Schiller im minimalistischen Kleide  

Laura Wades "Kälter als hier" in den Kammerspielen des Staatstheaters Darmstadt

 

Der Tod hat Konjunktur. Wie in Philip Roths neuem Roman "Jedermann" steht er auch in diesem Theaterstück der allerdings noch nicht einmal dreißigjährigen Laura Wade im Mittelpunkt des Geschehens. Und wie bei Roth ist es kein gewaltsamer, externer Tod, der in Gestalt von Selbstmordattentätern oder plötzlichen Katastrophen auf den nichts ahnenden Menschen niederfährt, sondern ein schleichender, fast freundlicher Tod, der sich rechtzeitig ankündigt und dem Betroffenen ausreichend Zeit zur Auseinandersetzung mit ihm einräumt.

Margit Schulte-Tigges (Myra), Julia Glasewald (Jenna)

In "Kälter als hier" geht es um die krebskranke Myra (Margit Schulte-Tigges), die nur noch wenige Monate oder gar Wochen zu leben hat und die sich und ihre Familie systematisch auf den "Tag danach" vorbereitet. Zu Beginn sucht sie mit ihrer jüngeren Tochter Jenna einen Ruheplatz in der freien Natur, was nach englischem Recht angeblich erlaubt ist. Mit nüchterner, fast surrealer Akribie beurteilt sie die in Frage kommenden Orte sowohl nach landschaftlichen - wird es mir da gefallen? - als auch nach praktischen Gesichtspunkten - haben alle Familienangehörigen gleich lange Wege? - und zeigt sich als wählerische Grabkundin. Sie scheint das Stadium der Todesangst überwunden zu haben und hat sogar auf dem Laptop eine Präsentation für ihre Familie über die Details der Beerdigung erstellt. Sie zeigt dabei die typische Egozentrik und Unduldsamkeit der Todgeweihten, die genau wissen, dass man einem Sterbenden nicht widerspricht und seine Wünsche anstandslos respektiert.

Die Familienmitglieder können natürlich nicht "auf Augenhöhe" mithalten, da sie durch Gesundheit und unbefristetes Leben sozusagen "stigmatisiert" sind. So reagiert jeder auf seine Weise: Alec, ihr Mann (Klaus Ziemann), ist der typische Mittelklasse-Engländer (wie wir ihn uns vorstellen): wortkarg bis an die Grenze des Autismus, immer mit der Zeitung oder mit irgendwelchen Reparaturen am Haus beschäftigt und jeder Auseinandersetzung mit seiner Frau, seinen Kindern und der Situation aus dem Wege gehend. Nicht unbedingt gefühlsarm doch unfähig, mit seinen Gefühlen umzugehen und sie zu zeigen. Bezeichnenderweise besteht seine Haupttätigkeit darin, die Heizungsanlage wieder zum Laufen zu bringen. Das Haus ist seit Tagen - oder länger? - eiskalt, und seine verzweifelten Anrufe bei der Heizungsfirma verhallen wie K.s Suche nach den Verantwortlichen in Kafkas "Prozess". Diese Situation ist natürlich hoch symbolisch. Der nahende Tod verbreitet zunehmende Kälte um sich und greift direkt ans Herz; verantwortlich dafür ist eine höhere Instanz, die sich nicht erreichen lässt. Auf der anderen Seite steht diese Kälte auch für den Kommunikationsverlust zwischen den Familienmitgliedern, die mangels entsprechender Einübung mit der Situation nicht fertig werden.

Maika Troscheit (Harriet), Julia Glasewald (Jenna)

Die beiden Schwestern Jenna (Julia Glasewald) und Harriet (Maike Troscheit) stehen für zwei gegensätzliche Annäherungen an die Todessituation. Jenna wird überhaupt nicht mit der Situation fertig, verbietet der Mutter sogar, überhaupt von sachlichen Aspekten des nahenden Todes zu sprechen, und wehrt sich mit impulsiver Auflehnung gegen das Schicksal. Sie lebt eigentlich bei ihrem Freund, kehrt jedoch nach diversen Auseinandersetzungen in das elterliche Haus zurück, um hier die Endphase des mütterlichen Leidens zu erleben. Sie erträgt den scheinbar normalen Familienalltag mit lesendem und bastelndem Vater und ständig organisierender Mutter nicht, da ihr dieses Verhalten angesichts des nahenden Todes absurd erscheint. Dass diese Verhaltensweisen auch Schutzmaßnahmen sein könnten, vermag sie aufgrund ihrer Jugend nicht zu erkennen. Harriet lebt mit ihrem Mann zusammen und besucht die Mutter täglich. Sie stellt immer eine forcierte Fröhlichkeit zur Schau, räumt den Kühlschrank der Mutter auf und redet ununterbrochen über alltägliche Dinge, als ginge dies Leben endlos so weiter. Dem Zuschauer erscheint diese Fröhlichkeit anfangs unpassend weil unsensibel, doch langsam sickert durch diese vordergründige Heiterkeit die wahre Befindlichkeit durch. In einem Gespräch mit Jenna zerfällt das lachende Gesicht ein ums andere Mal für kurze Momente zu einer starren, leeren Maske, die den wahren Schrecken über den Tod der Mutter zeigt. Sie zeigt das fröhliche Gesicht nicht aus Oberflächlichkeit, sondern um ihrer Mutter noch einige unbeschwerte Stunden und Tage zu bescheren. Trauern kann man nach deren Tod auch noch, doch man sollte ihr die letzten Monate durch eigene Trauer und Verlustängste nicht noch schwerer machen. Harriet beweist hier eine außergewöhnliche Größe, die sich auch darin zeigt, dass sie den Vater nicht kritisiert sondern so nimmt, wie er ist. Ihr geht es einzig und allein um die seelische Stabilität ihrer Mutter, und sei sie auch nur für wenige Stunden zu erreichen. In diesem Sinne kritisiert sie auch Jenna ziemlich direkt, indem sie ihr vorwirft, ihre eigenen Ängste und damit sich in den Vordergrund zu stellen, und sagt ihr auf ihre impulsiv geäußerte Verzweiflung auf den Kopf zu: "Es geht hier nicht um Dich, sondern um Mutter!".

Diese, die Mutter, hat sich jedoch längst in einem Kokon von organisatorischen Beschäftigungen eingesponnen, bei denen es darum geht, alles Erdenkliche nach ihrem Tod vorauszusehen und zu planen. In einer letzten, übergroßen Selbstvergewisserung spricht sie ihrer Familie die Fähigkeit zum sinnvollen Weiterleben ab und schreibt damit ihre eigene, über den Tod hinaus geltende Wichtigkeit fest. In einer Schlüsselszene sitzt sie neben dem Zeitung lesenden Alec auf der Couch, mit bitterem Blick um Aufmerksamkeit buhlend, diese aber nicht verbal einfordernd. Dem durch die verständliche Launenhaftigkeit seiner Frau und seine gesamte Sozialisierung in sich zurückgezogenen Alec fällt es nicht ein, einen Arm um sie zu legen. Erst, als Myra sich seinen Arm um ihre Schultern legt, lässt er die Zeitung sinken, und das folgende Gespräch lässt sogar noch einmal Erotik aufblitzen.

Margit Schulte-Tigges (Myra), Klaus Ziemann (Alec)

Diese Geste des Ehemanns geht zeitlich einher mit der Reparatur der Heizungsanlage, so dass wieder Wärme ins Haus einzieht (sic!). Harriet verzichtet auf weitere drakonische Aufräumarbeiten in der Wohnung der Eltern, und die Töchter können sogar mit dem einfachen Pappsarg leben, den Myra schon früh bestellt hatte und den sie vor ihrem Tod noch bemalen will. Am Ende erwartet Myra den Tod auf dem schließlich gefundenen Ruheplatz, die Familie ist zusammengerückt und Jenna hat einen neuen Freund gefunden. Das Leben geht weiter, auch wenn Myra sterben wird. Ein unerwartetes Happy-End durch einen medizinischen "deus ex machina" hat die Autorin uns glücklicherweise erspart.

Laura Wade hat mit diesem Einakter ein einfühlsames Stück über das elementarste Lebensthema verfasst und entgeht dabei sowohl falschen Sentimentalitäten als auch Plattitüden. Die geradlinige Handlung und die aufs Wesentliche zielenden Dialoge arbeiten die Probleme deutlich heraus ohne sie zu übertreiben. Weinkrämpfe gibt es in diesem Stück nur ansatzweise und dann gerade wegen der Plötzlichkeit überzeugend. Zwar kann man sich mit dem Besuch dieser Inszenierung nicht unbedingt "ein paar schöne Stunden machen", aber das ist ja auch nicht (immer) das Ziel des Theaters.

Die schauspielerischen Leistungen überzeugen durchweg. Margit Schulte-Tigges spielt mit sparsamen mimischen und gestischen Mitteln eine Myra, die ihre Verzweiflung über das nahende Ende durch Geschäftigkeit und betonte Nüchternheit kaschiert, die sich aber doch nach Nähe und Zuspruch sehnt. Klaus Ziemanns mental blockierter Ehemann steht nicht nur sich sondern auch den anderen im Wege, bis er zum Schluss doch noch im Rahmen seiner Möglichkeiten auftaut. Ziemann spielt diese Rolle mit einem Understatement, das sowohl Souveränität als auch Unfähigkeit zur Emotion ausdrücken kann. Maike Troscheit gibt die Brüchigkeit von Harriets bewusst gewählten Fröhlichkeit vor allem durch ihre Mimik überzeugend wieder, und Julia Glasewald ist ebenso glaubwürdig als innerlich zerrissene, mit sich und der Situation heillos überforderte Jenna.

Das Publikum konnte sich nur schwer aus der Schwere des Stücks lösen und konnte sich daher nur zu freundlichem, wenn auch anhaltendem Beifall aufraffen .

Frank Raudszus

Alle Fotos © Barbara Aumüller

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