| Der Tanz, der Tod und das Mädchen |
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Das TanzTheater Darmstadt mit der neuen Produktion "The Juliet Letters" |
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Wer von dieser neuen Produktion des Darmstädter TanzTheaters unter der Leitung von Mei-Hong Lin die Nacherzählung einer bekannten Geschichte erwartet hatte, etwa wie in "Das Haus der Bernarda Alba", sah sich bei der Premiere am 17. Februar getäuscht. Natürlich legte die Herkunft des Sujets, eine Reihe von Briefen an die imaginäre Julia Capulet, eine solche Erwartung nahe, doch die Choreographie von "The Juliet Letters" beschäftigt sich mehr mit Menschen, die solche Briefe an eine der berühmtesten Figuren der Weltliteratur schreiben, und mit ihren Beweggründen als mit der uralten Geschichte um die beiden Veroneser Liebenden. Schon der Auftakt sorgt für Bewegung im Publikum: während noch die Zuschauer ihre Plätze suchen, findet auf der Bühne ein reges, doch ungeordnetes Treiben statt. Einzelne Tänzer und Tänzerinnen eilen durch die Sitzreihen und lächeln den verblüfften Besuchern zu, ein Streichquartett steht wartend am Rande des Saals. Kaum bleibt dem Publikum Zeit, die langsame Verdunkelung abzuwarten und sich auf einen unterhaltsamen Tanzabend vorzubereiten. Dann jedoch beginnt sich das Geschehen auf der Bühne zu strukturieren, einzelne Figuren treten in wohl abgezirkelten Figuren auf und das Spiel beginnt.
Zum Verständnis der Abläufe sind jedoch noch einige andere Erklärungen notwendig: Ein Professor aus Verona pflegte die erwähnten Briefe über Jahre zu beantworten, und der US-Musiker Elvis Costello verfasste Liedtexte und Musik zu einzelnen dieser Briefe. Da geht es um die eifersüchtige Ehefrau, die in den Taschen ihres Mannes nach Beweisen wühlt, eine Frau würde sich ihre Wut (über ihren Partner) am liebsten aus dem Leibe boxen, eine reiche Frau buhlt um Liebe und sieht sich doch nur von Erbschleichern umgeben, ein Paar wird zwangsverheiratet und seiner Wunschpartner beraubt, und eine Soldatin empfindet jede Sekunde ihres Lebens Todesangst. Costellos Musik zu diesen Motiven unterlegt die tänzerischen Interpretationen, gespielt von dem bereits erwähnten Streichquartett, und wechselt sich ab mit Musikkonserven von Edith Piaf und anderen internationalen Musikern. Den musikalischen Höhe- und Schlusspunkt setzt Schuberts "Der Tod und das Mädchen".
Vor diesem musikalischen Hintergrund spielen sich die erwähnten Geschichten ab, oder besser gesagt, erscheinen die Inhalte der Briefe als getanzte Figuren auf der Bühne. Immer wieder bricht der Konflikt zwischen dem Innenverhältnis einer intimen Bindung und der Öffentlichkeit auf, die hier als eine aufgedrehte Spaßgesellschaft mit Drang zum Materiellen erscheint. Die Eifersüchtige sieht in ihrer Fantasie ihren Mann in beliebigen erotischen Situationen, die reiche Frau wird noch auf dem vermeintlichen Sterbebett von einer hysterischen Verwandtschaft um ihre letzte Ruhe gebracht und gnadenlos hin- und hergezerrt, das unglückliche Zwangsehepaar steht verloren inmitten einer wüsten Festgesellschaft. Die junge Soldatin kriecht unter Gewehrknattern und Detonationen im Tarnanzug durch ein Meer bereits gefallener Menschen und schreit der Welt ihre Not entgegen, die junge Frau mit der Wut im Bauch wiederum versieht sich mit Boxhandschuhen und tänzelt in imaginären Boxkämpfen durch den Bühnenring. Auch die gleichgeschlechtliche Liebe kommt zu ihrem Recht, wenn sich zwei Männer lauernd und in gegenseitiger Unsicherheit an den Bühnenrändern gegenüber sitzen und nur langsam und zögernd aufeinander zu kommen, die Berührung des anderen eher schreckhaft als freudig annehmen. Immer wieder spielt auch die - teilweise - Entblößung eine Rolle, die jedoch nie zum exhibitionistischen Selbstzweck missbraucht wird. Das Ablegen der Kleider durch die Protagonisten steht für die Öffnung des eigenen Ichs gegenüber dem fremden, mit allen Risiken, die eine Selbstentblößung mit sich bringt. Und diese Öffnung erfolgt zwar immer mit einem Zögern doch auch mit dem deutlich erkennbaren Wunsch, sich zu öffnen und damit das Risiko der Abwehr oder gar der Lächerlichkeit einzugehen.
All diese Bilder gehen zwar nicht nahtlos ineinander über, entwickeln sich jedoch fast organisch aus dem vorhergehenden Bild. Wo dies nicht einfach möglich ist, tritt der Conferencier ins Bild, der mal beim Streichquartett Langspielplatten auf einem alten Plattenspieler auflegt, passend zur abgespielten Musik, dann wieder eine Besucherin aus der ersten Reihe zum Tangotanz entführt (Vorsicht: Schauspiel Frankfurt und der "tätliche Angriff"!) oder Konfetti ins Publikum wirft. Dann wieder singt er, gespielt von Randy Diamond, die Lieder von Elvis Costello zur Begleitung des Streichquartetts oder stellt aus dem Tanzensemble die "Zwangspaarungen" nach eigenem Gusto zusammen. Randy Diamond bewegt sich in dieser Rolle elegant wie ein argentinischer Tangotänzer, mit einem Schuss Erotik und einer gehörigen Portion an Chuzpe, und füllt mit seiner rauhen aber modulationsfähigen Stimme den Saal. Als humorvoller Beitrag erscheint nach der Pause ein veritabler Koch (aus der Theaterkantine), der seelenruhig auf der Bühne heiße Leckereien herstellt, die Conferencier Randy Diamond - unter dem fiktiven Namen "Der Andere" - ans Publikum verteilt. Leider kann der Rezensent über die Qualität dieser Küchenerzeugnisse keine Auskunft erteilen, weil Randy Diamond nicht bis zu ihm durchdrang. Den Höhepunkt setzt dann, wie bereits erwähnt, der langsame Satz aus Franz Schuberts Streichquartett "Der Tod und das Mädchen", zu dem ein einzelnes Paar tanzt, wobei der Mann (Julio Viera Medina) in seinem langen schwarzen Mantel den Tod darstellt und Maura Morales das Mädchen. Schuberts düstere und entsagungsvolle Musik erscheint auf der Bühne ein zweites Mal, sozusagen als optische Ergänzung des Gehörten. Dabei gelingt Musikern und Tänzern eine eindrucksvolle Symbiose beider Kunstgattungen, und die Wirkung dieses Tanzes macht die Musik erst wirklich erlebbar. Der verdiente Szenenapplaus für diese großartige Leistung geht unmittelbar in das fast humorvolle Schlussbild mit Edith Piafs "C'était une histoire d'amour" über.
Randy Diamond als "Der Andere" alias Elvis Costello Die tänzerischen Leistungen des gesamten Ensembles verdienen einhelliges Lob, sowohl hinsichtlich der physischen Leistung als auch der Umsetzung von Emotionen in Bewegungen, ging es hierbei doch darum, in Briefen ausgedrückte Ängste und Nöte überzeugend darzustellen. Der Ausdruck steht bei Mei-Hong Lin im Vordergrund, die reine Artistik eher in der zweiten Reihe. Das führt zu einer geschmeidigen und weniger hektischen Choreografie mit fließenden Bewegungen und eng verzahnten Paarfiguren, die sich ja bei dieser Thematik auch anbieten. Lediglich in dem Soldaten- und Boxer-Bild legt die tänzerische Dynamik deutlich zu, aber auch hier bleiben die Darstellerinnen im Rahmen natürlicher menschlicher Bewegungsabläufe. Das Premierenpublikum erwärmte sich mit zunehmender Spieldauer mehr für die Choreographie und geizte schon während der Aufführung nicht mit Szenenapplaus. Der Schlussbeifall schließlich fiel ausnehmend lang und teilweise begeistert aus und erstreckte sich auf das gesamte Ensemble einschließlich des Regieteams. Bei der anschließenden Premierenfeier im Foyer konnten sich dann die einzelnen Darsteller noch einmal persönlichen Beifall abholen.
Frank Raudszus Alle Fotos © Barbara Aumüller |