Schiller im minimalistischen Kleide  

Friedrich Schillers "Don Karlos" im Kleinen Haus des Staatstheaters Darmstadt

 

Friedrich Schiller hat den "Don Karlos" als sein problematischstes Werk betrachtet und war während der langjährigen Arbeiten an dieser Tragödie trotz vieler Umarbeitungen nie so recht zufrieden mit dem Ergebnis. Die Literaturkritik hat diese Selbstkritik gerne aufgenommen und fort gesponnen, und erst in neuester Zeit hat die Theaterwelt einen neuen Zugang zu diesem Werk gefunden, wohl nicht zuletzt, da viele seiner Aussagen angesichts eines weltweit zunehmenden Fundamentalismus - und nicht nur in den muslimischen Ländern - wieder aktuelle Bedeutung gewonnen haben. 

Das Eingangsbild der "Don Karlos"-Inszenierung

Die wesentlichen Kritikpunkte gegenüber dem "Don Karlos" bestehen darin, dass der Autor keine klare Linie verfolgt und zwei nur mäßig miteinander verknüpften Handlungsstränge parallel führt. Don Karlos, der Infant von Spanien, liebt seine Stiefmutter und Frau seines Vaters und vermeint, ein Recht auf sie zu haben, zumal er ursprünglich als ihr Ehemann vorgesehen war. In seiner jugendlichen Unbedingtheit ignoriert er alle Risiken, um sich der Königin zu nähern, ein Tabubruch, der ihm im religiös versteinerten Spanien des 16. Jahrhundert und vor allem an dem in Etikette erstarrten Hof des Vaters leicht den Tod bringen kann. Sein alter Freund Marquis Posa kommt von langen Auslandsaufenthalten zurück mit dem Plan, Karlos als jugendlichen Anführer der flandrischen Widerstandskämpfer gegen die Truppen des Vaters zu gewinnen. Dabei stellt er schnell fest, dass Karlos von der Liebe zu Elisabeth besessen ist, und versucht, trotz oder gerade wegen der damit verbundenen Gefahren Karlos' erotische Leidenschaft für seine eigenen politischen Pläne und für dessen Rettung zu nutzen. Die divergierenden Ziele der beiden Freunde, jedes für sich Grund für ein sofort zu vollstreckendes Todesurteil, bewegen sich in einem Minenfeld von Intriganten, Speichelleckern und eifersüchtigen Hofdamen, die alles tun würden, um ihrer Stellung am Hofe zu festigen und auszubauen. Der politische Aspekt bleibt lange Zeit im Hintergrund, sofern es um Aufstand und Änderung der Verhältnisse in Philipps Reicht geht. Von Posa ist mehr damit beschäftigt, Don Karlos vor Unvorsichtigkeiten zu bewahren und bereits entstandene Gefahren zu beseitigen, als dass er tiefer auf die politische Unterdrückung in den Ländern des katholischen Spanien eingehen könnte. Einige Hinweise auf die Starre des Schreckens in Europa, von Philipp und seinen Schergen fälschlich als Frieden bezeichnet, müssen schon reichen, um Karlos eine Ahnung zu geben von der Vision eines vom katholischen Fundamentalismus befreiten Europas. So trägt die Kritik an Schillers Unentschiedenheit bezüglich der Schwerpunkte im "Don Karlos" bis in den dritten Akt, in dem Philipp in Posa den einzigen Menschen erkennt, der ihm statt Heucheleien und Schmeicheleien die reine Wahrheit sagen könnte. In diesem Gespräch verdichtet sich die gesamte politische Aussage des Stücks, die in dem berühmten Satz gipfelt: "Geben Sie Gedankefreiheit". Hier gerät das Drama wieder ins Gleichgewicht, die Akzente werden neu gesetzt, und die Auseinandersetzung zwischen dem alten, religiös-fundamentalistischen System und der keimenden Aufklärung schlägt sich in dem Dialog dieser beiden Kontrahenten wieder. Dass Philipp auf die leidenschaftlich vorgebrachten Appelle des Marquis mit der Skepsis des Alters und dem Zynismus der Macht antwortet, zeigt Schillers Einsicht in die wahren Verhältnisse der Welt, in Posas Rede jedoch verdichtet er seine eigene Vision einer befriedeten und freien Gesellschaft.

Tino Lindenberg (Marquis von Posa),   Martin Maria Eschenbach (Don Karlos) 

Doch auch Marquis Posa ist nicht ohne Fehl. Zur Erreichung seiner langfristigen Ziele - Karlos nach Flandern und dann Aufstand gegen die Spanier - setzt er fast skrupellos die erotische Leidenschaft seines Freundes ein. Er bemächtigt sich unter dem Vorwand der sicheren Verwahrung seiner Briefe und nutzt doch einige davon, um den König von einer wenn auch nur potentiellen Gefährlichkeit des eigenen Sohnes zu überzeugen. Der König überträgt ihm daraufhin die Aufsicht über Karlos, was Posa sofort zu einer Verhaftung des Freundes nutzt, um ihn anschließend sicher außer Landes bringen zu können. Doch Posa hat nicht mit den anderen Intriganten gerechnet. Über die auf die Königin eifersüchtige Prinzessin Eboli gelangen der eiskalte Machtmensch Alba und der aalglatte Priester Domingo an Dokumente, die sowohl die Königin als auch Karlos belasten könnten. In einem letzten Opfergang schreibt Posa daraufhin einen Brief, in dem er seine angebliche Liebe zu Elisabeth bekennt, wohl wissend, dass dieser Brief abgefangen wird. Noch im Abschiedsgespräch mit Karlos wird er hinterrücks erschossen. Doch seine Absicht und ausgeklügelte Planung, dass Karlos als nun Unschuldiger ins Ausland gehen und das Vermächtnis erfüllen kann, erweist sich als posthumer Irrtum. Zu sehr hatte Posa auf das Gelingen seines Planes gesetzt und Karlos wegen dessen Wankelmütigkeit nicht informiert. Ausgerechnet der intriganten Eboli hat sich Karlos anvertraut, die ihr frisches Wissen sofort an Philipp weitergibt. Philipp hat zwar den falschen "Übeltäter" hinrichten lassen, wird diesen Fehler aber nach den neuesten Informationen schnellstens korrigieren. Aus dieser Situation ergibt sich die zweite große Szene dieses Stückes, das Gespräch zwischen dem weltlichen Herrscher Philipp und dem geistlichen Oberhaupt der spanischen Kirche, dem blinden Großinquisitor, der in einem geradezu apokalyptischen Zynismus die Grundsätze der katholischen Kirche und der Inquisition zusammenfasst. Am Ende gehört ihm Karlos, und in Spanien wie in den katholischen Ländern des Reiches herrscht weiterhin die Ruhe eines Friedhofs.

Vorher hat jedoch Philipp in einer letzten menschlichen Anwandlung Marquis Posas Tod betrauert und erkennt in ihm den einzigen Menschen, zu dem er vertrauen und Zugang gehabt hat. Instinktiv erfasst Philipp die Intrigen von Alba und Domingo, doch er weiß auch, dass er sie braucht, um an der Macht zu bleiben. Lieber opfert er den eigenen Sohn zugunsten einer Staatsraison, die keinerlei Verletzungen gesellschaftlicher Tabus erlaubt, als dass er das System von Intrige und Denunziation beendet. Der Zynismus des Pragmatismus siegt am Ende über alle Visionen.

Uwe Zerwer (Philipp der Zweite), Britta Hübel (Königin Elisabeth)

Regisseur Michael Helle hat für seine Inszenierung einen minimalistischen Rahmen gewählt. Das Bühnenbild besteht lediglich aus drei weiß-grauen Wänden und dem Bühnenboden, der je nach Bedarf mit dem nötigsten Mobiliar ausgestattet wird. Bis zur Inquisitorszene bleibt diese Bühnenanordnung hermetisch geschlossen, erst dann kommt der Großinquisitor wie der Komtur aus dem "Don Giovanni" durch eine sich aufhebende Öffnung in der Rückwand, was diesem Auftritt eine besondere Bedeutung verleiht. Die Räume der Königin werden durch ein paar lose verteilte Sessel markiert, wobei die Hofdamen abseits der Königin sitzen und in andere Richtungen schauen und so die Königin auch optisch isolieren. Das soll ein Licht werfen auf die hermetische Abriegelung des Hofes - speziell der Königin - zu Philipps Zeiten. Keine Sekunde des Tages war  sie allein, und niemand durfte sie sprechen ohne Genehmigung des Königs. Man kann sich also das Risiko vorstellen, dass Don Karlos durch seinen "Einbruch" in diese Gemächer einging. 

Die Kostüme der Schauspieler könnten dem heutigen Straßenbild entsprungen sein, wobei die Damen eine Spur konventioneller gekleidet sind. Nur zu Beginn tragen König und Königin die Insignien ihrer Macht - eine Schärpe - als sich das gesamte Ensemble wie zu einem Hofbild auf der noch halb abgedunkelten Bühne einfindet. Nach einer nahezu unerträglich langen Standzeit des gestellten Bildes mit anschwellender Musik bricht Don Karlos aus dem wohl gefügten Gruppenbild, reißt sich die Insignien der prinzlichen Würde vom Leib und wirft sich zu Boden. Nach diesem symbolträchtigen Einstieg kann das Stück mit den berühmten Worten von den "schönen Tagen" beginnen. Fortan werden sich auf der Bühne die Überreste von Kleidung und Nahrungsmitteln - Orangenschalen - sammeln und symbolisieren somit den schleichenden Verfall der anfangs geradezu klinisch reinen (Bühnen-)Welt. Am Schluss stehen zwar die Wände noch, aber auf dem Boden zeigen sich die Zeichen des Verfalls und der Umwälzungen. Leider kommt Helle auch mit einem "Holzhammer"-Bild daher, dessen Deutlichkeit an Plattheit grenzt: als Marquis Posa seinen Freund Karlos verhaften lässt, muss sich dieser nackt ausziehen, die Hände mit Klebeband auf dem Rück zusammenbinden und eine Plastiktüte über den Kopf stülpen lassen. Abu Ghuraib lässt grüßen, doch nicht nur der Schutzhaft-Charakter dieser Verhaftung lässt das Bild aufgesetzt erscheinen.

Christina Kühnreich (Prinzessin von Eboli), Martin Maria Eschenbach (Don Karlos)   

Die schauspielerischen Leistungen überzeugen durchweg, wenn auch in einigen Fällen die Besetzung durch treffendere Typen vorzuziehen wären. Das spricht nicht gegen die jeweiligen Schauspieler, die durchweg glaubwürdig agierten, sondern meint eher, dass für bestimmte Rollen auch bestimmte Schauspieler sowohl von ihrem Äußeren als auch von ihren bisherigen Rollen her unserer Meinung nach geeigneter gewesen wären. Auf Namen wollen wir wegen der unterschiedlichen Betrachtungsweise verzichten. Besonders zu loben ist Martin-Maria Eschenbach, der die überschwängliche Richtungslosigkeit des jungen Don Karlos mit beeindruckender Intensität präsentierte. Keinen Augenblick kann man vor einem gefährlichen Gefühlsausbruch des unausgelasteten und an einen erstarrten Hof gefesselten Prinzen sicher sein, und andererseits ergießt er sich ebenso schnell in überbordende Liebes- und Freundschaftsbezeugungen wie in misstrauische Anklagen gegen seine Umwelt. Dieser Karlos ist tatsächlich ein Spielball der intriganten Kräfte am Hof, der dringend einer stützenden Hand bedarf. Tino Lindenberg als Marquis Posa reicht ihm die helfende Hand und versucht, ihn vor den Folgen seiner Impulsivität zu schützen. Die beiden bilden über die Dauer des Stückes ein hervorragend aufeinander eingespieltes Team und gehen mit viel Gespür für die jeweilige Situation aufeinander ein. Für Tino Lindenberg stellt sich dabei das Problem, dass der Marquis eigentlich keine Person aus Fleisch und Blut ist, sondern nur ein Träger von Ideen und damit Katalysator für den Fortgang der Handlung. Seine fehlenden menschlichen Schwächen oder ausgeprägten Eigenarten erleichtern es nicht gerade, dieser Figur besonderes Leben einzuhauchen, doch Lindenberg verleiht dem Marquis so etwas wie die "ernsthafte Leichtigkeit des Seins". Uwe Zerwer ist ein König, der seinen abgeklärten Zynismus hinter einer fast jovialen Maske verbirgt und ihn nur in wenigen Momenten hervorblitzen lässt. Machterhalt und Staatsraison sind Philipps oberstes Gebot, und für die Menschen hat er nur Verachtung übrig, so dass sich emotionelle Ausbrüche von Bösartigkeit von selbst verbieten. Dem Kleingetier des eigenen Hofstaats gegenüber zeigt man weder Hass noch Zuneigung, kurze Anweisungen ohne nähere Begründungen beweisen die Macht des Königs weit besser als expressive Machtäußerungen. Nur bei Posas Tod beginnt dieses monadische Selbstbildnis zu wanken. Uwe Zerwer zeigt sich als Meister dieser minimalistischen Darstellung der absoluten Macht. Britta Hübel spielt die Elisabeth mit viel Herzblut, aber auch als unsichere junge Frau, die plötzlich an einem fremden Königshof mit ihren Hofdamen eingesperrt ist. Sie versucht, sich zurechtzufinden, ohne größere Fehler zu begehen, aber auch ohne andere Menschen zu kränken. Auch in Michael Helles Inszenierung bleibt unklar, wie sie zu Karlos wirklich steht, aber das ist wohl ganz im Sinne von Schiller. Als knochentrockene aber blitzgefährliche Intriganten Alba und Domingo kommen Aart Veder und Harald Schneider daher, die fast immer im Doppelpack agieren und den Intrigenstadl mit sehr viel Gespür für Situation und Chancen am Laufen halten. Hubert Schlemmer verleiht dem schleimigen Denunzianten Lerma fast groteske Züge und Christina Kühnreich brilliert mit einer expressiven Interpretation der Prinzessin Eboli. Iris Melamed und Nadja Juretzka vervollständigen den Hofstaat der Königin, und Jo Kärn schließlich verleiht der Inszenierung mit seinem blinden Großinquisitor am Schluss noch eine düstere Note.

Das Premierenpublikum zeigte sich von dieser Inszenierung sehr angetan und applaudierte Darstellern und Regie einhellig und lange. Keine "Buuhs", dafür aber einige "Bravos".

Frank Raudszus

Alle Fotos © Barbara Aumüller

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