| Die Empfindsamkeit des 19. Jahrhunderts |
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6. Kammerkonzert im Staatstheater Darmstadt |
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Das Violoncello als Soloinstrument übt mit seinem fülligen Klang und den Legato-Eigenschaften eine melancholische Wirkung aus. Wohl nicht zuletzt deswegen hat es gerade Komponisten der Romantik immer wieder angezogen. In Verbindung mit dem komplementären Klangkörper des Klaviers ergeben sich reizvolle musikalische Effekte. Das Staatstheater hatte zu diesem Abend den Cellisten Jan Vogler und den kanadischen Pianisten Louis Lortie verpflichtet, die mit einem Programm der Hochromatik aufwarteten.
Das Programm begann mit Claude Debussys Sonate für Violoncello und Klavier aus den Jahren 1915/16, die eigentlich die Romantik schon hinter sich sahen. Doch Debussy folgte mit diesem Stück seinem Credo, sich auf die bewährte Tradition zu verlassen und Modernismen mit großer Skepsis zu betrachten. So zeigt die Sonate denn auch eine solide Tonalität, die in das bereits vergangene Jahrhundert zurückweist. Doch die thematischen Strukturen, die man in der Romantik - wenn auch vermindert - noch findet, sucht man hier vergebens. Debussy löst das Stück in eine Serie von "ad hoc"-Motiven auf, die er nach ihrem ersten auftreten einige Male variiert, bis das nächste Motiv erscheint. Zwar tauchen auch hier immer wieder dieselben Motive auf, aber nicht in Form einer sonatenhaften Durchführung, sondern als Erinnerung. Sein Augenmerk gilt ganz dem momentanen Klangerlebnis, weniger einer durchgehaltenen Struktur. Der zweite Satz, Sérénade" betitelt, beginnt mit einer längeren Pizzicato-Passage des Cellos, das damit sozusagen zum Klavier in Klangkonkurrenz tritt. Das Finale fällt mit einer "Attacca" ein und bringt damit wieder neue Dynamik. Der Debussy-Sonate schloss sich die Sonate für Violoncello und Klavier g-moll op. 65 von Frédéric Chopin an. So mancher Besucher wird hier gestutzt haben, ist dieser Komponist doch als reiner Klaviervirtuose und -komponist bekant. Doch mit diesem Stück zeigt sich Chopin einmal von einer anderen Seite, obwohl man seine Legato-Meisterschaft von den Klavierkonzerten zu Genüge kennt. Schon die ersten Akkorde des Flügels verraten deutlich die typische Handschrift Chopins, und des Öfteren erinnert die Begleitung denn auch an seine Klavierstücke. Doch das Violoncello übernimmt hier eine Führungsrolle und setzt seine ureigensten Klangeigenschaften ein, die zeigen, dass Chopin auch außerhalb des Klavier ein Meister der Klangfarben war. Ähnlich wie Debussy siebzig Jahre später lässt er beide Instrumente motivisch weitgehend selbständig agieren, wobei sie sich im Frage-und-Antwort-Spiel bei bestimmten Motiven von Zeit zu Zeit wieder synchronisieren. Stellenweise könnte man meinen, die beiden Musiker improvisierten frei auf der Bühne, doch all dies ist vom Komponisten gewollt und geplant.
Nach der Pause wechselte das Programm zu zwei Jugendwerken von Richard Strauss. Die Romanze in F-Dur schrieb Strauss im Alter von 19 Jahren, und dieses werk erinnert an die typische Romanzenliteratur, wie wir sie z. B. von Beethovens Violinromanzen kennen. Den lyrischen Charakter dieses Stücks kontrastier feinfühlig eine Klavierbegleitung, die unter anderem die hellen Flöten der Orchesterfassung nachbilden muss. Dieses Stück reiht sich nahtlos in die Gattung der gehobenen Salonmusik ein und bildete an diesem Abend einen passenden Übergang zum letzten Werk des Abends, der Sonate für Violoncello und Klavier in F-Fur op. 6, die Strauss bereits im Jahr 1880 als Sechzehnjähriger in ihrer ersten Form verfasste. Deutlich sind hier noch seine Vorbilder Schumann und Mendelssohn zu erkennen. Der lebhafte Kopfsatz mit seinen markanten Intervallsprüngen geht zum Schluss in ein kleines Fugato über, bis der zweite Satz (Andante ma non troppo) mit einem langsamen Marschthema in d-moll Ruhe bringt. Das Finale schließlich (Allegro vivo) kommt tänzerisch mit kräftigen Intervallsprüngen daher. Die beiden Musiker präsentierten sich dem Publikum als eingespieltes Duo, wobei Louis Lortie nicht mit mimisch-humoristischen Kommentaren sparte. Man sah ihm förmlich an, welchen Spaß ihm die Musik machte, und der Beifall des Publikums dankte es ihm und seinem Mitspieler. Aus Freude an der Musik fügten die beiden noch ein "Lied ohne Worte" von Mendelssohn an. Frank Raudszus |