Kopfstimmen

Georg Büchners Erzählung "Lenz" in den Darmstädter Kammerspielen

 

Hubert Schlemmer, Julia Glasewald"Den 20. Jänner ging Lenz durchs Gebirg". So beginnt eine der bedeutendsten Erzählungen aus dem Nachlass des jung verstorbenen Georg Büchner (1813 - 1837). Büchner beschreibt in der gut zwanzig Seiten umfassenden Erzählung einen Ausschnitt aus dem Leben des Schriftstellers - und Zeitgenossen von Goethe - Jakob Michael Reinhold Lenz (1751 - 1792). Lenz, ein übersensibler, hochbegabter Autor, litt unter der rigiden Erziehung des Vaters und dessen Dominanz und erkrankte schon früh an einem psychischen Leiden, dessen Ausbruch Büchners Bericht über Lenzens Reise in die Schweiz beschreibt. Ein fiktiver Bericht über eine historische Person ist zwar immer mit Vorsicht zu genießen, da er mit den Fakten nicht unbedingt übereinstimmen muss, die fehlende juristische Verfolgung solcher poetischer Eigenmächtigkeiten - heute würden die Erben der zum Objekt einer Erzählung gemachten Person unverzüglich klagen - und die sprachliche Qualität der Erzälung lassen jedoch jeden Vorbehalt im Keim ersticken.

Die sprachliche Dichte von Büchners Erzählung hat auch Ina Annett Keppel vom Staatstheater Darmstadt fasziniert und in ihr den Gedanken geweckt, eine Bühnenversion zu entwickeln. Nun ist es nicht unbedingt einfach, ein Prosastück auf die Bühne zu bringen, sind doch die Gesetzmäßigkeiten der Prosa ganz andere als die der Bühnenkunst; doch dem Staatstheater ist dies in der vergangenen Saison bereits mit Goethes "Werther" erfolgreich gelungen. Ina Keppel hat sich gegen einen "einstimmigen" Vortrag der Erzählung entschieden. Sie sieht den besonderen Reiz darin, die Wahnvorstellungen und Ängste des jungen Lenz durch verschiedene Stimmen auszudrücken. Sie wählte dafür eine junge Schauspielerin - Julia Glasewald - und einen reiferen Schauspieler - Hubert Schlemmer. Alter und Geschlecht der beiden Protagonsiten ergeben eine doppelte Brechung des Textes. Dazu kommen über Lautsprecher eingespielte und von denselben Darstellern gesprochene Textphasen. Zeitweise verbindet sie die lebendige Stimme mit ihrer elektronischen Verdoppelung, indem sie Hubert Schlemmer über Mikrofon reden lässt. Die Beschränkung der Stimmen auf zwei und die laufende Variation der Stimmen - mal abwechselnd, mal chorisch den fortlaufenden Text vortragend, dann wieder identische Textteile verdoppelnd - verleihen der Erzählung eine besondere Eindringlichleit. Äußere Gegebenheiten der Erzählung wie die Einsamkeit oder die Kälte des dunklen Zimmers werden mit wenigen Requisiten markiert: monadische Zelte oder um die Schultern gelegte Wolldecken.

Hubert Schlemmer und Julia Glasewald beleben den Vortrag mit deutlicher Körpersprache. Die Unstetigkeit und Getriebenheit des gemütskranken Lenz drücken sie durch eruptive Bewegungen einschließlich fluchtartiger Läufe auf und um die Zuschauertribünen aus, um von dort aus Lenz langsam wieder in das normale Leben zurückzuführen, das dann doch nur kurz anhält. Das unaufhaltsame Abgleiten des jungen Dichters in die geistige Umnachtung erschließt sich den Zuschauern aus dem markanten Spiel der beiden Darsteller, wobei Schlemmer eher den resignativen Ton, Glasewald eher den jugendlichen Protest gegen die Umstände des Lebens zum Ausdruck bringt. Beide jedoch ergänzen sich dabei in harmonischer Weise und überzeugen besonders in Momenten der zarten Zweisamkeit, so wenn Schlemmer als Pfarrer Oberlin dem jungen Lenz alias Julia Glasewald in ohnmächtiger Güte die Wangen streichelt. Von Zeit zu Zeit leuchten diese Momente durch die Düsternis der Lenzschen Befindlichkeit wie Sonnenstrahlen durch die "wie Rosse über den Himmel jagenden Wolken" (Zitat).

In knapp fünfzig Minuten verdichten die beiden Darsteller die Erzählung Büchners zu einem anrührenden Portrait des unglücklichen Lenz, der mit seinem Talent in eine falsche Zeit und Gesellschaftsordnung geboren wurden. Im Gegensatz zu seinem verehrten Zeitgenossen Goethe stammte er nicht aus großbürgerlichem Hause und erfreute sich nicht einer Aura, die dem anderen alles erlaubte und verzieh. Lenz zerbrach an den gesellschaftlichen Gegebenheiten - Hauslehrer war seine einzige Zukunftsperspektive -, dem Druck des Vaters und seiner Sensibilität. Julia Glasewald und Hubert Schlemmer bringen dies in ihrem zu jedem Zeitpunkt unpathetischen Spiel überzeugend zum Ausdruck.

Frank Raudszus

Alle Fotos © Barbara Aumüller

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