Das Streichquartett als Bedeutungsträger

7. Kammerkonzert des Staatstheaters Darmstadt mit Schostakowitsch und Schubert

 

Schon  wieder Schubert! Kaum war das 5. Sinfoniekonzert verklungen, kam der Wiener Spätklassiker im Darmstädter Konzertsaal erneut zu Ehren. Es ist nun bei diesem Komponisten durchaus kein Nachteil, wenn man ihn öfter hört, und daher wollen wir den einleitenden Ausruf eher als ein Zeichen der Freude gewertet wissen. Doch bevor der allseits geliebte Schubert zu Gehör kam, musste sich das Publikum noch durch ein anspruchsvolles Werk des 20. Jahrhunderts kämpfen: das Streichquartett Nr. 3 in F-Dur von Dmitri Schostakowistch aus dem Jahr 1946. Damit ist auch schon der eigentliche Schwerpunkt dieses Kammerkonzerts genannt, nämlich das Streichquartett. Doch der zweite Teil galt dabei nicht etwa einem der beliebten Streichquartette Schuberts, sondern seinem Liederzyklus "Die Winterreise", der hier nicht zur Klavierbegleitung sondern zusammen mit dem Streichquartett erklang. Als Ensemble hatte man dafür das Dresdner Streichquartett mit Thomas und Barbara Meining (Violine), Andreas Schreiber (Viola) und Martin Jungnickel (Violoncello) gewinnen können.

Dmitri Schostakowitsch 1945 mit Tochter Galja

Schostakowitschs Streichquartett entstand unmittelbar nach dem Krieg und ist geprägt von der prekären Stellung des Komponisten, dem man nach dem Sieg über Hitlerdeutschland den mangelnde nationalen Jubel in seiner 9. Sinfonie verübelt hatte. Sein Streichquartett versucht sich daher in einer Art Mimikry vor der allgegenwärtigen Kulturkritik des Systems durch scheinbare Harmlosigkeit zu verstecken und zeigt sich vor allem im ersten Satz mit einem fast traditionellen, eingängigen Thema und einer verträglichen Tonalität durchaus kompromissbereit. Doch nach und nach lässt diese affirmative Haltung nach; schon der zweite Satz zeigt stärkere Extreme in Rhythmik und Thematik, indem er das Material stark ausdünnt und nur noch ein Skelett aus einem ostinaten Dreivierteltakt und Stakkatomotiven übrig lässt. Diese Zuspitzung verstärkt sich im dritten Satz, in dem Schostakowitsch hintergründig die Militärmusik karikiert. Hintergründig ist diese handfeste Burleske nur insofern, als sie vordergründig die Forderung nach jubelnder Marschmusik erfüllt, dahinter jedoch die kruden musikalischen und geistigen Strukturen offenlegt. Der vierte Satz bringt eine ausgedehnte, spannungsreiche Passacaglia (Adagio), die nahtlos in den Finalsatz übergeht Dieser beginnt verhalten, entwickelt sich dann langsam in andere Themen, um sich schließlich zu einem erregten Höhepunkt hochzuschwingen, bevor er leise mit den kaum noch vernehmbaren Motiven der Violine verklingt. Wegen der Einheit der letzten beiden Sätze und des langsamen Charakters des Finales musste das Publikum erst deutliche Entspannungssignale der Musiker abwarten, um den verdienten Beifall zu spenden.

Das Dresdner Streichquartett"

Für Schuberts "Winterreise" hatte man ursprünglich den Tenor Christian Elsner engagiert, der jedoch kurzfristig krankheitsbedingt absagen musste. Dafür sprang einen Tag vor dem Konzert dankenswerterweise der Darmstädter Tenor Andreas Wagner ein. Zwar hatte er den Zyklus bereits vor einem Jahr in Darmstadt vorgetragen, aber für die völlig anders geartete Begleitung stand ihm nur ein Vorbereitungstag zur Verfügung. Angesichts dieser erschwerenden Randbedingungen muss man seine Leistung daher besonders anerkennen. Der Zyklus beginnt mit dem düsteren "Gute Nacht" ("Fremd bin ich ausgezogen..."), das bereits das atmosphärische Motto für den ganzen Zyklus vorgibt. Nach diesem Einstieg bleibt die Stimmung fast durchweg düster und erlaubt nur wenige frohe Momente, so im "Lindenbaum" oder in der "Post". Die große Leistung Schuberts besteht darin, die abschieds- und todesschwangeren Gedichte von Wilhelm Müller kongenial in Musik umgesetzt zu haben und ihnen damit erst das angemessene Ausdrucksmittel verliehen zu haben. Der Zyklus endet schließlich in dem düsteren Lied über den "Leiermann" mit seiner überdeutlichen Todesassoziation.

Andreas Wagner brachte die Stimmung des Zyklus durchweg überzeugend zum Ausdruck, jedoch litt der Vrotrag unter den geänderten musikalischen Randbedingungen. Wo sonst ein Klavier mit seiner eher geschlossenen Klangwirkung die Aufmerksamkeit ganz auf den Sänger lenkt und sich der reinen Begleitung widmet, beanspruchen die vier Streichinstrumente mit ihren unterschiedlichen Klangkörpern und ihrer reinen Präsenz weit mehr Raum. So teilt sich die Aufmerksamkeit des Zuhörers automatisch zwischen Sänger und Streichquartett auf. Und da sich ein Quartett nie so zurücknehmen kann wie ein einzelner Klavierbegleiter, hat der Sänger in bestimmten Lagen einen stärkeren Widerpart. Bei Andreas Wagner war dies in den mittleren Lagen der Fall, wo er nicht immer gegen seine vier Mitmusiker durchdrang. Dagegen gelangen ihm vor allem die hohen Lagen mit ihrer Strahlkraft besonders und auch die tiefen, die er überzeugend interpretierte. Angesichts der kurzen Vorbereitung war jedoch eine feinere Abstimmung zwischen den Akteuren kaum zu erreichen. Auf jeden Fall fanden Sänger und Ensemble zum Ende hin zu größerer Dichte und Ausdruckskraft, so dass die Musik das Publikum mit all der schweren Melancholie in ihren Bann schlug, die diesen Liedern eigen ist.

Das Publikum war begeistert und dankte allen Beteiligten mit lang anhaltendem Beifall.

Frank Raudszus