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Angst und
Aggression im Dunkeln |
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Uraufführung
von William Forsythes Choreographie "Angoloscuro/Camerascura" im
Frankfurt |
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Die Camera
Obscura (lat. Camera „Kammer“; obscura „dunkel“) oder auch Lochkamera
ist eine dunkle Kammer oder Schachtel, in die durch ein kleines Loch
Licht hineinfallen kann (Zitat: Wikipedia"). Der "Angolo
abscuro" ist der gefallene Engel, der für die dunkle Seite der
menschlichen Natur steht. Diese beiden Begriffe stehen als
Motto über William Forsythes neuester Choreographie, die sich
durch einen tiefen Pessimismus auszeichnet. Der Doppeltitel verweist
einerseits auf die lebens- und menschenfeindlichen Seiten der
manschlichen Natur und andererseits auf die "anderen Räume", wie
sie Michel Foucault in seinem Essay beschreibt. Der andere Raum, auch
Heterotopie genannt, ist hier der künstliche Ort des Theaters -
die "camera obscura" seines Guckkastens - in dem reale Befindlichkeiten
und Gegebenheiten abgebildet werden. Ganz bewusst wählt Forsythe
einen nahezu surrealistischen Ansatz, wenn er seiner Choreographie die
Begrifflichkeit von Michel Foucault, Marcel Duchamps und Michel Serres
zugrundelegt.
Bereits der Beginn verwandelt
sich zum Ritual, das zu dem heterotopen Ort passt. Foucault erinnert an
geheime Orte früherer Zeiten, zu denen nur Auserwählte unter
rituellen Randbedingungen Zutritt hatten - heilige Berge oder
Wälder bei den Indianern oder anderen Naturvölkern. Hier wird
die Bühne aus zwei rechtwinklig zueinander angeordneten schwarzen
Wänden zu einem solchen Ort. Auf dem Wege dorthin lassen
Platzanweiser das Publikum nur in kleinen Gruppen entlang
vorgezeichneten weißen Pfeilen in den weitgehend schwarz
gehaltenen Zuschauerraum und ermahnen sie, nicht zu reden. Die still
einziehende, Zuschauer passieren die Bühne, auf der bereits zwei
Darsteller agieren: einer - schwarz gekleidet und mit schwarzer
Strumpfmaske an der Wand stehend - summt wie ein aufgeregtes Insekt vor
sich hin, der andere umschlingt sich selbst mit einem grauen
Teppich und windet sich unter diesem lautlos auf dem Boden. Diese
Konstellation dauert an, bis der letzte Zuschauer seinen Platz gefunden
hat, um dann in die erste Szene überzugehen. Es folgen etwa 25 kurze Szene -
jede zwischen zwei und drei Minuten lang - die nur durch ein kurzes
Löschen des Lichtes voneinander getrennt werden. In diesen Szenen
lässt Forsythe seine Tänzer in kleinen Gruppen - zwei, drei,
vier Personen - körperliche und räumliche Konstellationen
darstellen, die immer wieder Macht, Leid, Angst und Aggression zum
Thema haben. Dabei drücken sich diese Ur-Elemente menschlicher
Existenz nicht in nachvollziehbaren, pseudo-realistischen
Kurzgeschichten aus, sondern in den Befindlichkeiten der
jeweiligen Figuren. Wer Forsythe kennt, weiß, dass es hier nicht
um Tanz im klassischen Sinn geht, noch nicht einmal um modernes
TanzTheater. Forsythe sucht den unmittelbaren Ausdruck der psychischen
Situation durch Körperhaltung und -bewegung. Dass dies
überwiegend durch Verrenkungen und Verdrehungen des Körpers
erfolgt, liegt nahe, da Forsythe die menschliche Psyche unter dem Druck
der gesellschaftlichen(?) Umgebung letzten Endes als deformierte
interpretiert. Wenn seine Figuren sich nicht gerade in innerer Not
winden, sitzen sie wie autistisch neben sich und der Szene. Der Druck
des Lebens führt entweder zu körperlich empfundenem Leid oder
zu autistischer Distanz.
Forsysthe verletzt bei diesen
Szenen auch bewusst ungeschriebene ästhetische Tabus des Theaters.
So lässt er einen Darsteller unter geradezu krankhaften
Hustenanfällen leiden, andere grunzen in tiefstem Bass oder geben
andere - fast tierische - Laute von sich. Forsythe hat offensichtlich
erkannt, dass sich jede künstlerische Provokation schnell in einen
Trend verwandelt und als solcher vom Publikum sozusagen
ästhetisiert wird. Was provozieren oder zumindest auf elementare
Bedürfnisse verweisen soll, wird schnell als künstlerisches
Mittel immunisiert und als solches rezipiert. Daher der Hang mancher
Regisseure des Theaters, auch die letzten Tabus der Fäkal- und
Sexualebene zu brechen. Forsysthe geht diesen Weg nicht, sondern treibt
seine Tänzer lediglich weiter in der körperlichen und
stimmlichen Ausdrucksbreite, in der berechtigten Hoffnung, dass sein
Publikum diese Extrema entsprechend interpretiert und goutiert. Die Szenen greifen immer wieder
auf das Prinzip der "Camera obscura" zurück, wenn schwarz
gekleidete Darsteller sich in die Ecke der beiden schwarzen Wände
kauern und nur das weiße Gesicht sehen lassen oder gar in einer
schwarzen Burka vor den schwarzen Wänden tanzen. Dabei sind
Assoziationen zur gegenwärtigen politischen Situation
unverkennbar, wenn er seine Darsteller mal in eben diesen
Ganzkörperkleidern oder wie vermummte Terroristen auftreten
lässt, wie wir sie von Fernsehaufnahmen kennen. Szenen wilder
Agression - ein Darsteller schlägt mit einem schweren
Stoffklöppel um sich, und mit jedem Schlag wechselt die
Beleuchtung - wechseln sich ab mit solchen stummen Leids, so wenn ein
Mann einen Schwerstbehinderten, der sich wie ein verängstigtes
Rabenjunges in sich zurückzieht, das Springen lehren will. In
dieser Szene treffen sich eine gutgemeinte, doch leicht sadistische
Leistungsforderung mit dem starren Entsetzen des Überforderten.
Doch auch hier keine direkte Assoziation an eine vordergründige
Realität, sondern die Reduktion der Situation auf die
Grundzüge menschlicher Kommunikation. Eine andere Szene zeigt
einen "Moderator", der mit einer Fernbedienung ein imaginäres
Fernsehgerät steuert und darüber die anderen Personen auf der
Bühne nach seinem Belieben steuert und manipuliert. Eine eher
vordergründige Kritik an der Mediengesellschaft.
Blick in die Video-Installation Nach etwas über einer
Stunde wird das Publikum genauso leise wie zu Beginn aus dem
Zuschauerraum geleitet und in die Vorhalle geleitet, wo einzelne
Darsteller Monologe zu einer Video-Installation aus konkreten und
abstrakten Mustern vortragen. Das Kernwort dieser Monologe lautet
"Fascination": die Faszination aller menschlichen Äußerungen
und Befindlichkeiten, der äußeren Begebenheiten und
Gefahren. Diese Monologe erfolgen jedoch nicht ausdrücklich an das
die Installation umstehende Publikum sondern an ein imaginäres
inneres Publikum, also als Selbstgespräch. Der bewusst monotone
Vortragsstil - typisches Markenzeichen Forsythescher Choreographien -
soll dem Monolog jegliche kurzschlüssige Assoziation an reale
Gegebenheiten entziehen. Die nahezu autistische Distanz zum Geschehen
prägt auch diesen Teil des Programms. Nach den dichten Szenen des
schwarzen "Guckkastens" lässt sich der Sinn dieser
"aufgepfropften" Installation nicht ganz erschließen. Die
Spannung der Szenenfolge lässt nach, das Publikum beginnt, sich
von der Installation abzuwenden, umherzuwandern und leise zu reden. Die
Luft ist raus, zumal die inhaltliche Verbindung zu dem vorher Gesehenen
unklar bleibt. Wenn nicht rein dramaturgische Gründe für
diese "Nummernrevue" ausschlaggebend waren - schließlichen waren
knapp zwei Stunden zu füllen -, dann bleibt die gemeinsamme
Klammer dieser beiden Teile der Uraufführung im Heuhaufen der
Interpretationen verborgen.
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