| Wenn der Zahn der Zeit den Narziss zernagt.... |
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Wilhelm Genazinos "Lieber Gott, mach mich blind" in den Kammerspielen des Staatstheaters Darmstadt |
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Die Stilmittel der Komödie - vor allem der grotesken Variante - haben sich in den letzten Jahren bei der Interpretation zeitgenössischer Theaterstücke in einem derartigen Maße durchgesetzt, dass der Zuschauer wie in einem pawlowschen Reflex jedes neue Stück als Komödie auffasst und es an dieser Vorgabe misst. So auch bei Wilhelm Genazinos "Lieber Gott, mach mich blind", dem nach dem Schlussapplaus Kommentare wie "das war doch keine Komödie!" folgten. Nun, liest man die Ankündigung und das Programmheft, so ist das wohl wahr: nicht ein einziger Satz spricht von einer Komödie. Nimmt man jedoch die Reaktion des Premierenpublikums - vor allem in der "Anlaufphase" - als Maßstab, so lässt sich deutlich der unbedingte Wille erkennen, dieses Stück als Komödie aufzufassen. Man lachte also an Stellen, die eigentlich gar nicht zum Lachen waren. Vor allem zugespitzte Gemeinheiten und ungewohnte Offenheit der Personen auf der Bühne weckten eine falsche Heiterkeit, die einerseits von einer allgemeinen, talkshow-bedingten Verrohung und andererseits von Beklemmung zeugten. Denn was einen zentral trifft, lacht man gerne hinweg. Wem nicht bereits im Programmheft aufgefallen war, dass er keinen komödiantischen Abend zu erwarten hätte, der musste dies spätestens nach den ersten Szenen erkennen. Geradezu überfallartig präsentieren die Protagonisten einen ausweglosen Psychokrieg, der gerade wegen der Endgültigkeit der Positionen und der Bewegungslosigkeit der Kontrahenten schockiert. Beckett lässt grüßen!
Das Personaltableau besteht aus fünf Personen, in deren Mittelpunkt die sechzigjährige Martha steht. Sie und ihr Mann Robert versuchen bereits seit Jahren, sich gegenseitig aus dem Weg zu gehen, da sie seine Tränensäcke und seine zunehmende Korpulenz nicht mehr erträgt und sich vor allem vor ihren eigenen Schweißausbrüchen und Hautrötungen ekelt. Beide leiden an ihren altersbedingten ästhetischen Mängeln und sind nicht bereit, sie als eine normale Begleiterscheinung des fortschreitenden Lebens zu akzeptieren. Lieber verkriechen sie sich in einem misanthropischen Panzer und leben den Rest ihrer Tage mit reduzierten Lebensfunktionen ab. Emotionen wie Freude und Trauer, Liebe und Hass sind ihnen längst abhanden gekommen, ja, sie schwelgen noch nicht einmal in alten Zeiten. Nur kurz einmal flackert bei Martha eine Erinnerung an ihre ersten Jahre mit Robert auf, aber selbst diese Reminiszenz trägt sie mit dem Sarkasmus der endgültig Desillusionierten vor. Konsequent und kompromisslos überträgt sie diese Haltung auch auf ihren Sohn Andreas, dessen eigene Komplexe wegen seines teigigen Gesichts sie geradezu zynisch-beiläufig bestätigt, und dessen Frau Teresa kommt auch nicht besser weg. Als diese in einem depressiven Anfall von Minderwertigkeitsgefühlen über ihre zerfließende Figur und ihr unerträgliches Gesicht klagt, kommen von Martha nur kurze und schroffe Kommentare. Das Geld, was sie ihr für ordentliche Kleidung in die Hand drückt, trägt wahrlich nicht die Züge eines liebevollen Geschenks, sondern wirkt eher wie eine Unterstützung der notwendigen Instandhaltung. Als dann noch Marthas alte Freundin Iris auf dem Rückweg von einem Einkaufsbummel Station bei ihr macht, ergibt sich ein ausgiebiger "Plausch" über die körperlichen Probleme alternder Frauen, die beide mit der ihnen eigenen Verzweiflung artikulieren. Das mag zwar bisweilen ans Groteske grenzen, entbehrt jedoch jeglicher echten Komik und verweist auf den geradezu blinden Gehorsam gegenüber einer auf Jugendlichkeit und Schönheit eingeschworenen Mediengesellschaft. Genazino braucht hier nicht ausdrücklich auf die Medien zu verweisen, den Zusammenhang setzt er als bekannt voraus. Ihm geht es weniger um Ursachen und "Schuldige" als vielmehr um die Auswirkungen auf den ganz normalen Menschen.
Robert, der bei seiner Rückkehr vom Büro normalerweise niemanden sehen will, sieht sich der unerwarteten Konstellation von zwei, dann drei Frauen gegenüber, die ihn jede auf ihre Art nerven. Er ist längst zum "Untoten" degeneriert, der nach Dienstschluss Bier trinkt und auf der Couch liegt. Seine Frau stellt für ihn lediglich einen Störfaktor dar, und über die Unterstellung seiner Schwiegertochter, er wolle mit ihr schlafen, lächelt er nur müde. Als Iris während eines Zweiergesprächs mit ihm versucht, ihn an alte gemeinsame sexuelle Abenteuer zu erinnern und diese aufzufrischen, bittet er sie lediglich genervt, sich wieder anzuziehen. Die dazu kommende Martha kann nicht einmal mehr Eifersucht aufbringen und fragt die halb bekleidete Iris lediglich, ob man "schon habe" oder erst noch "gewollt habe"..... In diesem Stiel läuft die Handlung eineinhalb Stunden vor sich hin, und hier liegt auch die Schwäche des Stücks. Genazino hat weniger ein Theaterstück mit voranschreitenden Handlungssträngen denn eine Collage aus gleichartigen Szenen mit wechselndem Personal zusammengestellt. Alle Personen leiden unter den gleichen narzisstischen Problemen, jede(r) fühlt sich - zu Recht - von den Mitmenschen nicht mehr akzeptiert, weil er den hohen ästhetischen Ansprüchen nicht mehr entspricht. Das eigentlich Erschreckende in dieser Konstellation besteht darin, dass alle Beteiligten diese - vermeintliche oder echte - Nichtachtung akzeptieren, da sie sie selbst verinnerlicht haben. Sie sind selbst alle Mitglieder des allgemeinen Jugendwahn-Clubs und begehen schon vor der Zeit inneren Selbstmord wegen Überflüssigkeit. Dass Theresa am Ende ausbricht, ist nicht ihrem Protest gegen diese gesamte Scheinwelt geschuldet, sondern eher der persönlichen Zumutung Roberts, mit ihm zusammen einen "Club der Toten" zu gründen, der sich von den anderen Scheinlebenden abgrenzt. Ihr Ausbruch aus dieser Befindlichkeitshölle lässt keine Besserung an einem Orte erwarten, da sie selbst sich ebenso wenig von ihrer ästhetischen Selbstverachtung lösen kann. Fast möchte man am Schluss zitieren "der Rest ist Schweigen". Regisseur Henri Hohenemser und Bühnenbildner Stelios Vasikaridis siedeln das Personal dieses Stücks auf einem nach zwei Seiten offenen Bühnenpodest an, das eine übergroße Sitzgruppe dominiert. Die wenigen Szenenwechsel in dem Einakter erfolgen durch kurze Abdunklung und Rearrangierung des Personals. Auf ablenkende Requisiten verzichtet die Inszenierung vollständig, die Konzentration gilt ganz den Worten. Der rechteckig angeordnete Zuschauerraum fasst die Bühne von zwei Seiten ein und integriert auf diese Weise Bühnengeschehen und Publikum. Auf diese Weise verstärkt sich zwar die Übertragung der Aussage auf die Zuschauer - wir sind hier nicht unbeteiligte Konsumenten einer bissigen Komödie -, doch für die Darsteller heißt es, abwechselnd nach zwei Seiten präsent zu sein, um mit allen Zuschauern Augenkontakt aufzunehmen. Dabei versuchen gerade die Frauen ihren Befindlichkeitsplausch am Rande der Bühne sozusagen mit dem Publikum als "Dritten am Tisch" zu halten, als befinde sich dieser anonyme Tischgast in derselben Situation. Auch hier entlädt sich eventuelle Betroffenheit in Lachen über die ausgetauschten Bosheiten.
Die Darsteller haben eine schwierige Aufgabe zu bewältigen, nicht nur wegen der räumlichen Anlage - das ist lediglich ein technisches Problem - sondern auch dabei, die Spannung in dieser sich wie ein Endlosband wiederholenden Litanei aufrecht zu erhalten. Wo eine wirkliche Handlung fehlt, müssen Worte und Ausdruck diese ersetzen. Den fünf Protagonisten gelingt dies in überzeugender Manier, allen voran Margit Schulte-Tigges, die ihrer Martha eine derart mausgraue Verlorenheit verleiht, dass man fast schon um ihren verstand fürchten muss. Jegliche Farbe ist aus ihrem von schweißnassen Haaren passend eingerahmten Gesicht gewichen, und aus ihrer Mimik spricht eine grenzenlose Hoffnungslosigkeit. Man kann sich vor dieser Frau und ihren messerscharfen Kommentaren geradezu fürchten. Hildburg Schmidt als Iris bildet den dramaturgischen Widerpart zu Martha. Sie spielte eine Iris, die das Alter einfach ignorieren möchte und die Jugend wie ein Perpetuum Mobile ewig währen lassen will, obwohl sie durchaus auch ihren eigenen körperlichen Verfall in manchen Momenten depressiv beklagt. Zusammen mit der knochentrockenen Martha ergeben sich reizvolle Dialoge, die durchaus einer schwarzen Komik nicht entbehren, obwohl diese Komik das Lachen im Halse ersticken lässt. Aart Veder gibt den Robert als maulfaulen "Untoten", der nur noch seine Tage absitzt und an nichts und niemand mehr ein Interesse zeigt. Mancher Kommentar könnte bei ihm noch etwas gemeiner, gehässiger oder gleichgültiger kommen, bisweilen leuchtet so etwas wie ungewolltes Format hindurch, das Genazino sicher nicht beabsichtigt hat. Doch das ist angesichts dieser sprachlich knappen Rolle leichter gesagt als getan, die auf Wortkargheit angelegt ist. Maika Troscheit fackelt als Jung-Verzweifelte ein Feuerwerk an innerem Aufruhr ab und zieht dabei sämtliche mimischen Register. Sie ist wohl die Einzige in dieser Ansammlung von Dahinsiechenden, die noch irgendetwas vom Leben erwartet, obwohl sie es nicht benennen kann und ebenfalls den Zwängen des Schönseins unterworfen ist. Martin Maria Eschenbach schließlich hat die undankbarste Rolle, da er nur mit knappen Auftritten und immer derselben Attitüde des "dickbramsigen", gleichgültigen Prolo-Paschas ins Rennen geschickt wird. Immerhin erstaunlich, wie es der schlanke Eschenbach schafft, glaubwürdig einen Dreißigjährigen mit beginnender Dickleibigkeit darzustellen. Nach eineinhalb Stunden ist dann das Pulver verschossen und alles über die Auswirkungen des Jugendwahns und der Jagd nach Schönheit gesagt. Man hätte sich ein wenig mehr dramaturgische Struktur in diesem Stück gewünscht, sprich so etwas wie eine fortschreitende Handlung. So wirkt das Stück eher wie ein Torso, den das Ensemble jedoch mit Engagement und darstellerischem Können glaubwürdig interpretierte. Frank Raudszus Alle Fotos © Barbara Aumüller |