| Dekonstruktion einer Persönlichkeit |
Weitere Produktionen der "Barfestspiele": |
Conor McPhersons Einakter "Rum & Wodka" bei den Darmstädter "Barfestspielen" |
|
Als sich das Licht in der gut gefüllten Bar der Darmstädter "Kammerspiele" im Untergeschoss des Staatstheaters gegen 21 Uhr abschwächt, versiegen die Gespräche am Tresen, und ein junger Mann (Martin Maria Eschenbach) schlendert mit missmutigem Gesicht, einer tiefen Schramme unter dem rechten Auge und den Händen in der Hosentische an den Gästen vorbei, um sich am Kopfende mit entleertem Gesicht an die Bar zu setzen. Nach einigen Augenblicken beginnt er mit seinem Monolog, den vom ersten Wort an Selbstanklagen, Selbstmitleid und ein undefinierter Hass auf die Gesellschaft prägen. Zwischen halb stolzen, halb angeekelten Berichten über alkoholische Exzesse aller Art, erfährt der Zuhörer, dass der junge Mann zwar Ehemann und Vater zweier kleiner Mädchen ist, das ganze jedoch eher ungewollt passiert sei. Nicht seine langjährige Freunde ist die "Glückliche", sondern ein Mädchen, das er trotz der bestehenden Beziehung im Rausch geschwängert hat. Die Ehe kommt weniger aus moralischen Gründen oder auf Druck der Umgebung oder gar aus Liebe zustande, sondern lediglich weil Maria, so heißt die werdende Mutter, ihn als Einzige nicht kritisiert. So ist er, selbst noch ein halbes Kind, in die Rolle des Familienvaters gestolpert, gibt jedoch sein vom Alkohol gesättigtes Leben auch nach der Eheschließung nicht auf.
In seiner Rückschau schildert der namenlose Ich-Erzähler mit abgestumpfter Gleichgültigkeit sein vollständig strukturloses Leben, das sich nur zwischen der innerlich abgelehnten Familie und diversen Lokalen abspielt. Als er eines Freitags bereits in der Mittagspause kräftig den Pints zuspricht und anschließend am Arbeitsplatz Ausfallerscheinungen zeigt, zitiert sein Chef ihn zu sich. Daraufhin wirft er den Computer aus dem Fenster - der ausgerechnet auf das Auto des Chefs fällt - und verlässt das Büro. Nun beginnt eine Odyssee, die im Kleinen an die Tour Leopold Blooms aus dem Werk seines großen Landmannes Joyce durch die Kneipen Dublins erinnert. Nach einer ersten Zechtour bis in den frühen Samstag und einer anschließenden halben Vergewaltigung seiner Frau dank hohen Promillegehalts hat er am nächsten Samstag zu wenig Geld für den Wocheneinkauf in der Tasche, wagt dies aber seiner Frau nicht einzugestehen. So flieht er einfach aus dem Supermarkt und greift umgehend wieder zu Pint und Whiskey. Von nun an steigert sich der Alkoholwahn ins Irrwitzige. In seinem grenzenlosen Selbstmitleid wegen seines vermutlich verlorenen Jobs und seines Haltlosigkeit lernt er ein schönes junges Mädchen kennen, das tatsächlich Interesse an ihm bekundet - zugegeben etwas sehr unwahrscheinlich -, ihn auch mit in ihr wohlhabendes und leer stehendes Elternhaus nimmt und dort mit ihm schläft. Statt ihr dafür in irgend einer Form dankbar zu sein, überkommt ihn wieder das heulende Elend, das er wiederum nur mit Bier und Schnaps abtöten kann. Nachdem er in diverse große Fettnäpfe getreten ist, dies aber mit zunehmendem Stumpfsinn hinnimmt, lässt ihn das Mädchen schließlich stehen und er kehrt im Vollrausch nach Hause zurück zur geldlosen Familie. Mitten in der Nacht überkommt ihn dann angesichts seiner schlafenden Töchter das Entsetzen über sich selbst und er springt aus dem Fenster. Darsteller Martin Maria Eschenbach, der während seines einsamen Rezitativs die Bar mehrmals umrundet und durchquert hat, vollbringt dieses Kunststück "realiter", indem er von der Brüstung ins Foyer hinab springt - auf vorher bereitgestellte Matten.
Irland scheint eine zuverlässige Quelle solcher trauriger Geschichten um die berühmten, meist überzähligen Pints zu sein. Von "Ulysses" bis zu Frank McCourts "Die Asche meiner Mutter" zieht sich das Band ähnlicher, mal fiktiver, mal authentischer Geschichten. Doch auch die Fiktiven scheinen dabei recht authentisch zu sein. Sicher hat das mit der historischen Perspektivlosigkeit der irischen Bevölkerung zu tun und mit der entsprechenden Verdrängung durch Alkohol. Daraus kann dann leicht eine Lebenshaltung entstehen, die sich auf Folgegenerationen vererbt. Und nur so sind diese Exzesse in einem mittlerweile prosperierenden Irland zu verstehen. Der Autor scheint hier nämlich Bezug zu nehmen auf ein Phänomen, das wir zwar in den meisten Wohlstandsgesellschaften in mehr oder minder ausgeprägter Form vorfinden, das aber in Irland besondere Ausmaße annimmt. In Unkenntnis der der irischen Verhältnisse müssen wir dem Autor ein Stück in diese Beschreibung der irischen Wirklichkeit folgen und ihn beim Wort nehmen. Dabei verzichtet McPherson vollständig auf eine Analyse der Zustände und beschreibt sich auf ihre Schilderung und die Folgen des unmäßigen Alkoholgenusses. Aufschlussreich ist auch, dass dieser junge Mann durchaus nicht verzweifelt nach Arbeit sucht - was ein Grund für den griff nach der Flasche sein könnte - sondern eine feste Anstellung hat und diese erst mutwillig durch seine fast unerklärliche Sucht zum Alkohol verliert. Auch seine unfreiwillige weil viel zu frühe Ehe kann nicht der Grund für den Alkoholismus sein, kam sie doch mehr oder weniger durch diesen zustande. So wird die Sucht nach Bier und Schnaps bei McPherson zu einer nicht mehr hinterfragten "Volkskrankheit", die den Volkskörper langsam aber sicher zerstört und schließlich untergehen lässt.
Martin Maria Eschenbach präsentiert diese abgewrackte Figur mit viel Gespür für die mit Selbstmitleid getränkte und ungezielte Anklage gegen eine Welt, die "irgendwie und irgendwo" die Schuld trägt, aber nicht dingfest gemacht werden kann. Sein jugendlicher Trinker schwankt zwischen Großkotzigkeit, Weinerlichkeit und schwärmerischen Illusionen. Ja, man kann sich durchaus vorstellen, dass die Geschichte mit dem schönen jungen Mädchen eine reine Wunsch-Halluzination darstellt, die sich in seinem umnebelten Hirn zusammengebraut hat. Eschenbach zeigt deutlich die Grenze zwischen der realen Welt und einer imaginären Wunschwelt, die der Protagonist innerlich längst überschritten hat. Die Verzweiflung bricht sich bei ihm jedoch selten sichtbar Bahn, und selbst wenn er von dem eigenen "Heulen und Kotzen" erzählt, tut der Erzähler dies mit einem letzten Rest von Ironie, die Selbstbewusstsein und Abgeklärtheit vortäuschen soll. Eschenbach gelingt diese Gratwanderung zwischen Großmannssucht und Wahnsinn überzeugend, und dafür erhielt er bei der Premiere ausgiebigen Beifall des für diese kleinen Veranstaltungen doch recht zahlreichen Publikums. Die nächste Aufführung findet am 21. April statt. Frank Raudszus Alle Fotos © Barbara Aumüller |