Ein Ausflug in die Traumwelt der Kinder

 

Maurice Maeterlincks Märchenspiel "Der blaue Vogel" im Kleinen Haus des Staatstheaters Darmstadt

 

Der Belgier Maurice Maeterlinck (1862 - 1949), Nobelpreisträger 1911, war ein typischer Vertreter des "fin de siècle" mit seinem Hang zum Symbolismus. Seine Werke drehen sich immer wieder um den Tod und die Zwischenwelt der Träume. In dem Märchenspiel "Der blaue Vogel" leben zwei Kinder - der Junge Tyltyl und seine Schwester Mytyl - mit ihren Eltern in einer einsamen Köhlerhütte im Walde. Die Krankheit der Nachbarstochter bewegt die Gemüter der beiden Kinder und begleitet sie noch in den Schlaf hinein. Kaum sind sie entschlummert, erscheint ihnen die Fee Berylune und trägt ihnen auf, den "blauen Vogel" zu finden, den Träger des Glücks. Da dieser Vogel gut geschützt im Wald lebt, gibt sie ihnen eine Zaubermütze mit, die sie vor allem Unheil bewahren soll. Außerdem erwachen alle Dinge um sie herum zum Leben, um sie bei der Suche nach dem "blauen Vogel" zu unterstützen. Die Katze Tylette kann genau wie der Hund Tylo plötzlich sprechen, verfolgt auf der Reise jedoch im Gegensatz zum treuen Tylo, der Tyltyl auf Schritt und Tritt folgt, eigene Ziele. Daneben nehmen das Brot, das Feuer, das Wasser, der Zucker und das Licht plötzlich menschliche Gestalt an und begleiten die beiden Kinder auf ihrer Reise. Dabei ergeben sich natürlich sofort Rivalitäten, so zwischen Hund und Katze oder zwischen Feuer und Wasser. 

Margit Schulte-Tigges (Die Fee Berylune), Maika Troscheit (Mytyl), Stefan Schuster (Tyltyl), Aart Veder

Das Licht führt die beiden Kinder durch den dunklen Wald und warnt sie vor den drohenden Gefahren. Auf ihrer Reise lernen sie die Toten kennen, darunter ihre Großeltern, erfahren die Nacht als personifizierte Gefahr, und lernen, bei Gefahr ihre Zaubermütze zu benutzen, die sofort alle Schatten und Geister verschwinden lässt. In große Gefahr geraten sie, als der Wald, der den blauen Vogel bewacht, sie als Menschenvertreter töten will. Die Eiche, der König des Waldes, hält Gericht über sie und verurteilt sie zum Tode, weil ihr Vater, der Köhler, so viele Bäume getötet hat. Alle anderen Bäume - Linde, Buche, Tanne, Weide - stimmen zu, doch keiner will die Hinrichtung übernehmen. Als der alte, blinde und lahme Eichenhäuptling sich an die Ausführung der Tat machen will, lässt die Zaubermütze alle Bäume plötzlich wieder zu sprachlosem Holz erstarren. So finden die beiden unschuldigen Kinder schließlich den blauen Vogel und nehmen ihn mit nach Hause. Im letzten der zehn Bilder erwachen sie wieder in ihren Betten und erinnern sich beide an ihren gemeinsamen Traum. Die Gegenstände um sie herum bleiben jedoch stumm, die Tiere schauen sie sprachlos an und die Mutter weiß nicht, was sie mit dem unverständlichen Gerede der Kinder anfangen soll. Für die Kinder jedoch ist der kleine Vogel im Vogelbauer zum "blauen Vogel" geworden und bringt der Nachbarstochter tatsächlich sofortige Heilung. Als sich diese den Vogel in ihrer Hand noch einmal anschauen will, kann er entweichen und fliegt in den Himmel davon. Die Kinder und mit ihr alle Figuren des Spiels schauen ihm nach und versinken noch einmal in die Träume vom Glück.

Gabriele Drechsel (Die Katze Tylette), Tom Wild (Zucker), Volker Muthmann (Das Feuer), Matthias Kleinert (Der Hund Tylo)  

Dieses mit viel symbolischer Bedeutung über Glück, Liebe und kindliche Unschuld aufgeladene Märchen hat der für Regie, Bühnenbild und Kostüme verantwortliche Andrej Woron für das Staatstheater mit viel Liebe zum Detail in Szene gesetzt. In den Randszenen besteht das Bühnenbild aus dem Kinderzimmer von Tyltyl und Mytyl, das durch die Verengung des Raumes den Eindruck einer kleinen Hütte erzeugt. In den Bildern dazwischen dient eine fahrbare Rampe als Requisit und "Bühne auf der Bühne" für den Auftritt der einzelnen Figuren, sei es das Licht - Karin Klein mit gelbem Bauhelm und Stirnlampe sowie goldener Schärpe -, das Feuer - Volker Muthmann mit rotem Korsett und schlängelnden, Flammen ähnelnden Bewegungen - , oder die Geister der Toten, die ihre Köpfe aus den Luken der Rampe strecken und leise singen. Den Wald symbolisieren vom Bühnenhimmel herabhängende Bretter mit angedeuteten Laubmuster, ihre sprechenden Erscheinungen tragen (Baum-)Kronen auf den Köpfen und Vogelkot auf den Umhängen. In diesem schlichten Bühnenbild agieren die Schauspieler als Metamorphosen von Dingen und Begriffen. Das Wasser - Harald Schneider, bewegt sich wellenförmig über die Bühne, das Feuer geht ihm ängstlich aus dem Wege, das gutmütige Brot (Gerd K. Wölfle) tut sich mit dem vernaschten Zucker (Tom Wild) zusammen, und die Fee Berylune (Margit Schulte-Tigges) lässt hin und wieder ihren blauen Kopf mit den wenigen weißen Haarsträhnen sehen, um die Kinder an ihre Aufgabe zu erinnern. Gabriele Drechsel schleicht als Katze Tylette im rot-schwarzen Dress, gekrümmten Krallen und fauchend durch die Bühne und versucht, die Kinder an den Wald zu verraten, Matthias Kleinert stellt sich ihr als tumber aber treuer Hund Tylo immer wieder in den Weg. Stefan Schuster als Tyltyl mit Ranzen auf dem Rücken und Maika Troscheit als sein Schwesterchen Mytyl stolpern gutgläubig und im Schutze ihrer kindlichen Unschuld durch alle die Gefahren des nächtlichen Waldes und behalten bis zum Schluss ihren kindlichen Glauben an das Gute und den Erfolg ihres Unternehmens. Karin Klein wacht als das Licht über ihre Wege und warnt sie rechtzeitig vor den Gefahren der Umwelt. Aart Veder führt das Publikum als Erzähler durch das Geschehen und tritt zwischendurch auch als Figur der Handlung auf.

Gabriele Drechsel (Die Katze Tylette), Maika Troscheit (Mytyl), Ensemble  

Akustisch begleitet Michael Ehrhard das Geschehen mit seinem kleinen Einmann-Orchester an der Bühnenseite. Mal lässt er Klaviermusik erklingen, dann wieder erzeugt er mit seinen Schlag- und Klanginstrumenten verschiedene, dem Geschehen auf der Bühne angemessene Klänge, mal klagend, mal wehmütig, mal heiter. Doch die Musik bleibt immer im Hintergrund und beschränkt sich auf kleine akustische Kommentare zur Handlung; gerade dadurch erzeugt sie eine märchenhafte Atmosphäre und entrückt die Handlung ins Unwirkliche.

Das Ensemble hatte an dieser phantasievollen Inszenierung offensichtlich viel Freude und war mit viel Engagement und Spielwitz bei der Sache. Jeder versuchte, der jeweiligen Situation möglichst viel hintersinnigen Witz zu verleihen, ohne deswegen in platten Klamauk zu verfallen. Die Aussage dieses Stückes ergibt sich aus der Menge der symbolträchtigen Situationen und läuft auf eine Sehnsucht nach Unschuld und Ursprünglichkeit hinaus, die sich mit rationalen Diskursen nicht ausdrücken lässt. Den Darstellern gelang es jedoch mit ihrem bewusst naiven Spiel, eine Ahnung von der Bedeutung dieses Märchenstückes und von den Ängsten und Sehnsüchten der Literaten des "fin de siècles" zu vermitteln. Das Premierenpublikum war jedenfalls hell begeistert und spendete dem gesamten Ensemble samt Regie lang anhaltenden, kräftigen Beifall.

Frank Raudszus

Alle Fotos © Barbara Aumüller