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Ödön von Horváths "Glaube Liebe Hoffnung" bei den Hessischen Theatertagen in Darmstadt |
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Die
wirtschaftlichen Verhältnisse während und nach der
Weltwirtschaftskrise waren alles andere als rosig. Die
Arbeitslosigkeit grassierte in Europa und bereitete in
Deutschland dem Nationalsozialismus den Weg. Auch in den anderen
Ländern wirkte sie sich nachhaltig auf die sozialen
Verhältnisse aus. Der ungarische Schriftsteller Ödön
von Horváth, aufgrund seiner unehelichen Geburt familiär ein wenig entwurzelt,
entwickelte schon früh ein besonderes Gespür für die
soziale Not und die (groß-)bürgerliche Heuchelei seiner Zeit
und ließ seine Erfahrungen in seine Theaterstücke
einfließen. In dem 1932 entstandenen Theaterstück "Glaube
Liebe Hoffnung" stellt er den Untergang einer jungen Frau dar, die dem
Leben mit viel Optimismus und Durchhaltewillen gegenübertritt.
Elisabeth
hat ihre Stelle verloren und benötigt für ihren neuen Beruf
als Korsettvertreterin 150 Mark Startkapital für einen
Wandergewerbeschein. In ihrer Not bietet sie dem Leichenschauhaus
vergeblich ihren Körper im Vorgriff auf einen eventuellen Tod an,
doch der Präparator leiht ihr das Geld im Glauben, sie habe einen
gutgestellten Vater. Elisabeth zahlt mit dem Geld jedeoch eine alte
Schuld ab und kann dann aufgrund einer Erkrankung das Geld nicht
zurückzahlen. Der Präparator verklagt sie wegen Betrugs und
Elisabeth muss für zwei Wochen ins Gefängnis. Doch das wirft
sie nicht um, glaubt sie doch daran, dass es im Leben auch einmal
gerecht zugehen müsse, vor allem, wenn man selbst nur wolle. Sie
lernt den jungen Polizisten Alfons kennen und lieben und wird von ihm
finanziell unterstützt. Einer Heirat steht eigentlich nichts mehr
im Wege, da denunziert der Polizeikommissar Elisabeth bei ihrem
Geliebten, der daraufhin mit einer Vorbestraften nichts mehr zu tun
haben will. Die verzweifelte und mittellose Elisabeth geht ins Wasser,
wird zwar von einem jungen Mann gerettet und wiederbelebt, stirbt dann
aber an Herzversagen. Um diese im Grunde genommen schlichte und fast melodramatische Geschichte hat Horváth ein groteskes aber durchaus nicht heiteres Personenkarussel aufgebaut. Elisabeths geschäftstüchtige Chefin bringt ihr weniger Mitleid als Vorwürfe über zu geringe Verkäufe entgegen. Die Gattin des Amgerichtsrats will zwar in dem Wäscheladen das kärgliche Gehalt ihres Mannes aufbessern, aber ja nicht den EIndruck erwecken, sie habe es nötig. Ihr Mann schreitet gravitätisch mit der Zigarre im Mund daher und denkt keinen Moment über seine im Gerichtssaal gefällten Urteile nach. Ein heruntergekommener Baron kraucht mit tiefgeränderten Augen und am Stock gehend über die Bühne und grantelt unverständliches Zeug über das Leben - ein wandelndes Symbol der Dekadenz. Der Oberinspektor zeigt sich von seiner aalglatten Obrigkeitsseite und genießt in stillem Sadismus seine Macht über Elisabeth. Die drei Präparatoren, säuberlich eingereiht in die Präparatoren-Hierarchie, wetteifern um Karrierechancen und buckeln nach allen Kräften, und der Lebensretter denkt nur an seinen möglichen Ruhm und eine Belohnung. Alfons schließlich duckt sich unter dem dunklen Hinweis des Oberinspektors auf einen möglichen Karriereknick, verlässt Elisabeth stehenden Fußes und will auch später die fast Ertrunkene nicht mehr kennen. In diesem traurigen Panoptikum von Mitmenschen kann Elisabeth gar nicht überleben, und so scheint sie eher bewusst auf ein Weiterleben zu verzichten als ein einem Herzschlag zu sterben. War sie am Anfang des Stückes noch voller "Glauben" und in der Mitte voller "Liebe", so kommt ihr am Ende die "Hoffnung" angesichts ihrer Umwelt abhanden.
Die
Schauspieltruppe des Gießener Stadttheaters hat aus diesem
Stück unter der Regie von Titus Georgi eine nahezu puristisch
anmutende Groteske gemacht. Das Bühnenbild besteht aus einem nach
vorne offenen, bühnenhohen Halbrund, das den Eindruck weißen
Betons verbreitet. Den Boden bedecken zwei in Kreuzform angeordnete
eiserne Bahnen, die Flurplatten im Maschinenraum eines Schiffes
ähneln. Diese Umgebung verbreitet genau die Kälte, die auch
die Personen des Stückes verströmen. Diese sammeln sich zu
Beginn zu einem gestellten Bild an der Rückwand der Bühne und
treten einzeln oder in kleinen Gruppen zu der jeweiligen Szene in den
Vordergrund. Georgi verzichtet bewusst auf jeglichen Naturalismus und
stilisiert das Stück stattdessen wie ein Brechtsches
Lehrstück. Für die Thesen dieses Lehrstücks sind
nacheinander die einzelnen Figuren zuständig, die ihre
egoistisch-pragmatische, opportunistische, gewinnsüchtige oder
sadistische Lebenseinstellung in fast statuarische Sätze
gießen. Die Szenen entsprechen dem abstrahierten Bühnenbild:
auch sie sind nicht im eigentlichen Sinne naturalistisch und die
Personen reden nicht, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Sie alle
haben ihre natürlich-menschliche Art verloren und bewegen sich nur
noch im Kontext ihrer standardisierten Vorurteile. Sie stellen durch
die Bank Archetypen statt lebendige Menschen dar, man könnte sie
auch Marionetten ihrer selbst nennen. Elisabeth versucht, in dieser
Welt so etwas wie Gerechtigkeit oder menschliche Nähe zu finden,
doch Glauben und Liebe reichen nicht, um die Hoffnung am Leben zu
erhalten. Nicole
Lohfink steht als Elisabeth im wahrsten Sinne des Wortes Mittelpunkt
der Inszenierung, besetzt sie doch meist den zentralen Punkt der
Bühne. Von dort beherrscht sie die Bühne und das Geschehen
mit ihrer Interpretation einer tapferen, ein wenig naiven und
einfältigen Elisabeth, die einfach an den Erfolg im Leben glauben
will. Dank ihrer eher distanziert-zeichenhaften, der Inszenierung
entsprechenden Spielweise besteht in keinem Augenblick die Gefahr einer
falschen Sentimentalität, in die dieses Stück leicht
verfallen könnte. Isaak Denter als Alfons und Christian Fries als
Präparator folgen dieser Spielart mit einer ebenfalls szenischen
Interpretation ihrer Rollen, die den fast anekdotischen Charakter der
einzelnen Szenen betont und auf jeglichen emotionalen Überbau
verzichtet. Georgi misstraut offensichtlich der großen Emotion,
kann sie doch die Gemeinheiten der Menschen letztlich nicht angemessen
darstellen und endet meist im bloßen Mitleiden mit dem Opfer,
ohne die Strukturen dahinter aufzudecken. Nur eine Spielweise, welche
die moralischen Defekte der Gesellschaft in nüchterner Art
seziert, kann diese Strukturen offenlegen, ohne sie im Sumpf des
bloßen Sentiments zu ersticken. Diese Art der Inszenierung
spricht natürlich eher den Kopf als das Herz an und verzichtet
letztlich darauf, die Zuschauer auch emotional in ihren Bann zu ziehen.
Aber diese Einschränkung hat Georgi wohl bewusst in Kauf genommen,
um dafür den aufklärerischen Gestus des Stückes
herauszuarbeiten.
Alle Fotos Copyright Rolf K. Wegst |
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