Ein Frankfurter Held... 

Weitere Stücke derselben Gruppe:

Prater Saga 3

Die Gruppe Gob Squad präsentiert in Frankfurt "Super Night Shot"

 

Die Berliner Gruppe "Gob Squad" kommt mehrheitlich aus dem Performance-Sektor und hat sich erst nach und nach in den darstellerischen Bereich begeben. Daher tragen ihre Produktionen auch alle den Charakter spontaner Installationen. Das Besondere dieser Gruppe liegt darin, dass es keinen zuständigen Regisseur gibt, sondern dass die vierköpfige Gruppe - Johanna Freiburg, Sean Patten, Sarah Thom, Bastian Trost - diese Aufgabe gemeinschaftlich übernehmen.

Ging es in "Prater Saga 3" (siehe linker Kasten) um die Einbeziehung willkürlich und spontan angesprochener Passanten in ein kleines Theaterstück, so steht in "Super Night Shot" die Gegenüberstellung von Individuum und anonymer Großstadt im Mittelpunkt. Zu diesem Zweck schwärmt die Gruppe der vier Darsteller, mit Videokameras ausgerüstet, etwa eineinhalb Stunden vor Vorstellungsbeginn in die Frankfurter Innenstadt und inszeniert dort eine spontane Aktion, in der jede der vier Personen eine bestimmte Aufgabe übernimmt und dabei sich und seine Gesprächspartner filmt. Ein "Casting Director" (Jeff Shawn)  identifiziert mögliche Passanten, die sich für eine Ansprache eignen, ein "Location Manager" (Johanna Freiburg) sondiert vor und während der Aktion die Örtlichkeiten und der "Marketing Manager" (Sarah Tom) sorgt für die nötige Aufmerksamkeit. Bastian Trost schließlich spielt den einsamen "Helden", der einem beliebigen Frankfurter Einwohner eine existenzielle Wohltat erweisen möchte. Dazu spricht er die hin und her eilenden Passanten an und fragt sie nach ihren Problemen, um eben diese zu lösen.

Wenn nach einer Stunde die Bänder der Videokameras mit den Bildern der Aktion gefüllt sind, eilen alle zum Aufführungsort in der Schmidtstraße, wo die gespannt  wartenden Zuschauer sie mit Konfetti, Wunderkerzen und einem "The End"-Transparent empfangen. Auch diesen Einzug filmen die vier in Unterwäsche einlaufenden Darsteller noch mit den letzten Filmmetern. Wenige Minuten später beginnt die Vorführung, bei der die vier Filme synchron nebeneinander auf einer Leinwand ablaufen. Um gewisse Aktivitäten zu koordinieren, ist vor Beginn der Aktion ein Uhrenkontrolle erfolgt, und zwischendurch präsentieren die Protagonisten mitten im Frankfurter Gallusviertel - vor dem Nobelhotel "Frankfurter Hof" oder vor dem Commerzbank-Gebäude - verschiedene Einlagen, mal mit Tiermasken verkleidet, mal einfach nur zu einer imaginären Musik tanzend, die später dem Film unterlegt wird. 

In seinem Bestreben, eine Heldentat zu vollbringen, scheitert Bastian Trost - glücklicherweise - beim versuchten Sprung vom Hoteldach an Fenstergittern oder bei dem Versuch, einer Passantin ein trockenes Brötchen zu besorgen, an der mangelnden Verfügbarkeit dieses elementaren Lebensmittels. Doch dieses Scheitern ist in der Inszenierung einkalkuliert. Es gibt nur einen groben Handlungsrahmen, die Entwicklung der Aktion bleibt dem Moment, den Einfällen der Darsteller und den Reaktionen der Passanten überlassen. Das eigentlich Kreative an dieser Aktion sind die ungeplante, unvorhersehbare Interaktion mit zufällig vorbeikommenden Passanten und die spontanen Aktionen der Darsteller mitten im Zentrum einer Großstadt. Anonymität und Individualität der Umgebung und der Beteiligten werden dabei permanent gegeneinander ausgespielt und schaffen dadurch einen unerwartet aufbrechenden Raum von aufbrechender Distanz und skeptischer Nähe. Auch der Humor kommt dabei nicht zu kurz und äußerst sich mal in gespielter Naivität, mal in leiser Ironie  und mal in spontaner Lebensfreude. 

Das überwiegend junge Publikum amüsierte sich köstlich und sparte nicht mit spontanen Lachern und Kommentaren. Am Ende erhielt Gob Squad den verdienten kräftigen Beifall.

Frank Raudszus

Alle Photos © David Baltzer

Home