In Memoriam George Orwell

Ray Bradburys "Fahrenheit 451"  bei den "Hessischen Theatertagen" in Darmstadt

 

Bei einer Temperatur von 451o Fahrenheit (232,78o C) brennt Papier. Diesen "Brennpunkt" machte Ray Bradbury zum Motto seines 1953 erschienen Romans gleichen Namens. Ray Bradbury muss vorher Orwells "1984" gelesen haben, denn zu sehr ähneln Thema und Handlung dem großen Vorbild. Deswegen von Plagiat zu reden, wäre jedoch unangemessen, geht es Bradbury doch um eine spezielle Variante eines zukünftigen Überwachungsstaates, die auf die geistigen und kulturellen Folgen der neuen, schönen(?) (Medien-)Welt abzielt.

Nadja Dankers und Martin ButzkeNadja Dankers (Mildred) und Martin Butzke (Guy)

In Bradburys fiktiver Welt sind Bücher verboten, da man festgestellt hat, dass Lesen zu sehr zum Denken und damit zur Opposition verleitet. Die Feuerwehr hat nicht mehr die hehre Aufgabe, Brände zu löschen, sondern zu legen, nämlich an Bücher und die sie beherbergenden Häuser. Guy Montag ist solch ein Feuerwehrmann, der sich jeden Tag durch gruppendynamische Übungen zusammen mit seinen Kollegen für den Einsatz an der Bücherfront motivieren muss. Eines Tages trifft er auf eine junge Lehrerin, die das Lesen nicht lassen konnte und daher von den Behörden verfolgt wird. Die beiden freunden sich an - anfangs gegen den Willen des skeptischen Guy - und die junge Frau gibt ihm ein Buch. Guy beginnt widerwillig darin zu lesen, lässt sich jedoch mehr und mehr in den Bann des Buches ziehen. In der Inszenierung von Florian Fiedler dient der Roman selbst als Gegenstand der Leselust des Protagonisten, d. h. der Text kommt in einer Art Selbstreferenz zum Vortrag.

Guys Ehefrau Mildred ist ein Geschöpf des Medienzeitalters. Sie liegt entweder auf dem Bett und lässt sich per Kopfhörer akustisch berieseln oder folgt im Fernsehen den verschiedenen Sitcoms oder Gymnastik-Stunden. Für Guy hat sie kaum einen Blick geschweige denn Zeit, und auf seine Frage nach dem Beginn ihrer Beziehung weiß sie keine Antwort, da das doch solange her sei. Als Guy sie eines Abends bewusstlos auf dem Bett vorfindet, vermutet er einen Selbstmordversuch und wählt die Nummer des Notrufs. Diese Situation gibt der Regie eine Steilvorlage für eine satirische Persiflage der heutigen Telefonsysteme. Guy läuft entweder bei automatischen Ansage- und Weiterschaltungssystemen, bei pseudofreundlichen Telefonistinnen ("Mein Name ist ....Was kann ich für Sie tun?") oder unverständlichen indischen Callcenter-Mitarbeitern auf, so dass seine Frau fast stirbt, bevor er den Notfall melden kann.

Der Überwachungsapparat hat Guy mittlerweile als Bücherverdächtigen unter Beobachtung genommen - Videobilder zeigen ihn sozusagen aus einer zweiten Perspektive - und sein Chef wartet nur noch auf den richtigen Moment zum Zuschlagen. Den Besuch eines befreundeten Paares kann Guy nur noch mit Mühe ertragen, und als er vor den Freunden ein Buch auf den Tisch wirft, reagieren diese mit Abscheu und Entsetzen, als sei es eine tote Ratte. Vorher haben sie sich bereits ausgiebig mit Mildred über Belanglosigkeiten totgelacht, ein Hinweis darauf, dass die Bevölkerung durch die in Fernsehen und Internet angebotenen Glückspillen zu einer so sinn- wie hirnlosen Heiterkeit konditioniert wird. Am Ende denunziert Mildred ihren eigenen Mann, weil seine Zweifel am gesellschaftlichen Zustand ihre heile Medienwelt gefährden. Das System lässt ihn sozial sterben, indem es über das Fernsehen seinen selbstverschuldeten Tod anlässlich einer Bücherrazzia meldet. Man bringt die Menschen nicht mehr physisch um, sondern eliminiert sie einfach aus dem medialen Leben, was gemäß der Medienlogik identisch ist. Guy flieht zu der jungen Frau in die Wälder, wo sich bereits viele Bücherfreunde versteckt halten. Der letzte Hoffnungsfunke dieses düsteren Romans besteht darin, dass in den Wäldern ein Protestpotential wächst…..

Anna Müller und Aljoscha StadelmannAnne Müller (Clarissa) und Aljoscha Stadelmann (Hauptmann Beatty)

Die Inszenierung des Schauspiels Frankfurt setzt stark auf Bilder und entwickelt die Handlung als eine lose Folge ineinander verschränkter Szenen. Die Reduzierung des Ensembles auf fünf Darsteller erfordert dabei etliche Doppelrollen, die lediglich aus dem Kontext heraus verständlich werden, da man auf die plakative Fiktion fester Rollen durch Umkostümierungen weitgehend verzichtet. Lediglich Mildred wechselt ihre Kleider permanent, das jedoch nur als Folge der medialen Berieselung und der damit geweckten Mode- und Schönheitsideale. Das Bühnenbild beschränkt sich auf die notwendigsten Requisiten – Guys eheliches Schlafzimmer besteht lediglich aus einer Matratze – und lebt ansonsten von der offenen Bühne. Dafür ist die Dominanz der Medien unübersehbar. Mehrere Fernsehgeräte verbreiten ununterbrochen ihre „Gute Laune“- und „Wohlfühl“-Programme; diese und andere Szenenbilder werden zusätzlich als lebensgroße Videos auf Wände und Vorhänge projiziert, um die Allgegenwärtigkeit der medialen Überwachung zu zeigen. Der Zuschauef kann sogar – ein origineller Regie-Einfall -  optisch mit dem Fernsehmoderator interagieren. Fiedler hat den Text des Romans geschickt an die heutige Zeit adaptiert, indem er Internet-Adressen und  moderne Werbe-Slogans in den Vordergrund rückt. Die ursprüngliche, hypothetische Zukunftssicht des Autors gewinnt angesichts der heutigen Realität in Fernsehen und Internet  eine geradezu bedrohliche Intensität und Aktualität. Zwar ist das Lesen bei uns (noch) nicht verboten, doch ein Großteil des Medienpublikums hat sich diese „Unart“ in einer Art voreilenden Gehorsams bereits selbst abgewöhnt.

Die Darsteller des „Schauspiels Frankfurt“ bringen die Personen des Stücks mit viel Engagement und wacher Intelligenz auf die Bühne. Martin Butzke spielt einen verstörten Guy Montag, der sich zusehends vom Saulus zum Paulus wandelt, Nadja Dankers gibt seine Frau Mildred als gepflegte Konsumsüchtige, Anne Müller die quirlige, idealistische Leseratte Clarissa und Aljoscha Stadelmann schließlich muss neben dem linientreuen Feuerwehrhauptmann Beatty noch als lachlustiger Freund und in weiteren Rollen auftreten. Ähnlich Heiner Stadelmann, der in erster Linie Clarissas Großvater spielt. An den Roman als Vorlage erinnern immer wieder kurze Lesephasen, in denen einzelne Darsteller kurze Passagen aus eben diesem Buch vortragen, jedoch jedes Mal nachvollziehbar eingebettet in den szenischen Ablauf. Diese Inszenierung bietet sich geradezu als Eröffnungsveranstaltung für die Frankfurter Buchmesse und ähnliche Veranstaltungen an!


Frank Raudszus

Alle Fotos Copyright Klaus Baqué

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