Witz und Temperament im Körperausdruck

Jochen Ulrichs "Exercises - Übungen für Tänzer" im Staatstheater Darmstadt

 

Als in den achtziger Jahren dem "Tanzforum Köln", einer eher avantgardistischen kleinen Truppe, die Fusion mit dem Ballett Bonn drohte, machte sich Leiter Jochen Ulrich daran, mit einer Zusammenstellung von Übungen für Tänzer die Leistungsfähigkeit seiner Compagnie zu zeigen. Diese "Collage" tänzerischer Einfälle und Szenen erwies sich als so erfolgreich, dass sie die Eigenständigkeit des Tanzforums bis heute sicherte. Da die ursprünglich für diese Saison in Darmstadt geplante Choreographie über die "Sieben Todsünden" aus organisatorischen Gründen nicht mehr realisierbar war, studierte man stattdessen die "Exercises" mit der Darmstädter Tanztruppe ein. Ein Lückenbüßer ist es deswegen jedoch noch lange nicht.

Juan-Pablo Lastras, Paula SantosJuan-Pablo Lastras, Paula Santos

Die Musik für die Choreographie kommt nicht vom Band sondern aus dem Orchestergraben. Hier spielt eine kleine Combo aus Schlagzeug und zwei Flügeln. Die Musik hat Samuelina Tahija, die langjährige musikalische Leiterin des Tanzforums Köln, entwickelt und präsentiert sie auch selbst auf einem der Flügel. Ihr assistiert auf dem anderen Flügel Eddy Teger, am Schlagzeug sitzt Renis Mendoza. Samuelina Tahija singt auch selbst verschiedene Partien innerhalb der Choreographie.

Wie der Titel schon sagt, besteht die Choreographie aus aus einer Reihe von Standardübungen für Tänzer, die zu einer losen Nummernrevue zusammengefasst wurden. Der bewusste Verzicht auf eine Handlung oder ein übergreifendes Thema bedeutet jedoch nicht, dass hier nur akrobatische Übrungen aus dem Tanzsaal vorgeführt werden. Vielmehr hat man all diese Szenen in einen Rahmen integriert, den man am ehesten mit dem Motto "Beziehungen" überschreiben kann. Ohne einen expliziten Handlungsfaden entwickeln sich immer wieder Szenen, die typische Beziehungssituationen beleuchten. Da gibt es junge Männer, die jungen Frauen nachstellen und nur mit Mühe an Handgreiflichkleiten gehindert werden können; da ist der Zweikampf zweier ungleicher junger Männer - ein eher hölzerner Anzugträger und ein "cooler" Typ im offenen Hemd, die um eine Frau kämpfen, wobei letzterer immer wieder witzige und überraschende Tricks anwendet, um dem anderen die Frau zu entwenden; und da sind weitere Variationen dieses uralten Themas. Aus allen Perspektiven wird das Thema "Mann-Frau" tänzerisch interpretiert, wobei neben den akrobatischen Leistungen der Humor nicht auf der Strecke bleibt. Ja, er stellt sogar einen Schwerpunkt der Choreographie dar, denn moderner Tanz - so wohl damals schon die Aussage - soll nicht nur halsbrecherisch und wirbelgefährdend wirken, sondern das Publikum auch mit seinen menschlich-humoristischen Seiten gewinnen.

Tatiana Marchini, Michiel de Pauw, Juan-Pablo LastrasTatiana Marchini, Michiel de Pauw, Juan-Pablo Lastras  

Die Musik enthält viele Elemente des Pops der achtziger Jahre, noch ziemlich eingängig und ohne Techno-Einschlag, so dass sie angesichts der rasanten Entwicklung auf diesem Gebiet zeitweise fast etwas brav wirkt. Doch den Rhythmus für die Tänzer gibt sie in unnachahmlicher Weise vor, und diese folgen denn auch diesen Vorgaben sehr diszipliniert undi doch geschmeidig. Den Mittelteil der Choreographie dominiert eine weit ausgedehnte Passage, in der nur Stimmen ohne musikalische Laute das Geschehen auf der Bühne lenken. Dazu setzen sich einige der Tänzerinnen an die Seite des Orchestergrabens und assistieren den Musikern mit verschiedenen Rhythmus-Instrumenten und stimmlichen Einlagen. Später kommt dann Samuelinas Stimme in verschiedensten Ausprägungen zu Gehör, begleitet nur vom Schlagzeug, und dabei breitet sich die Atmosphäre eines kultischen Tanzes aus. Die in einer engen Ausdrucksbandbreite sich ständig wiederholenden Stimm - und Trommelfiguren entwickeln einen psychischen Sog, wie man ihn auch Drogen zuschreibt. Man kann verstehen, dass die Naturvölker bei solchen Tänzen in Trance verfielen. Auflockerung erfolgt zwischendurch durch kurze Szenen, in denen die Tänzer selbst durch rythmischen Einsatz ihrer Stimmen aus kleinen Ausgangskonstellationen scheinbar improvisiert dynamische Episoden entwickeln, die von kleinen Unstimmigkeiten über lautstarke Auseinandersetzungen bis hin zur abschließenden Versöhnung reichen. Solche Szenen spielen sich mal in kleinen Zweier- oder Dreiergruppen, mal im Rahmen des gesamten Ensembles ab. Zu dem selbstgeschaffenen akustischen Rahmen ergeben sich die tänzerischen Figuren nahezu wie von selbst, wirken manchmal wie Spielereien und sind doch immer wieder ausgesprochen anspruchsvoll und mitreißend. Im Gegensatz zu eher dem Extremen zuneigenden Choreographen wie William Forsythe steht hier die flüssige, dynamische und elegante Bewegung im Vordergrund, die jedoch auch die Befindlichkeit  der jeweils dargestellten Figur deutlich zum Ausdruck bringt.

Julia Szemro, Felix ValentimJulia Szemro, Felix Valentim  

Das Spiel auf der Bühne zeichnet sich vor allem durch die Vielfältigkeit der Szenen und ihrer leicht deutbaren Aussage, den Witz der Szenen und das Tempo aus. Während der etwa achtzigminütigen Aufführung treten kaum Längen auf, sieht man einmal von der leichten Überdehung des "afrikanischen Trommeltanzes" ab, der durchaus ein wenig kürzer hätte sein können. Doch danach übernehmen noch einmal die Flügel die musikalische Gestaltung, es gibt noch ein französisches Chanson mit viel Witz - wenn man es denn versteht - und temperamentvoller Umsetzung des Textes in tänzerische Darstellung und einige andere tänzerische Leckerbissen zur Musik aus dem Orchestergraben, ehe sich der Vorhang  nach einem sorgsam "abgedimmten" Finale schließt.

Die gesamte Choreographie begleitet auf der Rückwand eine übergroße Video-Installation, in deren Mittelpunkt ein einzelner roter Goldfisch steht, der das Geschehen auf der Bühne mal neugierig beäugt, sich dann wieder mit schnellen Flossenschlägen davojn macht. Mal steht er übergroß im Vordergrund, mal klein im Hintergrund, dazu rauschen Wasserfälle in farblicher Verfremdung die Leinwand herunter, aufgewühlte Wogen schlagen aufeinander zum Heulen eines Sturms oder ebenmäßig gerippter Meeresboden wartet auf die nächste Flut. Diesen Hintergrundbebilderung verfolgt keinen anderen Zweck als einen ästhetischen und bildet mit seiner Stetigkeit einen wohltuenden Kontrast zum temporeichen Geschehen auf der Bühne.

Wer sich unter dem Titel eher ermüdende Verrenkungen vorgestellt und deshalb von einem Besuch abgesehen hat, sollte sich möglichst schnell umbesinnen und diese Darbietung nicht verpassen. Das Publikum jedenfalls war begeistert und spendete allen Beteiligten begeisterten Beifall.

Weitere Aufführungen nur noch am 2. und 7. Juni!

Frank Raudszus

Alle Fotos © Barbara Aumüller

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