Wie findet frau die richtigen Helden?

"Männerbeschaffungsmaßnahmen" - ein Chansonabend des Schauspiels Frankfurt

 

Die Rauchschwaden der fiktiven Bücherverbrennungen von „Fahrenheit 451“ hatten sich in den Kammerspielen des Staatstheaters Darmstadt kaum verzogen, da zog mit dem Gesang eine andere kulturelle Tätigkeit des Menschen in dieselben Räume ein. Fünf Frauen und ein Mann des „Schauspiel Frankfurt“ trafen sich, um singend „Männerbeschaffungsmaßnahmen“ einzuleiten bzw. vorzutragen.

Bert Tischendorf, Pe Werner, Katharina LindnerBert Tischendorf, Pe Werner, Katharina Lindner

Eine etwas hektische junge Frau (Sascha Icks) im geschäftsmäßigen Hosenanzug betritt die Bühne, legt nervös letzte Hand an ihr Makeup und studiert ihren Terminkalender. Den eintreffenden Pianisten (Martin Loeffler, gleichzeitig Arrangeur und musikalischer Leiter) begrüßt sie ungeduldig und etwas unwirsch, da Unpünktlichkeit und andere menschliche Schwächen sie stören. Dann nehmen vier auf der Suche nach Männern befindliche Damen auf den Stühlen des Seminarraums Platz. Angela (Katharina Linder), eine elegante Mittvierzigerin im blauen Kostüm, blickt leicht irritiert auf ihre Leidensgenossinen; Sabine (Pe Werner), ebenfalls nicht mehr ganz jung und arg hausbacken gekleidet, sitzt in verklemmt-schüchterner Haltung auf der Vorderkante ihres Stuhls; die junge Laura (Sandra Bayrhammer) versteckt sich in der zweiten Reihe hinter einer großen Sonnenbrille und macht sich so klein wie möglich; nur Chantal (B. Tischendorf), schlank und hoch gewachsen, mit langer blonder Mähne, einem tiefen Alt und einem ebenso tiefen Decolleté, strotzt geradezu vor laszivem Selbstbewusstsein. Wer das Programmheft nicht gelesen hat, ahnt trotzdem, dass die (?) Darsteller(in) auf den Vornamen Bert hören muss.

Pe Werner, Bert Tischendorf, Sandra Bayrhammer, Dietmar LoefflerPe Werner, Bert Tischendorf, Sandra Bayrhammer, Dietmar Loeffler

Christiane beginnt nun, ihre Kundinnen nach ihren – natürlich schlechten – Erfahrungen mit und Wünschen an Männer(n) zu befragen und fordert sie auf, dies singend zu tun. Nichts ist den Damen lieber als das, und in der nächsten Stunde lassen sie ihre erotischen und emotionalen Qualen in parodistischer, satirischer, frivoler oder halt nur humoristischer Form auf das Publikum niederprasseln, wobei sie auch mit typisch weiblichem „Gezicke“ nicht sparen. Die ganze Palette der „Herz- und Schmerz“-Schlagerliteratur, von Theo Mackeben über Udo Jürgens und Udo Lindenberg bis zu Trude Herr („Ich will keine Schokolade!“) kommt dabei zu Gehör, teilweise mit Originaltexten, teilweise in humoristisch aufgepeppten Versionen. Natürlich darf dabei auch Eros (!) Ramazotti nicht fehlen. Dabei entwickelt jede der Frauen einen bestimmten Typ: Pe Werner zeigt, warum ihre naiv-einfältige Sabine soviel Pech mit ihren stets abgängigen Männern hat. Ihre Lebensfremdheit geht soweit, dass sie die junge Laura ernsthaft auf einen Riss(!) in ihren Jeans aufmerksam macht. Diese Laura wiederum explodiert fast vor Frust und unausgelebter Erotik und bringt das in ihren Songs auch deutlich zum Ausdruck, wobei sie fast die halbe Bühne abräumt und den Pianisten erotisch bedroht. Sandra Bayrhammer zeigt in dieser Rolle ein unglaubliches Temperament und ein beeindruckendes Stimmvolumen. Katharina Linder bewahrt lange Zeit die kontrollierte Facon der Scheidungsanwältin Angela, flippt dann jedoch beim erotischen „Coming out“ von Chantal wie die anderen aus und tobt mit ihnen tanzend  über die Bühne. Eben diese Chantal, abgebrüht und lasziv zu Beginn, entblättert sich irgendwann bis auf die Unterhose (und Netzstrümpfe), um damit die den Zuschauern längst bewusste Tatsache auch den (entzückten) Damen des Männerbeschaffungsseminars zu offenbaren.

Der ganze Abend lebt vor allem von den frech-frivolen Slapstick-Einlagen der sechs Akteure sowie von den munteren Liedtexten, die immer wieder das erotische Verwirrspiel der Geschlechter – hier vor allem aus der Perspektive der Frauen - aufs Korn nehmen. Da weint Pe Werner „Niagara-Tränen“, Sandra Bayrhammer kontrastiert Bettgeflüster mit Homebanking und alle zusammen präsentieren den „Versandhausmann“ mit Garantie und Rückgaberecht. Zum Schluss präsentiert die Gruppe noch ein höchst kompliziertes akrobatisches Bild aus menschlichen Körpern, das natürlich gründlich schief geht, wobei die Mitglieder trotz fürchterlichster Verrenkungen tapfer weitersingen.

Das Publikum amüsierte sich an diesem Abend wahrhaft köstlich und kam über lange Strecken aus dem Lachen nicht heraus. Nur die wenigen ernsthaft-besinnlichen Lieder („Einsamkeit“, „Hemmungen“) sorgten dabei für die nötigen Ruhepausen vor der nächsten Komikattacke. Am Ende war das zahlreiche Publikum so begeistert, dass die Gruppe unter einem halben Dutzend temperamentvoller Zugaben nicht wegkam. Schade nur, dass man von diesem Programm, das in Frankfurt bereits ein Jahr lief, vorher nichts gehört hat……


Frank Raudszus

Alle Fotos Copyright  Alexander Paul Englert

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