| Macht (m/M)acht Menschen ohnmächtig (?) |
![]() |
David Mamets Einakter "Oleanna" im Chorsaal des Staatstheaters Darmstadt |
|
Der Chorsaal des Staatstheaters, ansteigend wie ein Hochschul-Hörsaal und als Übungsort für den Chor gedacht, scheint sich als Ort universitärer Themen zu etablieren. Nach dem Einakter "Das Meisterverbrechen" über die Abschiedsvorstellung eines zwangspensionierten Professors im Frühjahr des Jahres spielt sich jetzt wieder ein brisantes menschliches Drama in diesem dem akademischen Lehrbetrieb nachempfundenen Raum ab. Dieses Mal jedoch geht es nicht um einen finalen Monolog sondern um einen außer Kontrolle geratenden Dialog, der fast harmlos beginnt und in der Katastrophe endet. In der Sprechstunde des Professors John (Andreas Manz) erscheint die so verschüchterte wie angespannte Studentin Carol (Julia Glasewald), um über ihre offensichtlich unzureichenden Leistungen zu reden. John versucht auf sie einzugehen, wobei er jedoch ihre zaghaften Erklärungsversuche jedes Mal unterbricht und mitdenkend selbst zu Ende führt, so dass sie keine Gelegenheit findet, ihre eigenen Gedanken und Empfindungen mit ihren begrenzten sprachlichen Mitteln auszudrücken. Unabsichtlich deckt er sie mit seiner verbalen und intellektuellen Überlegenheit buchstäblich zu. Auf ihr Eingeständnis, sich dumm zu fühlen und genauso von der Umwelt betrachtet zu werden, reagiert er - durchaus menschlich - mit dem Eingeständnis des selben Gefühls, gibt dabei Beispiele aus seinem Leben, führt am Beispiel einer Statistik über das sexuelle Verhalten verschiedener Bevölkerungsgruppen die Fragwürdigkeit der Wissenschaft aus und erwähnt sogar Probleme mit seiner Frau. Er erzählt ihr auch unaufgefordert, dass seine Bestallung als ordentlicher Professor durch die Berufungskommission so gut wie durch ist, und muss während des Gesprächs ständig private Telefonanrufe seiner Frau wegen eines bevorstehenden Hauskaufs beantworten. Um Carol zu helfen, bietet er ihr an, den Seminarstoff in einigen separaten Sitzungen noch einmal mit ihr durchzugehen, wobei er seiner Meinung Ausdruck verleiht, dass sie am Ende eine sehr gute Note erreichen werde. Ihre Frage nach dem Grund seiner Hilfsbereitschaft beantwortet er mit reiner Sympathie. Als sie dennoch in einem Anfall von Depression in Tränen ausbricht, legt er beruhigend die Hand auf ihre Schulter, und als sie schließlich verzweifelt aus dem Raum stürzen will, versucht er sie festzuhalten und zu beruhigen, was sie jedoch erst richtig in Panik versetzt.
Bis hierher sieht sich der Zuschauer auf der Seite des Professors, mit einigen Abstrichen wegen seiner verbalen Dominanz, und hofft, dass sich das Mädchen mit seiner Hilfe wieder fängt. Die zweite Szene jedoch bringt die Überraschung: Carol hat mit Hilfe ihrer studentischen Gruppe eine Beschwerde bei der Berufungskommission eingereicht, in der sie John als sexistisch, elitär, inkompetent und arrogant bezeichnet und ihn sogar der sexuellen Belästigung in Wort und Tat - Hand auf der Schulter, Verweis auf Probleme mit seiner Frau, Erwähnung sexueller Themen, Angebot des Einzelunterrichts - bezichtigt. Für John bedeutet das eine unmittelbare Gefährdung seiner Berufung und er versucht, die erste Begegnung in sachlicher Weise Revue passieren zu lassen. Er sieht sich dabei jedoch zu seinem wachsenden Entsetzen einer nun wesentlich selbstbewussteren jungen Frau gegenüber, die alle ihre Ausführungen und Behauptungen aus seinen Worten und Handlungen herleitet und belegt. Die anfangs abstrus anmutenden Unterstellungen entwickeln jedoch ein erstaunliches Eigenleben und zunehmende Konsistenz. Denn tatsächlich hat sich John jovial-sexistisch verhalten, wenn auch unbewusst. Er meinte, der jungen Studentin ungefragt die Hand auf die Schulter legen zu dürfen, er glaubte, ihr ins Wort fallen zu dürfen und sie mit seinem überlegenen Vokabular belehren, sprich: verunsichern zu dürfen; und er war der Meinung, als unangreifbarer Professor auch sexuelle Themen nach eigenem Belieben - natürlich rein sachlich - in das Gespräch einflechten zu dürfen. Unbewusst und ohne böse Absichten hat er seine Macht als Noten verteilender Lehrer schrankenlos ausgeübt und ausgeweitet, ohne sich dabei darüber Gedanken zu machen, was diese auf das Mädchen niederprasselnden verbalen Sturzbäche bei ihr bewirken. Insofern hat Carol in allen Punkten Recht, wenn auch in einem Raum außerhalb der rein sachlich angeordneten legalen Welt, in der sich John nichts hat zuschulde kommen lassen. Hier treffen zwei inkommensurable Welten aufeinander: die Welt des dozierenden und in der Wahl seiner Mittel - im Rahmen gewisser Grenzen - weit gehend freien Hochschullehrers, der nur den sachlichen Argumenten und den Aufgaben des universitären Betriebes sich verpflichtet fühlt, und die Welt einer verstörten und verunsicherten jungen Frau, die in diesem Professor den Vernichter ihrer Lebenschancen und damit den Vergewaltiger ihres innersten Wesens sieht. Dabei geht es weniger darum, wer von den beiden "Recht" hat - schließlich ist eine Universität und das gesamte Bildungswesen nicht ohne gewisse Regeln und Leistungsnachweise denkbar -, sondern es geht um die Lebenswelten und die Sichtweisen von Mächtigen und Ohnmächtigen, die prinzipiell diametral zueinander stehen. Wer Macht hat, wendet sie angeblich zum Besten des Ohnmächtigen an, der nur leiden oder revoltieren kann. Letzteres tut Carol mit aller Konsequenz, indem sie ihre Weltsicht ohne Rücksicht auf irgendeine "objektive" Sicht der Ereignisse durchsetzt und dabei die herrschende "political correctness" kaltblütig für sich benutzt. Die dritte Szene bringt dann noch einmal die selbe Konstellation, jetzt aber in räumlicher Vertauschung. John sitzt zwar weiterhin am Schreibtisch, jetzt aber links, und Carol auf dem Stuhl auf der rechten Bühnenseite. Diese Vertauschung drückt die Machtverschiebung geradezu plakativ aus, wobei dem Zuschauer auffällt, dass in der bildlichen Darstellung der Paarung Macht-Ohnmacht der Mächtige immer rechts sitzt und der Ohnmächtige von links naht, was wohl mit der Unsymmetrie des menschlichen Wesens - Rechtshänder, Linkshänder - zu tun haben muss. Carol sitzt jetzt auch nicht mehr zusammengesunken und in sich gekrümmt da, sondern aufrecht und vorgebeugt, aufmerksam und aggressiv. John dagegen zeigt sich nur noch als zitterndes Nervenbündel, der den Verlust der Professur noch nicht verwunden hat, der seine Zukunft dahin schwinden sieht und in einem letzten Gespräch mit Carol mehr nach den Gründen zu forschen sucht als wirklich noch an eine Wende glaubt. Wo er von "Anschuldigungen" spricht, verweist sie mit zunehmender Lautstärke und Aggressivität auf Tatsachen. Ihr unerwartet schneller und vollständiger Erfolg hat sie längst über eine abwägende Betrachtung der Ereignisse hinweg getragen und sie schleudert ihm jetzt alle Frustrationen und Minderwertigkeitsgefühle ihres studentischen Daseins in Form sich permanent steigernder Beschimpfungen und Anklagen ins Gesicht, so dass er kaum noch zu Wort kommt. Doch selbst seine langsam wachsende Erkenntnis eigener Unzulänglichkeiten und Fehler führen bei ihr nicht zu Entgegenkommen sondern zu einem geradezu furiosen Endspurt, in dem sie ihm auch noch die Ankündigung eines Strafprozesses wegen versuchter Vergewaltigung an den Hals wirft. Als sie dem kurzfristig mit seiner Frau telefonierenden John lakonisch verbietet, seine Frau "Baby" zu nennen, verliert dieser endgültig die Fassung und es kommt zum katastrophalen Finale.
Was anfangs wie eine Anklage gegen überzogene "political correctness" und kaltblütige Ausnutzung herrschender zwischengeschlechtlicher Phobien und zementierter Regularien scheint, entwickelt sich mit zunehmender Dauer zu einer ernsthaften und vielschichtigen Auseinandersetzung über das Verhältnis zwischen Mächtigen und Ohnmächtigen, wobei im besonderen das Verhältnis Mann-Frau eine Rolle spielt. Hinter dem Alltagsbetrieb in Firmen, Behörden und Institutionen vermutet der Autor ein dichtes Geflecht von Machtausübung und -missbrauch, das nicht unbedingt auf böser Absicht sondern eher auf Gewöhnung und Tradition beruht. Die Inhaber der Macht - meist Männer - sind es gewohnt, diese weit auszulegen, und meinen dies auch noch zum Wohle des Unterlegenen zu tun. Im Falle von Frauen als Untergebene kommt dazu noch eine im besten Falle joviale Überlegenheitsgeste, die damit kokettiert, die Frau NICHT stante pede zu vergewaltigen sondern ihr noch eine gewisse Galgenfrist zu geben. Der Mann als Machtinhaber betreibt jedoch diese Vergewaltigung zumindest im Geiste und - so er kann - auf intellektuellem Gebiete. Er rächt sich sozusagen mit intellektueller Gewalt für die gesellschaftlich bedingte Versagung der sexuellen Gewalt, die den Männern in ursprünglichen Völkern vermeintlich oder tatsächlich zustand. Insofern endet das Stück Remis, wenn man die beiderseitigen Exzesse gegeneinander aufrechnet. Wie wir aus vielen Gerichtsprozessen über Beziehungstaten wissen, kann sich der Mann nur noch mit äußerer Gewalt gegen die psychologische Gewalt der Frau wehren. In "Oleanna" steigern sich diese beiden Varianten der Gewalt bis zum eruptiven Klimax, wobei am Ende nicht zu entscheiden ist, wer von beiden grausamer und ungerechter ist. David Mamets Stück ist von einer geradezu depressiven Melancholie, weist es doch keinen Ausweg aus der Sprachlosigkeit zwischen Menschen verschiedener Machtebenen und zeigt außerdem, dass der eben noch Unterdrückte im Handumdrehen die selben und noch schlimmere Methoden sich zu eigen macht, sobald er - in diesem Falle sie - die Macht in den Händen hält. Fast möchte man am Schluss zitieren: "Der Rest ist Schweigen". Julia Glasewald und Andreas Manz leisteten an diesem Abend Besonderes. Vor allem Julia Glasewald als die wesentlich Jüngere schwang sich zu einer derartigen Identifikation mit ihrer Rolle auf, das man sich zeitweise richtig fürchten konnte vor diesem kompromisslosen Wesen, dass einen Menschen mit rasender Wut vernichtet. Die Verwandlung von dem verschüchterten Mädchen ohne jegliches Selbstbewusstsein zu einer knallharten, machtbesessenen und Macht ausübenden jungen Frau gelang ihr in geradezu Furcht erregender Weise, und wie sehr sie in der Rolle aufging, war daran zu ermessen, dass sie erst einige Minuten nach dem Einsetzen des Applauses ein Lächeln hervorbrachte. Andreas Manz stand ihr in keiner Weise nach. Auch er verwandelte sich in überzeugender und erschreckender Weise von einem überlegen-intellektuellen Professor mit leicht kokettierender Attitüde über einen verunsicherten, nach dem Strohhalm der Rationalität suchenden Mann zu einem seelischen Wrack, dessen Arm permanent zittert (wie macht er das bloß?) und der zunehmend seine verbale Überlegenheit einbüßt, und schließlich zum unkontrollierten, rasenden Berserker, der sich der puren Gewalt hingibt. Der Slogan "Mach Dir ein paar schöne Stunden, geh' ins Theater" passt zu dieser Inszenierung sicherlich nicht, und viele Zuschauer werden nach dem langen und sehr emphatischen Applaus nachdenklich nach Hause gegangen sein. Frank Raudszus Alle Fotos © Barbara Aumüller |