Der spielende Holländer

Hans Liberg mit seinem komödiantischen Musikprogramm "Die Neunte" in Darmstadt

 

In einer Art perfekter Dramaturgie hatte das Staatstheater Darmstadt einen Tag vor der Premiere von Richard Wagners "Der fliegende Holländer" einen echten Holländer mit einem anspruchsvollen Musikprogramm eingeflogen. Allerdings stehen bei Hans Liberg - Jahrgang 1954 und seines Zeichens ausgebildeter Musikwissenschaftler und hervorragender Pianist - weder das große Pathos noch die tiefsinnige Interpretation großer Werke im Mittelpunkt, sondern der musikalische Humor. Die Bühnen besteht aus einem Flügel und einigen anderen Musikinstrumenten in rotem Lampenschein sowie zwei großen Schautafeln mit den hundert bekanntesten(?)/beliebtesten(?)/meistgespielten(?) Werken der Musikliteratur. Bevor der Meister des musikalischen Witzes erscheint, hat der Zuschauer also genügend Muße, diese Zusammenstellung nach seinen eigenen Kriterien zu durchsuchen und zu bewerten. Im Stillen freut man sich auf einige altbekannte Klänge, obwohl man bald ahnt, dass diese Stücke wohl nicht in der angedeuteten Reihenfolge zu Gehör kommen werden, denn selbst bei kurzen Anklängten würde das wohl den Rahmen des Abends sprengen.

Hans LibergAuftritt Hans Liberg zu den Klängen von Beethovens "Neunter" - natürlich Chorfinale "Freude, schöner Götterfunke", und sofort beginnt  der musikalische Witz, Kapriolen zu schlagen. Noch während sich das Publikum gedanklich in den gewohnten Tönen wiegt, wechselt das Thema - zuerst fast unmerklich - zu einem anderen, trivialeren Musikstück, und so geht es zwei Stunden weiter. Liberg nimmt seinen Platz am Flügel ein, erzählt so nebenher eine Anekdote über Mozart oder Beethoven und übt mit dem Publikum die "Kleine Nachtmusik" in ungewohnter Form ein. Dabei stellt er einige persönliche Varianten des angeblich meistgespielten Musikstückes vor, bei denen er beliebte Schlager der Gegenwart und der jüngeren Vergangenheit in Mozarts Partitur hineinmischt. Immer erfolgt dabei der Übergang aus dem Fluss der Musik heraus, und erst nach ein bis zwei Takten hat sich das Trivialthema etabliert und die Lacher aus dem Publikum provoziert. Der Dialog mit dem Publikum bricht dabei nie ab. Liberg sucht immer wieder die Nähe zu den ersten Reihen, verteilt auch mal kleine Blasinstrumente zum Mitmachen oder überlässt gegen Schluss sogar sein musikalisches Mischpult einem Gast in der ersten Reihe, um die Orchestermusik zu seinem Klaviervortrag abzurufen. Dabei kommt es zu unfreiwilliger Komik, wenn der Besucher die falschen Tasten drückt und damit den Pianisten - scheinbar - verwirrt. Doch Liberg sucht immer wieder die Improvisation mit ihren unkalkulierbaren Nebeneffekten und meistert diese dann mit souveränem Witz. Wenn er - endlich, endlich - nach der Pause zum berüchtigten "Pour Elise" kommt, lässt er die berühmten zwei zwei Töne zu Beginn endlos laufen und spielt einen Beethoven, der nicht weiß, was er aus diesen beiden Tönen entwickeln soll. Versteht sich, dass Liberg zu diesem Beginn eine Menge trivialer und - daher - witziger Fortsetzungen einfallen, auf die Beethoven natürlich nicht gekommen ist.

Auch Schuberts "Unvollendete" findet bei Liberg ihren Platz, wobei er nicht nur einen schönen Trivialtext zu Schuberts Musik erfindet sondern diesem unvollendeten Werk auch einen markanten Schlussakkord verpasst. Beethovens Klaviersonaten geht es nicht besser: ob "Appassionata", "Pathétique" oder "Mondscheinsonate": zu jedem Werk entwickelt er aus dem - technisch perfekten - Spiel humorvolle und teilweise abstruse oder gar musikalisch platte Varianten, die ihre garantierten Lacher finden. Gerade der Gegensatz zwischen "hoher" E-Musik und platter Trivialmusik macht den Reiz dieser Variationen aus. Nebenbei holt Liberg dabei die E-Musik von dem hohen Sockel des - vor allem in Deutschland so beliebten - künstlerischen Ernstes und stellt sie auf ihre lebensnahen und oft auch humorigen Füße. Gerne geht er auch in fremden Ländern durch deren Musikstile und imitiert sie parodierend mit Tasten, Gesten und Grimassen. Auf den schwarzen Tasten treibt er's gerne pentatonisch-chinesisch, und die indische Musik lässt er lautmalerisch mit Lippen und Zunge erklingen. Glenn Goulds verkrümmte Haltung am Klavier und seine zuckenden Beine lässt er ebenso wiederauferstehen wie den blinden Ray Charles, bei dessen Parodie mit schwarzer Sonnenbrille er den Applaus des Publikums von der Bühnenrückwand entgegennimmt.

So jagt ein musikalischer Gag den anderen, Liberg wechselt vom Flügel zur Orgel und zurück, spielt einen Disc-Jockey, dann den Papst - kalauernd "Ratsinger" genannt - an der Orgel sowie Händel und Bach mit langer Perücke und hält das Publikum permanent in atemloser humoristischer Spannung. Nach dem Schlussvortrag ist dann noch lange nicht Ende, denn dann beginnen erst die Zugaben, die noch einmal einen ganzen Programmpunkt ergeben

Das Publikum im ausverkauften Großen Haus des Staatstheaters - darunter offensichtlich viele Musikkenner - war restlos begeistert und dankte Hans Liberg mit begeistertem Beifall und "standing ovations" für sein nicht nur unterhaltsames sondern auch geistreiches und musikalisch anspruchsvolles Programm.

Frank Raudszus