Die Sprache der Blasinstrumente

8.Kammerkonzert des Staatstheaters Darmstadt mit dem Bläserquintett "Zephyr"

 

Zephyr ist in der griechischen Mythologie der Gott der Westwinde; im heutigen Sprachgebrauch steht der Begriff für einen lauen Westwind. Den selben Namen hat sich das Bläserquartett aus Köln mit Michael Faust (Flöte), Manuel Bilz (Oboe), Thorsten Johanns (Klarinette), Ole Kristian Dahl (Fagott) und Luiz Garcia (Horn) gegeben. Das Adjektiv "lau" - um es vorweg zu sagen - gilt für den Namen in diesem Kontext nur insofern, als das Ensemble eine außerordentliche Sensibilität des Ausdrucks zeigt. Es ist halt keine "Heavy MetalGroup". Bei dem Auftritt am 26. April war kurzfristig ein Gasthornist für den verhinderten Luis Garcia eingesprungen.

Das Zephyr-BläserquintettAuf dem Programm standen fünf Werke, eine Zahl, die auf die Länge - bzw. Kürze - der einzelnen Stücke verweist, denn üblich sind in einem Kammerkonzert drei bis vier unterschiedliche Werke pro Abend. Den Anfang machte eine Bearbeitung der Ouvertüre zu Mozarts "Zauberflöte". Mozart hatte die Ouvertüre im Rahmen seiner Harmoniemusik-Aktivitäten bereits zu einem Bläsersextett umgearbeitet. Harmoniemusiken bestanden aus reinen Bläserarrangements, die zu Mozarts Zeiten den Vorteil hoher Mobilität - kein Klavier vonnöten! - aufwiesen und sehr beliebt waren. In Ermangelung der heutigen Tonträger konnte man so auch dem "einfachen Volk" in der Öffentlichkeit einen Eindruck sinfonischer Musik vermitteln. Die Ouvertüre zur"Zauberflöten" ist wegen ihrer Wiedererkennungseffekte natürlich immer ein dankbarer Programmeinstieg und fand auch in Darmstadt entsprechende Aufnahme. Präzis, schwungvoll und immer mit einem Schuss Humor in Darbietung und Mimik präsentierten die fünf Musiker diesen Repertoire-Renner, wobei sie die durch die Zahl der Instrumente bedingte Transparenz konsequent bis zu den Generalpausen auskosteten. Wer die Ouvertüre nicht kannte - wer ist das schon in einem Kammerkonzert? - mochte wohl schon verfrüht klatschen. Natürlich tat es keiner.

Das zweite Werk machte dann zeitlich schon einen deutlichen Schritt vorwärts: August Klughardts Bläserquintett in C-Dur op. 79 aus dem Jahr 1901 zeigt sich auf der Höhe der spätromantischen Epoche, jedoch bereits mit tonalen Elementen der beginnenden Neuzeit. Vieles erinnert noch an Brahms, wenn auch ohne dessen extremm expressive Spannweite, bisweilen hört man jedoch auch schon die Harmonik eines Richard Strauss' heraus. Klughardts Stärke liegt jedoch eindeutig bei der Stimmführung; äußerst kunstvoll setzt er immer wieder einzelne Instrumente gegeneinander, mal im "Frage-und- Antwort"-Stil, mal als Thema und Begleitung. Dabei lässt er mal die Flöte von der Klarinette, mal die Oboe vom Fagott begleiten - und umgekehrt. Dazu setzt das Horn immer wieder kräftige Akzente oder unterlegt den Vortrag der anderen Instrumente mit einer Art Generalbass. Im Ganzen kommt Klughardts Komposition bisweilen ein wenig akademisch daher, doch nicht ohne Reiz, weiß er doch die Klangfarben der einzelnen Instrumenten sehr gut einzusetzen und miteinander zu verbinden weiß. Man kann sich gut vorstellen, welchen Reiz dieses Stück gerade auf die fünf Solisten - denn solche bleiben sie immer auch im Quintett - ausgeübt hat.

Das dritte Werk des Abends, Luciano Berios (1925-2003) "Opus Number Zoo. Children Plays",  war entgegen der Ankündigung kurzfristig ins Programm genommen worden und schloss den ersten Teil des Abends ab. nach wenigen Takten eher amotivischer Klangfiguren bricht der Miochael Faust plötzlich mit der Stimme in den musikalischen Vortrag und zitiert zu der Musik kurze Verse über die Hühner im Stall. Dieser verbale Vortrag wandert anschließend durch das gesamte Ensemble, so dass jeder Musiker mehrere Male kurze Passagen aus dieser "musikalischen Gedicht" rezitiert, durchaus mit einigem schauspielerischen und stimmlichen Aufwand, so dass das Publikum auf seine humoristischen Kosten kommt. Nach der kurzen Einlage über die Hühner - durchaus mit gesellschaftskritischem Einschlag - folgt der Bericht über ein einsam im Kriegsgetümmel stehendes Pferd, dann eine recht kurze Geschichte über Mäuse, und im letzten Stück kämpfen zwei Kater um die Revierherrschaft. Die Musik der fünf Bläser umspielt und interpretiert diese Kurgeschichten mit entsprechenden musikalischen Figuren, die immer wieder von den verbalen Vorträgen der Musiker unterbrochen und ergänzt werden. Berio hat mit diesem nur scheinbar an Kinder gerichteten kurzen Musiktheater den Finger auf typische menschliche Wunden gelegt und sie nur vordergründig auf Tiere projiziert. Der kräftige Beifall des Publikums war dem Ensemble nach diesem heiter-satirischen Abschluss sicher.

Der zweite Teil des Abends begann dann wieder mit einem "Klassiker": Beethovens Bläserquintett Es-Dur op71, auch dieses in Abänderung des ursprüglichen Programms. Das viersätzige Werk zeichnet sich vor allem durch seine Ausgewogenheit aus, was wohl auch wieder darauf zurückzuführen ist, dass man damals mit dieser Art von "Blasmusik" ein breites Publikum ansprechen wollte. Manches zu Beginn erinnert an die Beethobenschen Sinfonien, vor allem die 7. - langsamer Beginn, dann Umschlag ins forcierte Tempo -, dann wieder überwiegen kammermusikalische Aspekte wie sauber gegeneinander gesetzte Stimmführungen oder Duette und Terzette einzelner Instrumente. Das Menuett kommt als "quasi allegretto" daher und löst sich damit von der hergebrachten Form des Menuettsatzes, das Finale bietet dann das übliche Beethovensche Feuerwerk am Ende eines Werkes. Das Ensemble interpretierte dieses Werk mit viel Konzentration und unter Verzicht auf allzu forcierte Expressivität. Offensichtlich wollte man nicht in die "Beethoven-Falle" geraten, die oftmals übergroße Lautstärke und zu hohes Tempo zur Folge hat. Beethoven kann man auch temperiert liefern, und das vor allem bei Bläserarrangements, die Musik schon immer immer gemeinverträglich interpretiert haben.

Den Schluss bildete Carl Nielsens (1865-1931) Bläserquintett in C-Dur op. 79 aus dem Jahr 1922. Der Entstehungszeitpunkt weist bereits auf eine moderne Form hin, und so war man denn angesichts dieser Erwartungshaltung überrascht von der tonalen Ausrichtung. Diese Musik hätte auch noch gut ins späte 19. Jahrhundert gepasst, und von daher war es nicht zu mutig, sie an das Ende des Programms zu stellen. Im Gegensatz zu vielen anderen Werken dieser Zeit enthält das Werk klar erkennbare Themen, die in gewissem Sinne auch variiert und wieder aufgenommen werden, wenn auch nicht in der Form des klassischen Sonatensatzes. Der dritte Satz, ein Präludium, wirkt in seiner Homophonie fast wie ein Choral und findet sich im Finalsatz wieder; dieser - tema con variazone - besteht aus einer Reihe komplexer und vielschichtiger Variationen zu einem vorgegebenen Thema und endet - wie bereits gesagt - mit dem Thema des Präludiums. Auch dieses Werk präsentierte das Ensemble mit viel Gespür für die Klangwirkungen, vor allem in den Variationen, wenn auch die Wirkung auf das Publikum eher auf den Kopf als auf den "Bauch" zielte. Dieser Einschränkung des Programmabschlusses begegnete das Ensemble mit einer nachgereichten Zugabe der Sängerin Camille van Lünen, in der diese ihre Eindrücke einer Zugverspätung in musikalisch wie gesanglich humoristischen Form wiedergibt. Da sie selbst nicht zu dieser "Welturaufführung" erschien, übernahmen - wie schon bei Berios Werk - die Musiker die Sprechpartien neben ihren Instrumentalauftritten. Das Publikum goutierte es mit amüsierten Lachern und viel Abschlussapplaus.

Frank Raudszus

Gästebuch