Wessen Asche ist in der Urne? 

Finale der Barfestspiele mit "Salzwasser - ein Stück süßes Leben" von Conor McPherson

 

Die letzte Inszenierung der so erfolgreichen Reihe "Barfestspiele" des Staatstheaters Darmstadt fand im stilgerechten Rahmen sozusagen "selbstreferenziell" statt. Wieder hatte man das Publikum - wie schon bei "Nicoletta" - von der Bar in die Ecke des Raumes "vertrieben". Kurz vor 22 Uhr schloss die professionelle Barbesatzung die Gitter, löschte das Licht und verließ den Raum.  - Dunkelheit und Schweigen, man harrt der Dinge, die da kommen sollen. - Dann steigen drei Männer mit Sonnenbrillen und dunkler Kleidung die Treppe hoch und besetzen in kühler Geschäftigkeit die Bar. Dabei wirken sie wie drei Mafia-Bosse, die hier zu einem geheimen Geschäftstreffen zusammenkommen. Einer von ihnen stellt eine Urne auf die Bar, der nächste mixt harte Drinks und der dritte wirft den "Ghetto-Blaster" an; dann starren sie gelangweilt mit dem Glas in der Hand in die Gegend. Zögernd beginnt nach einer langen Pause der Jüngste, Joe, mit einem Monolog, in dem er seine jugendlichen Nöte mit der erwachenden Sexualität, falschen Schulfreunden und ersten, verwirrenden Schwärmereien ausbreitet. Die anderen scheinen kaum zuzuhören, er könnte auch zu einer Wand reden. Dennoch kann er nicht aufhören und lässt alle unverarbeiteten Ereignisse bis hin zu der Beobachtung eines gewaltsamen nächtlichen Koitus auf dem Friedhof Revue passieren. Nachdem er endlich verstummt ist, beginnt der zweite, Frank, mit einem ähnlichen Monolog. Er berichtet von einem frustrierenden, inhaltlosen Alltag, der schließlich in einen Überfall auf ein Wettbüro mündet, der wider Erwarten "gut geht" und ihn unentdeckt lässt. 

Stefan Schuster (Joe), Hans Matthias Fuchs (Ray), Volker Muthmann (Frank)  

Bei der Erwähnung anderer Personen merkt der Zuschauer langsam, dass diese drei in gewisser Weise zusammengehören und sich gegenseitig in ihren Geschichten zitieren. Dass sie sich gegenseitig in der dritten Person erwähnen, zeigt sich als Regietrick, der die Beziehungslosigkeit verdeutlichen soll. Nicht nur, dass man nur zuhört, wenn der eigene Name erwähnt wird, sondern man führt mit den beiden anderen auch keine direkte Kommunikation. Jeder lebt autistisch in seinem eigenen Egozentrum wie in einer Gefängniszelle. Frank also ist familiär mit Joe verbunden, offenbar sind sie Brüder und haben auch eine Schwester, die mit dem Dritten im Bunde, dem Universitätsdozenten Raymond, liiert ist. Details dieser familiären Querverbindungen lassen sich jedoch nur vermuten. Raymond jedenfalls erweist sich als zielloser Alkoholiker und Schürzenjäger, der unter Alkohol, und unter dessen Einwirkung steht er fast permanent, vor keinem Weiberrock halt macht. In einer Mischung aus Prahlerei und Eigenekel erzählt er von dem abgeschmackten "One Night Stand" mit einer Studentin, ohne dabei bei den anderen beiden größere Reaktionen hervorzurufen. Immerhin hat er Frank nach dessen Überfall mitsamt Beute vor den Verfolgern gerettet. Nachdem alle drei ihre Monologe über die abgelaufenen Ereignisse vom Stapel gelassen haben, verfallen sie wieder in Schweigen, trinken, drehen das Radio mal laut, mal leise und streuen schließlich den Inhalt der Urne - bunte Konfettischnipsel! - über den Bartresen. Dann packen sie zusammen, schließen die Bar und verschwinden. Applaus.

Stefan Schuster (Joe), Volker Muthmann (Frank)  

Conor McPherson skizziert in diesem Stück das perspektivlose Leben junger Leute in einem verschlafenen Hafenstädtchen, wobei er die Ursachenforschung bewusst außer Acht lässt. Es geht ihm nicht um eine soziale Anklage gegen irgendwelche "schuldigen" Institutionen, obwohl man bei einer entsprechenden Suche sicher fündig würde. Doch haben solche gezielten Anklagen die Eigenart, mit der Festlegung auf einen Sündenbock alle anderen zu exkulpieren. Also beschränkt er sich auf die Schilderung der Trostlosigkeit und lässt die Zuschauer mit ihren Gedanken und Schlussfolgerungen allein zurück. Andrea Thiesen hat McPhersons Stück mit unterkühlten Emotionen inszeniert. Sie verzichtet auf jegliche Zeigefingermoral und lässt die traurigen Geschichten dieser drei "Verlierer" aus der tiefsten irischen Provinz für sich sprechen. Die drei Protagonisten bleiben bei ihren Monologen stets "cool", geben sich keine Blößen. Selbst Joe als der jüngste hat bereits gelernt, dass offene Verzweiflung, Wut oder gar moralische Entrüstung nur als Zeichen von Schwäche ausgelegt werden. Also trägt er seine Erfahrungen im Stile noch einzuübender Selbstironie vor. Frank gönnt sich bei seinem Bericht über den Überfall nur selten ein sardonisches Grinsen und lässt auch nicht erkennen, dass die knapp gelungene Flucht seinen Adrenalinspiegel gehörig nach oben getrieben hat. Schließlich muss er dem jüngeren Joe beweisen, dass er alles im Griff hat. Lediglich Raymond als der älteste empfindet so etwas wie Selbstkritik, obwohl diese nur zwischen seinen sarkastischen bis zynischen Bemerkungen über die Frauen und seinen menschenverachtenden Umgang mit ihnen sowie über den universitären Alltag aufblitzt. In seiner Eigenschaft als Dozent gefällt er sich als intellektueller Querdenker und unkonventioneller Rebell, und selbst sein im wahrsten Sinne des Wortes abgeschmacktes Auftreten bei einem akademischen Ereignis münzt er verbal in eine "Anti-Spießer-Aktion" um, jedoch nicht ohne einen inneren Ekel vor sich selbst.

So ist am Ende nichts gewonnen, nichts hat sich geändert, und alle drei werden so weiter machen, bis sie sich endgültig ins soziale Abseits hineinmanövriert haben. Humor blitzt in diesem Stück nur in sarkastischer Form und als Galgenhumor auf, ansonsten ist Lachen sowohl bei den Protagonisten als auch bei der Inszenierung verpönt, auch wenn die deftige Wortwahl so manchen Lacher im Publikum provoziert. Doch diese Entscheidung ist durchaus nachvollziehbar, denn die Trostlosigkeit dieser Situation verträgt keinen Humor, vor allem, da das Stück ausdrücklich keinen Ausweg weist. Ein Stück mit erzieherischem Auftrag könnte Optimismus verbreiten und damit auch Humor als Stilmittel einsetzen, McPherson ist jedoch das Lachen angesichts der Situation in seinem Lande - wie er sie sieht - vergangen, und daher bleibt ihm das Lachen bei den bösen Wortspielen und den drastischen sexuellen und alkoholischen Schilderungen im Halse stecken.

Die Darsteller setzen die dramaturgische Zielsetzung konsequent und mit hoher Intensität um. Matthias Fuchs lässt die ganze mühsam beherrschte Verzweiflung des bereits in mittleren Jahren an sich und der Welt verzweifelnden Raymond erkennen, Volker Muthmann gibt einen sparsam und nur scheinbar souverän grinsenden Frank wieder, dem es im Wesentlichen um sein Image der "Coolness" geht und der noch nicht mal weiß, was er mit dem geraubten Geld machen soll, und Stefan Schuster schließlich sucht als Joe mit aufgesetzter Männlichkeit Achtung und Anerkennung bei den Älteren, die diese ihm nicht geben können, da sie nur mit sich beschäftigt sind. Am Ende bleibt eine große Frage: wessen Asche verstreuen die drei in karikierter Pietät? Wer ist gestorben und warum? Und sind sie womöglich schuldig? Der Vorhang fällt und alle Fragen bleiben offen......

Das Publikum zeigte sich außerordentlich angetan von dieser spätabendlichen Aufführung und dankte den Akteuren mit herzlichem Beifall.

Frank Raudszus

Alle Fotos © Barbara Aumüller