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Der Traum als
Ort des Gefühlschaos' |
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William
Shakespeares "Sommernachtstraum" im Kleinen Haus des Staatstheaters
Darmstadt |
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Gegen Ende einer Theatersaison,
die in Darmstadt Geschichten um Traum und Tod auf die Bühne
brachte, kommt auch Shakespeare zu seinem Auftritt, natürlich mit
dem "klassischen" Traumspiel. Was dieses Stück wie die meisten
Werke des englischen Dramatikers auszeichnet, ist die griffige, ja
bisweilen geradezu volksnahe Geschichte, die gerade deswegen - wie die
Märchen - über die Jahrhunderte mythische Gestalt angenommen
hat. Shakespeares Dramen kann man als brutale Räuberpistolen -
siehe "Macbeth" - oder als Bildungsstücke inszenieren, ohne dass
sie dabei an Athentizität verlieren. Die unverstellte Darstellung
menschlicher Schwächen lässt sie alle Interpretationen
souverän überstehen. In Darmstadt hat man sich nach der
fragwürdigen Inszenierung vor etwa zehn Jahren - Oberon und
Titania traten als Punks und die Handwerker als
Müllmänner auf - auf eine gewisse "Werktreue" besonnen
und bewusst auf zeitgeistige Effekte verzichtet. Diese Reduzierung auf
das Stück und seine Sprache bekommen der Inszenierung
ausgesprochen gut.
Hermia liebt Lysander, soll
jedoch Demetrius heiraten, den wiederum Helena liebt. Als Hermia Tod
oder Kloster drohen, flieht sie mit Lysander in den nahe gelegenen
Wald. Dort trifft sich auch eine Truppe von Handwerkern, die zur
Hochzeit des Athener Herzogs Theseus - gewagter Anachronismus
Shakespeares' - das Theaterstück von Pyramus und Thisbe aufführen
und hier einüben wollen. Im Wald jedoch regiert der
Elfenkönig Oberon, der mal wieder mit seiner Frau Titania in
Streit liegt und die Widerspenstige zwecks Zähmung durch seinen
dienstbaren Geist Puck verzaubern lässt: sie soll sich in das
erste Lebewesen, das sie nach dem Erwachen erblickt, unsterblich
verlieben. Als der von der ihn liebenden Helena verfolgte Demetrius diese beschimpft und verjagt,
lässt der um die Seele Helenas bangende Oberon auch gleich
Demetrius mit dem selben Zaubertropfen behandeln, auf dass er Helena
wieder liebe. Das Ganze könnte so schön klappen, wenn Puck
nicht versehentlich zuerst Lysander mit glühender Liebe zu Helena
infizieren würde: nach dem Erwachen umlagern sie beide die
erstaunte und ob des "bösen Scherzes" erboste Helena und lassen
Hermia links liegen. Derweil setzt Puck dem Handwerker Zettel einen
Eselskopf auf und Titania verliebt sich nach dem Erwachen prompt in
diesen. Im Wald ist die erotische Hölle los, und Oberon verfolgt
vor allem die blinde Leidenschaft seiner Frau zu einem Esel mit wahrer
Wonne. Doch die jungen Leute
müssen zwecks demographischer Korrektheit wieder auf den rechten
Weg gebracht werden, und so entzaubert Puck wieder Lysander, nicht aber
Demetrius. Dieser liebt jetzt auf immer und ewig Helena, und jetzt
können auch Hermias Vater Egeus und Herzog Theseus nichts mehr
gegen die jeweiligen Wunschpaarungen haben. Im Walde jedoch erkennt
Titania nach der Entzauberung ihren fatalen Irrtum und wirft sich
Oberon in tiefer Scham an den Hals. Am Ende steht eine
Dreifach-Hochzeit am Athener Hof, bei der die Handwerker eine gar
kümmerliche Aufführung vor einem blasierten Publikum
abliefern. Die weisen Abschiedsworte spricht Puck aus der
Requisitenkiste der schauspielernden Handwerker.
Man fragt sich natürlich bei der
Aufführung jedesmal von Neuem, was "uns der Dichter sagen will".
Diese Interpretation färbt sich je nach Inszenierung
unterschiedlich ein, so dass oft die Botschaft des Regisseurs die des
Autors überlagert. Ob dies legitim ist, ist eines der Kernprobleme
des "Regietheaters", fordert doch eine nicht zu kleine Gruppe - bis hin
zum Bundespräsidenten!! - mehr Werktreue. Doch was heißt
"Werktreue"? Hat irgend jemand aus dem Kreise ihrer Anhänger mit
dem Autor, hier: Shakespeare, persönlich gesprochen, oder werden
frühere Inszenierungen, vielleicht noch aus der eigenen
Jugendzeit, naiv als Maßstab herangezogen? Nebenbei angemerkt: zu
Shakespeares Zeiten hat man ohne Bühnenbild und "Kostüme" auf
blanken Brettern gespielt. Die sogenannten historischen Kostüme
sind also mehr oder minder die der damaligen Schauspieler. Der Wortlaut
des Textes gibt auch keinen letztgültigen Aufschluss über
Ausdruck und eventuelle Zwischentöne und Hintergedanken des
Textes. Daher ist man bei jeder Inszenierung eines Stückes quasi
auf die Interpretation des Ensembles - oder des Regisseurs als des
Vertreters des Ensembles - angewiesen. Man wird mit dieser leben
müssen, und glücklicherweise gibt es soviele Intepretationen
wie Regisseure und Schauspieler. In Darmstadt setzt Regisseur
Peter Haile ganz auf das erotische Chaos bei der Partnersuche und -
findung junger Leute, das schon seit Beginn der menschlichen Geschichte
geherrscht haben dürfte. Heinrich Heine hat diese Situation in
seinem Gedicht "Ein Junge liebt ein Mädchen..." treffend in
wenigen Zeilen beschrieben, Shakespeare es in mehreren Komödien
nach allen Regeln der Kunst variiert. Haile lässt die beiden Paare
als zeitlose Protagonisten der Beziehungsprobleme auftreten, die sich
ihre Kränkungen und Gekränktheiten mitleidlos gegenseitig an
den Hals werfen. Demetrius verhält sich seiner ehemailgen
Verlobten Helena gegenüber wie der mieseste Macho, diese
läuft ihm unter Aufgabe jeglicher eigener Würde
buchstäblich in den Wald nach. Lysander und Demetrius verhaken
sich im Kampf um Helena - früher war es Hermia! - wie zwei
brünftige Hirsche ineinander und würden sich wohl gegenseitig
umbringen, leitete sie Puck nicht im nächtlichen Wald permanent in
die Irre. Trotz der shakespeareschen Sprache wirken die Szenen dieser
vier jungen Leute oftmals außerordentlich aktuell und verweisen
damit deutlich auf die zeitlose Gültigkeit dieser Situation.
Herzog Theseus kommt als nüchterner Politikmanager daher, der
eines gewissen sarkastischen Humors nicht entbehrt und um die
Schwächen der Menschen weiß, doch dem die Staatsraison
wichtiger erscheint als die ephemeren erotischen Verwicklungen junger
Leute. Sein Pendant Oberon in der virtuellen Elfenwelt ist ihm in
dieser Weltsicht sehr ähnlich, und konsequenterweise lässt
Haile die beiden auch vom selben Darsteller spielen. Dieselbe Symmetrie
gilt für Theseus' zukünftige Gattin Hippolyta - eine
gefangende Amazonin-Fürstin - und Oberons Angetraute Titania. Die
Inszenierung lebt generell von dem hohen Tempo und der straffen Regie,
die keine Längen duldet und das Geschehen jederzeit sehr schnell
auf den Punkt bringt.
Die Handwerkerhandlung wird leider oft
unterschätzt. Mit diesen Schauspieldilettanten setzt Shakespeare
dem Mimenstand ein letztlich liebevolles Denkmal mit zwei Seiten:
einmal verweist er damit satirisch auf den abgrundtiefen Dilettantismus
vieler Wanderbühnen seiner Zeit - schließlich litten ja auch
seine Werke darunter -, andererseits verleiht er der Begeisterung dieser Möchtegern-Schauspieler für und die Hingabe an ihren zweiten
Beruf Ausdruck. Auch - in seinen Augen - typische Eigenschaften von
Schauspielern wie die Eitelkeit kommen zur Sprache: Zettel möchte
jede Rolle spielen, befürchtet er doch stets, die anderen Rollen
könnten wirkungsvoller als seine sein. Selbstdarstellung und -
überschätzung, Größenwahn und Eitelkeit, aber auch
Begeisterungsfähigkeit und Spieleifer verdichten sich in diesem
kleinen Kosmos zu einem eigenen Drama, das auch der Tragik nicht
entbehrt. Die Aufführung am Hofe langweilt das blasierte Publikum
- herrlich Hermia und Helena als aufgeblondete und hochtoupierte
Edelschicksen! - so sehr, dass fast alle vorzeitig und grußlos
die Aufführung verlassen. Enttäuscht und gedemügt
trotten die Schauspieler von der Bühne, nur um diese für die
Darsteller ihrer selbst zur Entgegennahme des realen Applauses
freizumachen. Bühnenbildner Etienne Pluss
- auch für die Kostüme zuständig - hat mit sparsamsten
Mitteln einen effizienten Spielraum geschaffen. Senkrechte Wände,
verstellbar und sich überlappend, stellen mal den Palast und mal
den Wald dar. Lediglich die Beleuchtung und Requisiten wie
umherliegende und -fliegende Blätter markieren den Unterschied.
Auseinandergezogen wirken diese Wände plötzlich wie
Bäume im nächtlichen, von Nebelschleiern durchsetzten Wald.
In diesem Wald springt der schwarz gekleidete Puck mit seiner schiefen
Windstoßfrisur wie ein bewegungshungriges Kind umher, allzeit
bereit zu jedem Unsinn und Schabernack. Ihm zur Seite schleicht und
huscht die Elfe Erbsblüte zwischen den Bäumen umher und
beobachtet sowohl menschliches wie auch elfisches Treiben mit
großäugiger Neugier. Die Kostüme sind nach einem
Schwarzweiß-Muster eingeteilt: die jungen Leute und Theseus
tragen helle, fast weiße Sommeranzüge und -kleider, Titania
und Hippolyta als Gegenpole ebenso wie Puck treten in Schwarz auf. Nur
Hermias kleingeistiger Vater Egeus (Hubert Schlemmer) trägt einen
Anzug im spießigen Ockerton und "outet" sich damit als Sonderling.
Es wäre verwunderlich gewesen, hätte
das Ensemble in dieser doppelbödigen Inszenierung nicht mit viel
Spielfreude agiert. Und so war es denn auch. Peter Haile ließ den
Darstellern einigen Raum für Improvisationen, und die deftigen
Szenen besonders zwischen Titania und Zettel gingen nach humorvoller
Charakterisierung eines Ensemblemitgliedes bisweilen an die
"Schamgrenze". Natürlich bot gerade die Handwerkerhandlung viel
Gelegenheiten für Slapstick und grobe Späße, die ja
auch schon im Stück unübersehbar angelegt sind. Es scheint
Schauspielern besonderen Spaß zu bereiten, auch einmal richtig
miserabel spielen zu dürfen, und das auch noch nach Vorgabe von
Stück und Regie. Nichts ist schöner als tumbe, affektierte
und hilflos-gekünstelte Auftritte, und an ihnen haben Darsteller
und Publikum immer wieder besonderen Spaß. Doch auch die
Haupthandlung bietet einige Möglichkeiten zur Entfaltung
schauspielerischer Fähigkeiten. Matthias Kleinert spielt - wie
schon gesagt - einen sarkastisch geschäftsmäßigen
Staatsmanager und kann mit wenigen Bermerkungen oder Handbewegungen
ganze Diskussionen beenden. In seiner zweiten Haut, der des Oberon,
setzt er diese Rolle in der gar nicht so anders strukturierten
Elfenwelt fort. Iris Melamed ist ihm als mal zickige, mal
liebesentbrannte Titania eine gleichwertige Partnerin und verwickelt
ihn in schönste Streitgespräche, wie
nur Frauen sie beherrschen. Leander Lichti und Tom Wild beharken sich
gegenseitig als die Rivalen Lysander und Demetrius und beweisen dabei
sehr viel Temperament und Witz. Julia Glasewald spielt eine
verstörte und verliebte Hermia, um die sich alles zu drehen
scheint, und Britta Hübel gibt eine verbitterte und zutiefst
unglückliche Helena, die fast bis zum Schluss nicht an das
offensichtliche Liebesglück glauben mag. In der Schlussszene
staksen beide
in weißen Stiefeln und hochgestecktem Blondhaar nach Art der
alten Griechinnen (nur waren diese nicht blond!) zur Aufführung
der Handwerker und zeigen sich als blasierte Damen der Gesellschaft.
Bei den Handwerkern überzeugt vor allem Hans Matthias Fuchs als
umtriebiger und eitler Zettel sowie als Esel, der gar nicht weiß,
mit wem er eine so hitzige Liebesnacht verbracht hat. Die anderen (Gerd
K. Wölfle, Tilman Meyn, Klaus Ziemann und Jo Kärn) spielen
entweder Chargenrollen wie Mond, Wand und Thisbe oder den Regisseur
dieses kleinen Ensembles. Angenehm fiel auf, dass sie nicht der
Versuchung erlagen, die Slapsticks ihrer Rollen auszuwalzen. Ein Lacher
pro Szene reicht aus! Bleibt noch Puck, die eigentlich zentrale Figur
dieses Stücks, zu erwähnen. Christina Kühnreich, sonst
eher für Rollen kontrollierter oder dominanter Frauentypen
zuständig, spielt ihn mit viel Temperament und den typisch
sprunghaften Bewegungen eines solch impulsiven Wesens zwischen den
Welten. Bei ihr stimmen Sprache und Bewegung in jeder Szene
überein, und man versteht im Laufe des Stücks, dass und warum
Oberon geradezu abhängig ist von diesem kleinen Wirbelwind, der
wahrlich alle verhexen kann. Das Premierenpublikum war
begeistert und spendete allen Beteilgten lang anhaltenden und mehr als
freundlichen Beifall.
Alle Fotos © Barbara Aumüller |
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