| Orffsches Mythos-Finale mit glänzenden Stimmen |
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Carl Orffs "Antigonae" im Großen Haus des Staatstheaters Darmstadt |
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Nach der eindrucksvollen Premiere von "Oidipus als Tyrann" stand einen Tag später im Rahmen einer "Doppeloper" Carl Orffs musikalische Version des Antigone-Mythos' auf dem Programm der Darmstädter Oper. Intendant und Regisseur John Dew hat dabei im Sinne der einheitlichen Wirkung auf weitgehende personelle und bühnentechnische Konsistenz geachtet. So führt Werner Volker Meyer weiterhin den Chor als Chorführer, Andreas Daum ließ sich als nun doch deutlich gealterter Kreon umschminken und Mark Adler tritt wiederum in der Rolle des Sehers Tiresias auf. Die weiteren Rollen sind handlungsbedingt neu besetzt. Das Bühnenbild von Heinz Balthes beruht auf der Grundstruktur des "Oidipus", nur dass die schräg nach vorne und oben in den Raum hineinragende Rückwand nun nicht mehr einen Palast andeutet, sondern die leeren Fensterhöhlen eines zerstörten Hauses zeigt. Dies verweist nicht nur auf das mittlerweile vom Krieg zerstörte Theben, sondern in gewisser Weise auch auf das Jahr 1949 als Entstehungsjahr der Oper. Die Kostüme verdeutlichten den Fortgang der Geschichte: Kreon trägt als König und Kriegsherr jetzt eine schwarze Uniform - die SS lässt schwach aus der Ferne grüßen - und auch in den Chor mischen sich Soldaten mit ähnlichen Uniformen. Es herrscht Krieg und die Sitten sind rauh, das Gold der Gewänder ist dem Grau des Alltags und dem Schwarz der Uniformen gewichen.
Oidipus' Söhne Polynikes und Eteokles haben sich im Kampf um Theben gegenseitig getötet und Polynikes liegt als Angreifer tot vor den Toren der Stadt. König Kreon verbietet zwecks Abschreckung bei Todesstrafe die Beerdigung des Aufrührers, doch Antigonae, Eteokles' und Polynikes' Schwester, trotzt dem Verbot und begräbt ihren Bruder, wofür sie ihr Onkel Kreon zum Tode verurteilt. Der Chorführer versucht als erster vergeblich, ihn umzustimmen, es folgt Kreons Sohn Hämon, der mit Antigonae verlobt ist, jedoch bei seinem Vater nichts ausrichten kann. Tiresias schließlich prophezeit der Stadt Theben langlebiges Unglück, wenn man den Toten nicht begräbt, und erst er kann Kreon schließlich zur Umkehr bewegen. Da hat sich jedoch Antigonae bereits erhängt und Hämon sich in sein Schwert gestürzt. Als ein Bote Kreons Gattin Eurydice den Tod ihres Sohnes Hämon meldet, erdolcht sich auch diese. Kreon bleibt allein zurück zwischen den Leichen seiner Familie. Seine Umkehr kommt zu spät.
Der Konflikt in diesem Stück ist nicht tragisch, das heißt schicksalhaft und unlösbar. Die einzig konfliktbeladene Figur ist Antigonae, und sie kann ihn durch Opferung ihres Lebens lösen. Kreons Entscheidung beruht eher auf gesellschaftlichem Denken. Er hält die drakonische Maßnahme für wichtig, um das Überleben der Gruppe zu sichern, erkennt aber - wenn auch zu spät-, dass er damit elementare menschliche Gesetze verletzt. Die Aussage läuft damit deutlich darauf hinaus, dass diese urmenschlichen Prinzipien über der von Menschen erst künstlich erstellte Staatsräson stehen und ihre Verletzung erst recht den Untergang der menschlichen Gesellschaft zur Folge haben. Oidipus hatte keine Chance, seinem von den Göttern vorgegebenen Schicksal zu entrinnen, Kreon hat sie, nutzt sie jedoch nicht. Schon Sophokles' "Antigonae" ist daher diskursiver als der "Oidipus", der nur darstellt. Diesen Unterschied hat auch Orff erkannt und legt die "Antigonae" daher breiter an als den "Oidipus". Hier kommen die einzelnen Protagonisten wesentlich stärker zu Wort und bringen die Argumente für oder vielmehr gegen Kreons Entscheidung vor. Das beginnt mit Ismene, die zwar mit ihrer Schwester Antigonae fühlt, sich aber nicht gegen das Gesetz auflehnen will. Der Chorführer bringt allgemein menschliche Argumente vor, wird jedoch ebenso abgeschmettert wie Hämon, der an den Familienvater in Kreon appelliert. Jeder ist eigenständige Figur und gewinnt bei seinen Argumente ein Profil. Nicht die Klage gegen das Schicksal steht im Vordergrund sondern der - letztlich scheiternde - Versuch zu überzeugen. Diese intellektuelle Vielfalt der Handlung drückt sich auch in der Musik aus. Orff erlaubt seinen Personen einen wesentlich freieren Gebrauch der Stimme, das heißt, der Sprechgesang dominiert die Inszenierung nicht in dem gleichen Maße wie beim "Oidipus", obwohl er auch hier noch eine wesentliche Rolle spielt, vor allem bei Kreon, dem Vertreter der Macht. Der Gesang entwickelt sich mit der Entfernung zur Macht und findet seinen Höhepunkt in Antigonaes Klage über den bevorstehenden Tod. Auch dies eine aufschlussreiche Entwicklung gegenüber dem "Oidipus", der keine persönliche Todesangst sondern nur die drückende Ohnmacht gegenüber dem Schicksal kennt. Antigonae jedoch weint ihrem nicht gelebten Leben nach, obwohl sie weiterhin zu ihrer Tat steht und den Tod bewusst in Kauf genommen hat. Ihre Todesklagen bilden den Höhepunkt der Aufführung und finden in Katrin Gerstenberger eine hervorragende Interpretin.
Auch die Orchestermusik zeigt in der "Antigonae" deutlich mehr Fülle als im "Oidipus", wenn auch die Besetzung sich nicht geändert hat. Doch dieses Instrumentarium wird breiter genutzt und vielfältiger eingesetzt, so dass sich immer wieder deutliche Anklänge an typisch Orffsche Musik ergeben, so an die "Carmina Burana". Auch der Chor kommt in dieser Oper wesentlich öfter zum sängerischen Einsatz und muss sich nicht weitgehend auf Sprechchöre wie im "Oidipus" beschränken. Die Gesamtwirkung fällt dabei natürlich andersartig aus als bei diesem, die Wucht der monostatischen und musikalisch minimalistischen "Oidipus"-Inszenierung vermisst man in der "Antigonae", dafür kommt die individuelle menschliche Emotion wesentlich stärker auch in der Musik zum Ausdruck. Die Abfolge der Opern entspricht also nicht nur der chronologischen Folge der mythischen Geschlechter sondern auch der Entwicklung des geistigen und kulturellen Lebens im antiken Griechenland, das sich von mythischer Schicksalsgläubigkeit hin zum diskursiven Austausch umformte. Die sängerischen Leistungen überzeugten auch an diesem Abend in vollem Umfang. Allen voran ist Katrin Gerstenberger in der Titelrolle zu nennen, deren strahlende und in allen Lagen sichere und modulationsfähige Stimme die Aufführung bestimmte. Ihre darstellerischen Fähigkeiten ergänzten die gesangliche Leistung zu einem mehr als überzeugenden Gesamteindruck. Gleich nach ihr ist Andreas Daum zu nennen, der als Kreon eine ebenfalls tragende Rolle zu bewältigen hatte und der diese isowohl stimmlich wie darstellerisch überzeugend zu gestalten wusste. Sein Kreon verbreitetet die düstere Ausstrahlung des einsamen Herrschers, der sich in seinen Entscheidungen festbeißt und in jeder menschlichen Rührung ein Zeichen von Schwäche sieht. Werner Volker Meyer gibt den Chorführer ein weiteres Mal souverän und mit deutlichem Profil, Mark Adlers Tiresias kommt nahezu als Double des Vorabends und Allison Oakes tritt überzeugend als verängstigte und verzweifelte Ismene auf. Zu erwähnen ist auch noch Thomas Mehnert, der als Bote mit einem fülligen und gut artikulierten Bass überzeugte. Das mit dem Vorabend nahezu identische Premierenpublikum war auch diesmal wieder begeistert und spendete allen Beteiligten einschließlich Orchester und Regie begeisterten Beifall. Frank Raudszus |
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