Rückzug in die innere Wunschwelt

 

Uraufführung von Mei Hong Lins Choreografie "VergissMeinNicht" in Darmstadt

 

In seinem Buch "Doña Rosita oder die Sprache der Blumen" beschreibt Federico Garcia Lorca eine junge Frau, die auf die Rückkehr ihres Verlobten aus dem Ausland wartet und darüber das Leben vergisst. Obwohl sie schon bald weiß, das er nie wieder zurückkehren wird, lebt sie weiterhin in der selbst erschaffenen Realität der treu wartenden Geliebten, weil sie ihrer Vorstellung von einem "richtigen Leben" entspricht und weil sie sich letztlich vor der nackten Wahrheit fürchtet. Zum besseren Verständnis dieses Buches sollte man wissen, dass der Autor im erzkatholischen Spanien in den Dreißiger Jahren des 20. Jahrhundert seine Homosexualität verbergen musste und daher in einer ähnlichen, die Realität bewusst verleugnenden Situation lebte. So wird Doña Rosita zur Metapher seines eigenen Lebens und Leidens.

Maura Morales (Rosita) 

Mei Hong Lin, die Leiterin des Tanzensembles am Staatstheater Darmstadt, hat aus dieser Romanvorlage eine weitgehend freie Choreografie entwickelt, in der sie die einzelnen Stadien von Doña Rositas Leben in Körpersprache übersetzt. In zwölf aufeinander folgenden Szenen bebildert und begleitet sie die fortschreitende Selbstisolierung der jungen Frau, die an der harten Realität zerbricht. 

Als kleines Mädchen wird Rosita Zeuge der geschlechtlichen Vereinigung eines Paares, die bei  ihr tief sitzende Abneigung gegenüber und Furchte vor diesem Vorgang hinterlässt. Mei Hong Lin lässt diese gnädig ins Halbdunkel gehüllte Szene als deutlichen Hinweis auf den Autor von zwei Männern darstellen. Parallel dazu zeigt sie auf der linken Seite der Bühne den Autor als Opfer der spanischen Geheimpolizei, die ihn erst zusammenschlägt und dann erschießt. In allen weiteren Szenen wird Federico Garcia Lorca nun als Teil der Szenerie auftreten, mal handelnd, mal nur anwesend und Personen wie Gegenstände des täglichen Lebens beobachtend. Mit diesem szenischen Kniff zieht Mei Hong Lin eine Parallele nicht nur zum Autor des Buches sondern auch zur Zeit des Spanischen Bürgerkrieges mit dem Kampf zwischen Faschismus und Kommunismus sowie dem heraufdämmernden Zweiten Weltkrieg. Doch politische Agitation oder Aufarbeitung der Vergangenheit stehen nicht im Mittelpunkt der Choreografie sondern die Rolle des Außenseiters in einer Welt voller Vorurteile, Ressentiments und historischer Umbrüche. 

In den weiteren Szenen verlachen die Männer des Ortes die noch an Liebe und Treue glaubende Rosita, ein früher Geburtstag enthält viel Lebensfreude und Glauben an eine glückliche Zukunft, Rosita widmet sich als Ersatz immer mehr den Blumen statt anderen Verehrern und hält sogar einen stummen Dialog mit ihrem Schöpfer, dem Autor Federico Garcia Lorca. Der Schluss des ersten teils zeigt in einer großen Hochzeitsszene, wie all ihre Freundinnen heiraten und sich damit ihren Männern zu- und von ihr abwenden.

Maura Morales (Rosita) und Juan-Pablo Lastras (Verlobter Rositas) 

Im zweiten Teil steigern sich die Konfrontationen mit dem "normalen Leben". Rosita muss die Geburt der Kinder ihrer Freundinnen mit all den Freuden und Leiden der jungen Mütter mit ansehen, ihre nächste Geburtstagsfeier sieht sie schon nur noch als Randperson, während ihre Gäste sich selbst genügen, Frauen mittleren Alters in schwarzer Kleidung verachten und bedrängen sie öffentlich wegen ihrer Mann- und Kinderlosigkeit, und schließlich ziehen all ihre alten Freunde als Greise an ihr vorbei, die ein leben gelebt haben. Sie jedoch, nun ebenfalls alt, hat dieses Leben ungenutzt an sich vorbeiziehen lassen. Zwar trifft sie noch einmal auf ihren Verlobten, aber eher im metaphorischen Sinne, hat sie doch längst einen Altar für ihn und ihre Liebe errichtet, an dem sie ihr Leben Tag für Tag opfert.

Mei Hong Lin gestaltet diese im Grunde genommen tief pessimistische Geschichte als Tragikömödie und spart dabei auch nicht mit humorvollen Einfällen: Das Leben der jungen Eltern zeigt sie ebenso prall mit alle ihren nervenden Kleinkinderdetails wie ausgelassene Geburtstagsfeiern oder die Albernheit des Alters. All das hat Tempo und Witz, und sähe man nicht zwischen all diesen Figuren immer wieder Rositas isolierte Gestalt hilflos und mit trauerndem Herzen umherstreifen, so könnte man herzhaft lachen. 

Maura Morales (Rosita) mit dem Ensemble

Das Bühnenbild zeigt auf drei Wänden einen übergroßen Kopf in Seiten- und Frontalansicht, der aus einem Lehrbuch für Schädelkunde stammen könnte. Hieropglyphen ähnliche Zeichen bedecken den Rest der Wände oder schweben wie Girlanden im Raum, das Rätsel des menschlichen Denkens und Fühlens repräsentierend. Teilnahmslos schaut der Kunstmensch von den Bühnenwänden auf das Geschehen unter sich und lässt es gleichmütig vorbeiziehen. Auf einer erhöhten Empore spielt eine kleine Musikgruppe eigens für diese Choreografie komponierte Musik mit spanischem Einschlag. Doch nicht das heiße südländische Temperament kennzeichnet diese Musik, sondern die ebenfalls typisch südliche Melancholie.  

Im Mittelpunkt des Bühnengeschehens steht Doña Rosita, gespielt und getanzt von der zierlichen Maura Morales, die den Inbegriff der jungen Spanierin darstellt: dunkle Augen, lange schwarze Haare und viel Lebensernst. Maura Morales verleiht dieser Gestalt die ganze Zwiespältigkeit zwischen Lebenshunger und Konventionen. Sehnsüchtig blickt sie auf die jungen Ehepaare und kann doch nicht von ihrem Lebens- und Liebesbild lassen, das sie an den Mann in der Ferne bindet. Maura Morales gelingt es, mit ihrem Ausdruckstanz die Sehnsucht und die Einsamkeit dieser jungen Frau überzeugend darzustellen. Ihr zur Seite geistert Pao-Su Chiang als eher metaphorischer Lorca durch die Bühnenhandlung, weniger in diese integriert als sie abwesend betrachtend, wie ein Toter, der die Lebenden noch einmal besuchen darf, ohne selbst gesehen zu werden. Das Tanz-Ensemble glänzt vor allem mit gemeinsamen Auftritten, so in der großen Hochzeitsszene, dem Ausflug der jungen Eltern, den Geburtstagsfeiern und dem "Tanz der Alten", der sogar humoristische Sprecheinlagen enthält. Die Musik von Bandleader Michio Woirgardt breitet den passenden melancholischen Klangteppich über Bühne und Protagonisten aus

Frank Raudszus