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Spätes Abheben eines Fliegers |
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Richard Wagners "Fliegender Holländer" im Staatstheater Darmstadt |
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Das Musiktheater hatte schon immer seine liebe Not mit den Opern-Libretti. Oft leiden diese an mangelnder Logik oder gar Widersprüchlichkeit, dann wieder an Handlungsarmut. Dieses bekannte Dilemma zeigt immer wieder, dass Komponisten und Literaten doch aus zwei verschiedenen Lagern stammen. Meist machen die Musiker die Schwächen der Libretti wieder wett, so dass man sie angesichts der Musik vergisst, doch die jeweilige Inszenierung kann die Waagschale ebenfalls in beide Richtungen lenken. Ralf Lukas
(Holländer)Richard Wagners Frühwerk "Der fliegende Holländer" entstand in der Frühphase der Romantik, als man sich nach überstandener französischer Revolution, unter dem Einfluss der europaweiten Restauration und angesichts der beginnenden Industrialisierung gerne in irrationale Welten flüchtete. Der "Holländer" spiegelt genau diese Traumwelt wieder, in der die harten Gesetze des menschlichen Alltags aufgehoben sind und okkulte Mächte regieren. Gesellschaftliche Konflikte weichen auch in der Oper geheimnisvollen, vom Menschen nicht beeinflussbaren Schicksalen. Am Ende steht nicht die Lösung eines Konflikts, sondern meist ein tragisches Ende, ein bisschen wie in der antiken Tragödie. Der "Fliegende Holländer" zeichnet sich durch ein Minimum an nachvollziehbarer Handlung und ein Maximum an irrationalem Walten des Schicksals aus. Der Namensgeber der Oper muss ewig mit dem Schiff die Meere besegeln, ohne sterben zu können; nur die Treue einer Frau kann ihn erlösen. Wie in diesen Legenden üblich, spielt der Grund für diesen Fluch keine Rolle. Keine persönliche Schuld oder eine wie immer geartete gesellschaftliche Konstellation haben ihn herbeigeführt, sondern er wird als gegeben vorausgesetzt. Wenn dann noch eine junge Frau aufgrund eines Bildnisses(!) von der Erlösung des Verdammten träumt, ist die romantische Oper schon fast fertig; man muss nur noch den Fluchbeladenen mit der opferbereiten Frau zusammenbringen, und schon ist die Tragödie perfekt. Bei der Holländer-Legende übernimmt der Vater der jungen Senta die Rolle des Katalysators. Zwecks Beschleunigung der Handlung reicht es, dass der todessüchtige "Holländer" von seinem Reichtum redet, um Daland zu überzeugen, ihm seine Tochter Senta anzudienen. Gegen die Geldgier des Vaters und das Opfersyndrom der Tochter hat dann Sentas Verlobter Erik keine Chance mehr. Um noch ein Minimum an Dramatik in die Handlung zu bringen, lässt die Legende den Holländer die Abschiedsszene zwischen Senta und Erik gründlich missverstehen, was Senta die Gelegenheit gibt sich umzubringen, um dem Holländer ihre unverbrüchliche Treue zu beweisen und ihn damit zu erlösen. Gesellschaftliche Aufklärung oder gar der Aufbau einer konfliktorientierten Handling sind also durchaus keine handlungsbestimmenden Grundbausteine dieser Oper. Doch Wagner hat dazu im romantischen Überschwang seiner Zeit eine Musik komponiert, die damals den Rahmen der üblichen Opern sprengte. Ohne Rücksicht auf die Wohlgefälligkeit und den Geschmack einer restaurativen bürgerlichen Gesellschaft hat er alle Register des orchestralen Machtinstruments gezogen und kompromisslos auf elementare Wirkung abgezielt. Das gilt nicht nur für die voluminösen Chorszenen sondern auch für die Solopartien des Holländers und - vor allem - Sentas. Schon hier geht Wagner an die Grenzen der menschlichen Stimme und lässt Emotion bar aller Konvention zum Ausdruck kommen. Mit dem nahezu ostinaten "Steuermanns"-Motiv sorgt er darüber hinaus auch orchestral für höchste Eindringlichkeit. Angesichts dieser Musik und des Librettos ist die oftmals geäußerte Meinung, man müsse sich den "Holländer" mit geschlossenen Augen zu Gemüte führen, durchaus verständlich: die Handlung ist zweitrangig, die Musik alles.
Intendant John Dew stand in Darmstadt vor genau diesem Dilemma. Realistisch-naturalistisch konnte er diese Salon-Mystik des frühen 19. Jahrhunderts nun wirklich nicht mehr auf die Bühne bringen, und eine rein konzertante Aufführung gilt allgemein als in jeder Hinsicht billiger Kompromiss. Also entschied er sich bei seiner Inszenierung für äußerste Sparsamkeit, entkleidete die Handlung sozusagen bis auf ihr dürftiges Gerippe. Das Bühnenbild von Thomas Gruber besteht im Wesentlichen aus Garagentoren nicht unähnlichen Wandverkleidungen, die den Eindruck eines Fährschiffinneren erzeugen sollen. Eine versenkbare Wand im Bühnenvordergrund dient wie ein überdimensionaler Biertresen in verschiedenen Szenen als Raumtrenner. Die Kostüme sind durchweg in fahlen Farben gehalten: die Seeleute tragen ein schwaches Graugrün zur Schau, Daland tritt im gedeckten Ocker und Erik im dunkelgrünen Jägerwams auf. Selbst Senta erscheint im blassbeigen Kleid des Opfers, dass sich keine Lebensfarbe mehr gönnt. Lediglich der Holländer tritt in einem saftigen Weinrot auf, wobei der elegante Anzug nicht gerade für einen Dauerseefahrer spricht. Aber diese Assoziation an die naturalistischen Elemente der Handlung wollte Dew eben gerade vermeiden. So gesehen ist das heftige Ziehen des seefahrenden Chores an den Schiffstauen auch mehr dem Text der Lieder als der Handlung selbst geschuldet. Kommt das Ensemble farblich bedeckt daher, so entspricht die Personenführung auf der Bühne diesem Konzept in jeder Weise. Offensichtlich bemüht, jeden falschen Naturalismus zu vermeiden, lässt Dew die Protagonisten als Archetypen ihrer selbst auftreten. Der Holländer ist kein vor Verzweiflung kranker Verdammter, sondern ein Mann von Welt, der still an seinem Schicksal leidet und sich ihm längst gebeugt hat. Daland ist kein geldgieriger Seemann, der seine Tochter an den Meistbietenden verhökert, sondern ein nüchterner Geschäftsmann, der kühl die Chancen abwägt und nutzt. Erik wirkt eher wie ein biederer Jägersmann, dem die Freundin wegläuft, denn als leidenschaftlicher Widerpart des Holländers. Dies sind jedoch vermutlich Vorgaben der Inszenierung und haben nichts mit der sängerischen Leistung der einzelnen Darsteller zu tun. Ganz offensichtlich ging es Dew darum, den ganzen romantischen Klimbim dieses Librettos herauszunehmen und sich ganz auf die einzelnen Personen zu konzentrieren. Doch wegen des wenig dramatischen Handlungsgerüste bleibt nach dieser Skelettierung kaum etwas übrig. Die Inszenierung schleppt sich lange Zeit statisch dahin, obwohl Dew das Ganze ohne Pause in knapp zweieinhalb Stunden durchzieht. Der Umstand, dass vom Text nur Bruchstücke zu verstehen sind und man sich die Dialoge auf des Basis des schlichten Handlungsgerüsts selbst vervollständigen muss, trägt nicht gerade zur dramatischen Wirkung bei, ebenso wie die zurückgenommene Rolle des Holländers. Allein Senta sorgt für zunehmende Dramatik und das nötige Tempo. Ab der Hälfte der Aufführung übernimmt sie mehr und mehr das Kommando auf der Bühne und entwickelt sich zum Mittelpunkt des Geschehens. Ihre exaltierte Opferbereitschaft treibt die Dramatik des Geschehens voran. Nun beginnt die ganze Inszenierung Farbe und Tempo zu entwickeln und Faszination zu verbreiten, und am Schluss war das Premierenpublikum dann doch so gebannt, dass sich spontane Bravo-Rufe aus der Menge lösten.
Eins ist klarzustellen: an den Darstellern lag es sicher nicht, dass die Inszenierung lange Zeit statisch wirkte; dies ist vielmehr auf die bewusst zurückhaltende Regie zurückzuführen, die aus der verständlichen Abneigung gegen eine naiv-romantische Aufführungspraxis ein eher distanziertes, abstrahiertes Konzept wählte. Doch das Problem liegt dabei letztlich im Libretto selbst, das heute jedem Opernintendanten Kopfzerbrechen bereiten muss, will er nicht nur unterhaltsames Musiktheater liefern. Ein "Holländer" ohne falsche Seefahrtsromantik oder verschwurbelte Fluch-Mystik ist wohl nur schwer auf die Bühne zu bringen, und unter diesem Blickwinkel ist die gewählte Inszenierungsmethode wohl noch die glaubwürdigste. Wagners Musik hat dabei wieder viel wettgemacht - wie gesagt: Augen schließen und durch! - und hat in dem Orchester unter der Leitung von Lukas Beikircher eine gelungene Interpretation erfahren. Beikircher lässt die bedrohliche, irrationale Seite des Stoffes voll zur Geltung kommen, indem er vor allem die Bläser immer wieder mit scharfem Profil in den Vordergrund rückt und auch sonst nicht an akustischem Volumen spart, ohne deshalb die Sänger auf der Bühne zu übertönen. Diese zeigten sich bei der Premiere von ihrer besten Seite, allen voran Yamina Maanmar als Senta, die eine geradezu unglaubliche Strahlkraft auch in den höchsten Lagen bewies und keinen Moment den Eindruck stimmlicher Überforderung erweckte. Dabei stimmten auch Körpersprache und Mimik mit der sängerischen Interpretation überein, sodass sie vor allem gegen Ende ein eindrucksvolles und überzeugendes Gesamtbild dieser bis zur Hysterie opferbereiten Figur entwickelte. Neben ihr sind vor allem Ralf Lukas als Holländer und Zurab Zurabshwili als Erik zu nennen, die sich neben Yamina Maanmar behaupten und trotz ihres zurückgenommenen Rollenverständnisses - vor allem der Holländer - ein eigenes Profil gewinnen konnten. Der von André Weiß wie immer hervorragend eingestellte Chor glänzte vor allem in den Männerpartien, während der Frauenchor etwas statisch blieb, so, wenn der gesamte Chor bei Sentas Arie nur dasitzt und zuhört. Hier hätte man sicher etwas mehr an szenischer Arbeit leisten können. Das Premierenpublikum war jedoch dank des dichten und temporeichen zweiten Teils mehr als zufrieden und geizte nicht mit Beifall. Die Regie musste sich jedoch - wahrscheinlich wegen der Längen bis zur Mitte - einige "Buhs" gefallen lassen. Frank Raudszus Alle Fotos © Barbara Aumüller |
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