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Georg
Büchners Erzählung "Lenz" in den Darmstädter
Kammerspielen |
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Die sprachliche Dichte von
Büchners Erzählung hat auch Ina Annett Keppel vom
Staatstheater Darmstadt fasziniert und in ihr den Gedanken geweckt,
eine Bühnenversion zu entwickeln. Nun ist es nicht unbedingt
einfach, ein Prosastück auf die Bühne zu bringen, sind doch
die Gesetzmäßigkeiten der Prosa ganz andere als die der
Bühnenkunst; doch dem Staatstheater ist dies in der vergangenen
Saison bereits mit Goethes "Werther"
erfolgreich gelungen. Ina Keppel hat sich gegen einen "einstimmigen"
Vortrag der Erzählung entschieden. Sie sieht den besonderen Reiz
darin, die Wahnvorstellungen und Ängste des jungen Lenz durch
verschiedene Stimmen auszudrücken. Sie wählte dafür eine
junge Schauspielerin - Julia Glasewald - und einen reiferen
Schauspieler - Hubert Schlemmer. Alter und Geschlecht der beiden
Protagonsiten ergeben eine doppelte Brechung des Textes. Hubert Schlemmer und Julia Glasewald beleben
den Vortrag mit deutlicher Körpersprache. Die Unstetigkeit und
Getriebenheit des gemütskranken Lenz drücken sie durch
eruptive Bewegungen einschließlich fluchtartiger Läufe auf
und um die Zuschauertribünen aus, um von dort aus Lenz langsam
wieder in das normale Leben zurückzuführen, das dann doch nur
kurz anhält. Das unaufhaltsame Abgleiten des jungen Dichters in
die geistige Umnachtung erschließt sich den Zuschauern aus dem
markanten Spiel der beiden Darsteller, wobei Schlemmer eher den
resignativen Ton, Glasewald eher den jugendlichen Protest gegen die
Umstände des Lebens zum Ausdruck bringt. Beide jedoch
ergänzen sich dabei in harmonischer Weise und überzeugen
besonders in Momenten der zarten Zweisamkeit, so wenn Schlemmer als
Pfarrer Oberlin dem jungen Lenz alias Julia Glasewald in
ohnmächtiger Güte die Wangen streichelt. Von Zeit zu Zeit
leuchten diese Momente durch die Düsternis der Lenzschen
Befindlichkeit wie Sonnenstrahlen durch die "wie Rosse über den
Himmel jagenden Wolken" (Zitat). In knapp fünfzig Minuten
verdichten die beiden Darsteller die Erzählung Büchners zu
einem anrührenden Portrait des unglücklichen Lenz, der mit
seinem Talent in eine falsche Zeit und Gesellschaftsordnung geboren
wurden. Im Gegensatz zu seinem verehrten Zeitgenossen Goethe stammte er
nicht aus großbürgerlichem Hause und erfreute sich nicht
einer Aura, die dem anderen alles erlaubte und verzieh. Lenz zerbrach
an den gesellschaftlichen Gegebenheiten - Hauslehrer war seine einzige
Zukunftsperspektive -, dem Druck des Vaters und seiner
Sensibilität. Julia Glasewald und Hubert Schlemmer bringen dies in
ihrem zu jedem Zeitpunkt unpathetischen Spiel überzeugend zum
Ausdruck. Frank Raudszus Alle Fotos © Barbara Aumüller |
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