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Die
Bar-Festspiele des Staatstheaters heben die Schranken
zwischen Darsteller(n) und Publikum weitgehend auf, und so
manche Aufführung wirkt eher wie ein - wenn auch
einseitiges - Gespräch zwischen Barmann bzw. -frau und den
Gästen. So auch am ersten Samstag des neuen Jahres: gegen
22 Uhr verschwinden die Bedienungen aus dem Hufeisen der
Bar, das Licht im Raum erlischt bis auf die Lampen in der
Bar, die Gespräche der um den Tresen versammelten Gäste
verstummen, und schließlich betritt eine dynamische junge
Frau um die dreißig (Christina Kühnreich) in grauem
Hosenanzug und roter Bluse die Bar. Wie eine zielstrebige
Geschäftsfrau baut sie einen Projektor und eine Leinwand
auf, wirft einen kritischen, kontrollierenden Blick auf ihr
Publikum und legt eine Folie über Drogen auf den Projektor.
In diesem Augenblick könnte ein zufälliger Besucher - wenn
es den gäbe - glauben, hier würde die städtische
Drogenberaterin an einschlägiger Stelle eine flammende Rede
gegen den Miss- bzw. Gebrauch von Drogen aller Art halten.
Und das tut Christina Kühnreich auch, allerdings auf "inverse"
Art: mit überzeugtem und überzeugendem Gestus stellt sie
die verschiedenen Drogen wie Haschisch, Kokain, Ecstasy (XTC),
Speed und Heroin vor - Alkohol und Nikotin nicht zu
vergessen - und verteilt als fiktive Hanna Empfehlungen für
den richtigen, heißt "kontrollierten" Einstieg in
die Welt der Drogen.
Hanna
ist offensichtlich - oder scheinbar? - gut drauf. Energisch,
selbstbewusst und ein wenig mitleidig-spöttisch
gegenüber spießigen weil ängstlichen Drogengegnern
präsentiert sie Eigenarten und Vorteile der einzelnen
Drogen. Zur Bekräftigung ihrer Argumente lässt sie ihre
eigene - natürlich bewusst gesteuerte und kontrolliert
aufgebaute - Drogenkarriere vor dem Publikum Revue
passieren. Ehemann, Kind (eins!), Haushalt, Nachbarschaft
und Gesellschaft wuchsen ihr irgendwann einmal über den
Kopf und weckten ihre Sehnsucht nach einer heilen,
glücklichen Welt mit viel Lust und wenig Frust. Über im
Haus arbeitende Handwerker - sinnigerweise ausgerechnet der
Lehrling! - kam sie an ihre ersten Ecstasy-Tabletten und
lernte das anschließende Glücksgefühl kennen. Plötzlich
liebte sie die ganze Welt und vor allem ihren verheulten und
ängstlichen Sohn. Natürlich schwor sie anschließend, dass
dies das erste und letzte Mal gewesen sei - und lacht jetzt
über diesen typischen Anfängerfehler eines jeden
Drogeneinsteigers. Nur Schwächlinge hören nach dem ersten
Mal auf, der selbstbewusste und intelligente Nutzer weiß
den Drogenkonsum - das Wort "Sucht" vermeidet
Hanna bewusst - gezielt und kontrolliert zu nutzen.
Abhängigkeit oder gar Ausfallerscheinungen kennt der
Drogen-Profi nicht. Sie jedenfalls hat alles im Griff und
erweitert mit den Drogen Leben, geistigen Horizont und
Gefühlsleben. Für jeden Befindlichkeitswunsch gibt es die
passende Droge, nur mit Heroin befindet sie sich -
schüchternes Lächeln - noch in der Experimentierphase.
In
dieser Phase besticht Christina Kühnreich durch die gekonnt
vorgetragene Doppelbödigkeit ihres scheinbar so kühlen und
überzeugten Vortrages. Schon hier spürt man unter dem zur
Schau getragenen Selbstbewusstsein der Hanna eine gewisse
Panik, die sie konsequent durch noch überzeugteres
Auftreten zu kompensieren trachtet. Doch ganz gelingt es ihr
nie, denn immer wieder taucht zwischen ihren markigen Worten
ihre problem- und frustbeladenes Leben als Grund für den
Drogenkonsum auf, und ebenso oft berichtet sie von dem Loch,
in das man nach dem Abklingen der Wirkung fällt und aus dem
man nur mit einer passenden Dosis der richtigen Droge wieder
herausfindet. Zwar marginalisiert sie diesen
"Kater" als unvermeidliche aber beherrschbare
Nebenwirkung, aber man glaubt ihr schon hier nicht. Mit
zunehmender Dauer ihres Vortrages jedoch fällt sie selbst
in die für die jeweilige Droge typischen Zustände. So
zeugt gerade der selbstbewusste Vortrag von der Einnahme der
Droge, und der anschließende Zusammenbruch lässt nicht auf
sich warten. Ihre Rede wird erst akzentuierter, lauter, dann
aggressiver gegen alle Arten von Drogengegner und
Besserwisser, heftige Aggressionsschübe begleiten ihre
Worte, dann fängt sie sich wieder. Immer stärker wird die
Spannung zwischen der verzweifelt positiven Schilderung der
schönen Drogenwelt und dem sich abzeichnenden Zusammenbruch
nach dem Rausch. Das Ganze kulminiert in einem auch
physischen Zusammenbruch, bei dem sie sie sich schreiend auf
dem Boden der Bar windet, den Blicken der meisten Zuschauer
entzogen, nur um sich dann wieder aufzurichten, Haare und
Kleidung zu richten und die Fassade mühsam wieder
herzustellen. Wie von Drogensüchtigen aller Art - von
Alkohol bis Heroin - bekannt, leugnet sie bis zum Schluss
die Abhängigkeit und die Sucht und macht sich und der Welt
vor, ihren Drogenkonsum intelligent zu kontrollieren und
sich die Wirkung der Pillen zunutze zu machen. Da ist sie
jedoch schon ein Wrack und hat jeglichen Realitätsbezug
verloren.
Kai
Hensel hat mit diesem Monolog einer Süchtigen die richtige
Balance zwischen Warnung und Zeigefingermoral gefunden.
Gerade die sarkastische Ironie eines vordergründigen
Lobgesangs auf die Drogen lässt das wahre Drama erst
richtig aufscheinen. Die hohle Verzweiflung der Süchtigen
drückt sich in einem klettenartigen Festhalten an den
Glücksversprechungen der Chemie aus, deren Kurzlebigkeit
und Scheinhaftigkeit die Protagonistin bereits am eigenen
Leib erfahren hat. Christina Kühnreich erbringt mit diesem
einstündigen Monolog nicht nur eine bewundernswerte
Gedächtnisleistung, sie überzeugt auch mit einer
glasklaren, verständlichen Artikulation und vor allem durch
die Doppelbödigkeit der Figur Hanna, die verzweifelt den
Anschein von Glück, Erfolg und Erfüllung zu erwecken
trachtet und doch den unaufhaltsamen Niedergang bereits
spürt.
Die
Drogenkonsumenten an der Bar - Wein und Bier - waren von
dieser Inszenierung begeistert und klatschten Christina
Kühnreich ein ums andere Mal auf die improvisierte Bühne
im Drogenausschank zurück. Der ein oder andere soll
daraufhin auch ein Glas weniger getrunken und eine Zigarette
weniger geraucht haben......
Frank
Raudszus
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