Solides Repertoire und technische Perfektion

Das English Chamber Orchestra und Hilary Hahn präsentieren in Wiesbaden Mendelssohn und Mozart

 

Das Rheingau Musik Festival versteht sich sicher nicht als Hort der neuen Musik. Zu bedeutend ist mittlerweile der "Event-Charakter" dieser Veranstaltung geworden und damit zu vielfältig und - dank entsprechender Eintrittspreise - zu konservativ das Publikum, als dass man sich auf musikalische Experimente einließe. Vor allem die Veranstaltungen im Kurhaus Wiesbaden verbreiten eine solide Repertoire-Atmosphäre, was jedoch nicht unbedingt nachteilig zu sehen ist. Für das Konzert am 13. Juli hatte man das English Chamber Orchestra unter der Leitung von Roy Goodman gewinnen können. Als Solistin stand ihm die junge Amerikanerin Hilary Hahn zur Seite, die mit ihren 27 Jahren bereits auf eine steile internationale Karriere zurückblicken kann. 

Auf dem Programm standen das Paradestück für Violin-Solisten, Mendelssohns Violinkonzert op. 64 in e-moll, sowie Mozarts letzte Sinfonie in C-Dur, die später die Bezeichnung "Jupiter" erhielt. Um das Programm einerseits nicht zu sehr in einer klassisch-romantischen Retrospektive erstarren und andererseits auch die englische Musik zu Gehör kommen zu lassen, hatte man das Programm um Edward Elgars (1857 - 1934) Introduktion und Allegro für Streicher op 47 sowie Ralph Vaughan Williams' Romanze The Lark Ascending für Violine und Orchester ergänzt.

Die Solistin Hilary Hahn

Elgars 1905 entstandene Komposition zeichnet sich durch einen spätromantischen, für die Zeit jedoch erstaunlich traditionellen Stil aus. Ecken und Kanten sucht man vergebens, und auch die Harmonik bewegt sich durchaus in gewohnten Bahnen, und das zu einem Zeitpunkt, als auf dem umtriebigeren Kontinent bereits ganz andere Töne erklangen. Elgar versucht, hierin Richard Strauß durchaus ähnlich, dem Klang auf die Spur zu kommen, doch nicht mit dessen gewagterer Harmonik, sondern in gewohntem Rahmen. Gleichmäßig zieht die Musik ihre Bahnen, wobei sich Elgar ganz bewusst auf Vorbilder des Barock bezieht und sogar Fugenelemente einbaut. Als Auftakt für ein anspruchsvolles Abendprogramm eignet sich dieses Stück jedoch ausgezeichnet, da es den Zuhörer langsam an die musikalische Rezeption heranführt, ohne ihn emotionell, akustisch oder harmonisch zu überfordern. Das Orchester präsentierte Elgars Stück mit professioneller Konzentration und Präzision, und das Publikum, der berühmten Solistin harrend, spendete freundlichen Beifall.

Dann Mendelssohns Violinkonzert, ein "Paradestück" natürlich, nicht zuletzt deswegen, weil es auch immer Einzelstück blieb wie bei Beethoven. Es gibt eben nur "das" Violinkonzert von ihm. Und diese Komposition ist in sich derart ausgewogen und doch vielfältig, so dynamisch und dabei so lyrisch, so brillant und doch wieder bodenständig, dass sie noch nach einhundertfünfzig Jahren frisch wie am ersten Tag wirkt und jedem Musikliebhaber sozusagen ans Herz gewachsen ist, außer vielleicht puristischen Neutönern. Hilary Hahn interpretierte das Konzert mit technischer Brillanz und Perfektion, allerdings hätte man sich ein wenig mehr persönliches Engagement bei der musikalischen Interpretation gewünscht. Ihr fast unbewegter Auftritt - keine ausgeprägte Mimik oder Gestik - zeugte von einer gewissen inneren Distanz, die dem doch mit typisch romantischen Eigenschaften ausgestatteten Stück nicht unbedingt zu Gute kamen. Am Ende hatte man den Eindruck einer perfekten "Show", der jedoch die letzte persönliche Ausstrahlung fehlte. Vielleicht ist diese jedoch eine Sache des Alters und kann mit der zweifellos zu erwartenden Weiterentwicklung der Künstlerin noch eintreten.

Dirigent Roy Goodman

Nach der Pause trat die Solistin mit Williams' "Lerchengesang" noch einmal auf. Hier war sie sozusagen in ihrem Element, weil das Stück von der Virtuosität der Solovioline lebt, die sich meist in höchsten Ebenen bewegt oder leicht und luftig wie eine Lerche in die Höhe steigt. Diese programmatische Komposition verlangt kein tieferes musikalisches Verständnis sondern erschöpft sich in der überzeugenden Wiedergabe eines Naturereignisses - eben der aufsteigenden Lerche. Das ist durchaus gut gemacht und ermöglicht der Solistin, ihr ganzes technisches Können zu zeigen. Das tat Hilary Hahn zu Genüge und erntete dabei die Bewunderung und den begeisterten Applaus des Publikums. Wir wollen hier weder das Stück noch die Solistin abwerten, dennoch stand hier die technische Beherrschung des Instruments im Vordergrund. Doch im Verbund mit einem Konzert wie dem von Mendelssohn hat es durchaus seinen Platz.

Den Abschluss bildete Mozarts "Jupiter"-Sinfonie, und hier konnte Roy Goodman noch einmal alle sinfonischen Register ziehen. Er tat dies in erstaunlich kammermusikalischer Art und Weise, die dem Werk durchaus zu Gute kam. Diese auf CD und DVD - wegen seiner Expressivität - gerne mit erhöhter Lautstärke abgespielte Sinfonie wirkte in der Interpretation des English Chamber Orchestras wesentlich schlanker und transparenter und kam weniger massiv und dominierend daher. Man lernte dabei auch wieder den komplexen inneren Aufbau und die musikalischen Strukturen kennen und schätzen. Und trotz dieser zurückgenommenen Interpretation kamen - vor allem im letzten Satz - die Freunde einer dynamischen Interpretation durchaus auf ihre Kosten. Das Publikum war am Schluss begeistert und bedankte sich bei allen Beteiligten mit lang anhaltendem Beifall. 

Frank Raudszus