| Die melancholische Leichtigkeit der Liebe |
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Colin Higgins' Komödie "Harold und Maude" im Staatstheater Darmstadt |
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Die mediale Gefühlsindustrie kennt strenge Muster für die effiziente Verarbeitung des Mythos "Liebe". Dazu gehören Jugend, Schönheit und bestimmte Tabus wie das Alter. Ebenso wie Alterssex eher eine verschämte Ecke der Diskussion besetzt, gilt auch ein großer Altersabstand der Liebenden als "inkorrekt", insofern die Geschlechterrollen vertauscht sind: ältere Herren mit jungen Frauen gehen in einer patriarchalischen Gesellschaft durch, das Gegenstück jedoch erweckt eher peinliche Gefühle. Der englische Autor Colin Higgins hat letztere Konstellation zum Gegenstand seines Theaterstückes gemacht, das überhaupt erst nach dem erfolgreichen Film gleichen Namens entstand.
Doch Higgins fällt nicht gleich mit der Tür ins Haus, sondern lässt die Handlung langsam, fast beiläufig angehen. Der junge Harold (Leander Lichti) steht unter der Fuchtel einer energischen Mutter (Sonja Mustoff) und entflieht deren Direktiven in eine destruktive innere Emigration. Wo möglich, schockiert er seine Umgebung mit pyrotechnischen Experimenten, Selbstmord-Inszenierungen mit reichlich Theaterblut und anderen Absonderlichkeiten. Bereits in der Eingangsszene hängt er sich spektakulär zu Beatles-Musik im Salon auf und entlockt der dieser Eskapaden bereits überdrüssigen Mutter damit nur entnervte Kommentare. Höchstens die aus nahe liegenden Gründen oft wechselnden Dienstmädchen schockt er damit noch. Mit Mädchen hat er bisher nichts im Sinn gehabt, und zu seinen Hobbys gehören unter anderem Besuche von Beerdigungen und Schrottplätzen, wo sich Autos ihrer Endverwertung nähern. Als die resolute Mutter für ihn eine Therapie bei dem Psychopathen - pardon: Psychiater - Dr. Mathews vereinbart, sagt Harold bereits nach wenigen Sitzungen alle weiteren Besucher ab, weil Dr. Mathews doch zu viele Merkmale seiner Patienten zeigt. Daraufhin kontaktiert die Mutter eine Partnervermittlung, um endlich eine Frau für Harold zu finden. Bei einer typisch englisch verregneten Beerdigung lernt Harold die alte Maude (Margit Schulte-Tigges) kennen, die sich unter die Trauergäste gemischt hat und dabei ungeniert ihre Nüsse verzehrt. Dem sie ob ihrer "politisch inkorrekten" kulinarischen Genüsse ermahnenden Pater Finnegan (Aart Veder) bietet sie in fast schon naiver Offenheit ebenfalls von den Nüssen an. Die erste Begegnung zwischen den beiden Protagonisten verläuft zwar folgenlos, aber die nächste Beerdigung kommt bestimmt.
Unterdessen muss sich Harold mit den Eheanbahnungsaktivitäten seiner Mutter auseinandersetzen. Den Fragebogen der Agentur legt sie ihm vor, beantwortet dann der Einfachheit halber die Fragen erst für ihn und dann - mit gleitendem Übergang - aus ihrem eigenen Empfinden. So organisiert man das Leben der eigenen Familie. Der Aufmarsch der Kandidatinnen wird zur Soloschau von Maika Troscheit. Sylvie kommt als handfeste Landfrau mit Latzhose daher, die zwar irgendwelchen kryptischen Studiengängen nachgeht, aber eher in eine Baugeschäft passt. Sie hat mit Freundinnen aus Spaß den Kontakt zur Agentur aufgenommen und beim Losen für den ersten Kontakt verloren. Durchgefallen. Danach erscheint Maika Troscheit als mausgraue und völlig verklemmte Sekretärin Nancy, die angesichts eines scheinbar mit einer explodierenden Waschmaschine in die Luft fliegenden Harold in Ohnmacht fällt. Sunshine schließlich ist die dritte Metamorphose der Maika Troscheit: eine als Vamp aufgedonnerte Schauspielerin, die mit wiegenden Hüften sofort körperliche Nähe sucht und sich dann angesichts Harolds japanischer Harakiri-Inszenierung selbst in eine tragische Shakespeare-Rolle hineinsteigert und sich zu der Scheinleiche auf den Boden legt. Parallel zu diesen verunglückten Kuppelei-Versuchen der Mutter vertieft sich anlässlich verschiedener Beerdigungen die Bekanntschaft zwischen Harold und Maude. In einem Fall hat Maude gerade vor dem Rathaus einen verdörrten Baum ausgegraben, um ihn im Friedhof neu anzupflanzen. Als beide Gärtner (Matthias Kleinert und Klaus Ziemann) sowie Pater Finnegan ihr diese illegale Praktiken vorhalten, bemächtigt sie sich zusammen mit Harold unter den entsetzten Blicken des Paters des klerikalen Autos, um den Baum im Wald einzupflanzen. Im Laufe der Zeit zeigen sich die eigenwilligen Aktionen der alten Dame immer deutlicher. Aus dem Zoo hat sie eine Robbe entführt, um sie im Meer auszusetzen, wobei Harold ihr nach anfänglichem Widerstand hilft, und die Möbel in ihrem Haus hat sie sich ebenfalls alle ohne Entgeltleistung angeschafft, was der sie schon seit langem zäh verfolgende Inspektor (Gerd K. Wölfle) schließlich herausbekommt. So schließt sich der Ring um die alle bürgerlichen Konventionen mit einer geradezu überirdischen Leichtigkeit verletzende Maude immer enger, und es bleibt ihr nur noch Harold, der jetzt immer mehr Zeit mit ihr verbringt. Von ihr lernt er einen völlig neuen, unbefangenen Blick auf die Welt und das Leben, er löst sich aus seiner inneren Erstarrung und öffnet sich ihr immer weiter. Ihre Lebenslust und ihr - trotz ihrer offensichtlich desolaten wirtschaftlichen Lage - Lebensmut beeindrucken ihn und binden ihn auch zunehmend emotionell an sie. Hier erfährt er eine Zuwendung, die er von seiner stets nur organisierenden Mutter nie gekannt hat.
So stellt Harold schließlich fest, dass er sich tatsächlich in Maude verliebt hat, und beschließt, sie zu heiraten. Doch er weiß nicht, dass sie schon lange beschlossen hat, an ihrem nun bevorstehenden achtzigsten Geburtstag aus dem Leben zu scheiden. Daher kann sie auch die polizeilich verfügte Räumung ihres Hauses leichten Herzens hinnehmen und bietet sogar dem Inspektor und seinem Gehilfen noch Bilder und Bücher an. Als Harold seiner Mutter von seiner bevorstehenden Heirat mit Maude berichtet, ohne weitere Details über die Braut außer ihrer Adresse zu äußern, kommt es noch zu einer grotesken Szene zwischen den beiden Frauen. Den Schlusspunkt setzen dann Harolds Liebeserklärung und Heiratsantrag zu Maudes Geburtstag und deren Ankündigung, aus dem Leben zu scheiden. Von nun an muss Harold sein Leben alleine meistern, hat dazu jedoch von Maude noch sehr viele wichtige Erkenntnisse mit auf den Weg bekommen. Regisseur Henri Hohenemser hat diese Komödie mit sehr viel Leichtigkeit in Szene versetzt und vermeidet dabei sowohl falsche Sentimentalität als auch platte Komik, beides drohende Gefahren bei diesem Stoff. Seine Maude zeigt ausgesprochene Alltagstauglichkeit und schützt ihre Gefühle mit einer nüchternen und doch anrührend direkten Weltschau. Harold ist zwar unberechenbar in seinen ständigen Verrücktheiten, jedoch auch seine gröbsten Experimenten verkommen dank knapper Ausgestaltung nicht zum Selbstzweck des reinen Slapsticks. Auch Harolds Mutter bleibt im Rahmen des Wahrscheinlichkeiten und agiert nicht als Knallcharge der "Übermutter". Ja, man nimmt der viel beschäftigten Geschäftsfrau die Sorge um ihren Sohn tatsächlich ab und möchte ihr nur raten, sich einmal persönlich mit ihm zu beschäftigen. Der typisch englische Humor kommt beim Psychiater Dr. Mathews, bei Pater Finnegan und bei dem Inspektor zum Vorschein, die alle ein wenig zur Karikatur ihres jeweiligen Berufsstands werden. Doch auch diese Karikaturen bewegen sich im Rahmen des Legitimen und lösen des Öfteren berechtigte Heiterkeit beim Publikum aus.
Stelios Vasikaridis hat dazu ein variantenreiches Bühnenbild geschaffen, das mal enge, dann wieder weite Räume zeigt. Harolds Welt besteht aus kahlen rechteckigen, ihn einengenden Wänden, Maude dagegen lebt in einem weiten Raum mit farbigen und vielgestaltigen Möbeln. Bei Harolds Mutter wohnen Korrektheit, Strenge und Effizienz, bei Maude Phantasie und Freiheit - so die Botschaft des Bühnenbildes. Das Ensemble füllt diesen Raum mit engagiertem und sensiblem Spiel. Allen voran glänzen dabei Margit Schulte-Tigges mit ihrer Darstellung der lebensklugen und unkonventionellen Maude sowie Leander Lichti mit seiner zurückhaltend-melancholischen Interpretation des Harold. Dieser ist bei ihm kein fanatischer Pyromane oder Selbstmordkandidat, sondern eher ein in sich gekehrter Ironiker, der seine Inszenierungen lediglich als konterkarierende Zeichen setzt. Maika Troscheit kann in den Rollen der drei Ehekandidatinnen glänzen und dabei trotz deren Nähe zum Klischee Punkte und Lacher sammeln. Aart Veder fühlte sich in der Rolle des verklemmt-bigotten Paters offensichtlich sehr wohl, ebenso wie Harald Schneider als verschrobener Psychiater, der zunehmend seinen Patienten ähnelt. Gerd K. Wölfle ist mittlerweile auf Polizei-Inspektoren abonniert und füllt diesen Part professionell aus, Andreas Manz besetzt als Sergeant eher eine Nebenrolle. Sonja Mustoff gibt eine sehr glaubwürdige, geschäftstüchtige Mutter ab, die trotz ihrer dominanten Art doch nicht ganz den Bezug zum Leben verloren hat, Matthias Kleinert und Klaus Ziemann geben in ihren kurzen Auftritten den Gärtnern ein wenig Profil. Beatles-Musik der sechziger und siebziger Jahre belebte nostalgisch die Szenenwechsel und versetzte vor allem das ältere Publikum in die eigene Jugendzeit zurück. Das Publikum war am Ende begeistert von dieser leichten und doch anrührenden Komödie. Frank Raudszus |
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