| Der zweite Teil des Iphigenie-Mythos' - dunkel und düster |
![]() |
Christoph Willibald Glucks Oper "Iphigénie en Tauride" im Staatstheater Darmstadt |
|
Der Iphigenie-Mythos des Euripides hat sich in der deutschen Literatur an zwei prominenten Stellen niedergeschlagen: in Schillers "Iphigenie in Aulis" und in Goethes "Iphigenie bei den Taurern". Ersteres steht derzeit auf dem Spielplan des Staatstheaters Darmstadt, letzteres nicht. Zeitgleich hat das Staatstheater Glucks Opern "Iphigénie en Aulide" und "Iphigènie en Tauride" inszeniert, als reizvollen Vergleich verschiedener Interpretationen dieses uralten Mythos. Wie bei der "aulischen" hat auch bei der taurischen Iphigenie Philipp Kochheim die Verantwortung für die Inszenierung übernommen und dabei für eine gewisse Kontinuität gesorgt, wie immer diese auch aussieht.
Sowohl bei Euripides als auch bei Goethe geht die Geschichte zwischen Iphigenie, Thoas, Orest und Pylades gut aus. Zur Erinnerung: Die Götter befördern Iphigenie vom aulischen Opferaltar auf die Insel der barbarischen und kriegerischen Taurer, wo sie als Priesterin dient. Ein religiöser Brauch der Taurer fordert, jeden Fremden den Göttern zu opfern, und als Iphigenies Bruder Orest und dessen Freund Pylades dort landen, droht ihnen das gleiche Schicksal. Iphigenie erfährt von dem seine Identität nicht preisgebenden Orest die grausame Geschichte von Agamemnon, Klytemnestra, Ägist und Orest und versinkt in Verzweiflung. Da der Unbekannte sie an Orest erinnert, beschließt sie, ihn zu retten und mit einem Brief an diem überlebende Elektra zurückzuschicken. Doch Orest will anstelle seines Freundes Pylades sterben, um die Schuld des Muttermordes zu sühnen. Während der heiligen Opferhandlung erkennen sich die Geschwister und fallen sich in die Arme. Als Thoas den Fremden dennoch durch seine Schergen töten lassen will, erscheint Pylades mit seinen Kampfgenossen und besiegt Thoas im Kampf. Der Schlusschor besingt den aufdämmernden Frieden und das Ende der kriegerischen Zeiten bei den Taurern. Soweit die Handlung bei Euripides und Gluck. Goethe führt das gute Ende auf die Güte und Selbstüberwindung eines getäuschten Thoas zurück - seine Sicht der antiken Mythen. Kochheim jedoch kann sich mit dem "happy end" nicht abfinden und dreht ganz zum Schluss eine unerwartete Volte. Während des friedensseligen Schlusschors lässt er den bereits geschlagenen Thoas wieder aufstehen und die beiden Freunde hinterrücks erstechen. Die eben noch glückstrahlende Iphigenie muss dem Tyrannen mit entleerten Gesichtszügen in einen ewigen, ungeliebten Priesterdienst folgen.
Kochheim interpretiert noch einige andere Szenen eigenwillig, durchaus im Sinne eines - in Grenzen - eigenständigen Regietheaters. So treten die Frauen des Chors bei ihm als entführte Griechinnen auf, die - in weiße Gewänder gehüllt - der Heimat nachtrauern und zwischendurch auch einmal im Volksempfänger mit Kopfhörern den Heimatsendern lauschen. Oder sie kämmen sich - als Zitat bekannter Historienbilder - gegenseitig die Haare oder halten mit der Kalaschnikow Wache. Zwei dieser Priesterinnen beschreiben von Zeit zu Zeit eine große Schiefertafel mit asiatisch aussehenden Schriftzeichen. In Unkenntnis des Schriftsystems kann man die dahinter stehende Absicht nur erahnen: geht es um China und seine aktuelle wie zukünftige politische Situation oder ein anderes asiatisches Land? Da es sich auf jeden Fall nicht um griechische Schriftzeichen handelt, ist der Schluss auf einen aktuellen politischen Bezug zwingend, nur leider bleibt dieser aufgrund der bei uns nicht allgemein verbreiteten Kenntnis dieser Schriftsysteme im Dunkeln. Die Männer des Chors spielen gruselig verkleidete Barbaren mit übermuskulösen Oberkörpern und Grindköpfen. Andere wieder treten als die weißen Soldaten der - griechischen - Sternenflotte auf, die wir bereits von Kochheims "Aulis"-Inszenierung kennen. Auch der überlebensgroße "Helmkopf" aus der ersten Inszenierung findet hier wieder seinen Paradeplatz mitten über der Bühne und fängt bei der turbulenten Schlussszene an zu irrlichtern. Ein wenig zu starker Tobak, genau so wie die Müllhalde zu Beginn des ersten Aktes: um den Kriegszustand auf Tauris zu dokumentieren, lässt Kochheim reichlich Trümmer und ausgedientes Kriegsgerät auf der Bühne arrangieren, so dass die Darsteller Schwierigkeiten haben, sich auf der Bühne frei zu bewegen und die gefesselten Orest und Pylades sogar in gewagten Sprüngen über die Blechtrommeln springen müssen. Auf der rechten Bühnenseite hat Bühnenbildner Thomas Gruber ein Gerüst aufgebaut, das offensichtlich an ein Hochsicherheitsgefängnis erinnern soll. Dazu toben einige Kämpfer mit Lichtschwertern über die Bühne, eine Schwerverwunderter lässt sich von den Frauen versorgen und Rauch wabert über die Trümmer, so dass auch der letzte Zuschauer versteht, dass es hier kriegerisch zugeht. Allerdings hätte man das auch mit weniger dick aufgetragenen Hinweisen verstanden. So jedoch gerät durch diese Überfülle der martialischen Hinweise die Handlung ein wenig in den Hintergrund.
Die dramatische Opferszene zwischen Orest und Pylades gerät bei Kochheim zu einer leidenschaftlichen Abschiedsszene zweier liebenden Homosexuellen. Die wiederholten erotischen Küsse und engen Umarmungen lassen keinen Zweifel an dieser Interpretation. Dies mag zwar mit der im antiken Griechenland üblichen Knabenliebe zu erklären sein, doch sowohl Euripides als auch Goethe sprechen nur von Freunden, nicht von Liebenden. Erotische Aspekte liegen diesem Mythos eigentlich fern, doch Kochheim stellt diese gleichgeschlechtliche Beziehung geradezu plakativ in den Vordergrund, ohne damit einen zwingenden Bezug zur Handlung zu liefern. Fast könnte man meinen, dies sein ein Zugeständnis an den Zeitgeist, der sich dieses Themas besonders liebevoll annimmt. Dagegen lässt sich dem überraschenden Ende durchaus eine gewisse Logik abgewinnen. Sieht man die lange Gefangenschaft auf Tauris als Analogie zur Blockbildung der Weltpolitik und setzt die Befreiung der Gefangenen mit der weltpolitischen Wende um 1990 gleich, so erinnert der euphorische Friedensgesang an die Hoffnung auf eine "Friedensdividende" Anfang der Neunziger. Dann lässt sich der unerwarteten Doppelmord durch den wieder auferstandenen Thoas konsequenterweise als 11 September 2001 interpretieren. Zugegeben, dies erscheint ein wenig hergeholt, verleiht jedoch Kochheims Schluss einen nachvollziehbaren zeitgeschichtlichen Bezug. Für Kochheims Überfrachtung von Bühne und Handlung lassen sich natürlich auch noch andere Gründe finden. Das eigentliche Handlungsgerüst dieser Geschichte zeichnet sich nicht gerade durch übermäßige Spannung und Abwechslung aus. Da gilt es, drohende Längen durch allerlei szenische und regietechnische Einfälle zu vermeiden. Einige davon leuchten ein und ergeben sich sozusagen aus der Handlung, andere wiederum wirken - wie oben erwähnt - etwas aufgesetzt und bemüht.
Die Darsteller versuchen, sich so gut wie möglich mit dieser Inszenierung zu arrangieren, was nicht immer ganz einfach ist. Vor allem Anja Vincken überzeugt als eine von Anfang bis Ende präsente Iphigenie. Dabei musste sie bei der hier rezensierten Aufführung mit einem bandagierten Oberarm spielen, wobei unter der Mullbinde noch Blut zu sehen war. Offensichtlich hatte sie sich bei einer der physisch anspruchsvollen Szenen verletzt, etwa bei der angedeuteten "Beinahe-Vergewaltigung" durch Thoas hoch oben auf dem metallenen Laufgang. Sie stand die Aufführung jedoch ohne irgendwelche Anzeichen von Schwäche durch und zeichnete sich besonders durch ihre variantenreiche und ausdrucksstarke Stimme aus. Neben ihr beeindruckt Werner Volker Meyer vor allem mit seinem Stimmvolumen und seinem kraftvollen darstellerischen Einsatz. Peter Pauls Orest hätte man manchmal ein wenig mehr männliche Durchschlagskraft gewünscht, doch offensichtlich sind er und sein Freund Pylades (Sven Ehrke) eher als empfindsame (ineinander) Verliebte angelegt, was dann auch die Rolle des Orest eher defensiv werden lässt. In Nebenrollen treten Yun Jeong Cho und Hyeon Kyoo Lee als Priesterinnen auf und verleihen dank ihrer Herkunft den von ihnen au die Tafel geschriebenen Schriftzeichen eine gewisse Logik. Die Musik aus dem Orchestergraben stand wieder unter der Leitung von GMD Stefan Blunier und überzeugte wie auch schon bei "Iphigenie en Aulide" auf ganzer Linie. Dabei war es nicht der "liebliche Gluck", den man hier hörte, sondern einer, der die tragischen und an die Grenze des Erträglichen gehenden Vorgänge auf der Bühne mit seiner Musik konsequent ausmalt. Blunier holt aus dieser Partitur die dramatischen Konflikte in den Vordergrund und setzt sie ungeschönt in Musik um. Dabei versteht er sich sowohl auf die besonders leisen wie auch auf die schroffen und teilweise herrischen Passagen und lässt beides bei Bedarf unmittelbar aufeinander folgen. Es ist ihm zu danken, die Musik Glucks aus der Ecke der "nur schönen" Klänge herausgeholt zu haben und sie wahrhaft als Interpretation eines dramatisch-tragischen Geschehens einzusetzen. Dadurch kam selbst bei den handlungsarmen Abläufen auf der Bühne - auch ohne Kochheims Aktionismus - nie Langeweile auf. Die Musik allein sorgte bereits - im Verein mit den Sängern auf der Bühne - für den nötigen Spannungsbogen und hielt diesen bis zum überraschenden Schluss offen. Auch hier kam die Stimme zu leuchtenden Helm wieder von der alten Vinylscheibe, während das Orchester still den fernen Klängen lauschte und anschließend wieder behutsam die klangliche Regie übernahm. Auch wenn sich "Iphigenie en Tauride" ein wenig schwerblütiger ausnimmt als ihre Vorgängerin, übt die Doppelinszenierung - nicht allein aber auch nicht zuletzt - durch die wiederkehrenden Elemente beider Inszenierungen einen ganz eigenen Reiz aus. Von den oben erwähnten Einschränkungen abgesehen hat sich dieses "Experiment" einer Doppeloper in vollem Umfang als erfolgreich erwiesen. Die nächsten Aufführungen finden am 11./12., 16./17. und 27. (nur "Aulide") Mai statt. Frank Raudszus Alle Fotos © Barbara Aumüller |