Modernes Märchen mit schräge Szenen 

Rebekka Kricheldorfs Farce "Prinzessin Nicoletta" bei den Barfestspielen der Darmstädter Kammerspiele

 

Die mit Einpersonen-Stücken - St. Nicholas und Rum&Wodka - eingeleiteten Barfestspiele des Staatstheaters Darmstadt entwickeln sich zunehmend zu einer theatralischen "Parallelwelt". Nachdem bereits Salome den Personenkreis erweitert hatte, steht nun bei "Prinzessin Nicoletta" ein ausgewachsenes Ensemble aus sieben Schauspielern auf der improvisierten "Bühne". Dazu hatte man die langgestreckte Bar von Gästen - d.h. von Sitzgelegenheiten - befreit und stattdessen am Kopfende des Raumes einen kleinen Zuschauerraum improvisiert. Ansonsten dienten die Bar und ihre Requisiten als Bühne. Um es gleich vorweg zu sagen: das Experiment mit einem "voll ausgebauten" Theaterstück in diesem wirklich nicht als Bühne konzipierten Raum ist voll gelungen. Durch die fehlende Distanz zum - allerdings kleinen - Publikum entsteht eine fast familiäre Stimmung, die sowohl die Darsteller impulsiver und natürlicher reagieren lässt als auch dem Publikum eine zumindest "gefühlte" Teilnahme erlaubt. Die Schauspieler können sich auf natürlich gesprochene Sätze beschränken, ohne immer wieder an die Verständlichkeit auch in der 18. Reihe denken zu müssen, und wirken dadurch natürlicher. Sicherheitshalber hatte man für diesen "Versuch" ein groteskes Stück ausgewählt, dessen schräger Witz im Bedarfsfall auch bühnentechnische Schnitzer überdeckt hätte, frei nach dem Motto: "Alles nicht so ernst gemeint!". Dass es dazu nicht kam, war dem Engagement und dem Geschick der Darsteller zu verdanken.

Hubert Schlemmer (Koch Moritz) und Julia Glasewald (Prinzessin Nicoletta)  

Die Ausgangsposition erschien seltsam bekannt: ein Herrscherpaar  - statt durch Erotik nur durch gemeinsame Herkunft zusammengehaltene Geschwister - steht einem bankrotten Land vor. Von "Regieren" lässt sich hier nicht mehr reden, weil kein Geld mehr da ist, die Armee längst aufgelöst ist und kaum noch die nötigen Eigenmittel für die standesgemäße Selbstversorgung zur Verfügung stehen. Um der Not zu entkommen, soll Prinzessin Nicoletta, die Tochter des Königs, an einen "osmanischen" Prinzen verheiratet werden. Leider verliebt sie sich jedoch in das Essen des tief im Keller werkelnden Kochs und damit auch gleich in diesen und steht den dynastischen Rettungsplänen nicht mehr zur Verfügung. In einer Krisensitzung entschließen sich die Geschwister, sie an der "Hexenpest" sterben zu lassen, um den Prinzen zur überstürzten Abreise zu veranlassen, bevor er die wahren Hintergründe ahnt. Da damit jedoch auch die finanzielle Unterstützung des "Osmanen"-Reiches hinfällig wäre, präsentiert sich flugs die alternde Königsschwester Leonor als Alternative zu Nicoletta in der Hoffnung auf reiche finanzielle wie erotische Ernte. Letztendlich macht ihnen jedoch das Personal einen Strich durch die Rechnung. Der Koch weist - frei nach "Puntilas Knecht" - die fragwürdige Ehre einer prinzesslichen Liaison zurück und erzürnt damit Nicoletta, die Bedienung Änne lässt in einer Aufwallung von Ärger den Schwindel mit der angeblich an der Pest verstorbenen Nicoletta auffliegen und den Prinzen samt beratendem Wesir unter der Drohung militärischer Konsequenzen abreisen. Anschließend richtet die königliche Familie den Koch als Alleinschuldigen hin und harrt im vorauseilenden Entsetzen der gegnerischen Armee.

Matthias Kleinert (König Philipp) und Margit Schulte-Tigges (Leonor)   

Das Ganze wäre natürlich als ernsthaftes Theaterstück reichlich eindimensional und passte eher in die Kategorie "Klamotte". Regisseurin Ina Annett Keppel verleiht dem Stück jedoch mit einer stark ironisierenden Dramaturgie und mit bewusst eingesetzten sprachlichen Spielen eine Aussage über die Vordergründigkeit hinaus. Das fängt schon mit dem Herrscherpaar an, das eine geradezu perfekte Metapher einer großen Koalition darstellt. Man liebt sich nicht, aber man muss zusammen regieren, und dabei versucht jeder, für sich das Beste herauszuschlagen und den anderen über den Tisch zu ziehen. Die Autorin muss also bereits 2003 die heutigen politischen Zustände in diesem unseren Lande vorhergesehen haben. Die Anordnung der Personen wiederum verweist auf die klassische Komödie à la Molière: dem dekadenten und ein wenig tumben Herrscherpaar sind handfeste und aufs Pragmatische ausgerichtete Dienstboten zugeordnet, die nicht nur ihren Arbeitsbereich im Griff haben sondern auch den Lauf dieser Welt durchschauen und im Zweifelsfall nach ihren Vorstellungen lenken. Die beiden Königskinder verweisen wiederum auf Büchners "Leonce und Lena", und das nicht nur von der Konstellation, sondern auch sprachlich. Denn immer wieder vermischt die Autorin gekonnt die Theatersprache des frühen 19. Jahrhunderts mit aktuellem Alltagsjargon. Das zeitigt durchaus reizvolle Effekte und verleiht der Inszenierung ein surrealistisches Flair. Um alle die Zitate zu erkennen, müsste man den Text detailliert durchgehen, doch manches fällt unmittelbar auf, so wenn der Koch und Nicoletta einen Dialog à la "Rotkäppchen und der Wolf" präsentieren. Auch die Rollen des osmanischen Prinzen und seines Wesirs bergen einiges an satirischem und zeitkritischem Potential. Sie stehen für die wachsende Furcht vor der asiatischen Macht ("Die Chinesen kommen!") und bedienen oder besser karikieren diese von Vorurteilen gesättigte Furcht mit Kung Fu Fighting, exotischen Gewändern und Tätowierungen. Die Übernahme des bankrotten Staates durch die dynamischen Asiaten hängt sozusagen wie ein Damokles-Schwert über seinen Bewohnern. 

Iris Melamed (Änne) und Hubert Schlemmer  

Die Darsteller haben offensichtlich viel Spaß an der Inszenierung und verleihen ihren Rollen viel Kontur und scharfen Witz. Margit Schulte-Tigges gibt eine so berechnende wie nach einem zweiten Frühling hungrige "First Lady", die ihren Bruder jederzeit im Griff hat. Diesen gibt Matthias Kleinert als selbstmitleidigen Ironiker, dessen Ironie aber nur knapp die blanke Verzweiflung und Ohnmacht kaschiert. Julia Glasewald spielt eine naiv-kokette Nicoletta, die sich ihrer Bedeutung durchaus bewusst ist und ihre egozentrischen Launen gezielt ausspielt. Iris Melamed mischt Ännes kalter Dienstbarkeit eine gehörige Portion Zynismus und mühsam im Zaum gehaltenes Rebellentum bei, das dann am Schluss doch mit ihr durchgeht. Hubert Schlemmer repräsentiert in dieser Farce das kleine Volk, das tief im Keller schuftet und in typisch misstrauischem Trotz alle Angebote von "denen da oben" aus schlechter Erfahrung ablehnt. Er möchte nur in Ruhe seiner Kochpflicht nachkommen. Tom Wild lässt als mal jugendlich-rebellischer, mal großkotziger und - mäuliger Prinz seinen Emotionen die Zügel schießen, und Aart Veder schließlich gibt als Wesir den allzeit smarten und berechnenden Politiker, der nichts dem Zufall überlässt, überall den Betrug wittert und selbst jederzeit zu einem solchen bereit ist.

Alles in allem eine sehr spritzige, temporeiche Inszenierung, die nicht mehr (Tief-)Sinn in das Stück hineinpackt als nötig, aber auch nicht weniger. Das Publikum dankte es dem Ensemble mit lang anhaltendem Beifall.

Frank Raudszus

Alle Fotos © Barbara Aumüller