| Nabelschau eines Kritikers |
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"Barfestspiele" des Staatstheaters Darmstadt beginnen mit dem Einpersonen-Stück "St. Nicholas" |
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Wohl in der Absicht, das Theater lebendiger und "volksnäher" zu gestalten und aus der bildungsbürgerlichen Ecke herauszuholen, hat das Staatstheater Darmstadt in dieser Saison die "Barfestspiele" eingeführt. Die Bar der Kammerspiele, lauschig und gastlich auf der Galerie oberhalb der neuen Bühne gelegen, dient dabei als zwanglose Spielstätte für scheinbar improvisierte Stücke, die im Kreise der Wein schlürfenden und Brezeln knabbernden Barbesucher stattfinden. Daraus sollen sich anschließend informelle Kontakte zwischen Zuschauern, Darstellern und Regisseuren ergeben. Grundsätzlich ist diese Idee zu begrüßen, hilft sie doch ein wenig die institutionelle Hürde zwischen den mal als reine Dienstleister, mal als entrückte Künstler missverstandenen Theaterleuten und dem Publikum zu überwinden. Um dieses Ziel zu erreichen und das Publikum in größeren Scharen in die Bar zu locken , muss das Theater jedoch noch etwas die Werbetrommel rühren.
Bis zu diesem Punkt ist die Geschichte rational nachzuvollziehen. Doch dann gewinnt sie eine halluzinatorische Seite, sei es in einer Art Wunschfantasie oder schlicht als Folge eines Alkohol-Deliriums. Der Protagonist trifft nächtens einen Vampir, der ihm die Gunst der Frauen verspricht, wenn er ihm Opfer zuführt. Und so geht unser "Faust" mit seinem "Mephisto" auf Tour und becirct tatsächlich Helen, während der Vampir genüsslich seine Opfer in den Hals beißt. Die Geschichte gewinnt jetzt fragmentarischen Charakter, fast möchte man meinen, der Erzähler trinke während seines Lebensrückblicks stetig weiter und verliere langsam den roten Faden. Der Vampir erzählt ihm ein allegorisches Märchen über die Unmöglichkeit, die Vergangenheit zu ändern, das jedoch ebenfalls kurz vor der üblichen Märchenmoral scheinbar grundlos abbricht. Helen und andere Frauen geistern jetzt nur noch als schöne Schatten erotischer Versprechungen durch seine Rede, die einzelnen Episoden verlieren ihren Zusammenhang, kurz, das ganze verkorkste Leben dieses Möchtegern-Schriftstellers und machtgeilen Kritikers verdichtet sich in dieser kurzen Rückschau zu einem unentwirrbaren Knäuel. Am Ende erkennt er, dass er nichts gewonnen und viel verloren hat, doch zumindest hat er jetzt - eine Geschichte!
Harald Schneider bringt die existenzielle Hektik eines am Leben gescheiterten Alkoholikers zwingend zum Ausdruck. Flackernde Augen, eruptiver Zynismus und falsche weil forcierte Heiterkeit wechseln sich in schneller Folge ab und bergen jederzeit die Gefahr, sich unkontrolliert bis zu einem katastrophalen Klimax zu steigern. Als Harald Schneider nach der reich mit Beifall belohnten Vorstellung - nun als normaler Gast - an der Bar erschien, musste man erst das von ihm entstandene Bild löschen, ehe man ihn als Harald Schneider, den Schauspieler, sehen konnte. Frank Raudszus |