Nabelschau eines Kritikers

"Barfestspiele" des Staatstheaters Darmstadt beginnen mit dem Einpersonen-Stück "St. Nicholas"

 

Wohl in der Absicht, das Theater lebendiger und "volksnäher" zu gestalten und aus der bildungsbürgerlichen Ecke herauszuholen, hat das Staatstheater Darmstadt in dieser Saison die "Barfestspiele" eingeführt. Die Bar der Kammerspiele, lauschig und gastlich auf der Galerie oberhalb der neuen Bühne gelegen, dient dabei als zwanglose Spielstätte für scheinbar improvisierte Stücke, die im Kreise der Wein schlürfenden und Brezeln knabbernden Barbesucher stattfinden. Daraus sollen sich anschließend informelle Kontakte zwischen Zuschauern, Darstellern und Regisseuren ergeben. Grundsätzlich ist diese Idee zu begrüßen, hilft sie doch ein wenig die institutionelle Hürde zwischen den mal als reine Dienstleister, mal als entrückte Künstler missverstandenen Theaterleuten und dem Publikum zu überwinden. Um dieses Ziel zu erreichen und das Publikum in größeren Scharen in die Bar zu locken , muss das Theater jedoch noch etwas die Werbetrommel rühren.

In der ersten "Bar-Inszenierung" tritt Harald Schneider als herunter gekommener Theaterkritiker auf. Schon zehn Minuten vor dem Auftritt setzt er sich still an die Bar, trinkt etwas, das man für Whiskey halten könnte (wahrscheinlich ist es Wasser) und schaut mit unrasiertem Gesicht und leicht flackernden Augen vor sich hin. Wer ihn nicht kennt und nichts von der bevorstehenden Aufführung weißt, wird ihn für einen Alkoholiker halten, der sich hier sein tägliches Quantum holt und jederzeit für einen Eklat gut ist. Und so beginnt er denn auch, sobald das Licht im Raum ausdünnt, zu schwadronieren, umklammert sein Glas und erzählt über seine Zeiten als gefürchteter Theaterkritiker. Dem Alkohol mehr als nur zugeneigt, mit einer übergewichtigen Frau und zwei indifferenten Kindern gesegnet, genoss er seine verbale Macht über die Theaterwelt. Sein Versuch, sich als Schriftsteller zu betätigen, war schon früh an fehlenden Ideen gescheitert. Die Zeitungen rissen sich um seine Verrisse, und die Schauspieler suchten seine Nähe und seine Sympathie. Das ging so bis zu dem Tag, als er die Schauspielerin Helen sah, die ihn sofort in ihren Bann schlug. Obwohl er noch während der Aufführung eine vernichtende Kritik auf die Rückseite des Programmhefts geschrieben und im Anschluss an die Redaktion durchgegeben hatte, suchte er - nach moralischer Aufrüstung mittels Whiskey - unter Vorwänden die Nähe der Theaterleute, sprich Helen, und begann, auf peinliche Art und Weise um ihre Gunst zu buhlen. Die Beichte, die der Kritiker in der Bar "St. Nicholas" vor irgendeinem Fremdem ablegt, bringt jetzt zunehmend Peinlichkeiten ans Tageslicht, so wenn er unter fadenscheinigen Vorwänden und von Eifersucht getrieben ins Haus des offensichtlich mit Helen lebenden Regisseurs eindringt, um sich dort als liebedienerischer Schwadroneur breitzumachen und sich sinnlos zu betrinken.

Bis zu diesem Punkt ist die Geschichte rational nachzuvollziehen. Doch dann gewinnt sie eine halluzinatorische Seite, sei es in einer Art Wunschfantasie oder schlicht als Folge eines Alkohol-Deliriums. Der Protagonist trifft nächtens einen Vampir, der ihm die Gunst der Frauen verspricht, wenn er ihm Opfer zuführt. Und so geht unser "Faust" mit seinem "Mephisto" auf Tour und becirct tatsächlich Helen, während der Vampir genüsslich seine Opfer in den Hals beißt. Die Geschichte gewinnt jetzt fragmentarischen Charakter, fast möchte man meinen, der Erzähler trinke während seines Lebensrückblicks stetig weiter und verliere langsam den roten Faden. Der Vampir erzählt ihm ein allegorisches Märchen über die Unmöglichkeit, die Vergangenheit zu ändern, das jedoch ebenfalls kurz vor der üblichen Märchenmoral scheinbar grundlos abbricht. Helen und andere Frauen geistern jetzt nur noch als schöne Schatten erotischer Versprechungen durch seine Rede, die einzelnen Episoden verlieren ihren Zusammenhang, kurz, das ganze verkorkste Leben dieses Möchtegern-Schriftstellers und machtgeilen Kritikers verdichtet sich in dieser kurzen Rückschau zu einem unentwirrbaren Knäuel. Am Ende erkennt er, dass er nichts gewonnen und viel verloren hat, doch zumindest hat er jetzt - eine Geschichte! 

So kann er sein gescheitertes Leben zum Roman und sich zum gefragten Schriftsteller stilisieren. Das Stück lässt offen, ob ihm das gelingt, und beschränkt sich darauf, gewisse Strukturen des literarischen Marktes satirisch offen zu legen. Denn diese Geschichten - Suff, Weiber, Skandale - sind der Stoff, aus dem man erfolgreiche Geschichten macht. Der Buchmarkt kennt genügend Autoren, die sich gerade mit dieser Art von Lebensrückschau einen - respektablen  - Namen gemacht haben. Doch weit davon entfernt, sich hierüber moralisch erregen zu wollen, seziert der Autor Conor McPherson die archetypische Person des Protagonisten. Der sarkastische Verweis auf die Usancen des Buchmarktes ist sozusagen nur das "Aperçu" einer Geschichte, die im Grunde genommen den Hunger nach Liebe und Anerkennung zum Ausdruck bringt, die man immer dort sucht, wo sie zu fehlen scheint. Getrieben von eigenen Minderwertigkeitskomplexen und Geltungsdrang, kompensiert der Protagonist seinen Frust mit verbaler Rache in Form von Verrissen, bis ihn schließlich die Hörigkeit gegenüber einer Frau zur Strecke bringt. Heinrich Manns Professor Unrat lässt grüßen.

Harald Schneider bringt die existenzielle Hektik eines am Leben gescheiterten Alkoholikers zwingend zum Ausdruck. Flackernde Augen, eruptiver Zynismus und falsche weil forcierte Heiterkeit wechseln sich in schneller Folge ab und bergen jederzeit die Gefahr, sich unkontrolliert bis zu einem katastrophalen Klimax zu steigern. Als Harald Schneider nach der reich mit Beifall belohnten Vorstellung - nun als normaler Gast - an der Bar erschien, musste man erst das von ihm entstandene Bild löschen, ehe man ihn als Harald Schneider, den Schauspieler, sehen konnte.

Frank Raudszus