Makabres Machtspiel im Foyer

Oscar Wildes "Salome" im Rahmen der Darmstädter Barfestspiele

 

Die "Barfestspiele" des Theaters sollen den Brückenschlag zwischen der Rezeption des Standard-Repertoires und dem Plausch in der Theaterbar leisten. Die erste Inszenierung, "St. Nicholas", erfüllte diese Forderung insoweit, als sich das Einpersonenstück weitgehend am und um den Bartresen herum abspielte. Das zweite Stück jedoch, Oscar Wildes "Salome", fordert eine eigene Bühne, auf der ein Ensemble von etwa einem halben Dutzend Darstellern agiert. Ungezwungenes Agieren inmitten eines - zum Beispiel nach dem Besuch einer Aufführung - sich entspannenden Publikums scheidet daher von vornherein aus. Die typische Trennung von Publikum und Bühne entsteht so im Foyer der Kammerspiele von Neuem. Dort hatte man speziell für diese Inszenierung eine karge Bühne aufgebaut: ein Laufsteg, über den die Darsteller auftraten, und eine erleuchtete Rückwand, vor und auf der sie posierten. Das Publikum nahm rechts und links von der Bühne Platz, was an die Schauspielern besondere Anforderungen hinsichtlich einer gleichmäßigen Präsentation stellte. So waren einige Szenen auch nicht von beiden Gruppen einzusehen, unter anderem der Auftritt Jochanaans in einem Käfig. Auch die anfänglichen Auftritte von König Herodes, seiner Frau Herodias und deren Tochter Salome auf der Galerie der Bar lagen nicht im Blickwinkel aller Zuschauer, beschränkten sich jedoch auf die Anfangsphase.

Britta Hübel als Salome

Diese letztlich akzeptablen Einschränkungen zeigen die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Die Barfestspiele sollen dem Publikum einen anderen, weniger institutionalisierten Zugang zum Theater bieten, lockerer und zwangloser wirken. Diesem Anspruch widerspricht nicht nur die Anordnung im Foyer der Kammerspiele, sondern letztlich auch das Sujet: Oscar Wildes makabres Spiel um die macht- und besitzgierige junge Salome ist alles andere als eine lockere Theaterübung; nicht umsonst trägt sie den Untertitel "Tragödie". Oscar Wilde ist mit diesem Einakter tatsächlich ein großer Wurf gelungen, verdichtet er doch eine vielschichtige, dramatische Handlung auf wenige Personen und Szenen. Um es vorweg zu sagen: diese Inszenierung hätte einen Platz im Programm der Kammerspiele verdient, vor einem größeren Publikum und ohne die eingeschränkten Sichtverhältnisse. 

Die Geschichte spielt sich mehr oder minder in dem Dreieck Herodes - Herodias - Salome ab. Letztere langweilt sich, da der sie im Stillen begehrende Herodes alle ihre Wünsche erfüllt. Salome genießt ihre Macht über die Männer einschließlich des Königs und lässt sie das auch spüren. Als sie die laute Stimme des Propheten Jochanaan aus dem Gefängnis hört, verlangt sie aus purer Neugier, diesen zu sehen. Als ihr Jochanaan nicht sofort zu Füßen fällt und sogar Salomes provokativ und plakativ vorgebrachten erotischen Annäherungsversuche - die nur der Befriedigung einer der Langeweile entsprungenen Neugier  dienen - abwehrt, schlägt ihr Interesse in Wut um. Als Herodes ihr jeden Wunsch zu erfüllen schwört, wenn sie für ihn tanzt, verlangt sie Jochanaans Kopf. Als alle Versuche des entsetzten Vaters scheitern, Salome von ihrem makabren Wunsch abzubringen, lässt er Salome Jochanaans Kopf in einer Silberschale präsentieren. Sie kann jetzt zwar endlich dessen Lippen küssen und bringt diesen Triumph gegenüber dem bleichen Kopf auch deutlich zum Ausdruck, gleichzeitig erkennt sie jedoch zu ihrem Entsetzen, dass sie doch verloren hat, nämlich nicht über den Menschen Jochanaan gesiegt hat sondern lediglich seinen stummen Kopf in den Händen hält. Ihr Wunsch bestand in Grunde genommen in seiner bewussten Unterwerfung unter ihren Willen, und genau dieses Ziel hat sie nicht erreicht. Als sie darüber dem Wahnsinn verfällt und das Haupt Jochanaans in einem Anfall von verspäteter Besitzgier frenetisch abküsst, befiehlt Herodes, von dieser Szene angeekelt: "Man töte dieses Weib".

Gerd K. Wölfle (Herodes Antipas) und Gabriele Drechsel (Herodias) 

Ina Annett Keppel legt das Stück fast puristisch an und verzichtet auf jegliche Effekthascherei. Die Kostüme tragen zeitlose oder leicht archaische - Königsmantel und -krone von Herodes - Züge; nur Britta Hübel trägt als Salome ein schulterfreies, eng geschnittenes helles Abendkleid, das nicht unbedingt zu ihrer Rolle passt. Man muss sich diese junge Frau als höchst egozentrische und exzentrische Person vorstellen, die bewusst Konflikte sucht, um dann - mit ihrem Stiefvater im Rücken - ihren Willen durchzusetzen. Dabei geht es ihr in erster Linie um die Demonstration ihrer Macht über Menschen, erst in zweiter um die jeweilige Forderung. So ist auch ihr Interesse an Jochanaan zu verstehen, dessen ostentatives Desinteresse an ihr Salomes weibliches Ego beleidigt, und ihre Forderung nach einem Kuss von ihm dient vorrangig seiner Unterwerfung. Seine Verweigerung reizt sie derart, so dass sie schließlich diesen Kuss auf Kosten Jochanaans Leben erzwingt. Eine solche Rolle sollte sich auch in der Kleidung schärfer von den anderen Personen unterscheiden, zum Beispiel in Form einer erotischen Provokation. So jedoch scheint Salomes Aufmachung ein wenig bieder für ihren Typ. 

Das hindert jedoch Britta Hübel nicht, die Salome überzeugend zu interpretieren. Kühles Kalkül, berechnendes Spiel und schneidende Kälte wechseln sich in Mimik und Rede ab, und das unkontrollierte Schreien gehört ebenfalls zum Repertoire. Deutlich kommt dabei zum Ausdruck, wie Salome sowohl ihre Mutter als auch besonders den Stiefvater im Griff hat. Gabriele Drechsel gibt eine im Dienst von Macht und Erotik erkaltete Herodias, die nur noch auf Rache an dem sie schmähenden Jochanaan sinnt, und Gerd K. Wölfle spielt einen fast gemütlichen Herodes, der bei Salomes Wunsch geradezu in menschelndes Entsetzen verfällt. Dieses nimmt man ihm natürlich angesichts der Dauerhaft Jochanaans nicht ab, so dass ein wenig mehr Zynismus durchaus angebracht wäre. Leander Lichti als Jochanaan fällt vor allem durch seinen nackten Oberkörper und seine durchdringende Stimme auf, ansonsten hat er wenig Gelegenheit, schauspielerische Qualitäten zu zeigen.

Diese Inszenierung ist durchaus sehenswert, auch wenn sie sich nicht durch besondere Regieeinfälle auszeichnet. Allerdings würde man sie aus den genannten Gründen fast lieber in den Kammerspielen als im Provisiorium des Foyers sehen.

Frank Raudszus