Spiel´s noch einmal, Jacques

Jacques Loussier spielt mit seinem Trio in Darmstadt Klassik mit Jazz-Touch

 

Der französische Pianist Jacques Loussier verdarb es sich schon als Zehnjähriger mit seinen Klavierlehrern, weil er die klassischen Stücke mit Vorliebe mit eigenen Ideen "anreicherte". Später machte er aus dieser vermeintlichen Schwäche seine Stärke und unterzog vor allem Johann Sebastian Bachs Werke einer eigenen Überarbeitung, die traditionelle Musikelemente mit der modernen Spielweise des Jazz verband. Den Rhythmus glich er dem jeweils aktuelle Stil an, und bei der Ausgestaltung der melodischen Elemente brauchte er sich eigentlich gar nicht so weit von Bach zu entfernen, gilt doch dieser unter Musikexperten längst als einer der ersten "Jazzer". So feierte Loussier in den sechziger Jahren rauschende Triumphe, brach er doch das erstarrte Gefüge von E- und U-Musik auf und erntete selbst bei klassischen Puristen Anerkennung für seine frischen und originellen Überarbeitungen der Bachschen "Evergreens". Dass es auch immer Puristen der beratungsresistenten Art gab, die ihm von oben herab Seichtheit vorwarfen, muss man wohl als die musikalische Späne abtun, die beim Hobeln halt abfällt....

Nachdem er Ende der siebziger Jahre sein erstes Trio aufgelöst und sich in der Provence dem Weinbau gewidmet hatte, kehrte er später doch wieder mit einem neuen Trio zurück auf die internationalen Bühnen und bestreitet bis heute Konzerttourneen. Der mittlerweile 74jährige ist deutlich älter geworden, der Rücken ein wenig gebeugter, aber wenn Jacques Loussier am Klavier sitzt, gehorchen ihm die Finger noch wie eh und je, wenn auch der Anschlag etwas verhaltener geworden ist und nicht mehr jeder einzelne Ton so gestochen scharf kommt wie noch vor zehn Jahren. 

Jacques Loussier, Andrè Arpino und Benoit Dunoyer de Segonzac

Das Programm in Darmstadt begann - natürlich - mit dem "Paradestück", dem Präludium Nr. 1 in C-Dur aus dem "Wohltemperierten Klavier", Band I. Dieses Stück beginnt er fast traditionell-klassisch, sieht man einmal von der gedämpften Begleitung durch Bass und Schlagzeug ab. Dann jedoch, nach einem Durchlauf und einem "Break", geht es in doppeltem Tempo geradezu furios zu, wobei Loussier seine ganze Virtuosität auf dem Flügel zeigt. Hier hebt er das Präludium über das einfache "Lehrstück" hinaus und variiert es nach allen Regeln der Improvisationskunst und des Jazz-Arrangements. Das Publikum dankte für den Wiedererkennungseffekt dieser Einleitung mit rauschendem Beifall. Es folgte die Pastorale in c-moll mit einem sehr ausgedehnten und beeindruckenden Solo des Bass-Solisten Benoit Dunoyer de Segonzac und die Air aus der Suite Nr. 3 in D-Dur, beide ebenfalls von J. S. Bach. Den Schluss des ersten Teils bildete eine neue Version des 5. Brandenburgischen Konzerts mit allen drei Sätzen(!), in dem sich der Schlagzeuger Andrè Arpino in einem fuliminanten Solo profilieren konnte und im letzten Satz Jacques Loussier selbst ebenfalls ein längeres Klaviersolo präsentierte. Nach diesem umfangreichen Arrangement, an dem Bach selbst sicher seine Freude gehabt hätte, hatten sich die Musiker eine Pause verdient.

Der zweite Teil des Abends war italienischen und französischen Komponisten gewidmet. Zu Beginn erklang Antonio Vivaldis "Sommer" aus den "Vier Jahreszeiten" in einer längeren Interpretation, die von Generalpausen und bewussten Brüchen geprägt war. Die träge Glut eines Sommernachmittags kam bei Jacques Loussier ebenso zum Ausdruck wie die Lebensfreude eines sonnenerfüllten Sommertages. Anschließend kam Erik Saties minimalistische Klavierstudie "Gymnopèdie No. 1" als kontrastierender Ruhepol gerade recht, um auch wieder leisere Töne zu ihrem Recht kommen zu lassen. Den Abschluss schließlich bildete Maurice Ravels "Bolero", ein ebensolcher "Renner" des traditionellen Musikrepertoires wie das einleitende Präludium. Hier zogen Jacques Loussier und seine Begleiter noch einmal alle Register ihres Könnens, bietet dieses Stück doch ein ideales Experimentierfeld sowohl in rhythmischer als auch in motivischer Hinsicht. Dabei bewegte sich Jacques Loussier am Flügel einige Male hart aber wohl kalkuliert am Rande der harmonischen Möglichkeiten, wenn er die Oberstimme knapp neben die in der linken Hand mitlaufende, melodisch parallele Unterstimme setzte und damit eine dissonante, "schräge" Klangwirkung erzielte. Der Schluss dieses Stückes kam dann wie gewohnt mit Macht und dem Einsatz aller drei Instrumente.

Das Publikum zeigte sich geradezu begeistert von der Darbietung des Altmeisters und seiner musikalischen Mitstreiter. Obwohl offensichtlich bereits etwas ermüdet, legte er noch eine Zugabe von Bach drauf, die das Publikum noch einmal zu "standing ovations" motivierte. Ein denkwürdiger Abend für alle, die das Rendezvous von Klassik - im weitesten Sinne - und Jazz lieben.

Frank Raudszus