| Das Absurde als alltägliche Lebensform |
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Slawomir Mrozeks schwarze Groteske "Tango" in den Kammerspielen des Staatstheaters Darmstadt |
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An einem dramaturgisch entscheidenden Punkt dieses Theaterstücks bricht der Protagonist Artur (Leander Lichti) in die Feststellung aus, das ganze Leben sei eine einzige Farce und nichts könne man wirklich ernst nehmen. Dieser Moment steht stellvertretend für die Aussage des gesamten Stückes und gilt generell für das dramatische Werk des Polen, stellt Mrozek doch die Welt auf den Kopf oder - besser gesagt - zeigt mit seinen Stücken, besonders "Tango", dass die Welt auf dem Kopf steht. Alle vormals gültigen Werte sind ins Gegenteil verkehrt, ohne jedoch Verpflichtung und Bindung zu beinhalten. "Anything goes", jedoch nicht mit der Attitüde des erfahrungshungrigen Nonkonformisten, sondern mit einer alles überdeckenden Gleichgültigen gegenüber dem Leben.
Wenn das Publikum den Zuschauerraum betritt, warten die Darsteller bereits wie Zinnsoldaten aufgestellt auf ihre Zuschauer. Dann beginnen sie beziehungslos zu einem Tango zu tanzen, jeder und jede für sich. Langsam schälen sich gewisse Beziehungen unter den Figuren heraus: Eleonore (Iris Melamed) und Stomil (Andreas Manz) führen eine mehr als offene Ehe. Eleonore geht dann und wann mit dem brutalen Proll Edek (Matthias Fuchs) fremd, der sich in die Familie eingeschlichen hat und ein unterschwelliges Regiment führt; Stomil scheint dies nicht zu bemerken und beschäftigt sich eher mit seinen künstlerischen Experimenten. Ansonsten pflegt er einen äußerst konventionsarmen Lebensstil, der sich vor allem in der schlampigen Kleidung äußert. Gebetsmühlenartig wiederholt er seinen Grundsatz, keine solchen zu haben, da die Gesellschaft glücklicherweise die Fesseln der bürgerlichen Gesellschaft gesprengt habe und nun in glücklicher individueller Freiheit lebe. Der alte Onkel Eugen (Klaus Ziemann) und seine Schwester Eugenia (Sonja Musthoff) vertreiben sich die Zeit mit Kartenspielen, meist zusammen mit Eleonore und Edek. Diese geradezu endzeitliche Idylle - in den ersten Szenen könnte Mrozek von Beckett abgeschrieben haben - bricht der junge Artur auf, indem er die beiden Alten wegen ihres unwürdigen Betragens wie Kinder mit entwürdigenden Strafen belegt - Eugen muss sich gefesselt hinhocken, Eugenia sich in einen Sarg legen. Der versammelten Familie erklärt Artur seinen Ekel vor ihrem Leben ohne jegliche verbindlichen Regeln, Werte und Konventionen. Seinem Vater wirft er vor, sich nicht gegen ihn auflehnen zu können, da alles erlaubt und nichts verboten sei. Prompt erntet er bei diesem Verständnis für sein Aufbegehren, so dass er sich angesichts der Beliebigkeit der elterlichen Weltanschauung verzweifelt im Kreise dreht. In der jungen Ala (Britta Hübel) sucht er die Partnerin und Komplizin bei seinem Versuch, der Welt in einer Art "Konterrevolution" wieder Kontur und Konventionen zu verleihen. Dabei steigert er sich Ala gegenüber in eine revolutionäre Askese, die Erotik weitgehend ausblendet, was wiederum Ala stört. Mit allen Regeln der erotischen Kunst reizt sie Artur bis aufs Blut, nur um dann seine erotische Eruption als typisch männlichen Sexismus und Vergewaltigungszwang zu denunzieren. Erst der zu Kreuze kriechende Artur kann sie besänftigen und als Partnerin für sein Vorhaben gewinnen, wobei sie die von ihm gewünschte formelle Hochzeit als mehr denn rückständig empfindet. Der alte Eugen schließt sich jedoch mit Freuden dem jungen Artur an, da er die alten Zeiten wieder am Horizont aufsteigen sieht. Vater, Mutter und den begriffsstutzigen Edek überzeugt Artur mit dem Argument der vorgehaltenen Pistole. Arturs autoritärer, ja totalitärer Versuch der Erschaffung einer neuen strukturierten Weltordnung mündet in einer Hochzeit nach alten Mustern. Die Männer im Frack, die Frauen in schwarzen, hochgeschlossenen Kleidern, posiert die gesamte Familie vor Onkel Eugens uralter Blitzlichtkamera, die laut Eugens lakonischer Bemerkung schon seit Jahren defekt ist. Doch das Hochzeitsfoto gehört als "Ritual" dazu. Als die zögernde Braut Ala ihrer Schwiegermutter ihr Befürchtung mittelt, Artur heirate sie nur als funktionale Partnerin in seinem gesellschaftspolitischen Planspiel, nicht jedoch als Frau, bricht diese in ein geradezu hysterisches Gelächter aus, da die Situation ihre mühsam antrainierte stoisch-libertinäre Haltung zum Wanken bringt. Eleonore findet sich in der Welt nicht mehr zurecht. Die alte Eugenia beschließt darauf in aller Ruhe, zu sterben, und legt sich gegen die rational vorgebrachten Vorhaltungen ihrer Familienmitglieder in den Sarg, um ihren Geist aufzugeben, der dann auch als Luftballon gen Bühnenhimmel schwebt. Doch die eigentliche Eskalation kommt erst mit Alas nonchalant vorgetragener Mitteilung, sie habe am Morgen mit Edek geschlafen, was ja Artur wegen seiner gesellschaftlichen Visionen sowieso nichts ausmache. Doch dieser bricht ob dieses Treuebruchs zusammen, nur um wie Phönix aus der Asche wiederaufzustehen und den Tod als ultimative Idee des Lebens zu propagieren, den er allen Anwesenden in einer festgelegten Reihenfolge zukommen lassen will. Doch während er noch über den existenziellen Sinn des Todes in einer sinnentleerten Welt räsonniert, greift ihn Edek von hinten an und bricht ihm das Genick. Ihm bleiben - medizinisch etwas seltsam - noch wenige letzte Worte, dann ergreift Edek das Wort und verkündet, dass ab sofort er das Kommando übernehme und man sich auf auf harte Zeiten einstellen müsse. Wer seinen Anweisungen nicht folge, müsse mit drakonischen Strafen rechnen. Wie zum Beweis seiner Ankündigung zwingt er Eugen, mit ihm eine Runde Tango zu tanzen. Der Kreis der Handlung schließt sich mit dieser wieder einsetzenden Rahmenhandlung, die Revolution hat ihre Kinder gefressen.
Der übliche Reflex eines westlichen Lesers auf dieses im Jahr 1964 entstandene Stück sieht in ihm eine kunstvoll und mehr oder minder deutlich verschleierte Kritik der sozialistischen Zustände. Es war bekannt, dass die Zensur jede offensichtliche Kritik unterband, weshalb kritische Autoren "subkutan" vorgehen mussten. Man kann auch viele Elemente einer solchen Kritik erkennen - oder hineininterpretieren: Die Befreiung von bürgerlichen Fesseln - sprich Konventionen - durch den frühen, noch idealistischen Sozialismus, die Übernahme der Macht durch kühle Intellektuelle vom Schlage Lenins, die auch vor dem skrupellosen Einsatz ihrer Macht zur Durchsetzung ihrer Visionen nicht halt machten, und schließlich die fast zwangsläufige Eliminierung der unkalkulierbaren intellektuellen Visionäre (oder visionären Intellektuellen) durch die gesichtslose Klasse der brutalen Apparatschiks, die Macht nicht als Verkörperung einer Idee sondern als animalischen Rausch verstehen. Bei genauerem Hinsehen stellt sich jedoch bald heraus, dass der reale Sozialismus des 20. Jahrhunderts - man muss ihn schon als historische Erscheinung betrachten - nur eine Spielart dieser Grundkonstante menschlicher der menschlichen Gesellschaft darstellt. Der Nationalsozialismus verlief nach ähnlichen Mustern und war zu Mrozeks Zeiten nur nicht mehr aktuelle Gegenwart. In ferneren historischen Epochen wird man diese Entwicklung ohne Schwierigkeiten sicher ebenso finden. Insofern beschreibt Mrozeks Stück ein elementares Grundmuster entwickelter Gesellschaften, deren Mitglieder nicht mehr vorrangig um die Sicherstellung des physischen Überlebens kämpfen (müssen) sondern anfangen, sich auf einer Meta-Ebene Gedanken über die "richtige" Organisationsform menschlichen Zusammenlebens zu machen. Der Sozialismus entstand eben nicht in einem wirtschaftlichen Tiefpunkt Europa sondern in einer stürmischen Wachstumsphase mit zwangsläufig zunehmendem Wohlstand, auch für die unteren Schichten. Nur die Unterschiede wurden hier deutlicher. Mrozek legt in "Tango" einen typischen Zyklus offen: Befreiung aus Versklavung, Freiheit bis zur unverbindlichen Libertinage, Rückkehr des asketischen Revolutionärs mit Machtanspruch und schließlich dessen Sturz durch den totalitären, gesichtslosen Machtmob. Mit der zwangsläufig folgenden Eruption der unterdrückten Massen beginnt der Zyklus irgendwann wieder von vorne. Artur, Stomil und Edek sind zwar langfristig konstante Archetypen, aber historische durchreisende Gestalten. Die Frauen spielen bei Mrozek eine weniger visionäre als bodenständige Rolle. Eleonore stellt sich als Nutznießerin des Libertinismus dar und versucht, für sich das Beste daraus zu machen, leidet jedoch sichtlich unter dem unstrukturierten und ziellosen Leben. Schnaps und Sex helfen ihr über die Frustration (ein) wenig hinweg. Eugenia schaut dem Ganzen nur noch mit erschrockenem Erstaunen zu und beschließt schließlich, diesen Irrsinn aus intellektuell geschöntem Mitläufertum (Stomil), seniler Rückwärtsgewandtheit (Eugen) und wirrköpfigen Zukunftsvisionen (Artur) nicht mehr mitzumachen. Ala schließlich steht für eine gewisse Hoffnung, will sie doch nicht nur für abstrakte Theorien leben sondern als Frau von Artur begehrt werden. Mit ihrer "treulosen", aber selbstbestimmten Handlungsweise löst sie denn auch die Eskalation des Geschehens aus.
Regie führt in diesem Klassiker der Neuzeit die junge Joanna Malgorzata Lewicka, die damit ihre Diplomarbeit abliefert. Der Begriff "erstaunlich" reicht nicht, um die Leistung dieser noch so jungen - und unerfahrenen? - Frau zu würdigen. Die Inszenierung macht nicht nur einen ausgesprochen ausgereiften, in sich geschlossenen Eindruck, sie überzeugt vor allem durch den sich stetig aufbauenden und bis zum Schluss aufrecht erhaltenen Spannungsbogen und den Verzicht auf jeglichen modernistischen Schnickschnack. Die Vermeidung jeglicher Zuordnung zu historischen oder gar aktuellen politischen Systemen lässt die Inszenierung zeitlos und doch aktuell wirken. Den vorgetäuschten Nonkonformismus mit seiner Wertebeliebigkeit kann man auch leicht auf die Generation der 68er in Deutschland abbilden, und für Artur oder Edek finden sich in jedem Land und in jedem politischen Umfeld ausreichend Beispiele. Man kann das Stück politisch oder auch ganz privat auffassen, schließlich beschreibt es ja eine typisch familiäre Katastrophe. Dass diese Interpretationen jedoch nicht selbst wiederum in der Beliebigkeit münden, ist der straffen Inszenierung und vor allem dem engagierten Ensemble zu danken. Die Darsteller tragen diese Inszenierung offensichtlich in vollem Umfang mit und bringen sich entsprechend ein. Dabei steigern sie sich im Laufe des Abends aneinander. Überwiegt in der ersten Hälfte bisweilen noch das verbale Traktat, so in der Szene zwischen Artur und Stomil über Freiheit und Konventionen, so nimmt in der zweiten Hälfte das Tempo zu und die Handlung lebt mehr von den Aktionen und Reaktionen der Protagonisten als von ihren Theorien. Iris Melamed entblättert Eleonores psychologisches Profil gnadenlos und verwandelt ihre anfangs erotisch freizügige und selbstbewusste Figur in ein hysterisch auflachendes und dann innerlich zusammenbrechendes seelisches Wrack. Dabei zieht sie alle Register ihrer schauspielerischen Fähigkeiten. Britta Hübel ist am stärksten in ihrer Verführungsszene mit Artur, wenn sie ihm eindeutige erotische Avancen zu entlocken versucht und dann urplötzlich eben diese als schmierig denunziert. Auch sie kann ihr Mienenspiel blitzartig umstellen und feinste Nuancierungen hineinzaubern, von Verlockung bis Verdammung, von Anbetung bis Abscheu. Soja Mustoff rundet das weibliche Trio mit der Rolle einer leicht desorientierten, mit dem rasanten Abfolge der Werte und der Theorien nicht mehr mithaltenden Frau ab. Das Männerquartett liegt im Rennen um die Publikumsgunst nahezu gleichauf: Leander Lichti spielt den ungestümen, nach Werten, Ideen und Visionen suchenden Artur mit überzeugendem Feuer, das sich im zweiten Teil zu tiefer Glut verdichtet. Andreas Manz gibt einen herrlich vertrottelten Stomil, der den Ehebruch seiner Frau partout nicht wahrhaben will und, mit ihm konfrontiert, noch schönredet, nur um seine angenehme Illusion eines nonkonformistischen, freien und selbstbestimmten Lebens nicht aufgeben zu müssen. Klaus Ziemann verleiht dem Eugen das Flair des ehemaligen "Herrn von Welt", der mittlerweile heruntergekommen und etwas vertrottelt ist und jedem Leithengst willig folgt, solange er nur einen festen Rahmen vorgibt. Matthias Fuchs schließlich glänzt als verschlagener, brutaler und skrupelloser Edek, der jedoch ein feines Gespür für Machtverhältnisse besitzt und im rechten Moment die Gunst der Stunde zu nutzen weiß. Die äußerlichen Bedingungen der Kammerspiele mit der quasi auf der Bühne aufgestellten Zuschauertribüne sorgten zusätzlich für Nähe und Dichte. Das Publikum quittierte die Leistung von Regie und Ensemble mit begeistertem Beifall und einigen "Bravo"-Rufen. Es wäre zu hoffen, dass auch das Abonnementspublikum diesem Stück einen reichen Besuch beschert. Frank Raudszus Alle Fotos © Barbara Aumüller |
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