Oper - oder nicht Oper?

 

Carl Orffs "Oidipus der Tyrann" im Großen Haus des Staatstheaters Darmstadt

 

Der griechische Mythios des Oidipus, der unwissentlich seinen Vater erschlug und seine Mutter heiratete, hat Künstler aller Zeiten fasziniert und sich sogar bis in die Psychoanalyse ausgedehnt. Als erster hat Sophokles diesen Mythos für die Bühne aufbereitet, der die Ohnmacht des Menschen gegenüber den rätselhaften Wegen des Schicksals aufzeigt. Der Mensch mag planen, wie und so weit er will, er wird doch gerade das nicht verhindern können, was ihm vorbestimmt ist. So der Mythos der vorhellenischen Zeit, der jedoch zu Sophokles' Zeiten bereits zu Literatur geronnen war. Hölderlin hat den griechischen Text Anfang des 19. Jahrhunderts ins Deutsche übersetzt, und verschiedene moderne Schriftsteller wie Jean Cocteau und Max Frisch haben sich ebenfalls mit diesem Mythos beschäftigt. In der Musik hat sich neben Igor Strawinsky und George Enesco vor allem Carl Orff mit dem Oidipus-Stoff befasst und ihn in eine selten gespielte Oper gegossen. Orff ging dabei konsequent von der Hölderlinschen Fassung aus und brachte sie ungekürzt auf die Bühne. Da ihm sehr an einem durchgehenden Textverständnis lag, verzichtete er weit gehend auf Koloraturen und Melismen und ließ die Sänger den Text in einer direkten Umsetzung der Silben in Töne präsentieren. Darüber hinaus reduzierte er das Orchester auf einen Kern von "geschlagenen" Instrumenten, wozu wir neben Schlagzeug, Xylophon und ähnlichen Instrumenten auch den Flügel zählen wollen, von dem an diesem Abend vier Exemplare den Orchestergraben füllten. Die Streicher beschränken sich auf einige Kontrabässe.

Bühnenbild mit Norbert Schmittberg (Oedipus), Yamina Maamar (Iokaste)

Die Handlung sei hier noch einmal kurz skizziert: König Oidipus von Theben befragt das Orakel, was gegen die in der Stadt wütende Pest zu tun sei, und erfährt, dass erst der ungeklärte Mord an dem alten König Lajos gesühnt werden müsse. Der daraufhin befragte Seher Tiresias bezichtigt in dunklen, mehrdeutigen Worten Oidipus des Mordes. Oidipus selbst hat sein fürstliches Elternhaus im fernen Korinth verlassen, weil ihm dort prophezeit worden war, dass er seinen Vater - vermeintlich der Fürst Polybos - töten und seine Mutter heiraten werde. Seiner beunruhigten Frau - Königin und Witwe des Lajos - berichtet er von einem Kampf auf der Reise durch Griechenland, bei dem sein Gegner - ein älterer Mann - umkam. Als ein Bote die Nachricht vom Tode Polybos' und dessen Frau berichtet, atmen Oidipus und Iocaste auf, weil der Fluch von ihm genommen zu sein scheint. Doch als der Bote weiter enthüllt, dass Oidipus kein leibliches Kind des Fürstenpaares gewesen sondern von einem Hirten des Königs Lajos von Theben ausgesetzt worden sei, entdeckt erst Iocaste und dann auch Oidipus die Wahrheit. Trotz aller Versuche der leiblichen Eltern und des vom Fluch Betroffenen ist alles gemäß der ursprünglichen Prophezeiung eingetroffen. Iocaste erhängt sich und Oidipus verlässt Theben, nachdem er sich selbst geblendet hat.

Norbert Schmittberg (Oedipus), Yamina Maamar (Iokaste) 

Carl Orff unterlegt diese auf das Wesentliche des Mythos' reduzierte Handlung mit einer äußerst sparsamen Musik, die lediglich kleine oder auch kurze dramatische Schlaglichter setzt. So gesehen kann man im Grunde genommen nicht von einer Oper reden, sondern von einem Schauspiel mit Musikunterlegung. Den Darstellern fällt dabei eine äußerst schwierige Aufgabe zu, die darin besteht, den Ton ohne die harmonische oder melodische Unterstützung des Orchesters zu finden. Das beginnt schon in der ersten Szene, wenn Norbert Schmittberg als Oidipus die Bühne betritt und bei schweigendem Orchester auf dem einzelnen Ton C seinen einleitenden Gesang beginnen muss. Aus dem links und rechts auftretenden Chor - alle in Schwarz - schält sich ein Priester (Dimitry Ivashchenko) heraus und antwortet ihm, ebenfalls lange Zeit auf einem einzelnen Ton, der erst zum Schluss der Deklamation sich zu einer kurzen Figur aufschwingt. Dieses Beharren auf einem einzigen Ton betont den deklamatorischen Aspekt, lenkt die Musik doch nicht durch eingängige Melodieführung vom Text ab. Außerdem gewinnt der Vortrag dadurch an Intensität und Dichte. Nur Iokaste - als einzige Frau im Reigen der Könige und Priester - darf aus dem - im wahrsten Sinne des Wortes - monotonen Gesang ausbrechen und stärkere emotionale Aspekte durch einen variantenreicheren Gesang ausdrücken. Sie bildet den musikalischen Gegenpol zu Oidipus und Kreon, die sich im streitenden Sprechgesang gegenseitig verdächtigen, wobei Oidipus auch vor harten Drohungen nicht zurückschreckt.

Doch bei allen Auseinandersetzungen zwischen den Protagonisten gleitet das Stück nie ins Nur-Emotionelle ab. Stets behält der mythische Charakter der Darstellung die Oberhand. Nicht die augenblickliche, an ein Handlungselement gebundene Gefühlsaufwallung steht im Mittelpunkt, sondern die Demonstration eines im wahrsten Sinne des Wortes "übermenschlichen" Prinzip des göttlich waltenden Schicksals. Nicht umsonst trugen die Schauspieler im antiken Griechenland Masken, so von der konkreten Gestalt des Darstellers ablenkend und auf das abbildende Prinzip verweisend. In der Darmstädter Inszenierung hat Intendant John Dew jedoch auf Masken verzichtet und belässt den Darstellern ihr menschliches Antlitz, auf dass sie es zum angemessenen Ausdruck der menschlichen Empfindungen nutzen. Und diese mimische Freiheit nutzen sie, ohne deswegen in naturalistisches Theater zu verfallen. Dass in der Beschränkung sich der wahre Meister zeigt, kann man bei dieser Inszenierung sehr gut nachvollziehen. Alle Darsteller nehmen sich darstellerisch so weit wie möglich zurück und lassen hauptsächlich die Stimme und das Wort wirken. Obwohl man trotz sehr guter Artikulation den wenig eingängigen Versen Hölderlins nur schwer folgen kann, entwickelt sich das Geschehen auf der Bühne ohne ernsthafte Verständnisschwierigkeiten. Die Stringenz des Konflikts und des schrecklichen Erkenntnisvorgangs sprechen für sich. Die Schauspieler tragen den Ablauf mit einem Minimalismus vor, der nur auf den ersten Blick statisch wirkt, in Wirklichkeit jedoch höchste Konzentration und Präsenz erfordert.

Norbert Schmittberg (Oedipus), Mark Adler (Tiresias) 

Das Bühnenbild trägt einen erheblichen Teil zur Gesamtwirkung bei. Die leere Bühne begrenzt an der Rückwand eine stilisierte Burgmauer mit angedeuteten Säulen im vorhellenischen Stil - Mykene könnte als fernes Vorbild gewirkt haben -, die anfangs in goldwarmem Licht glänzt. Zu dieser Zeit ist die innere Welt des Oidipus noch im Lot, wenn auch die Pest in der Stadt wütet. Mit zunehmender Annäherung an die schreckliche Wahrheit verdunkelt sich die Wand, um am Schluss nur noch wie ein schwer auf den Menschen lastendes Gewicht aus dem Hintergrund zu drohen. Nur aus einer kleinen Öffnung in dieser dunklen Mauer dringt am Schluss mit den hereingeführten Kindern des Oidipus etwas Licht wie ein Hoffnungsschimmer auf die Bühne. Doch "Antigonae" wird zeigen, dass noch schwere Zeiten und weitere mythische Konflikte drohen, ehe sich der Hoffnungsschimmer verbreitert.

Die Darsteller spielen durchweg auf einem hohen Niveau, allen voran  der Hauptdarsteller Norbert Schmittberg, der bis zum Schluss mit seiner durchsetzungsstarken und sicheren Stimme das Bühnengeschehen prägt. Yamina Maamar ist ihm als Iocaste eine gleichwertige Partnerin und besticht vor allem durch ihren klaren und ausdrucksstarken Sopran. Andreas Daum gibt den Kreon vielleicht ein wenig zu statisch, während Werner Volker Meyer dem Chorführer stimmlich wie darstellerisch ein starkes Profil verleiht. Der von André Weiß wie immer sehr gut eingestellte Chor fügt sich in dieser so konzentrierten Inszenierung ebenfalls stimmig ein und sorgt immer wieder durch geschickt choreographierte Auftritte für Belebung.

Das Premierenpublikum zeigte sich von dieser eindringlichen Inszenierung hoch beeindruckt und geizte nicht mit Beifall.

Frank Raudszus