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Witz und
Temperament im Körperausdruck |
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Jochen
Ulrichs "Exercises - Übungen für Tänzer" im
Staatstheater Darmstadt |
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Als in den achtziger Jahren dem
"Tanzforum Köln", einer eher avantgardistischen kleinen Truppe,
die Fusion mit dem Ballett Bonn drohte, machte sich Leiter Jochen
Ulrich daran, mit einer Zusammenstellung von Übungen für
Tänzer die Leistungsfähigkeit seiner Compagnie zu zeigen.
Diese "Collage" tänzerischer Einfälle und Szenen erwies sich
als so erfolgreich, dass sie die Eigenständigkeit des Tanzforums
bis heute sicherte. Da die ursprünglich für diese Saison in
Darmstadt geplante Choreographie über die "Sieben Todsünden"
aus organisatorischen Gründen nicht mehr realisierbar war,
studierte man stattdessen die "Exercises" mit der Darmstädter
Tanztruppe ein. Ein Lückenbüßer ist es deswegen jedoch
noch lange nicht.
Die Musik für die Choreographie kommt
nicht vom Band sondern aus dem Orchestergraben. Hier spielt eine kleine
Combo aus Schlagzeug und zwei Flügeln. Die Musik hat Samuelina
Tahija, die langjährige musikalische Leiterin des Tanzforums
Köln, entwickelt und präsentiert sie auch selbst auf einem
der Flügel. Ihr assistiert auf dem anderen Flügel Eddy Teger,
am Schlagzeug sitzt Renis Mendoza. Samuelina Tahija singt auch selbst
verschiedene Partien innerhalb der Choreographie. Wie der Titel schon sagt, besteht die
Choreographie aus aus einer Reihe von Standardübungen für
Tänzer, die zu einer losen Nummernrevue zusammengefasst wurden.
Der bewusste Verzicht auf eine Handlung oder ein übergreifendes
Thema bedeutet jedoch nicht, dass hier nur akrobatische Übrungen
aus dem Tanzsaal vorgeführt werden. Vielmehr hat man all diese
Szenen in einen Rahmen integriert, den man am ehesten mit dem Motto
"Beziehungen" überschreiben kann. Ohne einen expliziten
Handlungsfaden entwickeln sich immer wieder Szenen, die typische
Beziehungssituationen beleuchten. Da gibt es junge Männer, die
jungen Frauen nachstellen und nur mit Mühe an Handgreiflichkleiten
gehindert werden können; da ist der Zweikampf zweier ungleicher
junger Männer - ein eher hölzerner Anzugträger und ein
"cooler" Typ im offenen Hemd, die um eine Frau kämpfen, wobei
letzterer immer wieder witzige und überraschende Tricks anwendet,
um dem anderen die Frau zu entwenden; und da sind weitere Variationen
dieses uralten Themas. Aus allen Perspektiven wird das Thema
"Mann-Frau" tänzerisch interpretiert, wobei neben den
akrobatischen Leistungen der Humor nicht auf der Strecke bleibt. Ja, er
stellt sogar einen Schwerpunkt der Choreographie dar, denn moderner
Tanz - so wohl damals schon die Aussage - soll nicht nur
halsbrecherisch und wirbelgefährdend wirken, sondern das Publikum
auch mit seinen menschlich-humoristischen Seiten gewinnen.
Die Musik enthält viele Elemente des Pops
der achtziger Jahre, noch ziemlich eingängig und ohne
Techno-Einschlag, so dass sie angesichts der rasanten Entwicklung auf
diesem Gebiet zeitweise fast etwas brav wirkt. Doch den Rhythmus
für die Tänzer gibt sie in unnachahmlicher Weise vor, und
diese folgen denn auch diesen Vorgaben sehr diszipliniert undi doch
geschmeidig. Den Mittelteil der Choreographie dominiert eine weit
ausgedehnte Passage, in der nur Stimmen ohne musikalische Laute das
Geschehen auf der Bühne lenken. Dazu setzen sich einige der
Tänzerinnen an die Seite des Orchestergrabens und assistieren den
Musikern mit verschiedenen Rhythmus-Instrumenten und stimmlichen
Einlagen. Später kommt dann Samuelinas Stimme in verschiedensten
Ausprägungen zu Gehör, begleitet nur vom Schlagzeug, und
dabei breitet sich die Atmosphäre eines kultischen Tanzes aus. Die
in einer engen Ausdrucksbandbreite sich ständig wiederholenden
Stimm - und Trommelfiguren entwickeln einen psychischen Sog, wie man
ihn auch Drogen zuschreibt. Man kann verstehen, dass die
Naturvölker bei solchen Tänzen in Trance verfielen.
Auflockerung erfolgt zwischendurch durch kurze Szenen, in denen die
Tänzer selbst durch rythmischen Einsatz ihrer Stimmen aus kleinen
Ausgangskonstellationen scheinbar improvisiert dynamische Episoden
entwickeln, die von kleinen Unstimmigkeiten über lautstarke
Auseinandersetzungen bis hin zur abschließenden Versöhnung
reichen. Solche Szenen spielen sich mal in kleinen Zweier- oder
Dreiergruppen, mal im Rahmen des gesamten Ensembles ab. Zu dem
selbstgeschaffenen akustischen Rahmen ergeben sich die
tänzerischen Figuren nahezu wie von selbst, wirken manchmal wie
Spielereien und sind doch immer wieder ausgesprochen anspruchsvoll und
mitreißend. Im Gegensatz zu eher dem Extremen zuneigenden
Choreographen wie William Forsythe
steht hier die flüssige, dynamische und elegante Bewegung im
Vordergrund, die jedoch auch die Befindlichkeit der jeweils
dargestellten Figur deutlich zum Ausdruck bringt.
Das Spiel auf der Bühne zeichnet sich vor
allem durch die Vielfältigkeit der Szenen und ihrer leicht
deutbaren Aussage, den Witz der Szenen und das Tempo aus. Während
der etwa achtzigminütigen Aufführung treten kaum Längen
auf, sieht man einmal von der leichten Überdehung des
"afrikanischen Trommeltanzes" ab, der durchaus ein wenig kürzer
hätte sein können. Doch danach übernehmen noch einmal
die Flügel die musikalische Gestaltung, es gibt noch ein
französisches Chanson mit viel Witz - wenn man es denn versteht -
und temperamentvoller Umsetzung des Textes in tänzerische
Darstellung und einige andere tänzerische Leckerbissen zur Musik
aus dem Orchestergraben, ehe sich der Vorhang nach einem sorgsam
"abgedimmten" Finale schließt. Die gesamte Choreographie
begleitet auf der Rückwand eine übergroße
Video-Installation, in deren Mittelpunkt ein einzelner roter Goldfisch
steht, der das Geschehen auf der Bühne mal neugierig beäugt,
sich dann wieder mit schnellen Flossenschlägen davojn macht. Mal
steht er übergroß im Vordergrund, mal klein im Hintergrund,
dazu rauschen Wasserfälle in farblicher Verfremdung die Leinwand
herunter, aufgewühlte Wogen schlagen aufeinander zum Heulen eines
Sturms oder ebenmäßig gerippter Meeresboden wartet auf die
nächste Flut. Diesen Hintergrundbebilderung verfolgt keinen
anderen Zweck als einen ästhetischen und bildet mit seiner
Stetigkeit einen wohltuenden Kontrast zum temporeichen Geschehen auf
der Bühne. Weitere
Aufführungen nur noch am 2. und 7. Juni! Frank
Raudszus Alle Fotos © Barbara Aumüller |
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