| Der unaufhaltsame Abstieg der Familie Ranjewskaja |
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Anton Tschechows "Kirschgarten" in den Darmstädter Kammerspielen |
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Russland zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Der Zar übt ein mehr hilfloses als despotisches Regime aus, von unten brodelt es zunehmend, und die herrschende Schicht der Großgrundbesitzer schaut dem Geschehen mit fatalistischem Selbstmitleid zu. Man lebt zwar - noch - auf großem Fuß, aber die Mittel dafür besorgt man sich schon seit langem auf Pump, und das Ende mit Schrecken naht. Bereits die ersten Szenen des "Kirschgartens" bringen die Situation auf den Punkt, und der Zuschauer im Jahre 2005 erfährt dabei ein intensives "Déja vu"-Erlebnis. Die aktuelle Situation in Deutschland - "German Angst" - spiegelt sich in geradezu bedrückender Weise in Tschechows Stück wider, und man mag nicht daran glauben, dass dieses Stück rein zufällig auf den Spielplan gekommen ist.....
Wie dem auch sei: bei Tschechow ist die Situation zwar desolat, aber man folgt der Einstellung des Mannes, der aus dem zehnten Stockwerk fällt und beim zweiten meint, noch sei ja nichts passiert. Die nach fünfjähriger Anwesenheit aus Paris zurückgekehrte Gutsbesitzerin Andrejewna Ranjewskaja hält sofort Hof, begrüßt die Daheimgebliebenen überschwänglich und ist auch beim Geld nicht kleinlich, obwohl sie nichts mehr hat. Ihr Sohn ist vor fünf Jahren ertrunken, ihr am Suff verstorbener Mann hat einen Großteil des Vermögens verspielt, und den Rest hat ihr ein parasitärer Liebhaber in Paris abgenommen. An ihrem "Tropf" hängen außerdem ihr Bruder Leonid, eine verkrachte Existenz mit Hang zum schöngeistigen Schwadronieren, ihre Stieftochter Warja, die während der letzten Jahre das Gut recht und schlecht betreute, und ihre eigene Tochter Anja. Der finanziell klamme Gutsbesitzer Simjonow sucht ihre Nähe in der Hoffnung auf finanzielle Unterstützung, und der Student Trofimov hat nach einigen Jahren als Hauslehrer den Absprung verpasst. Es lebt sich halt so schön auf einem Gut in den Weiten der russischen Provinz, wenn das zahlreiche Personal - der alte Diener Firs, das Zimmermädchen Dunjascha und der Kontorist Jepichodow - für die Annehmlichkeiten des Alltags sorgen. Nur
einer stört den Frieden und die Wiedersehensfreude: Der
Kaufmann Lopachin, selbst aus kleinsten bäuerlichen
Verhältnissen stammend, sieht den Bankrott des Guts voraus
und insistiert inständig auf schnelle Maßnahmen zur
Rettung des Besitzes, doch niemand hört ihm zu. Einerseits
möchte niemand von der bevorstehenden Zwangsversteigerung
des geliebten Kirschgartens - und des Gutshauses -
hören, zweitens klingt seine Rettungsalternative
platt-kommerziell und einer Gutsbesitzerin nicht angemessen,
drittens will man solche "Belehrungen" schon gar
nicht von einem Bauernsohn hören. Also spricht er gegen
Wände, und die Gesellschaft vergnügt sich wie später die
Reichen und Schönen auf der "Titanic". Diese
Vergnügungen sind jedoch alles andere als angenehm; in
Wirklichkeit schleicht man umeinander herum, sucht erotische
Nähe, ohne sich selbst eine Blöße zu geben, sucht
sonstige Nähe um des finanziellen Vorteils oder nur um des
Erhalts der Situation willen. Jeder ist sich selbst der
Nächste, doch jeder schmeichelt auch, wo es angebracht, und
distanziert sich, wo es Matthias Kleinert (Lopachin) und Karin Klein (Ranjewskaja) Andrejewna würde gerne ihre Tochter an den vermögenden Lapochin verheiraten, doch deshalb muss sie noch lange nicht seinen Worten Glauben schenken. Warja selbst wartet schon seit zwei Jahren auf ein erlösendes Wort des Kandidaten und hat sich bereits in eine nahezu unhaltbare Situation gebracht. Dieser jedoch ist derart von seiner - minderen - Herkunft befangen, dass er den Schritt über die Standesgrenze nicht wagt. Der ewige Student Trofimow hat sich - zumindest verbal - einem radikalen Revolutionärtum verschrieben, das auf die Bolschewiken verweist, liebt aber im Stillen die für ihn unerreichbare Gutsbesitzerin und lebt ansonsten in den Tag hinein. Die Dienstboten stellen - im Gegensatz zur französischen Komödie des 17. und 18. Jahrhunderts - nicht das vernünftige Gegenmodell zur herrschenden Schicht dar. Tschechow folgt da mehr seiner nüchternen Kenntnis des einfachen Volkes als einem intellektuellen Wunschdenken. Der alte Firs ist nach dem Ende der Leibeigenschaft nie mit der Freiheit zurecht gekommen und daher in seiner Stellung geblieben, das Zimmermädchen Dunjascha ist folgsam und schreckhaft, und der Kontorist Jepichodow zeichnet sich vor allem durch seine Begriffsstutzigkeit und Tolpatschigkeit aus. Da hilft ihm auch seine Liebe zu Dunjascha wenig. Das bereits prophezeite Ende naht bei dem großen Fest, das Andrejewna in vollständiger Verkennung der Situation gibt. Auf der angekündigten Versteigerung hat ausgerechnet Lopchin das Gut gekauft und wird dort jetzt Ferienhäuser errichten. Das letzte Bild zeigt den Auszug der gesamten Familie in moralischer Entrüstung und unter Beschimpfung des aus ihrer Sicht gewissenlosen Lopachin, der sich jedoch mittlerweile innerlich aus der unterwürfigen Bindung an die herrschende Schicht gelöst hat und die Familie schließlich ungerührt abziehen sieht: Andrejewna wieder zu ihrem halbseidenen Liebhaber nach Paris, ihr Bruder - notgedrungen - in eine zweitrangige Beschäftigung, Warja als Haushälterin zu einem anderen Gutsbesitzer und Trofimow samt Anja nach Moskau. Lopachin selbst repräsentiert die neue Generation, die in nüchternen kommerziellen Kategorien denkt, hartes Arbeiten gelernt hat und letztlich auf den Tand und Flitter der ehemals führenden Gesellschaftsschicht verzichten kann. Der Auszug aus dem Gutshaus stellt sich somit als Verabschiedung einer ganzen Gesellschaftsschicht aus dem russischen Haus dar. Tschechow zeigt hier einen geradezu prophetischen Weitblick, ist doch die erste - scheiternde - Revolution nur noch ein Jahr entfernt und wirft die Oktoberrevolution bereits einen dreizehn Jahre langen Schatten. Trofimow ist der typische Vertreter der Bolschewiki, und man kann sich diesen radikal-idealistischen jungen Mann durchaus als führenden Vertreter der kommenden Revolution vorstellen. Es fehlt nur noch der Katalysator aus der Schweiz, um die Revolution in Gang zu setzen.
Tschechows Stücke werden, vor allem im Film, oft mit der großen larmoyanten Geste inszeniert. Schöne, melancholische Menschen tauschen resignierte Botschaften aus und verzehren sich in halbherzigen Liebesgeschichten. Gerne wird auch die aufkommende Schicht der kommerziell denkenden "Emporkömmlinge" als ungehobelt, pöbelhaft und raffgierig dargestellt, wogegen sich die vornehme Dekadenz des untergehenden Adels umso vorteilhafter abhebt. Ja, frühere Inszenierungen machten aus dem Untergang dieser Schicht fast eine Tragödie, die es zu beklagen galt. Nicht so Hermann Schein in seiner Darmstädter Inszenierung. Von der ersten Minute an stellt er Lopachin als einen vernünftigen, sachlichen, auf Ausgleich bedachten Mann dar. Dagegen wirken die Familienmitglieder wie eine aufgeregte Bande unmündiger Kinder, die herumtollen, sich gegenseitig auf die Nerven und ins Wort fallen und keinerlei Verantwortung für einander oder für das Gut zeigen. Sie bilden in dieser Inszenierung auch keine homogene, in sich gefestigte Schicht mit Werten und Konventionen, sondern lediglich eine Ansammlung isolierter Individuen, die in jedem Moment ihren augenblicklichen Eingebungen folgen. Reden ist wichtiger als Zuhören, und unangenehme Dinge überhört man einfach. Auch die erotischen Annäherungsversuche lässt der Regisseur eher unterkühlt spielen, als habe jeder Angst, sich mit zu deutlichen Äußerungen eine Blöße zu geben. Und wenn eine solche Annäherung von außen erfolgt, weist man sie erst einmal ab, da sie ja einerseits nicht ernst gemeint sein könnte und da andererseits nichts süßer ist als einen Korb geben zu können. So bleibt bis zum Schluss alles in der Schwebe und die Gesellschaft geht auch darum zugrunde, weil sie sich um jegliche Festlegung drückt, immer im Ungefähren verharrt und sich alle Optionen offen hält. Doch wer sich alle Wege offen halten will, geht schließlich keinen oder wird in eine Richtung gestoßen, wie die Familie der Ranjewskaja. Deren Zukunft ist vorgezeichnet: Andrejewna wird an der Seite ihres Liebhabers in Paris der Armut verfallen, Warja wird als Haushälterin verwelken, Andrejewnas Bruder Leonid wird in einer Amtsstube vertrocknen oder sich dem Suff hingeben, und der Gutsbesitzer Simjonow wird auch nicht lange überleben. Auch Bühnenbild und Kostüme unterstreichen die nüchterne, eher analysierende Sicht der Inszenierung. Die Bühne der Kammerspiele ist nahezu leer, nur eine Flügel - auf dem Karin Klein alias Andrejewna bisweilen Chopin spielt - mit eingeweckten Kirschen verweist auf den Charakter eines Gutshauses, und die Darsteller tragen durchweg heutige Kleidung. Das russische Provinz-Ambiente schlägt sich in einem angedeuteten Wald aus Birkenstämmen entlang der Rück- und Seitenwände nieder, und an diese Stämme angeheftete menschliche Portraits verweisen auf die Menschen hinter dieser Fassade. Später gibt ein anfangs geschlossener Vorhang ein Karussel mit einer Holzeisenbahn frei, die - natürlich - immerzu im Kreis fährt - mit unübersehbarem Symbolcharakter. Die Sprache entstammt einer neueren, etwa zehn Jahre alten Übersetzung und enthält viele heutige Idiome, die den Text griffiger und unmittelbarer erscheinen lassen.
Die Darsteller setzen das Regiekonzept in überzeugender Weise um. Der Neuzugang Matthias Kleinert verleiht dem Lopachin derart ambivalente Züge, dass man lange braucht, um ihn zu durchschauen. Er ist nie der triumphierende Neureiche aus der Unterschicht, fühlt sich jedoch fehl am Platze im Kreise der Familie Ranjewskaja. Die Folge ist Unsicherheit, die er wiederum mit Schweigsamkeit und betonter Nüchternheit kompensiert. Nur hin und wieder bricht sich seine Unsicherheit in Aggression Bahn, doch schnell fängt er sich wieder, denn er möchte auf keinen Fall auf seine Herkunft reduziert werden. Dieses Schwanken zwischen Triumph und Hilfsbereitschaft, ja stellenweise Anbiederung, diese Doppeldeutigkeit der Person Lopachin bringt Kleinert mit zunehmender Spieldauer immer deutlicher und überzeugender zum Ausdruck. Es ist wahrlich keine "Rampen-Rolle", die er hier spielt, sondern eine mit psychologischem Tiefgang und vielen Zwischentönen. - Dagegen kann natürlich Karin Klein als umschwärmte und leichtlebige Andrejewna auftrumpfen. Ihre Rolle ist bis zum Schluss in sich geschlossen und homogen, sie spielt die Gutsbesitzerin, die - bis auf einen Moment der Selbstaufgabe - nie ihren gesellschaftlichen Abstieg akzeptiert und sich einfach in ihrer Traumwelt einschließt. Die große Geste, die Selbstverständlichkeit, Mittelpunkt zu sein, gehört zu dieser Figur ebenso wie die erotische Reverenz aller Männer. Karin Klein meistert diese Rolle in souveräner Manier. - Die Warja ist wieder eine Paraderolle für Iris Melamed. In ihrer unnachahmlichen Art leuchtet sie das einerseits herrische andererseits liebebedürftige und tief verunsicherte Wesen dieser jungen Frau aus, die auf dem einsamen Gut keine Auswahl an Männern hat und mit dem letzten Rest an Selbstachtung dem werbenden Wort des Lopachin entgegenhofft. Jede Enttäuschung trifft sie hart, doch jedes Mal rafft sie sich wieder auf und tritt dem Leben erneut entgegen. Iris Melamed gelingt es, diese Verbindung von innerer Kraft und Verletzlichkeit mit großer Glaubwürdigkeit wiederzugeben. - Eine dankbare Rolle ist mit dem Trofimow auch Tino Lindenberg beschieden. Hier konnte er alle Register des jugendlichen Ungestümen ziehen, mal mit politischer Entrüstung und Begeisterung, mal mit persönlicher Betroffenheit, die gar nicht zu seinem revolutionären Weltbild passt. Dieses Schwanken des jungen Mannes zwischen der großen gesellschaftlichen Geste und der häuslichen Bequemlichkeit bietet dem schauspielerischen Talent viele Gelegenheiten, und Tino Lindenberg nutzt sie weidlich, ohne jemals zu überspielen. Man glaubt ihm den ewigen Studenten mit den hochfliegenden Gedanken und dem sparsamen Aktivitäten. - Andreas Manz als schwadronierender Leonid, Hubert Schlemmer als schlitzohriger Simjonow und Julia Glasewald als Andrejewnas frisch-naive Tochter Anja vervollständigen den inneren Kreis mit soliden Leistungen, Klaus Ziemann (Firs), Hans Matthias Fuchs (Jepichodow), Christina Kühnreich (Dunjascha) und Tobias Mangold (Jascha) sind in den weiteren Rollen zu sehen. Unklar ist nur, welchen dramaturgischen Sinn die Rolle der Gouvernante Charlotta hat, die Sonja Mustoff mit einigem Sinn für schrägen Humor interpretiert. Das Premierenpublikum zeigte sich angetan und sparte nicht mit Beifall, allerdings enthielt man sich, wohl der eher depressiv anmutenden Analogie zum Zeitgeschehen wegen, begeisterter Ovationen. Frank Raudszus Alle Fotos © Barbara Aumüller |