Ein Schuss, ein Schrei - das Meiste von Karl May

 

Das 5. Kammerkonzert des Staatstheaters Darmstadt bringt gereimte Karl-May-Variationen mit Musik

 

Karl May ist bei der heutigen Jugend nicht mehr "in" und dürfte bei der Generation unter dreißig - oder gar unter vierzig - kaum noch bekannt sein. Ältere jedoch erinnern sich noch lebhaft an diesen Autor des 19. Jahrhunderts und haben seine Abenteuerromane als Jungen verschlungen. So passte dieses Programm denn auch in die Veranstaltungsreihe "Kammerkonzerte", die bekanntlich sowieso ein eher reiferes Publikum anzieht. Nun fragt man sich, was die Abenteuerromane eines Sonderlings des 19. Jahrhunderts, der schließlich kein E. T. A. Hoffmann war, mit der Musik zu tun haben. Die Antwort erfolgt weiter unten. Der philosophisch-literarische Fernsehmoderator Roger Willemsen hat Karl-Mays eher naive und mit imaginiertem Wilden Westen prall gefüllte Romane in humoristisch-ironischen Reimen zusammengefasst, wobei er augenzwinkernd - bisweilen auch eher ernst - Parallelen zur Gegenwart zieht. Die Reime erinnern nicht zufällig an Wilhelm Busch, hat doch Willemsen offensichtlich bei dem hintersinnigen Humoristen des 19. Jahrhunderts Anleihen gemacht. Wie bei jenem sind die einfachen Verse nur vordergründig komisch und lassen dahinter immer einen tieferen wenn auch nicht Tiefsinn erkennen. 

Tiefsinn wäre auch nicht gerade die richtige Methode, um das Werk Karl Mays zu würdigen oder gar zu parodieren. Zu offensichtlich bewegte sich dieser in den trivialen Gewässern des simplen Abenteuerromans mit den klar verteilten Rollen von Gut und Böse. Den Mittel- und Höhepunkt des "Mayschen Werkes" wie auch der Willemsenschen Reime bildet Winnetou, der an diesem Abend gleich dreimal vertreten war, wobei dem Autor sowohl ein Kalauer-Reim wie "Winne two" (nach "Winne one") sowohl bewusst schmerzhafte Versionen wie "totschieß" auf "Nscho-tschis" (Genetiv des Namens von Winnetous Schwester, die von einem Bösewicht gemeuchelt wurde....) gelangen. Bei Willemsen beklagt Winnetou auch die Ähnlichkeit seines Spiegelbilds im Wasser mit der Physiognomie von Pierre Brice sowie seinen französischen Akzent......

In diesem Stil geht Willemsen durch das Schaffen Karl Mays, wobei "Durch die Wüste" - mit ironischen Versen auf die Flüchtigkeit des Sandes -, "Von Bagdad nach Stambul" - mit kaum verkennbaren Parallelen zu Mord und Totschlag im heutigen Irak -, "In den Schluchten des Balkan", "Der Schut - als Bösewicht, der für alles herhalten muss -, "Der Ölprinz", "Der Schatz im Silbersee" und andere Exemplare des Mayschen Welt-Ouevres zum Vortrag kamen. Dabei gab Willemsen dem Publikum viel Gelegenheit zum Lachen und Schmunzeln, bisweilen auch zur Nachdenklichkeit ("Bagdad!").

Und die Musik - wie kam sie in dieses literarische Programm? Nun, dafür hatte man die Schwestern Anna und Ines Walachowski aus Breslau engagiert, die auf mal einem, mal zwei Flügeln vierhändig die passende Zwischenmusik zu Willemsens Texten beisteuerten. "Passend" meint in diesem Fall natürlich keine vordergründige Programm-Musik, die Mord, Totschlag, Rache und Freundestreue vertont, sondern Werke der vierhändigen Klavierliteratur, die sowohl zeitlich als auch geographisch zu den verschiedenen Romanen Karl Mays und deren Vers-Verschnitten von Roger Willemsen passen. Da kamen Jean Francais ("Durch die Wüste") und Isaac Albéniz ("Von Bagdad nach Stambul") zu Gehör. Antonin Dvorak half in den "Schluchten des Balkan" aus und der Amerikaner "Aaron Copland" assistierte Winnetou mit einem Stück über "Billy the Kid".  Manuel Infante begleitete Karl May und Roger Willemsen nach Südamerika ("In den Kordilleren mit den kriminellen Karrieren"), Gabriel Fauré, Francis Poulenc und Johann Nepomuk Hummel rundeten das Programm ab. Die beiden attraktiven jungen Damen präsentierten die Klavierstücke mit leichter und auch mal kräftiger Hand und zeigten dabei ein hohes Maß an technischer Perfektion und Einfühlungsvermögen für die weitgehend romantischen Klavierwerke.

Das Publikum zeigte sich von dieser Darbietung sehr angetan und sparte nicht mit Beifall. Eine Zugabe war den Künstlern jedoch nicht zu entlocken. Allerdings war es nach zwei Stunden denn auch genug mit den ironischen und teilweise surrealistischen Versen auf Karl May. Angesichts des Gegenstands der Parodie bestand nämlich am Ende die Gefahr der Wiederholung und einer gewissen Monotonie.

Frank Raudszus