Ein "Musical-Varieté" auf hohem Niveau

 

Varieté "Da Capo" mit neuem Programm "Szenario" auf dem Darmstädter Karolinenplatz

 

Für ein Unternehmen wie das Varieté "Da Capo" ist es nicht einfach, jedes Jahr ein unverwechselbares Programm auf die Beine zu stellen. Ein Theater kann sich über eine ganze Saison mit unterschiedlichen Angeboten ein eigenes und je neues Profil geben, ein nur zur Weihnachtszeit auftretendes Varieté dagegen kämpft erstens mit der saisonbedingte Erwartungshaltung - Weihnachten naht wieder - und zweitens mit den Gewohnheiten des Publikums. Beide wollen zu einem gewissen Teil berücksichtigt werden und doch sollen die Zuschauer das Zelt mit dem Gefühl verlassen, etwas Einmaliges erlebt zu haben. Initiator und "Spiritus Rector" James Jungeli ist jedoch auch in diesem Jahr eben dieses Kunststück wieder gelungen.

Die Musik spielt in der Show "Szenario" eine wesentliche Rolle. Dazu hat man die Gruppe "farfarello" und den Geiger Mani Neumann - hier unter dem Pseudonym Manuel - engagiert. Als gesanglicher Gegenpart zu Manue betritt die spanische Sängerin Sylvia Gonzalez Bolivar die Bühne und begrüßt die Zuschauer mit einem eiskalten Lied über die Lust am Geld und Kapital. Ihr antwortet Manuel von der Empore mit den Kategorien der bedürfnislosen Emotionen, die aus der Musik und der Phantasie entstehen. Nach anfänglichem Zögern lässt sich Silvia, so auch ihr Künstlername an diesem Abend, Schritt für Schritt auf das Spiel mit dem urwüchsigen und naturverbundenen Geiger ein. Von nun an geleiten diese Beiden Das Publikum mit einer Reihe stimm- und violinstarker Lieder durch das Programm. Dazu sorgt die Band für heiße Rhythmen in allen möglichen Kategorien, sei es Rock oder Reggae. Natürlich beschränkt sich das Programm nicht auf die Geschichte der Geldlady und des Geigers, sondern sozusagen als Realisierung ihrer Phantasien entstehen spektakuläre Akrobatikvorführungen, wagemutige Schritte hoch oben in der Luft und hintergründige Sketche des Komikers.

Margarita Strapaten aus der Ukraine bewegt sich an den parallelen Vertikalbändern so leicht und schwerelos, dass man meint, sie habe die Gesetze der Gravitation ausgehebelt. Wenn nicht der Kopf die Anstrengung die für die einzelnen Figuren erforderliche Körperkraft und -beherrschung registrieren würde, könnte man diese Übung für eine der leichtesten der Welt halten. Ihr wohlkalkulierter Sturz an den Bändern entlang bis kurz vor den Boden der Manege raubt einem schon den Atem.

Freddy Nock und sein mongolischer Partner Mica balancieren nicht nur ohne  Netz, doppelten Boden oder Sicherheitsleinen durchaus nicht "ratlos hoch oben in der Zirkuskuppel", sondern Freddy bringt es dabei auch noch fertig, gefährliche Fehler vorzutäuschen, die im ersten Moment dem Publikum den Atem rauben. So mancher Zuschauer meint auch nach der Vorführung, an der einen Stelle sei Freddy fast angestürzt, doch die professionelle Art, in der er sich im letzten Moment wie in einem "Action-Thriller" am Seil festklammert und wieder hinaufschwingt, zeugt von genau kalkuliertem Risiko. Der "Kick" für das Publikum ist nur noch zu übertreffen durch eine Riesenwelle um das Hochseil, die wie ein spektakulärer Sturz beginnt, sich dann aber dank kaum sichtbarer "Fußangeln" als Kunstfigur erweist. Das Freddy auf dem Seil auch einmal seinen Partner überspringt, nimmt dann nicht mehr wunder. Im zweiten Teil des Abends laufen die beiden wie Hamster im "Todesrad", einem überdimensionalen Schwungarm, der durch zwei kreisrunde Laufbänder an den Enden in Schwung gebracht wird. Dabei beschränken sie sich nicht auf den Lauf im inneren des Rads - das wäre für einen Profi zu wenig - sondern laufen und springen - oh Schreck und Graus - ebenso an der Außenseite der schnell um den Aufhängepunkt rotierenden Laufbändern entlang, immer in der Gefahr, hinten runter zu fallen. Auch hier wird das gefährliche Moment natürlich genau kalkuliert und bis zum Letzten ausgereizt. Vor allem Freddy Nock schafft es dabei immer wieder, dem Publikum kritische Momente vorzuspielen, die direkt in die Katastrophe zu führen scheinen. Die Tatsache, das diese jedoch nie eintritt, zeigt das professionelle Können dieser beiden Künstler. Doch auch bei höchsten Können verlangt diese Vorführung viel Mut und Risikobereitschaft.

Das Trio Mikheevs aus Russland zeigt bewundernswerte Akrobatik am Ringperch, einem großen Metallreifen, an dem hoch über dem Kopf des ihn tragenden Athleten die anderen ihre Kunststücke vorführen. Anton und Roman aus der Ukraine treten als marmorierte Athleten aus, die sich aus einer scheinbaren Statuengruppe lösen und unglaubliche Körperakrobatik zeigen. Die Gruppe "The Incredible" schließlich katapultieren ihre Damen mittels eines Schleuderbrettes bis in zehn Meter Höhe, wo sie nach einem ein- oder mehrfachen Salto rückwärts auf den Spitze einer Menschensäule landen. Die hochgeschleuderten Männer kehren nach Luftschrauben und ähnlichen schwerelosen Kunststücken wie niedersausende Pfeile auf die hoch gehaltene Matte zurück.

Muthar aus Russland kann jeden Muskel und Knochen seines Körpers beliebig drehen, verbiegen oder hervorstehen lassen. Es ist nicht jedermanns Sache, die unnatürliche Verformung eines menschlichen Körper zu verfolgen, aber faszinierend ist auf jeden Fall die Muskel- und Körperbeherrschung, die dieses Kunststück erfordert. das Lachen der Zuschauer klang dabei immer ein wenig erschrocken. Robert Tailor aus Frankreich präsentiert sich als ein Jongleur von Weltklasse und macht es dem Publikum oft sehr schwer, den Flugfiguren seiner Objekte zu folgen. Er scheint über vier oder fünf Hände zu verfügen, derartig schnell und sicher holt er die irrwitzig in der Luft umherfliegenden Gegenstände aus den unmöglichsten Konstellationen wieder zurück. Auch hier vermutet man des Öfteren den unvermeidlichen Crash der Keulen in der Luft oder am Boden, doch er tritt nie ein.

Für die Lachmuskeln ist Elan aus den USA zuständig. Vollständig wortlos verständigt er sich mit dem Publikum nur über seine Mimik, Gestik und eine Trillerpfeife, die all seine Gesten und absichten akustisch begleitet und bekräftigt. Unnachahmlich sein Schwebender Koffer oder das scheinbar so einfache Spiel mit einer Maske, die er auf dem Kopf statt vor dem Gesicht trägt. Eher hintergründig und fast makaber verläuft die Nummer mit fünf jungen Männern aus dem Publikum, die er kurzer Zeit mittels Pfeife und Grimassen zu folgsamen Soldaten in Reih und Glied dressiert. Hier schlägt das scheinbar gutmütige Mitmachen plötzlich in eine Demonstration der Manipulierbarkeit des Menschen um.

Ein Showballet sorgt für die optische Auflockerung der Nummernfolge und die Umsetzung der fetzigen Musik in belebte Bilder, wobei die Tänzerinnen sich nicht nur durch ihre tänzerischen Leistungen auszeichnen. Man darf daher annehmen, dass die Plätze dicht an der Manege vor allem beim männlichen Publikum begehrt sind, auch wenn man dort unter Umständen zum Mitmachen "verhaftet" wird.

Das Premierenpublikum im ausverkauften Zelt zollte den Künstlern lang anhaltenden, begeisterten Beifall und wird die Bewohner der Region sicherlich durch Wort und Schrift in Strömen in das Zelt locken.

Frank Raudszus