Geistliche Musik mit Opernemotionen

Rheingau Musik Festival: Johann Sebastian Bachs "Matthäus-Passion" im Kloster Eberbach

 

Als Hausherr Michael Herrmann die Gäste des Rheingau Musik Festivals an einem sonnigen Juli-Abend in der kühlen Basilika des Klosters Eberbach begrüßte, fühlte er sich zu einer kleinen Rechtfertigung verpflichtet: ist doch die Matthäus-Passion als Darstellung der Leiden Christi eigentlich ein österliches Thema. Doch sein Verweis auf andere Bach-Feste, die im Sommer sogar das Weihnachtsoratorium aufführen, ließ diese dramaturgische Ungenauigkeit zur Marginalie verkümmern. Womit wieder einmal bewiesen war, das Bach sozusagen "saisonresistent" ist und seine musikalische Kraft zu allen Jahreszeiten ausstrahlt. 

Dirigent Enoch zu Guttenberg

Als Interpreten dieses Werkes hatte man das Orchester der "KlangVerwaltung München" unter der Leitung von Enoch zu Guttenberg, die Chorgemeinschaft Neubeuern - unübersehbar in bayerischen Jankern -  sowie den Tölzer Knabenchor gewonnen. Dazu kamen Sibylla Rubens (Sopran), Gerhild Romberger (Alt), Jörg Demüller (Tenor) und Klaus Mertens (Bass) als variable Solisten sowie Marcus Ullman als Evangelist und Stephan Genz als Christus. Den Evangelisten hatte man zusammen mit seiner Begleitung (Cello, Kontrabass und Cembalo) im Mittelschiff positioniert, wobei Marcus Ullman für seine erzählerischen Auftritte jedesmal wie ein Pfarrer zur Predigt die Kanzel bestieg. Diese Aufteilung der "Szenerie" kam der Wirkung der Aufführung zugute, weil die Worte des Evangelisten dadurch eine unmittelbare, fast suggestive Wirkung auf das Publikum ausübten.

Marcus Ullmann (l., Evangelist) und Stephan Glenz (r., Christus)

Die Matthäus-Passion schildert in nahezu dreieinhalb Stunden die Leiden Christi in seinen letzten 24 Stunden, etwa von Gründonnerstag Nachmittag bis Karfreitag Abend, wie Matthäus sie in seinem Evangelium niedergeschrieben hat. Die Erstellung des Werkes gehörte zu den Pflichten des neu angestellten Leipziger Thomas-Kantors Johann Sebastian Bach, der eigentlich nach den Favoriten Telemann und Graupner nur dritte Wahl gewesen war, wohl nicht zuletzt deshalb, weil er am Köthener Hof hauptsächlich höfische, sprich "weltliche" Musik komponiert hatte. Er hatte halt das Glück - im Gegensatz zu Mozart bei seinem fast verzweifelten Antichambieren in München -, dass gerade ein "Vacatur" bestand. Da jedoch geistliche Musik Anfang des 18. Jahrhunderts hauptsächlich in Hymnen auf die Ehre Gottes und Jesu bestand und - allzu - menschliche  Emotionen in der Musik allein zwecks Aufrechterhaltung der (Ehr-)Furcht vor Gott und vor allem vor der Kirche nicht gerne gesehen wurden, beobachtete man Bach ein wenig argwöhnisch. Und mit seiner Matthäus-Passion rechtfertigte er denn auch - aus damaliger Klerikalsicht - die skeptische Einstellung. Bach war jedoch - und das ist aus heutiger Sicht natürlich ein Gemeinplatz - viel zu sehr Musiker, um sich in das enge geistliche Korsett pressen zu lassen. Zwar hielt er sich an die Vorschriften bezüglich der abzuliefernden Messen, Kantaten und Passionen, doch seine musikalische Ausdruckskraft und sein Gestaltungswille gingen weit über das geforderte und das gewohnte Maß hinaus. Aus heutiger Sicht können wir nur sagen: welch Glück, dass die Leipziger ihn nicht in kurzsichtiger Engstirnigkeit vertrieben haben. Andererseits: vielleicht wäre er dann aber ein gefeierter Opernkomponist geworden.......

Sibylla Rubens (l., Sopran) und Gerhild Romberger (r., Alt)

In der Matthäus-Passion spielt der Evangelist eine herausgehobene Stellung, und diesen Umstand nutzte Marcus Ullman nicht nur durch seine Position auf der Kanzel, sondern auch in seinem Vortrag. Sein Evangelist berichtet nicht nur, sondern ist selbst von dem Geschehen betroffen, ja erschüttert. Ullman erweckte diese Emotionen in seinen Rezitativen mit einem lebendigen, geschmeidigen und äußerst ausdrucksstarken Tenor überzeugend zum Leben, so dass die Zuhörer fast wie bei einer donnernden Predigt an seinen Lippen hingen. Und wenn er Jesu Worte ankündigte, dann antwortete darauf Stephan Genz mit einem kräftigen Bariton und einer darstellerischen Kraft, die - von dem erstaunlich assoziativen Äußeren einmal abgesehen - ohne peinliche Übertreibung tatsächlich eine Vorstellung dieser historischen oder mythischen Ausnahmepersönlichkeit vermittelte. Glenz war auch in seinen Pausen nie wartender Sänger sondern immer Christus, wenn er mit niedergeschlagenen Augen auf seine Partie wie auf das zu erwartende Urteil wartete: gesammelt und gefasst. Um diese beiden Personen dreht sich sozusagen das Stück, müssen sie doch von Anfang bis Ende ihre Identität durchhalten. Die anderen vier Gesangsrollen - Sopran, Alt, Tenor und Bass - übernehmen je nach Situation mal die Rollen des Judas, des Pilatus oder der Frauen. Die beiden Frauenstimmen sind dabei generell weniger bestimmten Frauenfiguren als vielmehr generell der weiblichen Rolle in der Leidensgeschichte Christi. Die beiden Frauen interpretierten die Arien denn auch mit einer menschlichen "Inbrunst", die weit über das vor Bach übliche "Ehrfurchtsklagen" hinausging. Als besonders reizvoll erwies sich dabei die Konstellation zwischen Alt und Sopran, vor allem, wenn diese beiden Stimmen gemeinsam erklangen.

Klaus Mertens (l., Bass) und Jörg Dürmüller (r. Tenor)

Der Chor erfüllt in der Matthäus-Passion ebenfalls eine erweiterte und - aus klerikaler Sicht - nahezu provokante Rolle. Nicht nur, dass neben dem üblichen Chor aus Frauen- und Männerstimmen zusätzlich ein hellstimmiger Knabenchor aus dem Chor-"Duett ein Trio macht und eine besondere Klangfarbe einbringt: der Chor übernimmt in der Matthäus-Passion auch die Rolle einer Partei, nämlich die der missgünstigen Oberpriester oder des aufgehetzten Volkes. Schauriger Höhepunkt der Aufführung ist dabei unbestritten das geradezu herausgeschrieene "Barabam" auf Pilatus' verzweifelte Frage, wen er denn nun freigeben solle, sowie das ebenso unnachgiebige "Lass ihn kreuzigen" der Menge. Dass "Volkes Stimme" in einer geistlichen Musik eine derart menschlich direkte und geradezu hasserfüllte Dimension annehmen kann, muss zu Bachs Zeiten eine kleine Sensation gewesen sein, die nicht wenige Gemüter verstört haben dürfte. Wie konnte das Volk, für das Jesus gelebt hat und gestorben ist, sich so an ihm vergehen? Wie sollten christliche Geistliche dies erklären, die schon genug mit der Rolle der - allerdings jüdischen - Hohepriester zu kämpfen hatten? Diese Frage lässt sich wohl nur mit der normativen Kraft der Liturgie erklären, die alles das, was auf und um den Altar im Gottesdienst geschieht, sanktioniert. Außerdem dürften damals - wie übrigens auch heute noch - die meisten Gottesdienstbesucher die einzelnen Texte - und vor allem den des Chores - nur rudimentär verstanden haben, so dass nur der Evangelist als Verkünder der Geschichte blieb.

Das Orchester der KlangVerwaltung München

Der Eindruck, der heutigen Rezipienten dieser Passion bleibt, ist der einer tragischen "Klerikal-Oper" mit höchstem Emotionspotential. Bach schildert hier nicht nur ein Geschehen aus der sachlichen Sicht des Historikers oder der didaktisch-mahnenden Absicht des Klerikers, der dem einfachen Kirchenbesuchern Ehrfurcht vor der gewaltigen aber unpersönlichen Leidensgeschichte einimpfen will, sondern er beschreibt einen Menschen am Rande des Todes, seine kreatürliche Todesangst, die Intrigen und die Verführung der Herrschenden ebenso wie die Verführbarkeit der Menschen und die Schuld, die alle ausnahmslos - von Petrus bis Pilatus - auf sich laden. Auch das Bewusstsein dieser Schuld gesteht Bach seinen Protagonisten zu, wenn Petrus nach dem Verleugnungsakt bitterlich weint oder Judas sich erhängt. Selbst Pilatus' Händewaschen ist bei ihm noch von schlechtem Gewissen geprägt. Bach lässt in seiner Matthäus-Passion die Figuren als handelnde, schuldig werdende und reuige Menschen lebendig werden und verzichtet dabei auf die beliebte Aufteilung in Schwarz und Weiß. Dass man ihm das in Leipzig durchgehen ließ, ist seinen damaligen Vorgesetzten nicht hoch genug anzurechnen, denn seine Vermenschlichung Jesu' und der Leidensgeschichte hätte auch andere Reaktionen hervorrufen können.

Das Ensemble überzeugte in der mehr als dreistündigen Aufführung auf ganzer Linie. Die gesanglichen Leistungen der Solisten entsprachen in vollem Umfang dem Rang des Werkes und verliehen ihm in dieser Aufführung zusätzliche Qualitäten. Das Orchester unter Enoch zu Guttenberg begleitete die Sänger mit der gebotenen Zurückhaltung, um ihnen den nötigen akustischen Raum zu gewähren, konnte aber in entsprechenden Momenten auch das gesamte Klangvolumen zur Geltung bringen. Der Chor verbreitete mit seiner akustischen Präsenz und seiner kompromisslosen Darstellung in gewissen Momenten sogar eine Art Schrecken, was wohl auch beabsichtigt war, konnte jedoch in Chorälen wie "O Haupt voll Blut und Wunden" das reine Mitleiden inszenieren. Gerade das Spannungsfeld aus dem kraftvollen, ja gefährlichen (als unberechenbare "Stimme des Volkes") Auftritt des Chors und den lyrisch-innigen Partien der Solisten machte diese Aufführung zu einem Erlebnis, das man so schnell nicht vergessen wird. Schade nur, dass das Publikum zur Pause trotz abwehrender Bewegungen des Dirigenten instinktlos klatschte und auch unmittelbar nach dem letzten Ton - ohne jegliche Besinnungspause - sofort den Pflichtapplaus ableistete. Schließlich wollte man schnell zum Auto, um nicht in den Stau zu kommen, und den anhaltenden Applaus sollten die (Dummen) ableisten, die nachher im Stau stehen würden.

Frank Raudszus