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"Himmlische Längen" in allen Schattierungen |
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5. Sinfoniekonzert des Staatstheaters Darmstadt als Schubertiade |
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Kurz nach einem "kleinen" Jubiläum - 210. Geburtstag am 31.1. - bot es sich an, wieder einmal Franz Schubert (1797-1828) in den Mittelpunkt eines Konzertprogramms zu rücken. In Darmstadt versuchte man dabei, die wesentlichen Eckpunkte seines Schaffens zu präsentieren, und dazu gehören neben den Liedern natürlich vor allem die unvollendeten, fragmentarischen Werke, die sich bei diesem früh und unerwartet verstorbenen Komponisten zu Genüge finden lassen. Als Gastdirigent hatte man den Ukrainer Roman Kofman verpflichtet, der sich unter anderem als Spezialist für zeitgenössische Komponisten profiliert hat.
Den Anfang des Programms bestritt Kofman mit Schuberts Fragment einer 10. Sinfonie in D-Dur. Der Italiener Luciano (1925-2003) hat sich - nach anderen namhaften Komponisten - daran gemacht, dieses Fragment zu bearbeiten. Nun übt es auf Musiker offensichtlich einen großen Reiz aus, die fragmentarischen Werke großer Vorgänger zu vollenden. Mancher geht dabei nach dem Motto vor "Wie Schubert (oder wer sonst) es komponiert hätte" und usurpiert damit in einer gewissen naiven Frechheit den Vorgänger. Die Ergebnisse hinterlassen bei diesen "Vollendungen" oftmals einen schalen Geschmack, da der Zuhörer spürt: "sieht aus wie Schubert, ist aber kein Schubert drin". Diese Bedenken haben Luciano Berio veranlasst, die vorhandenen Fragmente der Schubert-Sinfonie eng an den Vorgaben des Komponisten entlang zu orchestrieren und die mehr oder minder großen Lücken mit eigener Musik auszufüllen, die jedoch die Klangfarbe Schubertscher Musik mit den heutigen instrumentalen Mitteln bewahren soll. Die Sinfonie beginnt also ganz im spätklassischen Stil Schuberts, bis die Aufzeichnungen abbrechen; die Lücken in der Partitur füllt Berio mit einem verhaltenen Klangteppich, der zeitweise an das Einspielen des Orchesters erinnert. Zwar geht es nicht so chaotisch wie bei einem für sich übenden Orchesterensemble zu, doch auch hier spielen die einzelnen Instrumente kurze, verhaltene Motive, die Streicher minimalisieren ihren Strich, größere Themenbögen sucht man vergeblich. Ganz deutlich tritt hier die Absicht zutage, die Partiturlücke als solche bestehen zu lassen und sie nur mit "minimaler Musik" (nicht: "minimal music"!) zu füllen. Die Kunst besteht dabei darin, auch diesem "Lückenfüller" eine gewisse Struktur zu verleihen, ohne in einen "Pseudo-Schubert" zu verfallen. Denn Schubert nachahmen will Berio ja gerade nicht. Für den Zuhörer bedeutet dies, dass er streckenweise bewusst auf strukturierte Musik im Sinne der großen Sinfonie verzichten und den Überbrückungscharakter dieses Klangteppichs akzeptieren muss.
Der Experimentalcharakter dieser Musik ist ein integraler Bestandteil von Berios Bearbeitung und drückt mehr oder minder aus, dass man an dieser Stelle die Schubertschen Absichten nicht kennt und auch nicht durch eigene Varianten ersetzen will. Doch dann setzt wieder ein Fragment der Schubert-Partitur ein, und sofort fühlt man sich in der typischen Schubertschen Musik mit ihren liedhaft-sehnsüchtigen Themen und Motiven geborgen. Die drei Satzfragment beinhalten ein einleitendes Allegro, das obligatorische Andante mit den bekannten weitgezogenen Themenbögen mit einem nahtlosen Übergang in ein Allegro, das jedoch teilweise eher wie ein Scherzo klingt. Zum Finalsatz ist Schubert offensichtlich nicht mehr gekommen. Neben der Instrumentierung der vorliegenden Fragmente und der "Lückenfüllung" hat Berio jedoch noch eigene Passagen hinzukomponiert, die sich aus der Musik Schuberts entwickeln und zielstrebig in zeitgenössischen Klangstrukturen enden. Die Seriosität hat es Berio jedoch geboten, die eigenen Anteile jeweils durch die Celesta kurz einzuleiten, als wolle er sagen: "Achtung, jetzt kommt meine eigene Musik". Dass sich diese Musik organisch aus der Schuberts entwickelt und soweit möglich dessen musikalische Strukturen übernimmt, versteht sich von selbst; dennoch wird Berio hier nicht zum Epigonen Schuberts sondern stellt die moderne Musik letztlich als Kontrast dem Schubertschen Entwurf gegenüber. Das Ergebnis wirkt durchaus homogen und fällt nie auseinander, sondern vermittelt einen geschlossenen musikalischen Eindruck. Der Zuhörer erlebt hier zwar nicht das große musikalische Kunsterlebnis, dazu ist die Vorlage denn doch zu fragmentarisch, jedoch ein höchst aufschlussreiches Musikexperiment, in dem sich Tradition und Moderne treffen.
Nach der Pause kam dann Schuberts Liedgut zur Geltung, vorgetragen von dem Bassbariton Klaus Mertens. Mit seiner ausgewogenen und tragfähigen Stimme präsentierte er durchweg Vertonungen von Goethe1-Gedichten in der Orchesterfassung von Max Reger (1873-1916), so den "Erlkönig", "Drei Gesänge des Harfners" und "Prometheus". Das Liedprogramm berücksichtigte offensichtlich die einrahmenden Sinfonien, indem es nicht zu lyrische sondern - zumindest in den Eckstücken - emphatische Kompositionen zu Gehör brachte. Hervorzuheben ist neben der ausgewogenen und nie überzeichneten Interpretation die genaue Artikulation, die ein Mitlesen unnötig machte. Der musikalische Ausdruck folgte dem gut verständlichen Text auf überzeugende Weise und brachte die Atmosphäre dieser Lieder wie die dahinter stehende Geisteshaltung und Seelenlage sehr gut zum Ausdruck. Wenn ein solcher Vortrag eine Reihe emotioneller Assoziationen weckt, die den Zuhörer voll in ihren Bann ziehen, dann hat er seinen Zweck erfüllt. Und Klaus Mertens gelang es, diese Anklänge von Weltschmerz, Sehnsucht und Verlorenheit zum Klingen zu bringen.
Ähnliches gilt für den letzten Programmpunkt, die 7. Sinfonie h-moll von Franz Schubert. Die Jahrzehnte als 8. Sinfonie geführte und jetzt zeitlich zurückgestufte Sinfonie ist ein Paradebeispiel für untergründige seelische Assoziationen und Gefühlslagen. Die beiden Sätze sind zwar mit Allegro moderato und Andante con moto überschrieben, unterscheiden sich jedoch in ihrem Duktus kaum voneinander, auch wenn Roman Kofmann den ersten Satz relativ schnell anging. Die langgezogenen Themen erzeugen bald den typischen Schubertschen "Sog", der auch ein Allegro in der Rezeption zum Andante werden lässt. Viel ist über diesen sinfonischen "Torso" geschrieben worden: manche halten die letzten beiden (?) Sätze für verloren, manche meinen, dass Schubert keine "herkömmliche" Fortsetzung fand, die der Wirkung der beiden Sätze nicht abträglich geworden wären. Wie dem auch sei, nicht zuletzt wegen ihren ungewohnten Kürze wird sie noch heute die "Unvollendete" genannt und strahlt auch genau diese Eigenschaft aus: dieses Werk ist "per definitionem" unvollendet, es öffnet sich mit zunehmender Dauer und lässt sich nicht mehr zum "Abschluss" bringen. Die Emotionen, die es freisetzt, lassen sich nicht mit einem furiosen Finalsatz auflösen und in einen rationalen Rahmen zurückführen. Und das ist auch gut so! Das Orchester schaffte bei der Interpretation der "Achten" ein Novum. Während des gesamten zweiten Satzes hörte man nicht einen einzigen Huster aus dem Publikum, was bei einem ausverkauften Haus mehr als ungewöhnlich ist. Die hohe Spannung und die verdichtete Emotionalität dieser Musik, die in gewisser Weise schon auf Wagner und Mahler verweist, nahmen die Zuhörer derart gefangen, dass körperliche Bedürfnisse offensichtlich vollständig in den Hintergrund traten. Erfreulich für die Musiker auf der Bühne und die Zuhörer. Das Publikum dankte Dirigent und Orchester denn auch emphatisch für diese intensive Schubert-Präsentation. 1 Ein deutscher Dichter des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts Frank Raudszus |
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