| Pathos raus, Poirot rein |
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Giuseppe Verdis Oper "Der Troubadour" im Staatstheater Darmstadt |
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Als Giuseppe Verdi 1853 den "Troubadour" komponierte, herrschte in Europa die Romantik mit all ihren mythischen und okkulten Verzweigungen. So lässt sich auch erklären, dass ein Libretto wie dieses auf die Bretter kam, das man nur im Telegrammstil wiederzugeben vermag: Zigeunerin verhext Grafensohn und wird hingerichtet. Ihre Tochter Azucena will den Tod der Mutter rächen, ermordet jedoch versehentlich (!!) ihr eigenes Kind anstelle des geraubten Grafensohnes. Dessen Bruder ist vom Vater auf dem Sterbebette beauftragt worden, den Bruder zu suchen. Azucenas Sohn Manrico bekämpft den herrschenden Graf Luna, und selbst naive Zuschauer ahn(t)en schon hier, dass Manrico eigentlich Graf Lunas Bruder ist. Natürlich kämpfen beide um dieselbe Frau, Leonora, wobei Luna skrupellos seine Macht einsetzt. Luna sperrt Azucena ein, Manrico gerät beim Befreiungsversuch in Gefangenschaft, beiden droht der Tod. Leonora bietet sich Luna als erotische Geisel gegen Manricos Leben an und nimmt Gift. Luna lässt auch Manrico töten und erfährt anschließend von Azucena, dass er seinen eigenen Bruder hingerichtet hat. Das Ganze ist noch garniert mit einigen Verwechslungen und den bei den tragischen "Sex & Crimes"-Libretti der Opernliteratur üblichen Auf und Abs, unter anderem mit einem Duell der beiden Kontrahenten.
Nun kann man diesem Libretti, inszeniert man es "vom Blatt weg", heutzutage schwerlich eine politische oder allgemein menschliche Aussage entlocken, will man sich nicht dem bestenfalls gutmütigen Spott des Feuilletons zum Opfer machen. Dem Unsinn der "Zauberflöte" kann man durchaus durch Flucht ins Märchenhafte gerecht werden, nicht jedoch dem tödlichen Ausgang dieser Handlung. Philipp Kochheim hat sich denn auch etwas besonderes einfallen lassen. Die Tatsache, dass in einer Rahmenhandlung der Hauptmann Ferrando seinen müden Wachsoldaten die ganze Geschichte zur Aufmunterung erzählt, trägt die Analogie zum Kriminalroman in sich, in dem ja auch ein Autor eine spannende Geschichte von Mord und Totschlag erzählt. Kochheim verpackt diese Geschichte jedoch nicht in irgendeine Kriminalhandlung, sondern verlagert sie in Agatha Christies "Orientexpress", bei dem der belgische Detektiv das Verbrechen durch reine Logik aufklärt. Der Zug eignet sich dabei hervorragend als Metapher für die menschliche Gesellschaft. Alle befinden sich sozusagen "im selben Boot resp. Zug", Aussteigen ist nur um den Preis des Lebens möglich, und alle Konflikte müssen in diesem engen Kontext ausgetragen werden. Kochheims Ferrando wird also zu Hercule Poirot, und so präsentiert sich dessen Darsteller (Thomas Mehnert) denn auch als Bonvivant mit Schnurrbart und stattlichem Bauchumfang, sich gemessen im Speisewagen von Tisch zu Tisch bewegend oder in detektivischer Absicht den Spuren der Protagonisten folgend.
Die Verlagerung der Handlung an den Ort einer ebenfalls fiktiven Handlung aus dem Bereich der Unterhaltungsliteratur sorgt für eine ironische Brechung des bei Verdi noch naiven Pathos'. Allein die Figur des Hercule Poirot mit ihren humoristischen Elementen sorgt beim Publikum für entsprechende Wiedererkennungseffekte, die Lachen auslösen. Doch bei der Verpackung der Geschichte geht Kochheim an die Grenze der Toleranzschwelle des Premierenpublikums, lässt er doch noch vor der Ouvertüre die Abfahrt des Orientexpresses aus dem Off per Lautsprecher in vier - allerdings dilettantisch intonierten - Fremdsprachen verkünden, was einige Minuten erfordert und den Erkenntniswert dieser Einleitung nicht gerade erhöht. Eine einfache Ankündigung in Deutsch hätte auch gereicht. Das Publikum quittierte diese Ansage denn auch mit den ersten "Buhs". Ähnlich ging es in der ersten der übrigens recht langen Umbaupausen zu, die man mit den typischen, monotonen Fahrgeräuschen der frühen Eisenbahnen unterlegte. Das Bühnenbild von Thomas Gruber setzt die Inszenierung konsequent fort, indem es über die gesamte Breite der Bühne je nach Szene verschiedene Waggons des Zuges zeigt: mal die Privatsuite von Graf Luna mit luxuriösen Fauteuils und Tischen, mal den Speisewagen mit dinierenden Gästen, mal die Holzbänke der 3. Klasse mit den einfachen Leuten und den Rebellen, mal das Gepäckabteil, in dem Liebespaare und dunkle Gestalten ihren abgedunkelten Aktivitäten nachgehen. Der Umbau dieses aufwendigen weil weitgehend naturgetreu nachempfundenen Nachbaus des Orientexpresses benötigt natürlich jedesmal einige Zeit, was dem Spannungsbogen der Oper ein wenig entgegen läuft, auf der anderen Seite aber die vielleicht sogar beabsichtigte Wirkung einer "Nummerrevue" hervorruft und so immer wieder die pathetische Spannung unterläuft. Die Nutzung der vorhandenen Drehbühne hätte zwar die Szenenwechsel erheblich beschleunigt, aber nicht die raumfüllende Atmosphäre eines Luxuszuges aus dem frühen 20. Jahrhundert zur Folge gehabt. Die räumliche Begrenzung auf die drehbare Plattform hätte automatisch einen relativierenden Guckkasten-Effekt zur Folge gehabt, den man wohl unter allen Umständen verhindern wollte. Die - bis auf die Duellszene auf einem verschneiten Bahnhofsvorplatz - konsequent eingehaltene Sichtweise auf das Interieur des Zuges hielt die Atmosphäre eines englischen Kriminalstücks à la Agatha Christie bis zum Schluss aufrecht und sorgt damit für die angestrebte ironische Brechung, ohne deshalb die tragische Dramatik im zweiten Teil zur reinen Farce verkommen zu lassen. Denn auch Agatha Christie kennt die individuelle Tragik von Mord und Verrat und beschränkt sich durchaus nicht auf die satirische Entlarvung britischer Spleens der imperialen Epoche.
Und so nimmt denn der Zug auch nach der ersten Pause "Fahrt auf". Die Konflikte spitzen sich zu, aus dem anfangs rein erotischen Konflikt zwischen Luna und Manrico schält sich die politische Komponente heraus - wenn auch sparsam - und vor allem die zunehmende Skrupellosigkeit des Grafen Luna kommt immer deutlicher zum Ausdruck. Sieht er Manrico anfangs nur als Gegner, den man bekämpfen muss, so wird dieser ihm zunehmend zum Hassobjekt, das es nur noch zu töten gilt, wobei alle Mittel erlaubt sind. Stellt Luna anfangs noch seine Liebe zu Leonora in durchaus nachvollziehbarer Form in den Vordergrund, so überwiegt zum Schluss der Hass auf den Rivalen, ein Lehrstück über die Entwicklung politischer und persönlicher Rivalitäten und über die korrumpierende Wirkung der Macht. Doch lässt Kochheim diese Wirkung aus dem Kontext der Handlung und der Auftritte der Protagonisten - vor allem Graf Luna - sprechen, ohne sie durch plakative Maßnahmen in den Vordergrund zu rücken. Bei ihm muss Luna keine braune Uniform oder andere vordergründige Insignien realer politischer Macht tragen, seine emotionellen Ausbrüche sprechen auch so eine klare Sprache. Im Rahmen der ironischen Handlungsverlagerung gelingen Kochheim auch ein paar selbstreferenzielle Regieeinfälle, so wenn er einen Auftritt des Chors als Reisende im Zug mit dem Übertitel "Die Reisenden singen Verdis Chor aus Il Trovatore" ankündigt oder wenn sich Graf Luna und Hercule Poirot alias Hauptmann Ferrando aus einem altertümlichen Grammophon eine historische Aufnahme des Chorauftrittes anhören, der etwas später "live" auf der Bühne erfolgt. Kochheim leistet sich immer wieder ein Augenzwinkern, als ob er sagen wollte: "Es ist doch alles nur Theater, sprich Oper". Das erweist sich jedoch als eine Gratwanderung, denn - abgesehen von dem falschen Pathos des Librettos - geht es schließlich kompromisslos um Tod und Leben, und da können Scherze leicht zu Irritationen führen, nicht nur bei einem traditionsbewussten Publikum mit enger Erwartungshaltung. Doch Kochheim gelingt diese Gratwanderung recht gut. In den wirklich kritischen weil tragischen Momenten ist der falsche Witz wie weggewischt, und eine der bewegendsten Szene ist die Abschiedsszene mit Azucena, Manrico und Leonora im Gefangenen-Abteil des Zuges. An den Fenstern des Zuges jagt die milchige Außenwelt wie das Leben selbst vorbei, und vorne rechnen die Protagonisten mit sich und ihrem Leben ab, das sich dem Ende zuneigt. In dieser Szene herrscht Wahrhaftigkeit sowohl bei der Inszenierung als auch bei den Darstellern.
Die gesanglichen und schauspielerischen Leistungen des Ensembles waren an diesem Abend bestechend. Tito You brillierte mit einem durchsetzungsstarken Bariton und einer außergewöhnlichen Bühnenpräsenz. Zurab Zurabishwili als sein Kontrahent Manrico überzeugte mit seinem jugendlichen und klaren Tenor, der in allen Lagen Standfestigkeit bewies, und mit einer glaubwürdigen Interpretation des so jugendlichen wie liebenswürdigen Rebellen. Elisabeth Hornung war als Azucena eine wahre Wiederentdeckung, hatte man sie doch eine Zeitlang in tragenden Rollen vermisst. Vor allem die schnellen Lagenwechsel gelangen ihr hervorragend und sorgten für den der jeweiligen Situation entsprechenden Spannungswechsel. Die Doppelbödigkeit und Tragik dieser Figur kamen bei Elisabeth Hornung auf beeindruckende Weise zu Gehör. Anja Vincken schließlich rundete das Quartett der Protagonisten mit einer sowohl stimmlich - selbst in höchsten Lagen ohne Probleme - als auch darstellerisch engagierten und glaubwürdigen Leistung ab. Thomas Mehnert lockerte als Ferrando-Poirot die düstere, hoffnungslose Handlung ein wenig auf. Der Chor lieferte ein breites Spektrum an Kostümierungen und Hintergrundbildern, wobei an ironischen Anspielungen auf den Alkoholismus balkanesker Geistlicher und Militärs nicht gespart wurde. Die sängerische Leistung war angesichts der nicht immer idealen physischen Stellung - sitzend, liegend, abgewandt als Volk im Zug oder auf dem Bahnhof - nicht einfach zu erbringen und erforderte gute Koordination, die jedoch in jedem Moment gegeben war. Dirigent Lukas Beikircher steuerte mit dem Orchester eine entschlackte Verdi-Musik bei, die sich oftmals bis zu kammermusikalischen Effekten verschlankte. Bewusst hatte man auf die große, raumfüllende Verdi-Geste verzichtet und während der gesamten Inszenierung das enge Interieur des Zuges vor Augen, das keine bombastische Musik verträgt. Für eine Verdi-Oper war das zwar ungewohnt, bekam jedoch der Inszenierung recht gut und half vor allem den Sängern auf der Bühne. Auch so kann man mit Verdis Musik umgehen, es muss nicht immer der große Auftritt sein. Das Publikum zeigte sich von dieser angesichts der ungewohnten Inszenierung gespalten. Dem Ensemble brandete einhelliger bis begeisterter Beifall, dem Regieteam und Philipp Kochheim ein Gemisch aus Beifall und kräftigen "Buhs" entgegen, wie man sie in Darmstadt lange nicht vernommen hat. Hier sahen viele Verdi-Fans ihre Erwartungshaltung offensichtlich enttäuscht. Aber ein Opernhaus ist schließlich nicht dazu da, diese zufriedenzustellen. Frank Raudszus Alle Fotos © Barbara Aumüller |
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