Subversive Barock-Ironie in frechem Kleide

John Dew inszeniert in Darmstadt Monteverdis Oper "L'incoronazione di Poppea"

 

Die Oper steckte Anfang des 17. Jahrhunderts noch in den Kinderschuhen, und der Begriff "Musiktheater" wird dieser Gattung eher gerecht als das, was wir angesichts der weiteren Entwicklung mit Mozart, Verdi und Wagner unter "Oper" verstehen. Nun diente dieses frühe Musiktheater ursprünglich der Unterhaltung des Hofes, denn nur der konnte sich ein ständiges Orchester und das zugehörige Sänger-Ensemble leisten. Versteht sich, dass Librettisten und Komponisten nicht gerade verfängliche oder gar fürstenfeindliche Themen auswählten. Die negativen Folgen einer in dieser Hinsicht zu freien Entscheidung bekam Mozart noch Ende des 18. Jahrhunderts mit "Figaros Hochzeit" schmerzlich zu spüren. 

Katrin Gerstenberger (Nero) und Mary Anne Kruger (Poppea)

So beschränkte man sich denn gerne auf mythische oder antike Themen, wie im Falle der Oper "L'Orfeo" von Claudio Monteverdi. Umso erstaunlicher liest sich vor diesem Hintergrund die Handlung von Monteverdis "L'incoronazione di Poppea" über den römischen Kaiser Nero und seine Geliebte Poppea, die er - trotz doppelter ehelicher Bindung - zur Ehefrau und Kaiserin machen wollte. Denn hier geht es wahrlich liederlich zu. Nicht nur, dass Nero seine Ehefrau einfachkeitshalber verbannt oder den ihm widersprechenden Lehrer und Philosophen Seneca zum Selbstmord zwingt, nein, das Libretto lässt sich auch genüsslich über die gleichgeschlechtlichen Eskapaden des Kaisers und seines Hofes aus. Zwei Szenen bringen dies in aller Deutlichkeit auf die Bühne, wobei die zweite, geradezu blasphemische, auf dem Sarg des toten Seneca stattfindet. So etwas wäre bei Hofe ein Grund zur sofortigen Festnahme gewesen, und die Kirche hätte solche Lästerungen schon gar nicht zugelassen. Die Erklärung ergibt sich wohl aus einer anderen Eigenart, nämlich der der fehlenden Partitur: zu dieser Oper gibt es nur Gesangslinien und dann und wann ein harmonischer Hinweis, das Orchesterspiel jedoch bleibt dem jeweiligen "Maestro" überlassen, will sagen seiner Kompositions- und Improvisationskunst. Das wiederum deutet darauf hin, dass Monteverdi diese Oper ursprünglich für Wandertheater geschrieben hat, die sie nicht nur relativ volksnah und fürstenfern aufführen konnten, sondern die Musik auch ihren jeweiligen Möglichkeiten anpassen mussten. 

Für den Darmstädter musikalischen Leiter und Barockexperten Michael Schneider bedeutete dies, erst einmal den Orchesterpart für diese Oper neu zu schreiben, da er es natürlich für inakzeptabel gilt, die einmal erstellte Instrumentierung einer anderen Inszenierung zu übernehmen. Er hat sich dieser äußerst arbeitsintensiven Aufgabe in hervorragender Weise entledigt und einen Orchesterpart geschaffen, der in drei Stunden reiner Spielzeit nichts zu wünschen übrig lässt. Mit seltenen Instrumenten wie Gambe und Laute, mit der Harfe und - natürlich - dem Cembalo erzeugt er eine ganz eigene Stimmung zwischen Weltentrückheit und aufschießender Emotionalität, die einerseits dem Barock eigen ist und andererseits die Befindlichkeiten der Personen auf der Bühne treffend untermalt. 

Sven Ehrke (Soldat), Katrin Gerstenberger (Nerone) 

Intendant John Dew, der sich selbst der Inszenierung angenommen hat, setzt auf optische Opulenz und frechen Witz. Letzterer ist wohl auch als Reverenz an die Wanderbühnen zu verstehen, die dieses Stück zur damaligen Zeit recht deftig aufgeführt haben dürften. Schon das Bühnenbild bietet dem Auge der Zuschauer reichliche Kost: eine dem "Teatro Olimpico" in Vicenza nachempfundene Palastfront beherrscht die gesamte Bühnenbreite, die runden Torbögen lassen sich nach oben öffnen und das jeweilige Szenen-Mobilar samt Protagonisten in den Vordergrund rücken. Efeu überwuchert die "antiken" Gips-Statuen in den Mauerecken und symbolisiert so den Niedergang des römischen Reiches. Aber - wie so üblich - feiern Pomp und Vergnügen im Untergang Triumphe. Und so lassen die handelnden Personen ihren Wünschen freien Lauf, so dass sich ein Seneca fast freudig in den Freitod begibt.

Die in Barockopern übliche Rahmenhandlung - später zu Ouvertüren umgewandelt - sorgt für den allegorischen und mythischen Überbau und soll wohl auch den Zuschauern vorsorglich klarmachen, dass es hier um ein bloßes Schauspiel geht und dass "Ähnlichkeiten mit lebenden Personen rein zufällig" sind. In diesem Fall streiten sich die in aufreizendes Rot gekleidete Fortuna (Anja Vincken) - sie treibt es mal mit diesem, mal mit jenem - und die in tristem Gouvernantenkleid des 19. Jahrhunderts auftretende Tugend (Sonja Gerlach) darüber, wer die Welt regiere. Der in weißem Kleid und Flügeln einschwebende Amore - gespielt von Alexandra Seefisch - belehrt beide, dass allein die Liebe die Welt regiert, wie im Nachfolgenden gezeigt wird. Am Schluss treten diese Drei wieder auf und verleihen dem Schluss eine versöhnliche Note, wohl auch eine versteckte Besänftigung der Zensur, um das zynische Ende der eigentlichen Handlung abzuschwächen.

Jordi Molina als Amme Arnalta

Diese Handlung zu deuten zeigt sich bei näherer Betrachtung als äußerst schwierig. Vordergründig betrachtet huldigt sie der Macht der Liebe, die alles überwindet und der alle Feinde weichen müssen. Ja, man könnte sogar meinen, dass der Librettist ein Willkürrecht des Potentaten konstatiert, der zwecks persönlichen Glücks der Herrschers auch Mitmenschen opfern darf. Doch der zweite Blick zeigt schnell die Brüchigkeit dieser Auffassung. Alleine durch die menschlich überzeugende Konturierung der Betrogenen - und mit Neros Gattin Ottavia, Poppeas Gatten Ottone und dem Philosophen Seneca ist diese Liste schon recht beachtlich - erhalten diese eine menschliche Würde, die Neros Machtrausch eindeutig diskreditiert. Ohne ein einziges kritisches Wort über Nero zu äußern, sieht man einmal von Senecas Warnungen ab, wird dieser zwangsläufig zum gewissenlosen Tyrann, seine erotische Sehnsucht zur rein sexuellen Lust. Die drastische Liebesszene zwischen Nero und seinem Freund Lucano  bestätigt diese Sicht, und eine ähnliche Szene zwischen Poppea und einer Bediensteten ergänzen die Sammlung libertinös-dekadenter Szenen. So lässt Monteverdi geschickt Personen und Szenen statt Worte sprechen, und zunehmend gewinnt die Oper eine tiefere Ironie, die dem Zuschauer "zwischen den Zeilen" mitteilt, wie die Dinge in Wahrheit liegen und dass man dies nur nicht offen sagen dürfe. Die Kunst dieser fast tragischen Ironie liegt darin, sie äußerlich wie eine Hymne aussehen zu lassen.

Doch zur Ironie gehört als Begleiter auch ein deftiger "Buffa"-Effekt. In dieser Inszenierung ist dafür Jordi Molina als Poppeas Amme Arnalta  verantwortlich. Mit einem voluminösen Leib und dem Outfit eines Zimmermädchens ausgestattet, kommentiert er/sie die Liebesgeschichte zwischen Poppea und Nero anzüglich bis skeptisch-realistisch, jedoch nicht ohne die Vorteile der Entwicklung für sich selbst schnell zu erkennen. Als Reinkarnation des typischen Dienstboten-Truffaldinos zeigt er die Emotionen und Absichten seiner Figur mimisch und gestisch eindeutig und lässt dabei keine Gelegenheit für einen Gag aus, so wenn er sich unter entsprechenden Grimassen die Schuhe von den schmerzenden Füßen zieht, ohne der dramatischen Handlung auf der Bühne zu achten. Männer in Frauenkleidern sind immer einen Lacher wert, vor allem, wenn sie diesen Part so witzig spielen wie Jordi Molina.

Inna Kalinina (Ottavia), Gerson Luiz Sales (Ottone)

Die Rolle des Nero hat Katrin Gerstenberger übernommen, da Monteverdi mit der ursprünglichen Besetzung durch einen Kastraten seinen weibischen Charakter  dokumentieren wollte. Allerdings wirkt Katrin Gerstenberger im modernen Jetset-Anzug eher bedenkenlos-freizügig, frei nach dem Motto "anything goes", denn weibisch oder gar hinterhältig. Dieser Nero nimmt sich wie selbstverständlich alles, weil er es kann. Punkt. Diesen herrischen und skrupellosen Charakter bringt Katrin Gerstenberger überzeugend und glaubwürdig zum Ausdruck. Ihr zur Seite steht Mary Anne Kruger als eine so leichtlebige wie berechnende und machtbesessene Poppea. Fast wirkt diese Poppea ein wenig zu sympathisch, so gezielt setzt Mary Anne Kruger die erotischen Waffen der Frau ein. Erst in der finalen Aussprache mit ihrem (Noch-)Gatten Ottone lässt sie die Maske fallen und den blanken Zynismus heraus. Ottone, dargestellt vom männlichen Alt Gerson Luis Sales, ist der Schwächling, der stets über die Untreue seiner Frau klagt, sich selbst aber mit Drusilla eine Geliebte zulegt. Die für einen Mann ungewöhnliche Altstimme verleiht dieser Rolle ihre Brüchigkeit und Verzagtheit. Gerson Luis Sales meistert diese schwierige Rolle nicht nur gesanglich sondern auch schauspielerisch überzeugend. Bleiben noch zu erwähnen Inna Kalinina als Ottavia, die jedoch als verlassene Ehefrau eine eher etwas undankbare Rolle zu spielen hat, und noch einmal Anja Vincken, nun als Ottones Geliebte Drusilla, die sich in dieser Rolle außerordentlich wohl zu scheinen fühlt und dieser jungen Frau bemerkenswerte Konturen gibt. Patrick Schramm schließlich verleiht dem alternden Seneca einen so sonoren wie sicheren Bass und eine unerschütterliche Ruhe bis ins Grab.

Dem Orchester unter der Leitung von Michael Schneider gebührt besonderes Lob. Erstens sitzen die Musiker vollständig sichtbar im erhobenen Orchestergraben und müssen sich daher wie die Darsteller den Blicken des Publikums präsentieren, andererseits haben sie drei Stunden lang in kleiner Besetzung alle Hände voll zu tun, um die vielfältigen musikalischen Wirkungen bei der Untermalung des Bühnengeschehens zu erzeugen. Das fordert öftere Ortswechsel zwischen den einzelnen Instrumenten, die jedoch nicht störend wirken. Die durchgehend rezitative Musik stellt hohe Anforderungen an Musiker und Sänger, werden doch in dieser Art von Musiktheater die Texte als wesentliches Handlungselement vorgetragen und nahezu Wort für Wort vom Orchester kommentiert und verstärkt. Die Musiker müssen also dem rezitativen Gesang auf der Bühne genau folgen und ihre Einsätze nahezu silbengenau abliefern. Doch das gelingt dem Orchester mit einer unangestrengt wirkenden Leichtigkeit, die der gesamten Inszenierung den Charakter eines unterhaltsamen Spiels verlieh.

Das Premierenpublikum zeigte sich begeistert und spendete allen Beteiligten einschließlich dem Regieteam uneingeschränkten Beifall und so manches "Bravo".

Frank Raudszus

Alle Fotos © Barbara Aumüller