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In Memoriam
George Orwell |
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Ray Bradburys "Fahrenheit 451" bei den "Hessischen Theatertagen" in Darmstadt |
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Bei einer Temperatur von 451o Fahrenheit (232,78o C) brennt Papier. Diesen "Brennpunkt" machte Ray Bradbury zum Motto seines 1953 erschienen Romans gleichen Namens. Ray Bradbury muss vorher Orwells "1984" gelesen haben, denn zu sehr ähneln Thema und Handlung dem großen Vorbild. Deswegen von Plagiat zu reden, wäre jedoch unangemessen, geht es Bradbury doch um eine spezielle Variante eines zukünftigen Überwachungsstaates, die auf die geistigen und kulturellen Folgen der neuen, schönen(?) (Medien-)Welt abzielt.
In Bradburys fiktiver Welt sind Bücher
verboten, da man festgestellt hat, dass Lesen zu sehr zum Denken und
damit zur Opposition verleitet. Die Feuerwehr hat nicht mehr die hehre
Aufgabe, Brände zu löschen, sondern zu legen, nämlich an
Bücher und die sie beherbergenden Häuser. Guy Montag ist
solch ein Feuerwehrmann, der sich jeden Tag durch gruppendynamische
Übungen zusammen mit seinen Kollegen für den Einsatz an der
Bücherfront motivieren muss. Eines Tages trifft er auf eine junge
Lehrerin, die das Lesen nicht lassen konnte und daher von den
Behörden verfolgt wird. Die beiden freunden sich an - anfangs
gegen den Willen des skeptischen Guy - und die junge Frau gibt ihm ein
Buch. Guy beginnt widerwillig darin zu lesen, lässt sich jedoch
mehr und mehr in den Bann des Buches ziehen. In der Inszenierung von
Florian Fiedler dient der Roman selbst als Gegenstand der Leselust des
Protagonisten, d. h. der Text kommt in einer Art Selbstreferenz zum
Vortrag. Der
Überwachungsapparat hat Guy mittlerweile als
Bücherverdächtigen unter Beobachtung genommen - Videobilder
zeigen ihn sozusagen aus einer zweiten Perspektive - und sein Chef
wartet nur noch auf den richtigen Moment zum Zuschlagen. Den Besuch
eines befreundeten Paares kann Guy nur noch mit Mühe ertragen, und
als er vor den Freunden ein Buch auf den Tisch wirft, reagieren diese
mit Abscheu und Entsetzen, als sei es eine tote Ratte. Vorher haben sie
sich bereits ausgiebig mit Mildred über Belanglosigkeiten
totgelacht, ein Hinweis darauf, dass die Bevölkerung durch die in
Fernsehen und Internet angebotenen Glückspillen zu einer so sinn-
wie hirnlosen Heiterkeit konditioniert
wird. Am Ende denunziert Mildred ihren eigenen Mann, weil seine Zweifel
am gesellschaftlichen Zustand ihre heile Medienwelt gefährden. Das
System lässt ihn sozial sterben, indem es über das Fernsehen
seinen selbstverschuldeten Tod anlässlich einer Bücherrazzia
meldet. Man bringt die Menschen nicht mehr physisch um, sondern
eliminiert sie einfach aus dem medialen Leben, was gemäß der
Medienlogik identisch ist. Guy flieht zu der jungen Frau in die
Wälder, wo sich bereits viele Bücherfreunde versteckt halten.
Der letzte Hoffnungsfunke dieses düsteren Romans besteht darin,
dass in den Wäldern ein Protestpotential wächst…..
Die
Inszenierung des Schauspiels Frankfurt setzt stark auf Bilder und
entwickelt die Handlung als eine lose Folge ineinander
verschränkter Szenen. Die Reduzierung des Ensembles auf fünf
Darsteller erfordert dabei etliche Doppelrollen, die lediglich aus dem
Kontext heraus verständlich werden, da man auf die plakative
Fiktion fester Rollen durch Umkostümierungen weitgehend
verzichtet. Lediglich Mildred wechselt ihre Kleider permanent, das
jedoch nur als Folge der medialen Berieselung und der damit geweckten
Mode- und Schönheitsideale. Das Bühnenbild beschränkt
sich auf die notwendigsten Requisiten – Guys eheliches Schlafzimmer
besteht lediglich aus einer Matratze – und lebt ansonsten von der
offenen Bühne. Dafür ist die Dominanz der Medien
unübersehbar. Mehrere Fernsehgeräte verbreiten ununterbrochen
ihre „Gute Laune“- und „Wohlfühl“-Programme; diese und andere
Szenenbilder werden zusätzlich als lebensgroße Videos auf
Wände und Vorhänge projiziert, um die Allgegenwärtigkeit
der medialen Überwachung zu zeigen. Der Zuschauef
kann sogar – ein origineller Regie-Einfall - optisch
mit dem Fernsehmoderator interagieren. Fiedler hat den Text des Romans
geschickt an die heutige Zeit adaptiert, indem er Internet-Adressen und
moderne Werbe-Slogans in den
Vordergrund rückt. Die ursprüngliche, hypothetische
Zukunftssicht des Autors gewinnt angesichts der heutigen Realität
in Fernsehen und Internet eine geradezu
bedrohliche Intensität und Aktualität. Zwar ist das Lesen bei
uns (noch) nicht verboten, doch ein Großteil des Medienpublikums
hat sich diese „Unart“ in einer Art voreilenden Gehorsams bereits
selbst abgewöhnt.
Alle Fotos Copyright Klaus Baqué |
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