Szenenstakkato über das Platzen einer Lebenslüge

Henrik Ibsens Schauspiel "Nora oder Ein Puppenheim" im Staatstheater Darmstadt

 

Der Norweger Henrik Ibsen hat sich in den meisten seiner Bühnenwerke kritisch mit den gesellschaftlichen Zustände seiner Zeit auseinandergesetzt, in einer Kompromisslosigkeit, die angesichts der restaurativ-bürgerlich geprägten Epoche ihresgleichen suchte. Dabei gimg es ihm weniger um die politischen und allgemein gesellschaftlichen Zustände, sondern eher um das - meist scheiternde - Zusammenleben in der gerade von seiner Zielgruppe hochstilisierten Familie. Regisseur Hermann Schein hat nun Ibsens Ehetragödie "Nora oder Ein Puppenheim" im Staatstheater Darmstadt neu inszeniert. Die Dichte und Dramatik dieses Stücks beruhen unter anderem auf der weitgehenden Einhaltung der bekannten aristotelischen Regeln "Ein Ort - eine Handlung - eine Zeit". Das Schicksal der Beteiligten erfüllt sich binnen weniger Tage im Hause der Bankdirektors Helmer, wobei die Lebensläufe der knapp gehaltenen Personengruppe eng miteinander verflochten sind. Die Nebenhandlungen hat Ibsen auf das dramaturgisch Notwendigste reduziert.

Andreas Manz (Advokat Helmer), Karin Klein (Nora)Andreas Manz (Advokat Helmer), Karin Klein (Nora)

Im Hause Helmer bereitet man sich mit Weihnachtsliedern auf das Fest vor, das wegen Thorvalds Ernennung zum Bankdirektor besonders fröhlich zu werden verspricht, muss Nora doch endlich nicht mehr sparen. Neckisch-patriarchalisch und doch ernsthaft ermahnend zieht Helmer seine Frau wegen ihrer leichten Geldhand auf. In diese Idylle schleichen sich nacheinander drei Figuren wie Parzen ein: Dr. Rank, ein Freund des Hauses, besucht - fast grußlos - den Hausherrn, Christine, eine ehemalige Freundin Noras, früh verwitwet und arbeitslos, bittet Nora um ein gutes Wort bei ihrem als Arbeitgeber in Frage kommenden Mann, und Krogstad, ein Anwalt, ersucht mit gebeugten Schultern um ein Gespräch mit diesem. Nora gesteht Christine, dass sie für die Finanzierung der Südlandreise zur Rettung ihres schwerkranken Gatten vor Jahren ein Darlehen aufgenommen hat, wobei sie ihren ehrbedachten Mann in dem Glauben gelassen hat, ihr Vater habe die Reise bezahlt. Thorvald zeigt sich den Ansinnen Noras erstaunlich offen, hat er doch gerade die Entlassung Krogstads beschlossen, der nach einer Urkundenfälschung in der Bank gesellschaftlich endlich wieder etwas Tritt gefasst hatte. Allein die Tatsache einer solchen Fälschung disqualifiziert Krogstadt in den Augen des geradezu manisch korrekten Helmers auf ewig für jegliche Zusammenarbeit. Dies macht er Nora mit Nachdruck und vielen  Worten deutlich. Doch auch Krogstad erscheint wieder bei Nora, die Entlassung vor Augen. Von ihm hat Nora das Geld damals geliehen und bereits zum größten Teil zurückgezahlt. Doch Krogstad sagt ihr auf den Kopf zu, sie habe die Bürgschaft anstelle ihres Vaters eigenhändig mit dessen Namenszug unterzeichnet. Nora gibt dies zu, hält es jedoch für unwesentlich, da sie es erstens für einen guten Zweck getan habe - das Leben ihres Mannes - und zweitens niemand geschädigt worden sei, da ihr Vater inzwischen lange tot und das Darlehen fast vollständig getilgt sei. Doch Krogstad in seiner Not droht mit der Enthüllung, falls er seine Stelle wirklich verliert.

Harald Schneider (Doktor Rank), Andreas Manz (Advokat Helmer), Karin Klein (Nora)Harald Schneider (Doktor Rank), Andreas Manz (Advokat Helmer), Karin Klein (Nora)

Wie zu erwarten, gelingt es Nora nicht, ihren Mann umzustimmen, und aus seiner heftigen und kompromisslosen Reaktion erahnt sie die Folgen einer Aufdeckung ihrer damaligen Eigenmächtigkeit. Verzweifelt bittet sie Christine um Hilfe, die Krogstadt aus alten Zeiten kennt; doch als auch diese kurzfristig nichts erreicht und der Brief deutlich vernehmbar im Briefkasten landet, läuft die Zeit gegen Nora. Mit den Vorbereitungen für ein großes Maskenfest kann sie ihren Mann noch eine Zeitlang von der Lektüre des Briefes abhalten, doch ihre Planung für den Tag nach dem Fest steht fest. Da sie annimmt, dass Thorvald die Schuld seiner Frau aus Liebe zu ihr auf sich nehmen und damit seine Karriere ruinieren wird, beschließt sie, nach dem Ball aus dem Leben zu scheiden. Inzwischen hat Christine ihrem ehemaligen Verehrer Krogstadt klargemacht, dass sie damals den wohlhabenden Mann ihm nur vorgezogen habe, um Mutter und minderjährige Brüder zu ernähren, und nun für ihn frei sei.

Nach dem Ball liest Helmer tatsächlich Krogstads Brief und erleidet einen Tobsuchtsanfall, bei dem er Nora nicht einmal nach den Gründen der Fäschung fragt sondern lautstark seine gekränkte berufliche Ehre und vernichtete Karriere beklagt. Sein Ego steht über allem, vor allem über seiner angeblich tiefen Liebe zu ihr, die sich als eitles Besitzdenken herausstellt. Als er den zweiten, alle Drohungen zurücknehmenden Brief Krogstadts liest, ändert sich seine Stimmung zwar schlagartig, aber Nora gilt fortan dennoch nichts mehr in seinem Hause. Nora muss schlagartig erkennen, dass Helmer sie immer nur wie eine schöne Puppe betrachtet hat, die man vorzeigt und von der man Kinder hat, die aber in keinem Augenblick so etwas wie ein gleichwertiger und als Mensch geschätzter Partner ist. Sie nimmt Abstand von ihrer Freitod-Absicht und verlässt Helmer noch am selben Abend, indem sie - zum ersten Mal in ihrem Leben - allein hinaus in die Winternacht und damit in ein selbstverantwortliches Leben geht.

Neben diesen vier eng miteinander verwobenen Personen spielt Dr. Rank - dessen Name sich nicht zufällig auf "krank" reimt - die Rolle eines unheilvollen Symbols. In einem ruhigen Moment gesteht er Nora nicht nur seine so hoffnungslose wie tiefe Liebe, sondern auch, dass er aufgrund einer schweren Krankheit nur noch wenige Wochen zu leben hat. Nora muss nun außer mit ihren konkreten existenziellen Problemen auch noch mit dem neu erworbenen Wissen um den überall lauernden, unvermuteten Tod kämpfen. Beides zusammen bringt sie fast um den Verstand und lässt auch sie an den eigenen Tod denken. Erst die große Enttäuschung, dass "das Wunderbare", nämlich die großherzige Übernahme aller Schuld durch ihren Gatten aus Liebe, nie stattfinden wird, lässt sie plötzlich glasklar denken und eine mutige Entscheidung treffen.

Karin Klein (Nora), Uwe Zerwer (Rechtsanwalt Krogstadt)Karin Klein (Nora), Uwe Zerwer (Rechtsanwalt Krogstadt)

Für Ibsen konzentriert sich das gesamte Geschehen in der Person der Titelheldin. Die anderen Personen - abgesehen von ihrem Mann Thorvald - dienen mehr oder minder nur dramaturgischen Zwecken. Krogstad personifiziert das Damoklesschwert des unerwarteten Unglücks, das über jeder gutbürgerliche  Familie schwebt, Christine spielt die Rolle eines Katalysators, indem sie durch ihre Entscheidung, den ersten Brief nicht zurückzufordern, da sich das Ehepaar Helmer endlich aussprechen müsse, die finale Katastrophe erst herbeiführt. Doch sie hat noch eine zweite, ambivalente Rolle: man weiß bei ihr nie, ob sie berechnend intrigant oder nur gutherzig agiert. Ahnt sie die Folgen von Noras Entlarvung und gönnt der im Leben erfolgreicheren Nora den Schicksalsschlag? Liebt sie Krogstad wirklich und möchte mit ihm eine ehrliche Partnerschaft leben oder will sie ihn nur bewegen, den Brief zurückzunehmen? Christines Rolle in diesem Drama bleibt die eines Chamäleons, über deren wahre Beweggründe man durchaus spekulieren darf. Dennoch agiert sie nur am Rande des Geschehens, genau wie Dr. Rank, der den Schatten des Todes über das gesamte Geschehen wirft. Krogstad ist der einzig "Authentische", der Verlierer, der mit dem Rücken zur Wand steht und sich für seine Niederlagen an den Erfolgreichen rächen will. Seine Bekehrung könnte fast kitschige Züge annehmen, diente sie nicht hauptsächlich dem dramaturgischen Zweck, den wahren Charakters Thorvald Helmers zu entlarven.

Ibsen wirft ein grelles Licht auf das Geschlechterverhältnis und speziell die Ehevorstellungen seiner Zeit. Der Patriarch betrachtet seine Ehefrau als einen persönlichen Besitz, wie ein edles Pferd oder eine luxuriöse Kutsche, nur dass dieser Besitz dem Eigentümer noch andere, einseitige Freuden beschert. In allgemeinen Lebensdingen und Geschäften haben diese hübschen Wesen jedoch weiter keine Bedeutung und vor allem kein Mitspracherecht. Ibsen stellt mit dem für das Jahr 1878 fast revolutionären Schluss dieses Schauspiels die provokante Frage, ob dieses Eheverständnis die Grundlage einer gesunden Gesellschaft sein kann. Seine Protagonistin beantwortet diese Frage eindeutig, indem sie aus dieser Ehe ausbricht. Helmer ist eher erstaunt als entsetzt: er kann diese Reaktion nur als Krankheit werten, und eine fiktive Fortsetzung der Handlung würde Nora wohl auch in eine Nervenheilanstalt führen.

Karin Klein (Nora), Gabriele Drechsel (Frau Linde)Karin Klein (Nora), Gabriele Drechsel (Frau Linde)

Stefan Heyne hat für diese Inszenierung ein bedrückendes Bühnenbild geschaffen. Bis hoch in den Bühenraum türmen sich überdimensionierte Holzkonstruktionen alter Herrenhäuser über den Figuren auf der Bühne und scheinen sie förmlich zu erdrücken. Die den Raum umschließenden Holztäfelungen wirken wie ein - wenn auch edles - Gefängnis, in dem der Wärter Helmer seine Frau Nora gefangen hält. In diesen Holzwandungen führen angedeutete Treppen ins Nirgendwo, frei nach M. C. Escher, dessen Treppen den Benutzer in einem surrealistischen Kreis gefangen halten. Dieses Bühnenbild ändert sich auch bis zum Schluss nicht; die Figuren bleiben - getreu der aristotelischen Regel des einen Ortes - bis zum bitteren Ende in dieser (Bühnen-)Welt gefangen. Die Kostüme der Personen verweisen dagegen auf die aktuelle Zeit, jedoch in einer beiläufigen Weise, als wolle der Regisseur sagen, dass die Zeit der Handlung eigentlich keine Rolle spiele und diese sich daher zu jeder Zeit in dieser oder ähnlicher Weise wiederholen könne.

Dem Ensemble gelingt es in hervorragender Weise, dieser düsteren Tragödie sowohl Aktualität zu verleihen als auch jeglichen eventuellen mythischen Charakter - etwa Schwermut oder Jenseitigkeit - zu nehmen. Hier agieren normale Menschen mit naivem Glauben an die Menschen, verschrobenen Ehrbegriffen und dem verzweifelten Griff nach den letzten Strohhalmen im Leben. Jede Figur ist in sich konsequent und realistisch gezeichnet, die Ziele und Absichten werden auf den Punkt gebracht. Die Schauspieler füllen diese Rollen allerdings auch mit viel Gespür für den Kern der jeweiligen Rolle aus. Als erste ist dabei Karin Klein in der Rolle der Nora hervorzuheben. Sie schafft es ohne Mühe und in beeindruckender Weise, sowohl die verspielte Nora der anfangs noch heilen Welt mit Einkaufsrausch und wohligem Versinken im patriarchalischen Necken des Ehemanns wie auch die erst am Glück Zweifelnde, dann Verzweifelnde darzustellen. Mit dem stetigen Verlust an Naivität und Optimismus reift ihre Nora innerhalb kurzer Zeit zu einer Frau heran, die den wahren Lauf der Welt erkennt. Karin Klein lässt dabei das anfangs jugendlich frische Gesicht im Laufe des Abends unter verlaufender Schminke buchstäblich zu einer verzweifelten Grimasse auseinander fallen. Erst ganz am Ende, wenn sie durch die Zuschauer hindurch in die belebte Welt hinaussteigt, gewinnt ihre Nora wieder so etwas wie Zutrauen in sich und eine nackte Welt. Karin Klein baut die Spannung um die Figur der Nora nicht nur kontinuierlich auf sondern hält sie dann auch bis zum Schluss. Ein Höhepunkt ist neben dem finalen Ausbruch der verzweifelt-verrückte Tarantellatanz, mit dem Nora ihren Mann vom Lesen des Briefes abhalten will. Alle Stadien von Noras emotionaler Berg- und Talfahrt durchlebt Karin Klein quasi ein zweites Mal und entwickelt dabei eine Intensität, der sich das Publikum nicht entziehen kann. Andreas Manz spielt dazu einen eher schwachen, ja eitlen Gatten. Mancher hätte hier vielleicht lieber einen verknöcherten Prinzipienreiter gesehen, der den Archetypus des arrivierten Bürgers des 19. Jahrhundert gegeben hätte, doch die leicht lebemännische Art von Andreas Manz bildet einen spannenden Kontrast zwischen seinem schwachen Charakter und seinen vorgeblich hehren Prinzipien. Uwe Zerwer gibt einen gebrochenen, phasenweise fast schon kriecherischen Krogstad, der mit dem Rücken zur Wand plötzlich die fragwürdigen Qualitäten eines angeschossenen Tigers entwickelt. Gabriele Drechsel schließlich hat in diesem Stück die undankbarste Rolle, da ihre Christine nie wirklich bestimmend in das Geschehen eingreift sondern nur am Rande agiert. Sie entledigt sich dieser Aufgabe jedoch mit gewohnter Souveränität. Harald Schneider als liebes- und krebskranker Dr. Rank dagegen hat durchaus einen dankbaren Part, weil er einen makabren, fast schon satirischen Humor einbringen kann, der sich dem Tod mit innerem Gelächter stellt.

Die Straffung des Textes - einige Nebenrollen entfallen ganz - und der Verzicht auf eine Pause tun der Inszenierung ausgesprochen gut, wird doch so der Spannungsbogen nie unterbrochen und gewinnt das Stück an Dichte und Intensität. Die Premierenbesucher jedenfalls waren mehr als angetan und bedachten Ensemble und Regie mit lang anhaltendem Beifall und nicht wenigen "Bravos", vor allem für Karin Klein.


Frank Raudszus

Alle Fotos © Barbara Aumüller

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