Fröhlicher Horror der sechziger Jahre

Howard Ashmans "Der kleine Horroladen" im Staatstheater Darmstadt

 

Christina Kühnreich (Audrey), Tom Wild (Seymour)In den sechziger Jahren hing das Damoklesschwert eines weltweiten, finalen Atomkriegs derart drohend über den Köpfen der Menschheit, dass man sich diesem Thema nur noch durch Selbstmord oder grotesken Humor nähern konnte. Das B-Movie "Little Shop of Horrors" aus dem Jahr 1960 setzte das Gefühl des elementaren Grauens in eine groteske Komödie um. Der eher tumbe Seymour, Angestellter eines bankrotten Blumenladens irgendwo in einer desolaten Vorstadt, züchtet eine fleischfressende Pflanze, die er nach der angebeteten Kollegin Audrey benennt und die sich bald zu einem menschenfressenden Horrorwesen entwickelt. Dass Audreys widerlicher Freund Orin nach einem eher selbst verschuldeten Drogen-Tod als erster zum Gedeihen der Pflanze beiträgt, mag aus Seymours Sicht noch hingehen, als jedoch der Verdacht schöpfende Mr. Mushnik, Besitzer des bis dato bankrotten Blumenladens, ebenfalls den Weg in die Pflanze antreten muss, fügt das der Angelegenheit eine eindeutig kriminelle Note hinzu. Doch schließlich verletzt die Pflanze auch Audrey tödlich, die Seymour nach dem Verschwinden ihres Freundes Orin erhört hat.

Christina Kühnreich (Audrey), Tom Wild (Seymour)

Dieser beschließt, die Pflanze zu vernichten, und wirft sich mit laufender Kettensäge in ihren Schlund. Ob er sie von innen heraus vernichten kann, bleibt offen, jedenfalls erscheinen die Opfer von "Audrey II" - so der Name von Seymours Züchtung - in der Darmstädter Inszenierung am Ende als Engel mit Heiligenscheinen auf der Bühne und warnen die Menschen, die Pflanze zu füttern. Im Jahre 1960 wohl ein deutlicher Hinweis auf die weltweite nukleare Rüstung, heute ein eher vager Verweis auf drohende globale Gefahren, sei es die hausgemachte Klimaveränderung oder der militante Islam. Auf den letzteren weisen die langen schwarzen Gewänder der drei "Gogo-Girls" hin, die den ganzen Abend die Handlung mit ihren gesungenen und getanzten Kommentaren begleiten.

Jeanette Friedrich (Ronette), Sarah Rögner (Chiffon), Marie Smolka (Crystal), Hubert Schlemmer (Orin)Jeanette Friedrich (Ronette), Sarah Rögner (Chiffon), Marie Smolka (Crystal), Hubert Schlemmer (Orin)

Nun braucht man hinter dem trivialen Blödsinn dieses Handlungsgerüsts nicht unbedingt die nukleare Bedrohung des Kalten Krieges zu sehen. Die amerikansiche Filmindustrie war und ist durchaus in der Lage, groteske - und teilweise blödsinnige - Komik auch ohne pessimistischen Tiefsinn zu produzieren, und man kann annehmen, dass dieser Aspekt bei der Erstellung des Filmes in Vordergrund stand. Dennoch schafft die jeweilige historische Situation mit ihren Ängsten und Traumata die unbewusste Basis für - gute und schlechte - Kunstwerke. Der Film "Little Shop of Horrors" war sicherlich eines der weniger bedeutenden cinéastischen Ereignisse seiner Epoche, entwickelte sich jedoch im Laufe der Zeit, nicht zuletzt wegen der in den achtziger Jahren erarbeiteten Musicalversion, zu einem wahren Kult der Theaterszene. Der große Schrecken im Kleinen bot sich immer wieder für entsprechend grelle und groteske Inszenierungen an, die jedesmal ein dankbares Publikum fanden.

In Darmstadt setzt Regisseur Daniel Ris ganz auf den naturalistischen Hintergrund der Handlung. Das Bühnenbild präsentiert eine heruntergekommene Gegend einer amerikanischen Großstadt. Feuerleitern und Schornsteine prägen das Bild, die braunschwarzen Häuserfassaden verbreiten eine düstere bis hoffnungslose Stimmung. Penner wärmen sich an brennenden Mülltonnen, und Mr. Mushniks Blumenladen mit seinem tristen Interieur hat schon seit langem keinen Kunden mehr gesehen. Hinter den Fenstern eines der Vorstadthäusern sieht man die Band des Staatstheaters unter der Leitung von Michael Ehrhard agieren. Von hier kommt die schmissige Musik, die zwar aus den Achtzigern stammt jedoch die "Aura" der sechziger ausstrahlt, ebenso wie die Kostüme der  Personen. Audrey und die drei "Girls" immer im kurzen Mini und hohen Schuhen, ihr Freund Orin als Elvis-Verschnitt mit langen Koteletten und Haartolle, Seymour in Latzhose. Mr. Mushnik trägt auf seinem weitgehend kahlen Kopf ein Haarteil, das ihn optisch verdächtig in die Nähe von Adolf Hitler rückt. Dass auch seine rrrollende Stimme dieser Kostümierung Rechnung trägt, scheint zwar in gewissem Sinne stimmig, ergibt jedoch im Kontext der Handlung keinen Sinn. Mr. Mushnik ist alles andere als ein größenwahnsinniger Despot, sondern eher ein kleiner, erfolgloser Geschäftsmann, der auch einmal am Erfolg teilhaben möchte.

Tom Wild (Seymour), Christina Kühnreich (Audrey)Tom Wild (Seymour), Christina Kühnreich (Audrey)

Daniel Ris will offensichtlich - trotz der Kostümierung des Mr. Mushnik - nicht mehr an Bedeutung in das Stück legen als ihm zukommt und belässt es bei reiner Situationskomik und frech-sentimentalen Liedern. Tragische Opern kann man - auch in Darmstadt - an anderen Tagen sehen, hier steht das erschauernde Vergnügen am reinen Grauen im Vordergrund. Dazu hat man die Pflanze entsprechend herausgeputzt. Anfangs noch klein und unscheinbar, wächst sie nach dem ersten Genuss von Blutstropfen - aus Seymours Finger - zu menschlicher Größe und fängt an, mit Seymour zu sprechen und Menschenblut zu fordern.  Die Position innerhalb dieser Pflanze kann nicht ganz bequem sein, muss der oder die dafür zuständige Darsteller(in) doch auf engstem Raum nicht nur die Pflanze sondern auch noch deren Lippen bewegen. Erst nach dem Genuss von Audreys Freund Orin entwickelt sie sich zu übermenschlicher Größe und sitzt wie ein zimmerhoher grüner Hut mit langen Tentakeln fett und bräsig in dem kleinen Blumenladen. Jan-Andreas Kemna verleiht ihr die Stimme eines Rappers, der cool-drohend weitere
Menschenopfer fordert. Dazu rollt die Pflanze wild mit den Augen, um die Forderung zu unterstützen. Zwischendurch kommen von "Audrey II" auch trockene oder bissige Kommentare zu dem, was sonst noch im Blumenladen abläuft, sei es Seymours miese Karriere bei Mr. Mushnik oder sein Verhältnis zu/mit Audrey (I).

Tom Wild (Seymour)Tom Wild (Seymour) 

Das Ganze kommt mit vielen eingängigen Liedern daher, die die Träume der einfachen Menschen aufs Korn nehmen und ironisch wiedergeben. Die Liebesszene zwischen Seymour und Audrey zitiert "Romeo und Julia", ansonsten hält sich die Inszenierung mit allzu deutlichen Querverweisen zurück, wenn man mal von Hubert Schlemmers Interpretation des Orin als Elvis-Kopie absieht. Die drei flotten Mädchen in roten Minis repräsentieren die Nachbarschaft des Blumenladens sozusagen als "Mini-Chor" und bringen ein bisschen zusätzlichen Schwung in die Handlung.

Die Darsteller sind durchweg mit viel Engagement und SPaß bei der Sache. Tom Wild spielt einen gutmütigen und naiven Seymour, der mit den von ihm geschaffenen Umständen nicht mehr fertig wird, Christina Kühnreich gibt eine vordergründig forsche aber im Kern sentimentäle Audrey, die sich nur "ein Häuschen mit Garten" wünscht, Gerd K. Wölfle einen knurrigen Mr. Mushnik mit starkem osteuropäischen Akzent und pötzlicher Freude am schnellen Geschäft. Hubert Schlemmer schließlich muss vom sadistischen Macho-Zahnarzt Arin über einen grell gekleideten Kunden, einen Penner, einen  Marketing-Manager und eine Promoterin gleich ein halbes Dutzend Rollen in schnell wechselnden Kostümen spielen, und Jan-Andreas Kemna gibt neben der Pflanze auch noch einen Penner und einen Radiomann. Alle zeichnen sich durch gute gesangliche Leistungen und temporeiches Spiel aus. Hohe schauspielerische Leistungen sind hier weniger gefragt, Tempo und Witz stehen im Vordergrund.

Am Ende hat es allen viel Spaß gemacht: Schauspielern, Musikern und vor allem dem Publikum im ausverkauften Großen Haus. Es bedankte sich dafür mit langem Applaus.

Frank Raudszus

Alle Fotos © Barbara Aumüller

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