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Klänge aus
fernen Ländern |
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Im
6.Sinfoniekonzert des Staatstheaters Darmstadt dominierte die
beschreibende Musik |
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Neben der sogenannten
"absoluten" Musik, die nur den eigenen Gesetzen folgt, hat es immer die
Variante der beschreibenden Musik gegeben, die Ereignisse, Stimmungen
oder gar Landschaften in Töne und Klänge umzusetzen versucht.
Vivaldis "Vier Jahreszeiten" und Beethovens "Pastorale" sind dafür
zwei Beispiele aus verschiedenen Epochen. Doch auch die slawischen
Komponisten haben sich gerne in den Gefilden der "programmatischen"
Musik getummelt, und neben Smetanas "Moldau" spielt dabei Antonin
Dvoraks "Sinfonie aus der Neuen Welt" eine bedeutende Rolle. Dieses
Werk bildete denn auch den Schölusspunkt des Programm, nachdem vor
der Pause die Sinfonische Dichtung "Der Namgang" des Koreaners Tai-Bong
Chung (*1952) und die Fantaasie für Violine und Orchester in
Es-Dur von Max Bruch (1838-1920) erklungen waren. Passend dazu hatte
man den Koreaner Hun-Joung Lim als Gastdirigent gewinnen können.
Tai-Bong Chung vertont in seiner
Komposition die Eroberung und den Untergang der Festung Jinju, die im
Jahr 1593 in einem wahren Gemetzel den Japaners zum Opfer fiel. Sei
Jahrhunderten ist dieser Ort Heiligtum und schreckliche Erinnerung
zugleich, und Chung setzt den unglücklichen Bewohnern udn
Verteidigern der Stadt mit seiner Musik ein Denkmal. Das STück
setzt ein mit den Pauken, dazu schwellen langsam ostinate Sechzehntel
an, die bsiweilen an die "minimal music" eines Philip Glass erinnert.
Der durchgehende Sechzehnteltakt erzeugt eine bedrohliche,
unerbittliche Spannung, wie sie die Bewohner der belagerten Stadt
empfunden haben müssen. Nur durch wenige Generalpausen
unterbrochen, treibt der Takt die Musik voran, und immer wieder setzen
die Pauken, die Blech- und Holzbläser markante Akzente. Ein
lyrischer Part mit Glockengeläut mag symbolisiert die Todesstille
nach dem Sturm, bevor noch einmal die Erbitterung sich im Finale Luft
schafft. Für ihre asiatische Herkunft macht die Musik einen
erstaunlich europäischen Eindruck, und die für
europäische Ohren typische östliche Pentatonik sucht man hier
vergeblich. Hun-Joung Lim gelang es, dem Orchester ein Gespür
für die Musik seines Heimatlandes einzuflößen, und das
Publikum dankte ihm bereits für diese gelungene Einleitung mit
mehr als freundlichem Beifall.
Max Bruchs Fantasie entstand
Ende der 70er Jahre des 19. Jahrhundert, also in der Spätromantik.
Wenn man weiß, dass Bruch selbst - auch politisch - sehr
konservativ war, dann kann man auch seine Musik einordnen. Ganz in der
Tradition des zehn Jahre jüngeren Vorbilds Mendelssohn liebte er
den gefühlsbetonten, weit ausladenden Duktus einer Musik, die
Emotionen und Erlebnisse nachzeichnet. So atmet auch seine Fantasie,
die Schottische genannt, die
Atmosphäre des Volksliedhaften, dem Volk auf dem Dorfanger oder
der Landschaft Abgelauschten. Schon im ersten Satz - Grave und Adagio
cantabile - zeichnet sich die Violine durch ihren vollen, ja nahezu
satten Klang aus. Weit tragende Melodiebögen und freie
Motivausführungen prägen diesen Satz, der reine Wohlklang
grenzt nahezu an Biederkeit. Im zweiten Satz dominiert das
Tänzerische, das bisweilen an Zigeunermusik erinnert, mit
durchgehendem 6/8-Takt, und die Flöten schwingen sich sogar zu
einer Vogelstimmenimitation auf. Im Andante des dritten Satzes
erklingen dann Motive, die mit ihren abschließenden,
aufwärts führenden Quintensprüngen an spätere
Western-Filme erinnern, die zum Panorama-Schwenk über die weite
Landschaft eben dieselbe musikalische Figur zu ihrem Markenzeichen
machten. Nun kann man Bruch nicht zum Vrowurf machen, dass später
die Trivial-Cineastik sich seiner Ästhetik bediente, dennoch sagt
dieser Umstand etwas über die Eingängigkeit und
Wohlgefälligkeit der Bruchschen Motive aus. Das Finale wendet sich
wiederum tänzerischen Moriven mit einer gewissen Nähe zur
Zigeunermusik zu; auch das zu Bruchs Zeit durchaus kein Kritikpunkt,
wenn nicht gerade die eingängige Virtuosität dieses
Musikstils später zur Trivialisierung geführt hätte. Laurent Korcia
Der Solist des Abends, der
Franzose Laurent Korcia, zeigte sich in diesem Konzert als wahrer
Meister seines Instruments, und Bruchs Fantasie gab ihm auch
ausreichend Gelegenheit, seine Virtuosität und künstlerische
Vielfalt zu beweisen. Und dennoch schien Bruchs Fantasie ihn
wegen ihrer Gefälligkeit und Eingängigkeit künstlerisch
ein wenig zu unterfordern. Hier spielte ein Spitzeninterpret ein
technisch zwar anspruchsvolles Stück, das aber zeitweise eine
gewisse Nähe zur Salonmusik aufweist. Man hätte sich Korcia
in einem der großen Violinkonzerte gewünscht - Beethoven,
Mendelssohn, Mozart, Brahms -, bei denen er seine Fähigkeiten
sicherlich noch eindrucksvoller unter Beweis hätte stellen
können. Bruch bleibt halt ein Spätromantiker, dem die Zeit
ein wenig enteilt ist, und seine Stücke verbreiten den Wohlklang
eines realitätsfremden Romantizismus'. Doch Korcia holte das, was
er in Bruchs Fantasie nicht immer zeigen konnte, in der Zugabe nach:
nicht nur die geradezu stupende Virtuosität, sondern vor allem die
Intensität und die Strahlkraft seines Vortrags beeindruckten das
Publikum und führten zu spontanen "Bravo"-Rufen.
Nach der Pause dann Dvoraks 9.
Sinfonie e-moll "Aus der Neuen Welt", sprich Amerika. Hier verarbeitet
Dvorak seine Eindrucke eines Besuchs in den damals noch jungen
Vereinigten Staaten, wobei er alle die motivischen Elemente
verarbeitet, die wir aus der amerikanischen Musik kennen. Da die Musik
- im Gegensatz zu Bruchs Musik - jedoch weniger auf ein
Einzelinstrument abgestellt sondern orchestral ausgearbeitet ist,
ergeben sich auch keine unfreiwilligen Parallelen zur Filmmusik. Von
Anfang bis Ende reflektiert Dvoraks Musik ein Weltgefühl und ist
weniger an eingängigen Melodien der Volkslieder als an der
Mentalität einer aufbrechenden Gesellschaft orientiert. Zwar
lassen sich im ersten Satz Anklänge an "Western"-Motive in den
Oboen finden, diese bleiben aber in der Struktur der Musik gebunden und
treten nicht platt in den Vordergrund. Der zweite Satz, ein Largo,
spürt der Weite der Landschaft und der Sehnsucht der Menschen nach
Freiheit und Selbstbestimmung nach. Man mein hier die Melancholie des
Komponisten aus dem verkrusteten k.u.k.-Reich über die
Zustände im "alten Europa" zu vernehmen. Im Scherzo des dritten
Satzes und im Finale laufen die Musiker - und vor allem die Bläser
- dann zu Hochform auf. Ob Holz oder Blech, alle zeichnen sich durch
äußerste Präzision und exakte Intonation aus. Da
drängt sich kein Horn platt in den Vordergrund, keine Trompete
meint den Lautstärkewettbewerb gewinnen zu müssen. Bei aller
forcierten Expressivität erfolgen alle Einsätze mit Bedacht
und aus dem Klang des Orchesters heraus. Die Holzbläser
überzeugen durch ihren gleichermaßen weichen wie strahlenden
Ton, seien es die Klarinetten, die Flöten oder die Oboen. Alles
passt an diesem Abend, so das selbst die hartnäckigsten Huster
ihre Lieblingsbeschäftigung vergessen und gebannt dem Orchester
zuhören. Man fragt sich spontan, wie der Gastdirigent - immerhin
als der beste Dirigent Koreas gehandelt - in so kurzer hzeit ein
solches "Händchen" für dies zugegebenermaßen wirklich
gute Orchester entwickeln konnte. Denn auch ein gutes Orchester
benötigt eine externe Inspiration, um eine Leistung wie an diesem
Abend zu bringen. Nachdem der das Finale in dem berühmten
Schlusswirbel verklungen war, schwangen sich die Darmstädter
Zuhörer zu spontanen "Bravos" auf, die sonst nur Solisten
dargebracht werden. Zu Recht, denn dieser Abschkuss war wirkich
denkwürdig und krönte einen gelungenen Abend. Frank Raudszus |
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