Der Traum als Ort des Gefühlschaos'

William Shakespeares "Sommernachtstraum" im Kleinen Haus des Staatstheaters Darmstadt

 

Gegen Ende einer Theatersaison, die in Darmstadt Geschichten um Traum und Tod auf die Bühne brachte, kommt auch Shakespeare zu seinem Auftritt, natürlich mit dem "klassischen" Traumspiel. Was dieses Stück wie die meisten Werke des englischen Dramatikers auszeichnet, ist die griffige, ja bisweilen geradezu volksnahe Geschichte, die gerade deswegen - wie die Märchen - über die Jahrhunderte mythische Gestalt angenommen hat. Shakespeares Dramen kann man als brutale Räuberpistolen - siehe "Macbeth" - oder als Bildungsstücke inszenieren, ohne dass sie dabei an Athentizität verlieren. Die unverstellte Darstellung menschlicher Schwächen lässt sie alle Interpretationen souverän überstehen. In Darmstadt hat man sich nach der fragwürdigen Inszenierung vor etwa zehn Jahren - Oberon und Titania traten als Punks und die Handwerker als Müllmänner  auf - auf eine gewisse "Werktreue" besonnen und bewusst auf zeitgeistige Effekte verzichtet. Diese Reduzierung auf das Stück und seine Sprache bekommen der Inszenierung ausgesprochen gut.

Matthias Kleinert (Theseus/Oberon),Christina Kühnreich (Philostrat/Puck)Matthias Kleinert (Theseus/Oberon),Christina Kühnreich (Philostrat/Puck)  

Hermia liebt Lysander, soll jedoch Demetrius heiraten, den wiederum Helena liebt. Als Hermia Tod oder Kloster drohen, flieht sie mit Lysander in den nahe gelegenen Wald. Dort trifft sich auch eine Truppe von Handwerkern, die zur Hochzeit des Athener Herzogs Theseus - gewagter Anachronismus Shakespeares'  - das Theaterstück von Pyramus und Thisbe aufführen und hier einüben wollen. Im Wald jedoch regiert der Elfenkönig Oberon, der mal wieder mit seiner Frau Titania in Streit liegt und die Widerspenstige zwecks Zähmung durch seinen dienstbaren Geist Puck verzaubern lässt: sie soll sich in das erste Lebewesen, das sie nach dem Erwachen erblickt, unsterblich verlieben. Als der von der ihn liebenden Helena verfolgte Demetrius diese beschimpft und verjagt, lässt der um die Seele Helenas bangende Oberon auch gleich Demetrius mit dem selben Zaubertropfen behandeln, auf dass er Helena wieder liebe. Das Ganze könnte so schön klappen, wenn Puck nicht versehentlich zuerst Lysander mit glühender Liebe zu Helena infizieren würde: nach dem Erwachen umlagern sie beide die erstaunte und ob des "bösen Scherzes" erboste Helena und lassen Hermia links liegen. Derweil setzt Puck dem Handwerker Zettel einen Eselskopf auf und Titania verliebt sich nach dem Erwachen prompt in diesen. Im Wald ist die erotische Hölle los, und Oberon verfolgt vor allem die blinde Leidenschaft seiner Frau zu einem Esel mit wahrer Wonne. Doch die jungen Leute müssen zwecks demographischer Korrektheit wieder auf den rechten Weg gebracht werden, und so entzaubert Puck wieder Lysander, nicht aber Demetrius. Dieser liebt jetzt auf immer und ewig Helena, und jetzt können auch Hermias Vater Egeus und Herzog Theseus nichts mehr gegen die jeweiligen Wunschpaarungen haben. Im Walde jedoch erkennt Titania nach der Entzauberung ihren fatalen Irrtum und wirft sich Oberon in tiefer Scham an den Hals. Am Ende steht eine Dreifach-Hochzeit am Athener Hof, bei der die Handwerker eine gar kümmerliche Aufführung vor einem blasierten Publikum abliefern. Die weisen Abschiedsworte spricht Puck aus der Requisitenkiste der schauspielernden Handwerker.

Tilman Meyn (Schnock), Klaus Ziemann (Pfeifer), Gerd K. Wölfle (Kümmerling)Tilman Meyn (Schnock), Klaus Ziemann (Pfeifer), Gerd K. Wölfle (Kümmerling) 

Man fragt sich natürlich bei der Aufführung jedesmal von Neuem, was "uns der Dichter sagen will". Diese Interpretation färbt sich je nach Inszenierung unterschiedlich ein, so dass oft die Botschaft des Regisseurs die des Autors überlagert. Ob dies legitim ist, ist eines der Kernprobleme des "Regietheaters", fordert doch eine nicht zu kleine Gruppe - bis hin zum Bundespräsidenten!! - mehr Werktreue. Doch was heißt "Werktreue"? Hat irgend jemand aus dem Kreise ihrer Anhänger mit dem Autor, hier: Shakespeare, persönlich gesprochen, oder werden frühere Inszenierungen, vielleicht noch aus der eigenen Jugendzeit, naiv als Maßstab herangezogen? Nebenbei angemerkt: zu Shakespeares Zeiten hat man ohne Bühnenbild und "Kostüme" auf blanken Brettern gespielt. Die sogenannten historischen Kostüme sind also mehr oder minder die der damaligen Schauspieler. Der Wortlaut des Textes gibt auch keinen letztgültigen Aufschluss über Ausdruck und eventuelle Zwischentöne und Hintergedanken des Textes. Daher ist man bei jeder Inszenierung eines Stückes quasi auf die Interpretation des Ensembles - oder des Regisseurs als des Vertreters des Ensembles - angewiesen. Man wird mit dieser leben müssen, und glücklicherweise gibt es soviele Intepretationen wie Regisseure und Schauspieler.

In Darmstadt setzt Regisseur Peter Haile ganz auf das erotische Chaos bei der Partnersuche und - findung junger Leute, das schon seit Beginn der menschlichen Geschichte geherrscht haben dürfte. Heinrich Heine hat diese Situation in seinem Gedicht "Ein Junge liebt ein Mädchen..." treffend in wenigen Zeilen beschrieben, Shakespeare es in mehreren Komödien nach allen Regeln der Kunst variiert. Haile lässt die beiden Paare als zeitlose Protagonisten der Beziehungsprobleme auftreten, die sich ihre Kränkungen und Gekränktheiten mitleidlos gegenseitig an den Hals werfen. Demetrius verhält sich seiner ehemailgen Verlobten Helena gegenüber wie der mieseste Macho, diese läuft ihm unter Aufgabe jeglicher eigener Würde buchstäblich in den Wald nach. Lysander und Demetrius verhaken sich im Kampf um Helena - früher war es Hermia! - wie zwei brünftige Hirsche ineinander und würden sich wohl gegenseitig umbringen, leitete sie Puck nicht im nächtlichen Wald permanent in die Irre. Trotz der shakespeareschen Sprache wirken die Szenen dieser vier jungen Leute oftmals außerordentlich aktuell und verweisen damit deutlich auf die zeitlose Gültigkeit dieser Situation. Herzog Theseus kommt als nüchterner Politikmanager daher, der eines gewissen sarkastischen Humors nicht entbehrt und um die Schwächen der Menschen weiß, doch dem die Staatsraison wichtiger erscheint als die ephemeren erotischen Verwicklungen junger Leute. Sein Pendant Oberon in der virtuellen Elfenwelt ist ihm in dieser Weltsicht sehr ähnlich, und konsequenterweise lässt Haile die beiden auch vom selben Darsteller spielen. Dieselbe Symmetrie gilt für Theseus' zukünftige Gattin Hippolyta - eine gefangende Amazonin-Fürstin - und Oberons Angetraute Titania. Die Inszenierung lebt generell von dem hohen Tempo und der straffen Regie, die keine Längen duldet und das Geschehen jederzeit sehr schnell auf den Punkt bringt.

Tilman Meyn (Schnock), Klaus Ziemann (Pfeifer), Gerd K. Wölfle (Kümmerling)Tom Wild (Demetrius), Britta Hübel (Helena), Leander Lichti (Lysander), Julia Glasewald (Hermia)  

Die Handwerkerhandlung wird leider oft unterschätzt. Mit diesen Schauspieldilettanten setzt Shakespeare dem Mimenstand ein letztlich liebevolles Denkmal mit zwei Seiten: einmal verweist er damit satirisch auf den abgrundtiefen Dilettantismus vieler Wanderbühnen seiner Zeit - schließlich litten ja auch seine Werke darunter -, andererseits verleiht er der Begeisterung dieser Möchtegern-Schauspieler für und die Hingabe an ihren zweiten Beruf Ausdruck. Auch - in seinen Augen - typische Eigenschaften von Schauspielern wie die Eitelkeit kommen zur Sprache: Zettel möchte jede Rolle spielen, befürchtet er doch stets, die anderen Rollen könnten wirkungsvoller als seine sein. Selbstdarstellung und - überschätzung, Größenwahn und Eitelkeit, aber auch Begeisterungsfähigkeit und Spieleifer verdichten sich in diesem kleinen Kosmos zu einem eigenen Drama, das auch der Tragik nicht entbehrt. Die Aufführung am Hofe langweilt das blasierte Publikum - herrlich Hermia und Helena als aufgeblondete und hochtoupierte Edelschicksen! - so sehr, dass fast alle vorzeitig und grußlos die Aufführung verlassen. Enttäuscht und gedemügt trotten die Schauspieler von der Bühne, nur um diese für die Darsteller ihrer selbst zur Entgegennahme des realen Applauses freizumachen.

Bühnenbildner Etienne Pluss - auch für die Kostüme zuständig - hat mit sparsamsten Mitteln einen effizienten Spielraum geschaffen. Senkrechte Wände, verstellbar und sich überlappend, stellen mal den Palast und mal den Wald dar. Lediglich die Beleuchtung und Requisiten wie umherliegende und -fliegende Blätter markieren den Unterschied. Auseinandergezogen wirken diese Wände plötzlich wie Bäume im nächtlichen, von Nebelschleiern durchsetzten Wald. In diesem Wald springt der schwarz gekleidete Puck mit seiner schiefen Windstoßfrisur wie ein bewegungshungriges Kind umher, allzeit bereit zu jedem Unsinn und Schabernack. Ihm zur Seite schleicht und huscht die Elfe Erbsblüte zwischen den Bäumen umher und beobachtet sowohl menschliches wie auch elfisches Treiben mit großäugiger Neugier. Die Kostüme sind nach einem Schwarzweiß-Muster eingeteilt: die jungen Leute und Theseus tragen helle, fast weiße Sommeranzüge und -kleider, Titania und Hippolyta als Gegenpole ebenso wie Puck treten in Schwarz auf. Nur Hermias kleingeistiger Vater Egeus (Hubert Schlemmer) trägt einen Anzug im spießigen Ockerton und "outet" sich damit als Sonderling.

Iris Melamed (Hippolyta/Titania), Hans Matthias Fuchs (Zettel)Iris Melamed (Hippolyta/Titania), Hans Matthias Fuchs (Zettel)

Es wäre verwunderlich gewesen, hätte das Ensemble in dieser doppelbödigen Inszenierung nicht mit viel Spielfreude agiert. Und so war es denn auch. Peter Haile ließ den Darstellern einigen Raum für Improvisationen, und die deftigen Szenen besonders zwischen Titania und Zettel gingen nach humorvoller Charakterisierung eines Ensemblemitgliedes bisweilen an die "Schamgrenze". Natürlich bot gerade die Handwerkerhandlung viel Gelegenheiten für Slapstick und grobe Späße, die ja auch schon im Stück unübersehbar angelegt sind. Es scheint Schauspielern besonderen Spaß zu bereiten, auch einmal richtig miserabel spielen zu dürfen, und das auch noch nach Vorgabe von Stück und Regie. Nichts ist schöner als tumbe, affektierte und hilflos-gekünstelte Auftritte, und an ihnen haben Darsteller und Publikum immer wieder besonderen Spaß. Doch auch die Haupthandlung bietet einige Möglichkeiten zur Entfaltung schauspielerischer Fähigkeiten. Matthias Kleinert spielt - wie schon gesagt - einen sarkastisch geschäftsmäßigen Staatsmanager und kann mit wenigen Bermerkungen oder Handbewegungen ganze Diskussionen beenden. In seiner zweiten Haut, der des Oberon, setzt er diese Rolle in der gar nicht so anders strukturierten Elfenwelt fort. Iris Melamed ist ihm als mal zickige, mal liebesentbrannte Titania eine gleichwertige Partnerin und verwickelt ihn in schönste Streitgespräche, wie nur Frauen sie beherrschen. Leander Lichti und Tom Wild beharken sich gegenseitig als die Rivalen Lysander und Demetrius und beweisen dabei sehr viel Temperament und Witz. Julia Glasewald spielt eine verstörte und verliebte Hermia, um die sich alles zu drehen scheint, und Britta Hübel gibt eine verbitterte und zutiefst unglückliche Helena, die fast bis zum Schluss nicht an das offensichtliche Liebesglück glauben mag. In der Schlussszene staksen beide in weißen Stiefeln und hochgestecktem Blondhaar nach Art der alten Griechinnen (nur waren diese nicht blond!) zur Aufführung der Handwerker und zeigen sich als blasierte Damen der Gesellschaft. Bei den Handwerkern überzeugt vor allem Hans Matthias Fuchs als umtriebiger und eitler Zettel sowie als Esel, der gar nicht weiß, mit wem er eine so hitzige Liebesnacht verbracht hat. Die anderen (Gerd K. Wölfle, Tilman Meyn, Klaus Ziemann und Jo Kärn) spielen entweder Chargenrollen wie Mond, Wand und Thisbe oder den Regisseur dieses kleinen Ensembles. Angenehm fiel auf, dass sie nicht der Versuchung erlagen, die Slapsticks ihrer Rollen auszuwalzen. Ein Lacher pro Szene reicht aus! Bleibt noch Puck, die eigentlich zentrale Figur dieses Stücks, zu erwähnen. Christina Kühnreich, sonst eher für Rollen kontrollierter oder dominanter Frauentypen zuständig, spielt ihn mit viel Temperament und den typisch sprunghaften Bewegungen eines solch impulsiven Wesens zwischen den Welten. Bei ihr stimmen Sprache und Bewegung in jeder Szene überein, und man versteht im Laufe des Stücks, dass und warum Oberon geradezu abhängig ist von diesem kleinen Wirbelwind, der wahrlich alle verhexen kann.

Das Premierenpublikum war begeistert und spendete allen Beteilgten lang anhaltenden und mehr als freundlichen Beifall.


Frank Raudszus

Alle Fotos © Barbara Aumüller

Gästebuch