiter die Gestik und Mimik. Und da die Sprache an die Kultur ihrer Zeit gebunden ist, überträgt sie zwangsläufig auch deren Weltsicht in die Übersetzung des Stückes. Eben das macht die Transformationen sprachlicher Kulturgüter über historische Epochen hinweg so schwierig und so spannend. Haben die "Ilias" und die "Odyssee" bei den Zuhörern Homers einen ähnlichen Eindruck erzeugt wie die deutsche Version von Johann Heinrich Voß es bei uns heute? Kann man überhaupt mit einer bewusst "altertümelnden" Sprache die Atmosphäre und die Befindlichkeit längst vergangener Zeiten wieder erwecken oder bewegt man sich mit diesem Versuch in der Scheinwelt falscher Nostalgie? Zerstört man andererseits mit "zeitgemäßer" Sprache unter Umständen den eigentlichen Gehalt alter Dramen und Tragödien? Fragen über Fragen, die sich auch Schiller gestellt haben muss und die er teilweise in dem erwähnten Kommentar beantwortet. Allerdings hat Schiller diese Problematik noch nicht vom sprachwissenschaftlichen Standpunkt aus diskutiert, sondern eher vom dramaturgischen.

Uwe Zerwer und Gabriele Drechsel (Klytemnestra)

Wie dem auch sei, Euripides greift in seiner Tragödie den alten Mythos auf, der die Opferung des Liebsten verlangt, um die großen Ziele der Gemeinschaft zu erzielen. Wir kennen das gleiche Thema aus dem Alten Testament mit Abraham und Isaak. Die Götter - bzw. der Gott - verlangen diesen Gehorsamsbeweis vom Menschen und sind im Falle der Demut auch zur Großzügigkeit bereit. Euripides jedoch betont nicht die Wucht des unabweisbaren göttlichen Schicksals, sondern zeigt die menschliche Tragödie, die sich dahinter verbirgt. Er zeigt die Zerrissenheit Agamemnons und seine typisch patriarchalische Unterwerfung unter das Gesetz der Männer und der Gemeinschaft, sprich: des griechischen Heeres. Er malt realistisch die ohnmächtige Verzweiflung der Frauen aus und er wagt sogar, an dem Standbild Achilles zu kratzen, indem er dessen nicht eingehaltenes Schutzangebot als ein Zeichen von Opportunismus zu deuten erlaubt. Doch lässt er Iphigenie ihre Todesangst überwinden und sich freiwillig opfern, weil bei ihm die Idee der griechischen Kultur- und Kriegsgemeinschaft noch greift. Euripides lässt zwar einzelne Protagonisten als fragwürdige Menschen sichtbar werden, der gesamte Ablauf bleibt bei ihm jedoch im Kontext des griechischen Selbstverständnisses und mit der Mythologie als Hintergrund noch stimmig.

Schiller jedoch lebt in einer anderen Zeit, nämlich der des aufgeklärten Nationalismus der Neuzeit, der sich nicht mehr unmittelbar auf einen großen mythischen Hintergrund berufen kann. Krieg ist mittlerweile ein, wenn auch üblicher, geächteter Bestandteil des menschlichen Lebens. Schiller, will er nicht nur handwerklicher Übersetzer sein, kann nicht mehr die Zerstörung Trojas als sinnvollen Grund für Iphigenies Opferung setzen. Krieg aus handfesten, nahe liegenden Gründen lässt sich nicht mehr rechtfertigen, und die unabänderliche Macht des von den Göttern bestimmten Schicksals spielt zu seiner Zeit schon gar keine Rolle mehr. So transformiert er Euripides' Tragödie in ein Hohelied der Idee. Seine Übersetzung macht aus der den patriarchalischen Gesetzen des alten Griechenlands freiwillig folgenden Iphigenie eine junge Frau, die eine eigene Opferungsidee entwickelt und umsetzt. Zwar stehen Schillers Worte vordergründig noch für die freie Fahrt nach Troja, doch dahinter steht im Grunde genommen der autonome Entwurf eines Ideals und dessen Umsetzung. Schillers Iphigenie stirbt also für die mehr oder minder abstrakte Idee, für ein selbst gewähltes Ideal, während sie bei Euripides noch für Griechenland stirbt. Insofern entbehrt Schillers Text am Ende, wenn Iphigenie sich geradezu begeistert zu ihrem freiwilligen Opfer bekennt, um Griechenland künftig vor den Barbaren zu retten, jeglicher Ironie. Auch Achilles' Worten kann man in Schillers Text unmittelbare keine Zweideutigkeit entnehmen, die ihn in ein schlechtes Licht rücken könnten. Schillers Übersetzung der Tragödie rechtfertigt also auch eine konservative Inszenierung, die allen Beteiligten mehr oder minder ihren historisch-mythologischen Stellenwert belässt und nur die Wandlung der Iphigenie zur Trägerin eines gesteigerten Idealismus' besonders hervorhebt.

Britta Hübel als verzweifelte .........

Damit kommen wir jedoch zu Michael Helles Inszenierung, die bei gegebener Texttreue denn doch nicht den ganzen Schillerschen Idealismus übernehmen kann. Andererseits würde es auch wenig Sinn ergeben, wollte Helle Schiller denunzieren und ihn als zynischen Totengräber des Humanismus'  darstellen. Da müsste er denn noch weiter zurückgehen zu Euripides, und dieser wiederum ist geschützt durch die mythologische Welt des Griechentums. Diesem Dilemma ohne Blessuren zu entkommen, ist nicht leicht, und Helles Inszenierung kann sich daher auch nie aus ihm wirklich lösen. Bis zur großen Aussprache zwischen den Eheleuten Agamemnon und Klytemnestra stimmt bei dieser Inszenierung noch alles. Hier brechen die Konflikte ungeschminkt aus, und der unserer Zeit angepasste Sprachduktus lässt Schillers Verse erstaunlich zeitlos wirken. Den von Schiller selbst kritische beurteilten Chor lässt Helle durch drei einfach gekleidete "Frauen aus dem Volk" darstellen, die sich wie bei einem Kaffeeklatsch mal lüstern-neugierig, mal hämisch, mal schadenfroh und mal schockiert über die Ereignisse auslassen. Durch diese "handfeste" Interpretation des Chors schafft er zwar einen aktuellen Bezug, doch bisweilen zieht sich der Auftritt des Chors ein wenig in die Länge. 

.....und als opferbereite Iphigenie

Agamemnon (Uwe Zerwer) in Kapitänsuniform wird zum zerrissenen Politiker, der schließlich seine Familie den Verhältnissen und seiner Karriere opfert; Klytemnestra, von Gabriele Drechsel mit mütterlichem Kampfgeist und ehelichem Zorn gespielt, verliert ihren dämonischen Ruf der Gattenmörderin und wird zur liebenden Mutter; Achilles (Volker Muthmann) kommt als smarter Aufsteiger daher, der sich bei allen Beteiligten rückversichert und gerne wohlfeile Versprechungen abgibt, bei denen man von Anbeginn den kurzen Verfallszeitraum erkennt, und Matthias Kleinert gibt den Menelaos als kalten Manager der Macht, der auf Abmachungen pocht, und müsste dafür auch die Tochter des Bruder sterben. Selbst sein Umschwenken zu einem Verzicht wirkt nur als taktischer Schachzug, um Agamemnon umso mehr in die Verpflichtung zu eben dieser Tat zu treiben, was denn auch gelingt. Britta Hübel macht als Iphigenie eine überzeugende Wandlung durch von dem frischen, hochzeitsfrohen Mädchen über die verzweifelte Todeskandidatin bis zu einer geradezu begeistert in den Tod marschierenden Märtyrerin. Und hier tritt der Bruch der Inszenierung ein: Diese öfter von dem Ackermann'schen "V"-Zeichen begeleitete Opferbegeisterung passt nicht in die aktuelle Landschaft, es sei denn in Palästina oder im Irak. Der Verweis auf die Vernichtung der Barbaren (von Troja), die Griechenlands Frauen und Kinder bedrohen, lässt sich zwar als Verweis auf Fremdenhass deuten, verträgt sich jedoch im europäischen Kulturraum nicht mit der Selbstaufopferung, die ja obendrein auch noch von der Gemeinschaft gefordert wird. Will Helle damit jedoch Al Quaida und Genossen denunzieren, so wirkt es angesichts des gesamten Kontextes des Stückes etwas weit hergeholt. Der Weg von Euripides über Schiller bis zu den Terroristen ist einfach ein wenig zu weit und zu steinig, um ihn auch einem mitdenkenden Publikum noch mitgehen zu lassen. Sind aber ganz allgemein Gewalt des Staates (Agamemnon und das griechische Heer) gemeint, so mag man zwar an George W., die CIA und Guantanamo denken, stößt dann aber sofort wieder auf die Ungereimtheiten mit der Selbstaufopferung. Wie man es auch dreht und wendet, am Ende fehlt dem doppelt gewendeten Mythos eine eindeutige Aussage. Eine solche müsste ja keine verbindliche "Moral" ausstrahlen, aber sie sollte sich doch einem identifizierbaren Kontext zuordnen lassen

Eine über Strecken durchaus packende und schauspielerisch überzeugende Inszenierung läuft dann am Schluss doch auf die Untiefen einer unklaren Aussage. Aber auf jeden Fall bietet sie viel Stoff zur Diskussion.

Frank Raudszus

Alle Fotos © Barbara Aumüller