| Temperament, Aktualität und Wetterglück |
![]() |
Sommerfest des "Rheingau Musik Festivals" auf Schloss Johannisberg |
|
Das große Sommerfest des Rheingau Musik Festivals am 8. Juli stand unter einem zumindest fragwürdigen Stern: zum einen fand an diesem Abend das Spiel der Fußball-WM mit - leider - deutscher Beteiligung statt, und zum anderen hingen bereits nachmittags Uhr schwere, dunkle Wolken über den Anhöhen des Rheingaus, die nichts Gutes verhießen. Und diese entluden sich dann auch prompt zu Beginn, gerade, als um 18 Uhr das "Tony Bulluck Quartet" im Spätlese-Reiterhof -natürlich unter einem Zeltdach - zu spielen begann. So trieb der anhaltende Regen die weiterhin optimistischen Gäste erst einmal unter die Schirme und Vordächer, wo man, mit einem Glas Sekt und Brezeln bewaffnet, der weiteren meteorologischen Entwicklung harrte und entsprechende Mutmaßungen austauschte. Dabei tauchten sich einige seltsame, so gar nicht festival-kompatible Paare an den Tischen auf, die mit ihrer geradezu altbackenen Kleidung und ihren valentinesken Gesprächen das Publikum ein wenig irritierten. Schnell stellte sich jedoch heraus, dass es hier um die Komödianten-Duos "Get a Grip" sowie "Mathilde & George" ging, die das Publikum "dicht am Mann" mit Akrobatik und Witz unterhielten. Dabei gingen sie auch nicht zimperlich mit dem amüsierten Publikum um und verteilten so manchen gut gemeinten Seitenhieb an die Herumstehenden und ernteten - vor allem bei den nicht Betroffenen - einige Lacher. Auch ihre übrigens professionellen akrobatischen Einlagen würzten sie mit viel Slapstick und Humor.
Während man noch dem temperamentvollen internationalen Quartett - übrigens mit Max Greger jr. am Piano - lauschte, versiegten langsam die Regentropfen und der Himmel klarte auf zu einem strahlenden Abendblau, so dass sich der Gang durch den Laubengang zur Balustrade lohnte, von der man einen herrlichen Rundblick über das Rheintal sowie die umliegenden Dörfer und Weinberge genießen konnte. Fotoapparate klickten hier und manche Gäste warteten geduldig in der zweiten Reihe, bis sie einen der begehrten Plätze direkt an der Balustrade ergattern konnten. Manche tanzten bereits zu diesem Zeitpunkt zu den funkigen Klängen von Tony Bulluck (Gitarre) und seiner Band, doch allgemein stand erst einmal das Flanieren und Parlieren im Vordergrund. Von 19.30 bis 21 Uhr standen als Hauptprogramm des Abends "Three Ladies of Blues" auf der Bühne im Cuvée-Hof. Mit Joan Faulkner, Joanne Bell und Peggi Blu präsentierten drei "Schwergewichte" des weiblichen Blues' mit viel Witz, Temperament udn mächtigen Stimmen die Geschichte dieser Musikgattung. Vorher jedoch reagierte Hausherr Michael Herrmann in seiner Eröffnung - zusammen mit Schirmherr Roland Koch - auf die Konkurrenz durch das um 21 Uhr beginnende "kleine Endspiel" und verkündete ein "Public Viewing" des Spiels unmittelbar nach dem Auftritt der Damen. Damit gab er diesen natürlich eine "Steilvorlage", die sie ebenfalls mit einigem Witz und viel Ironie auch nutzten, ohne sich in irgendeiner Weise gekränkt zu zeigen. Schließlich wussten sie ja, dass es spätestens um neun Uhr zumindest für die Männer im Publikum etwas eng werden würde.
Das Programm litt jedoch unter dieser Änderung in keiner Weise. Die drei Frauen warfen sich degenseitig die Stichworte wie Bälle zu, improvisierten kleine Szenen aus dem Leben der Blues-Gemeinde, so wenn, die anderen Frauen kopfnickend und klatschend der Protagonistin am Mikrofon sekundierten oder Bemerkungen einwarfen. Das Programm beschränkte sich also nicht auf das gesungene Wort, sondern enthielt auch viel spontane Show- und Spaß-Elemente. Die zugehörige Band bereitete das musikalische Plateau für die drei vollständig in Rot gekleideten Damen mit viel Feuer und Witz, und die Damen genossen gerne die gespielt zänkische oder herrische Auseinandersetzung mit dem Bandleader am Klavier. Die Lacher aus dem Publikum waren ihnen genauso sicher wie die einhellige Bewunderung ihrer außergewöhnlich voluminösen und ausdruckstarken Stimmen. Das Publikum litt es sogar ohne Murren, dass die letzte Sängerin, die übrigens hervorragend deutsch sprechende Joanne Bell, ihre frechen Bemerkungen und Anzüglichkeiten zeitlich weit über 21 Uhr hinauszog, und spendete dennoch begeisterten Beifall. Am Biertresen hörte man zu dieser zeit jedoch schon einige murrende Männerstimmen, die auf Podolski & Klose warteten. Und so wurde denn dieser kurzfristig improvisierte Programmteil nahezu zum Höhepunkt des Abends, denn "unsere" Kicker gewann in einem begeisternden Spiel 3:1 gegen die Portugiesen und versetzten vor allem die Männer in freudige Festtagsstimmung, die durch das abschließende Feuerwerk um 23 Uhr ihren Höhepunkt fand, Es knallte und sprühte nur so in allen Farben über dem Schloss Johannisburg und bewirkte so manches "Ah" und "Oh", vor allem bei schnellen Dauersalven von Raketen aller Couleur. Viele Besucher suchten daraufhin das Weite - schließlich hatten viele noch einen weiten Weg vor sich -, die Unermüdlichen jedoch konnten noch lange dem "Late Night Concert" der Gruppe "Vitello Tonnato & The Roaring Zucchinis" lauschen. Wann schließlich das Fest endete, ist dem Chronisten nicht bekannt, aber sicher wurde noch lange das Tanzbein geschwungen. Frank Raudszus |