Das Böse als Selbstinszenierung

Shakespeares "Macbeth" im Frankfurter Schauspiel

 

Aktualisierungen klassischer Stoffe haben sich schon seit langem als probate Methode erwiesen, diesen neue Aspekte abzugewinnen. Moderne - oder zumindest zeitlose - Kleidung und "zeitgemäße" Sprache tragen dazu ihren Teil bei. Dennoch geht man zu einer Neu-Inszenierung immer mit einer gewissen Erwartungshaltung, denn wer kann sich schon vor einer "Macbeth"-Aufführung von jedem Vorwissen befreien? Also erwartet man das Böse, an dem die Protagonisten zugrunde gehen, das über sie hinauswachsende schlechte Gewissen, das sie in den Wahnsinn treibt, die Dämonen der Untat - "the evil that men do" -, die sie in den Untergang jagen. 

Ruth Marie Kröger, Anne Müller, Abak Safaei-Rad als die drei Hexen

In Frankfurt kommt die Inszenierung von Jens Groß durchaus nicht archaisch böse daher sondern mit einem Anflug der Beliebigkeit. Sind bei Shakespeare - oder besser gesagt: so wie wir ihn bisher gesehen haben - die Personen noch authentisch, so stellt Groß diese Authentizität in Frage. Das authentisch Böse ist eins mit der Person, lebt in ihr und mit ihr, die Figuren reflektieren sich nicht und stellen sich damit selbst nicht in Frage. Das bedeutet nicht, dass sie mit ihren Handlungen in Einklang leben, doch wird das Scheitern immer als etwas Elementares, Schicksalhaftes erfahren. So verfolgt Lady Macbeth ihren Plan, König Duncan zu ermorden und ihren Mann an dessen Stelle zu setzen, mit eiserner Härte und Skrupellosigkeit, verfällt jedoch in Wahnsinn, als sie merkt, dass ihr das Geschehen aus den Händen gleitet und zum Desaster gerät. Macbeth selber kämpft zwar innerlich zwischen Loyalität und Machtgier, aber folgt der mörderischen Linie konsequent und schicksalsgläubig, nachdem er einmal den entscheidenden Schritt getan hat. In der Frankfurter Inszenierung zeigen sich zwei scheinbar unbedeutende Merkmale aus ausschlaggebend: Hauptdarsteller Christian Kuchenbuch lässt einen Anflug von Berliner Tonfall erkennen. Damit transportiert er eine gewisse Schnoddrigkeit in diese Rolle, die diesem Akzent nun einmal eigen ist. Will man nicht annehmen, dass dieser Umstand auf einem handwerklichen Lapsus beruht - und das sollte man nicht tun -, so muss man Absicht unterstellen. Dies fällt umso leichter, als sich auch die junge Katrin Grumeth als Lady Macbeth bei den Wortendungen einer ähnlichen Ausdrucksweise bedient. Sie wirkt zeitweise wie eine "Göre", die unbedingt ihren Willen durchsetzen will. Damit fallen schon beide Hauptdarsteller aus einem authentischen Rahmen, der die Handlung gegen alle äußeren Referenzen abschließt. Weitere Indikatoren für eine bewusste Neu-Interpretation des Stücks liegen in der Sprache, die nahe an die heutige Umgangssprache herangeführt wird - zu Beginn bricht Banco in den verärgerten Ausruf "Nun mach mal 'nen Punkt!" aus -, eine zeitweise durchscheinende, distanzierende Ironie - die "öffentliche Erhängung von Macbeths Vorgänger im Amt weckt alles andere als  Entsetzen - sowie in den Rollen der Hexen. Diese sind bei Groß nicht drei Gestalten aus dem Grimmschen Märchenbuch mit Hakennase und Warzen, sondern drei attraktive junge Damen, die dem Geschehen von Anfang bis Ende folgen und sich in deutlicher, bisweilen derber Form über die kriegerische (Sexual-)Herrschaft der Männer auslassen. Leicht kann man sie als Edelprostituierte der männlichen Machtwelt identifizieren, die jedoch mit den Opfern dieser Welt kein Mitleid zeigen. Dieser durchgehende Trend, die Opferrolle der Frauen und den Chauvinismus der Männer hervorzuheben, mag zwar generell den Kern der Wirklichkeit treffen, liegt aber gerade bei Macbeth eine Spur "daneben", da hier nun einmal die Frau als Inkarnation des Bösen auftritt. Doch sei's drum, die Hexen in ihrer permanenten Präsenz haben trotz dieser Inkongruenz mit dem Handlungsablauf einen durchaus gerechtfertigten Stellenwert, brechen sie doch - ebenso wie die beiden Hauptdarsteller - immer wieder den Rahmen der blutrünstigen Handlung auf und verweisen den Zuschauer auf das Externe, sprich: auf den Bezug zum Allgemeinen und speziell zum Heutigen. Letzteres betont die Inszenierung zusätzlich mit Rampentexten, wenn die Darsteller, vornehmlich Macbeths Henker McDuff, ihre politischen und menschlichen Erkenntnisse mit einer solchen Betonung ins Publikum schleudern, dass die Aktualität der Botschaft nicht mehr zu überhören ist.  Die Umsetzung ins moderne Deutsch nimmt diesen Texten dabei alles Archaische, Mythische, und legt den (Zeige-)Finger auf unsere heutigen Wunden, wobei dieser teilweise vorher ein wenig zu deutlich gehoben wird.

Christian Kuchenbuch als Macbeth

Zurück zu den Protagonisten: bei aller Skrupellosigkeit und ungehemmter Machtgier erscheinen die beiden eher wie zwei dekadente Promis, die sich aus Langeweile als Macbeth und seine Gattin selbst inszenieren. Die Schauspieler spielen zwei Figuren, die sich selbst spielen. Ein Schauspieler ist ein Schauspieler ist ein Schauspieler, oder: wie kann ich mein Leben aufregender gestalten, zum Beispiel durch Bosheit. Die mediale Gegenwart hat uns in den letzten Dekaden genug Beispiele von perfekt inszenierten Verbrechen vorgeführt, wobei wir nicht bis zum 11. September zurück gehen müssen. Dazu gehören ebenso anonyme Terroristen, die Aufmerksamkeit herbeibomben, wie eindeutig identifizierte Täter, die dem Motto der "fünfzehnminütigen Berühmtheit" folgen. Im öffentlichen Raum zeigen sich extreme Tabubrüche nicht mehr als autonome Zeichen ihrer selbst sondern zunehmend als medial vermittelte Schauspiele, die den Darstellern Sichtbarkeit und Aufmerksamkeit garantieren. 

Das Schauspiel Frankfurt hat zu dieser Inszenierung einen Kommentar des Regisseurs beigefügt, der sozusagen bereits die Interpretation vorgibt. Abgesehen davon, dass dies eine unterschwellige - wenn auch legitime - Beeinflussung des Rezipienten darstellt, sollte man sich diese Eigeninterpretation entweder erst nachher oder gar nicht zu Gemüte führen, da sie die eigene Sicht leicht verstellt. In diesem speziellen Fall lässt sich allerdings auch "à posteriori" nur schwer eine Kongruenz zwischen Inszenierung und eigener Vorgabe finden. Sicher, viele Details wie die Hexen oder die öffentliche Hinrichtung des illoyalen Gefolgsmannes erfahren jetzt eine nähere Erklärung, aber der Gesamteindruck ergibt sich doch immer aus dem, was auf der Bühne geschieht, und nicht aus dem erklärenden Text. Und so bleiben auch wir bei der Einschätzung einer inszenierten Inszenierung, die scheinbar urmenschliche, "authentische" Tabubrüche in die Zurschaustellung übersteigerter Egos umdeutet.

Unter diesem Gesichtspunkt stimmen dann auch die schauspielerischen Leistungen. Der leicht schnoddrige Tonfall von Christian Kuchenbuch signalisiert Macbeths geringe Achtung vor der ihn umgebenden Welt einschließlich König und Fahneneid, Katrin Grumeths Görentonfall kennzeichnet ihre Figur als die verwöhnte und egomane Promi-Frau. Madonna lässt grüßen.

Katrin Grumeth als Lady Macbeth

Eine "Wertsteigerung" erfährt in dieser Inszenierung McDuff, der nicht nur Macbeth schließlich das Ende bereitet sondern auch noch inhaltsschwere Worte an das Publikum richtet. Seine menschliche Tragödie gewinnt dadurch an Kontur, dass seine Frau und sein Sohn auf offener Bühne umgebracht werden. Oliver Kraushaar verleiht dieser Figur ein menschliches und vor allem leidendes Gesicht, und am Ende sieht man in seinem McDuff keinen rachsüchtigen und blutgierigen Rächer, sondern einen gebrochenen Menschen, der lediglich die Welt wieder ins Lot bringen will.

Robert Kuchenbuchs Banco kommt sperrig und voll drohender Rechtschaffenheit daher, somit Macbeth eine weitere Gewissenslast aufladend. Dieser Banco bleibt zwar im Hintergrund, aber seltsamerweise stets präsent. So wie er sich als Figur in das Gedächtnis des Zuschauers einprägt, so prägt er sich auch als Gefahr für Macbeths Königswürde für diesen ein. Banco geht als stetes Menetekel über die Bühne, bis zu seinem Tod durch die von Macbeth gedungenen Mörder.

Das Blut spielt in dieser Inszenierung eine zentrale Rolle, aber eher als Befleckung der Täter denn als realistische Darstellung der Morde. Duncan stirbt hinter der Bühne, Banco halb verdeckt auf der abgedunkelten Bühne. Man war sich offensichtlich der Nähe überdeutlicher Realität zur Lächerlichkeit bewusst und verzichtete daher auf den sichtbaren Dolchstoß. Die von Blut triefenden Hände Macbeths und seiner Frau stehen ihnen geradezu als Zeichen ihrer Schuld vom Körper ab, und McDuff zeigt zum Schluss seinen blutüberströmten Oberkörper mit traurigem Stolz.

Regisseur Jens Groß unterlegt dem Stück ein hohes Tempo, so dass sich eine Pause erübrigt. Das gereicht der Inszenierung zum Vorteil, weil so höhere Dichte und Konsistenz entstehen, bisweilen wirken die Szenen dadurch jedoch auch ein wenig hektisch, wie abgespult. Doch das mag in der Intention des Regisseurs gelegen haben, den Bezug zu einer medial bestimmten und beschleunigten Gegenwart herauszuarbeiten.

Das Publikum honorierte die Leistung des Ensembles mit lang anhaltendem und kräftigem beifall.

Die nächsten Aufführungen finden am 1. und 15. April statt.

Frank Raudszus