Letale Nabelschau eines Liebeskranken

Goethes "Werther" bei den Barfestspielen der Darmstädter Kammerspiele

 

Wie wenig doch die Deutschen ihren Goethe kennen, zeigte das Publikum bei der Bühnenversion des "Werther" in Darmstadt: als Darsteller Tino Lindenberg etwa zur Hälfte der Vorstellung mit übergeworfenem Jackett und einem "Ciao" auf den Lippen die Bühne verließ, spendete das Publikum nach kurzer Verblüffung - vermeintlichen - Schlussapplaus, nur um den Protagonisten wenige Augenblicke später von der anderen Seite wieder hereinkommen und das Spiel fortsetzen zu sehen. Regisseurin Andrea Thiesen hat sich diese Überraschung einfallen lassen, um den Vortrag des nie für die Bühne konzipierten Briefromans aufzulockern. Die chronologisch geordnete und fein säuberlich mit exakten Daten versehene Brieffolge richtet sich an einen fiktiven Brieffreund, dem der junge Werther sein anfangs unbeschwertes, fast überhebliches, später verzweifeltes Leben schildert. Natürlich kann man daraus eine herkömmliche Lesung machen, die sich auf einen mehr oder minder pointierten Vortrag beschränkt: den Vorleser am Tisch, vor sich ein Glas Wasser und eine alte Ausgabe des suizidfördernden Paradewerks des "Sturm und Drangs". Nicht so die Version des Staatstheaters Darmstadt: hier erscheint Werther nicht nur zwischen den Worten eines Vortragenden, sondern als lebendiges Wesen, das den Zuschauern seine Befindlichkeiten wie einem imaginären Publikum mitteilt.

Werther/Lindenberg zu Beginn....

Auftritt also Tino Lindenberg, mit modischem Anzug, Hemd über der Hose und Designer-Sonnenbrille. Die Haare ringsum nach vorne gekämmt, wie wir es von alten Porträts kennen. Er nimmt an einem kargen Tisch Platz und beginnt die Korrespondenz mit seinem Freund Wilhelm, als berichte er ihm am Telefon. Die im Text vorhandenen Datumsangaben streut er eher beiläufig ein, wahrt aber dadurch die zeitliche Kohärenz. Den langen, gut gelaunten Vorspann präsentiert Lindenberg im Stil eines jugendlichen Überfliegers, dem die Welt offen zu stehen scheint. Alles sieht er von der positiven Seite, erfreut sich an Natur und Menschen, philosophiert über die Kunst - Werther ist Maler -, flicht hier und da gutmütige Kritik an Kleinbürgerlichkeit ein: kurz, es geht ihm richtig gut, und er lässt dies seine Umwelt auch spüren. Dann die gemeinsame Kutschfahrt mit Lotte: die Fahrt in dem ruckelnden Verkehrsmittel damaliger Tage imitiert Lindenberg sehr schön durch auf und ab schwingende Sitzbewegungen auf dem Tisch. Hufeklappern vom Band begleiten diese "Fahrt" auf ein Fingerschnipsen des Darstellers. Nach der Fahrt zeigt er sich gefühlsgeladen, verunsichert. Sein Ruh' ist hin, er find sie nimmer und nimmer mehr! (da fehlt was in der Mitten....). Zusehends verändert sich Werther alias Lindenberg vom selbstsicheren Bonvivant zum hörigen Verehrer. Seine Miene verengt sich, der Gang wird unstet, die lässige, entspannte Haltung weicht einem nervösen Auf- und Abgehen, die thematisch weit aufgefächerten Berichte an Wilhelm werden zu verdichteten Monologen über die Liebe zu Lotte. Seine nur noch um Lotte sich drehenden Schilderungen begleitet er mit der manuellen Herstellung eines Scherenschnittes der Geliebten, der - immerhin vom Darsteller live durchgeführt - zwar nicht unbedingt schmeichelhaft für die Angebetete ausfällt, dafür jedoch Authentizität ausstrahlt.

Der nächste Bruch naht, als er sich konkret mit Albert, dem ihm bisher nur als schemenhafter Namen bekannten Verlobten Lottes, auseinander setzen muss. Unter dem Tisch hockend, vom Tischtuch verdeckt, bringt er den Satz "Albert ist angekommen" erst nach einem Dutzend gestammelter Anlaute über die Lippen. Obwohl um den Verlobten der Geliebten wissend, hat er ihn in seiner Verliebtheit doch verdrängt. Jetzt setzt die Eifersucht und die Hoffnungslosigkeit mit Gewalt ein, was umso schlimmer ist, da er keinen Makel an Albert finden kann. Lindenberg nutzt nun das ganze Ausmaß der Bühne, eilt vorne ans Publikum, wirft den Zuschauern geradezu seine Pein ins Gesicht, windet sich und dreht sich, presst seine Not aus sich heraus. Schließlich zieht Werther die Konsequenz und verlässt den Ort seiner unglücklichen Liebe, um eine Stelle an einer Gesandtschaft anzunehmen. Ein gewisses Aufatmen ist anfangs die Folge, bald jedoch wickelt er seine ungeliebte Büroarbeit mit forcierter Akkuratesse und grimmiger Arbeitswut ab. Als in die vornehme Gesellschaft anlässlich einer größeren Einladung demütigt, wirft er alles hin und kommt zurück an den Ort seiner Liebe. An dieser Stelle - wie auch an vielen anderen im Originaltext - rechnet Goethe auch mit dem Hochmut der adeligen Gesellschaft ab.

....und am Ende

Lindenberg/Werther biegt nun in die "Zielgerade" ein. Sehr bald muss der noch immer am Liebestropf Hängende feststellen, dass Lotte und Albert ohne sein Wissen geheiratet haben und dass es für ihn kein Glück geben wird. Von diesem Moment an bereitet er sich auf sein Ende vor. Einmal mit dem Entschluss vertraut, wird er wieder ruhiger, am Ende sogar überirdisch ruhig, ordnet seine Angelegenheiten, leiht sich von Lotte - ausgerechnet! - Alberts Pistolen aus und setzt um Mitternacht dem eineinhalbjährigen Martyrium ein Ende. Andrea Thiesen verzichtet auf den martialischen Einsatz von Pistolen und lässt die letzten Seiten, die immer wieder von der ersten zur dritten Person wechseln, vom Band vortragen. Nach dem letzten "Lebe wohl" markiert Tino Lindenberg den tödlichen Schuss durch das Löschen der Kerze, die allein noch die Bühne beleuchtet hat.

Jetzt erst, nach dem klerikal-kritischen Schlusssatz "Kein Geistlicher hat ihn begleitet", wartet der auf dem Tisch Niedergesunkene auf den Schlussapplaus.

Und dieser naht mit Macht. Das zahlenmäßig kleine Publikum spart nicht mit Beifall für diese außerordentliche Leistung von Tino Lindenberg, der über eine Stunde lang überzeugend ein Wechselbad der Emotionen durchläuft und dabei vom leichtlebigen Jüngling zum schwermütigen aber klarsichtigen Todeskandidat "reift". Wer ihn zwei Tage vorher als Trofimow im "Kirschgarten" gesehen hat, staunte über die Wandlungsfähigkeit dieses jungen Schauspielers.

Frank Raudszus

Alle Fotos © Barbara Aumüller